Bogotá. Es regnet. Die Tropfen ziehen Schlieren an den Taxi-Scheiben, kalte Luft strömt durch die Ritzen herein. Seit nun einem Jahr herrscht Regenzeit. "La niña", sagen die Leute und meinen das pazifische Klimaphänomen, das Kolumbien in den vergangenen Jahren mehrere Überschwemmungskatastrophen beschert hat. Doch so außerordentlich erscheint mir der Anblick tief hängender Wolken in Bogotá gar nicht. Meine Erinnerungen an die auf 2600 Meter Höhe liegende Stadt sind fast alle von Regen und Kälte geprägt. Die kolumbianische Hauptstadt ist ein unwirtlicher Ort, nicht wirklich eisig, aber immer unterkühlt.

So gesehen passt das Metallgitter, das das Taxi durchtrennt, bestens zum unfreundlichen Ambiente der Stadt. Wie bei einem Bankschalter gibt es in dem Wagen nur eine kleine Durchreiche für das Geld, kaum groß genug für drei Finger. Ob ihn das Gefühl, in einem Gefangenentransporter zu arbeiten, nicht deprimiere, frage ich den Fahrer. "Es gibt immer mehr Überfälle", antwortet er lapidar. "Die wirtschaftliche Situation ist schlecht." Das einzige, was in dieser Situation noch funktioniert, möchte man hinzufügen, ist der Geldkreislauf. Notfalls durch ein Metallgitter mit kleiner Durchreiche.

Klagen über die Wirschaftskrise hört man überall im Land. Kolumbien, das lange als heimliche Wirtschaftswundernation Lateinamerikas galt, erlebt seit 1998 eine schwere Rezession. Verantwortlich dafür ist auch die neoliberale Wirtschaftspolitik der Regierung. Die drastische Kürzung öffentlicher Sozialausgaben hat das Einkommensniveau der Bevölkerungsmehrheit seit 1989 spürbar gesenkt. Dazu kommt der Wegfall der Zollschranken, der die einheimische Agrar- und Industrieproduktion schutzlos der Billigkonkurrenz aus dem Norden ausgesetzt hat. Ganze Branchen sind verschwunden, die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie nie. Selbst der Industriellenverband ANDI hat deshalb im Februar eine Neuorientierung der Wirtschaftspolitik gefordert.

Ich frage den chofer, was er vor dem Taxifahren gemacht hat. In Bogotá erzählt man sich, dass mittlerweile die Hälfte der Fahrzeuge von arbeitslosen Akademikern gelenkt werde. Doch in diesem Fall liege ich mit meiner Vermutung falsch. Er sei Händler gewesen, antwortet der Mann, und erst vor drei Jahren in die Hauptstadt gezogen. Genauer drückt er sich nicht aus, ich hake auch nicht weiter nach. Eine der wichtigsten Regeln in Kolumbien lautet, auf das Misstrauen anderer Rücksicht zu nehmen und selbst keines zu wecken. So bleibt unklar, ob der Mann hinter dem Steuer etwas zu verbergen hat oder einfach nur mundfaul ist.

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Wenn man Kolumbien heute mit wenigen Worten charakterisieren wollte, könnte man es als ein von Angst und Konkurrenz traumatisiertes Land bezeichnen, in dem die Falschinformation System besitzt. Man hat sich an eine Art Ausnahmezustand gewöhnt. So rät mir mein Gastgeber als erstes nach der Begrüßung: "Sieh zu, dass du vor acht daheim bist". In den Großstädten kann man die meisten Viertel ohne Begleitung gar nicht erst betreten, abends existiert so etwas wie eine nicht deklarierte Ausgangssperre. Nach Einbruch der Dunkelheit eilen die Bewohner von Bogotá, Medellín und Cali nach Hause.

Die Besserverdienenden haben sich in diesen Verhältnissen eingerichtet. Sie leben in Vierteln, die von privaten Sicherheitsdiensten bewacht werden und in denen man von der Armut weniger mitbekommt als in Berlin-Neukölln. Wenn sie ihren Wohnbezirk einmal verlassen wollen, steuern sie zielstrebig die nächste Sicherheitsenklave an - zum Beispiel ein ebenfalls von Wachschutz behütetes Einkaufszentrum. Überlandfahrten mit Bus oder eigenem Wagen vermeidet man tunlichst. Schon 20 Kilometer außerhalb der Städte wird die Situation zu riskant. Folgerichtig ist der Luftverkehr explosionsartig gewachsen. Zwischen Medellín und Bogotá verkehrt zu den Stoßzeiten alle 15 Minuten eine Maschine. Dramatisch ist die Situation nur für die, die der Gewalt nicht in die Luft entfliehen können: die 55 Prozent armen Kolumbianer.

Die Angst, die von dem südamerikanischen Land Besitz ergriffen hat, hat dabei nur zum Teil mit dem bewaffneten Konflikt zu tun. Es herrscht zwar in vielen Landesteilen Bürgerkrieg, jeder vierte kolumbianische Bauersfamilie wurde in den letzten Jahren von ihrem Land vertrieben, und die Regierungstruppen haben erst im März die erschreckende Summe von 1,4 Milliarden Dollar Militärhilfe vom US-Kongress bewilligt bekommen, aber in den kolumbianischen Städten ist vom Krieg dennoch nur dann etwas zu bemerken, wenn eine der Guerillaorganisationen Strommasten sprengt oder Geheimpolizisten ein Massaker in den Armenviertel verüben. Ansonsten sind die Ursachen der Angst recht diffus: Straßenkriminalität, Überfälle durch Banden, Entführungen. Die kolumbianische Gesellschaft ähnelt - fernab von den Bürgerkriegsschauplätzen - einem großen Terrordrome, in dem sich der Stärkeren behauptet.

