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Eigentlich wissen alle Bescheid: Mit seiner entfesselten Inwertsetzung sorgt der Kapitalismus zwar für nie dagewesene Warenfülle und Produktivität, aber eben auch für immer rasantere Zerstörung. Die ungleiche Entwicklung begünstigt den Ausbruch von Kriegen, eine vielfältige Natur wird zu toten Rohstoffen, Leben zur nutzenorientierten Abfolge von Konsum- und Arbeitshandlungen. Zudem ist der Kapitalismus auch in seinem Innersten reichlich irrational: Im gleichen Maße, wie der gesellschaftliche Reichtum zunimmt, wird dieser künstlich verknappt.

Dass dieses totalitäre und eigentlich auch ziemlich idiotische System so wenig in Frage gestellt wird, hat v.a. zwei Gründe. Zum Einen ist da die Angst, dass es noch schlimmer werden könnte. Immerhin präsentiert sich das Leben in den Industriestaaten verglichen mit dem Dasein in den Randzonen des Weltkapitalismus weiterhin sehr erträglich (wobei die beunruhigende Frage lautet, wie lange das noch der Fall sein wird). Zum Anderen ist unklar, wie die wünschenswerte Alternative durchgesetzt werden könnte. Im Unterschied zum Staatssozialismus gibt es im Kapitalismus ja kein Zentralkomitee, dessen Sturz Veränderung nach sich zieht. Der Kapitalismus beruht auf Abstraktion: Zwar profitieren auch hier konkrete Menschen, doch noch mehr als diese herrschen Märkte und Dispositive, Akkumulationsgesetz und Zwangsvorstellungen. Der Sturz einer Regierung oder die Verhaftung von Großindustriellen und Bankern wären in der Sache nicht falsch, aber würde noch keinen Systemwechsel nach sich ziehen.

Politische Utopien im 21. Jahrhundert müssen also diese beiden Leerstellen schließen: Sie müssen konkreter vorstellbar machen, wie jenseits von Kapitalverwertung und Konsum gelebt und produziert werden könnte. Und wenn man dieser Frage nachgeht, merkt man schnell, dass sich hier eine Vielzahl von Problemen auftun: Wie will eine Gesellschaft entscheiden, was gebraucht und zur Verfügung gestellt wird, wenn solche Entscheidungen (anders als im Realsozialismus) nicht an eine kleine politische Elite delegiert werden sollen? Wollen wir wirklich alle ökonomischen Entscheidungen, die heute auf dem Markt durch Konkurrenz „ermittelt“ werden, gemeinsam fällen (wie es das Modell einer Rätedemokratie nahelegt) oder geht es nur darum, Rahmenbedingungen festzusetzen (wie es die Ideen von Marktregulation und Marktsozialismus vorschlagen)? Was ist, wenn viele ein Gut haben wollen, dafür aber einige wenige hohe Kosten tragen müssen (weil bei ihnen die Rohstoffe dafür lagern)? Wer entscheidet dann? Und wie gehen demokratische Kollektive mit materiellen Grenzen um? Man kann ja nur den Reichtum verteilen, den man gemeinsam hergestellt hat. Was aber ist, wenn der Überfluss weniger wird – aus ökologischen Gründen oder weil freie Menschen weniger arbeiten? Das Gute am Kommunismus wäre, dass derartige Probleme überhaupt als politische erschienen; die Crux allerdings auch, dass sich damit die Zahl der zu fällenden Entscheidungen exponentiell vergrößern würde – und das im Weltmaßstab. Jeder, der einmal eine Vollversammlung besucht hat, weiß, wie schön es ist, wenn einmal über weniger gesprochen wird.

Gleichzeitig, und das ist das andere Grundproblem politischer Utopie, dürfen wir diese Fragen gar abschließend beantworten. Ein emanzipatorischer Gegenentwurf ist schließlich kein der Gesellschaft überzustülpendes Modell. Kommunismus, so das Bonmot von Marx, ist die wirkliche Bewegung, die aus bestehenden Voraussetzungen hervorgeht; die Inhalte werden von denen gestaltet, die aufbegehren. Was bei dem häufig zitierten Satz allerdings fast immer unter den Tisch fällt, ist seine politische Implikation. Ja, es gibt eine Vielzahl von Bewegungen, Arbeitsformen, praktischen Ansätzen usw., die über den Kapitalismus hinausweisen und einen konkret-utopischen Aspekt besitzen: Menschen widersetzen sich Tauschverhältnissen und organisieren sich solidarisch; in Commons-Projekten wird jeden Tag die Effizienz dezentraler und gleichberechtigter Kooperation unter Beweis gestellt; viele Genossenschaften halten selbst unter Weltmarktbedingungen an erstaunlich hohen sozialen Standards fest. Der Witz ist nur: Aus diesen Einzelprojekten entwickelt sich noch kein Übergang. Der Kapitalismus liebt seine Nischen, weil sie Spannungen abfedern und Entwicklungsimpulse liefern. Was wir eigentlich brauchen, ist also eine Strategie, mit deren Hilfe sich die einzelnen Praktiken zu einer wirkmächtigen Bewegung verbinden könnten.

Die Frage, wie eine derartige Strategien aussehen müsste, lässt sich im Umrissen durchaus beantworten: Es geht darum, Tauschverhältnisse und Inwertsetzung gezielt zurückzudrängen, durch Solidarität und radikaldemokratische Organisationsformen zu ersetzen und den verbindenden politischen Charakter dieser Einzelpraktiken sichtbar zu machen. Manche Linke haben schon vor einem Jahrhundert einen derartigen Ansatz verteidigt: Luxemburg sprach von „revolutionärer Realpolitik“, Gramsci von Kämpfen um Hegemonie. Anders als der klassische Reformismus, der meinte, dass Veränderungen harmonisch mit den Herrschenden gestaltet werden können, ist dieser Ansatz ohne radikale Brüche nicht denkbar. Gleichzeitig aber ist er transformatorischer und prozesshafter als die üblichen Revolutionsvorstellungen, bei denen Herrschaft einfach „abgeschafft“ und neue Beziehungen „eingeführt“ werden.

Meine These wäre also: Wir tappen gar nicht so im Dunkeln. Die grundlegenden Probleme sind bekannt, und auch was die Lösungsansätze angeht, gibt es einen vagen Konsens: mehr Solidarität, Demokratie, soziale Gleichheit, Schutz der Natur, internationale Kooperation, mehr politische Entscheidungen ... – alles Vorschläge, die vor 200 Jahren noch als linksradikal gegolten hätten und nur deshalb heute so schal klingen, weil sie im „marktkonformen Realismus“ Rhetorik bleiben müssen. Wirklich offen ist hingegen die Frage nach den konkreten Bruchstellen: Wie kann der Akkumulations- und Wachstumszwang nicht nur beschränkt, sondern außer Kraft gesetzt werden? Wie kann eine demokratische Vergesellschaftung vorangetrieben, die nicht den Staat stärkt, sondern diesen durch neue politische Formen ersetzt?

Die politische Utopie, die wir benötigen, muss groß angelegt und doch konkret sein, jenseits des heute Vorstellbaren und doch „das Mittlere“.

Raul  Zelik

 

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