Alfredo López, Leiter des gewerkschaftlichen Bildungsinstituts INS macht die Regierung für diese Entwicklung unmittelbar veranwortlich: "Die Regierung hat mit ihrer Wirtschaftspolitik die sozialen Widersprüche verschärft und damit viele Leute in die Arme der Drogenmafias getrieben. Darüber hinaus hat sie mit dem Vernichtungsfeldzug gegen die soziale Opposition Gewaltanwendung gesellschaftsfähig gemacht. Und schließlich hat sie drittens dafür gesorgt, dass fast alle Menschenrechtsverbrechen ungesühnt bleiben."

López ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Auch Aktivisten der Menschenrechtsorganisationen vertreten die These, dass der von Regierungsstellen gedeckte schmutzige Krieg gegen die Linke die gesellschaftliche Verrohung insgesamt beschleunigt hat. Die paramilitärischen Gruppen, die 1982 von Armee, Viehzüchter- und Industriellenverbänden aufgebaut wurden, haben seitdem jährlich mindestens 3000 linke Aktivisten ermordet. Besonders schwer wiegend war dabei die Beteiligung der Drogenmafia beim Aufbau der Todesschwadrone. Koka-Barone wie der Schwiegersohn von Pablo Escobar, Carlos Rodríguez Gacha, oder der heutige Paramilitärkommandant Carlos Castaño konnten und können als Gegenleistung für ihre Verdienste bei der Oppositionsbekämpfung auf eine weit reichende Straflosigkeit bei ihren Drogengeschäften zählen. Diese unselige Verbindung hat die Sozialstruktur der kolumbianischen Gesellschaft regelrecht umgepflügt. In Städten wie Medellín arbeiten heute Tausende von Berufskillern, die gleichermaßen Aufträge für die Mafias wie für Paramilitärs ausführen und von der Polizei nicht verfolgt werden.

Auf meine Frage, ob denn nicht auch die Guerilla mit ihren Schutzgelderpressungen zur "Kultur der Gewalt" beigetragen habe, antwortet López ungehalten. Sicher seien alle Konfliktparteien für die Eskalation verantwortlich, auch die Guerilla. Aber er persönlich könne die Klagen über die Entführungen durch die Rebellen nicht mehr hören. "Wir hatten 1999 mindestens 200 von Armee und Paramilitärs verübte Massaker an Bauern. Die Leute sind bestialisch hingemetzelt worden. Dazu kamen die selektiven Morde gegen Menschenrechtsaktivisten und Gewerkschafter. Warum tauchen diese Verbrechen in den kolumbianischen Medien nur als Randnotizen auf, während es riesige Kampagnen gegen Entführungen gibt?" López schiebt die Antwort gleich hinterher. "Weil sich die Massaker gegen Kleinbauern richten, die Entführungen jedoch gegen Angehörige der Oberschicht."

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In Barrancabermeja, 350 Kilometer nördlich von Bogotá, kann man die Wut López' besser nachvollziehen. Die Stadt ist Kriegsgebiet. Als die Guerilla im April eine landesweite Offensive ausrief, blockierten Stadtkommandos der ELN nicht nur sämtliche Ausfallstraßen von Barrancabermeja, sondern lieferten sich im Stadtzentrum auch mehrstündige Gefechte mit der Armee. Im Gegenzug verüben Paramilitärs in den als Sympathisanten-Vierteln geltenden Elendsbezirken am Stadtrand immer wieder Massaker.

Die Erdölmetropole am Magdalena-Strom, ist jedoch nicht nur ein Ort des Schreckens, sondern vor allem ein Phänomen: Die Durchschnittstemperatur beträgt 41 Grad, die Luft erinnert an die einer Dampfwäscherei, von den 400.000 Einwohnern sind fast alle Ölarbeiter oder Kriegsflüchtlinge. Entsprechend groß ist die Politisierung der Bevölkerung. Barrancabermeja gilt als letzte große Gewerkschaftsbastion, fast monatlich kommt es zu einem Generalstreik, und das, obwohl die Militärs mit brutaler Gewalt gegen jeden Protest vorgehen. Fast unerklärlich erscheint einem, wie die barranqueños sich unter diesen Bedingungen ihre Lebensfreude bewahren. In der Erdölstadt tanzt man, wann immer sich eine Gelegenheit bietet - sogar bei Beerdigungen. Und die Einheimischen sind gastfreundlich: An wenigen Orten Kolumbiens wird man so oft nach Hause eingeladen wie hier.

Enrique Daza, Arbeiter bei Coca Cola, gehört mit 24 zu den Jüngeren in der Ernährungsgewerkschaft SINALTRAINAL und legt dennoch bereits das typische Verhalten eines kolumbianischen Aktivisten an den Tag. Bei unserem Gespräch blickt er immer wieder unruhig an einem vorbei zu Tür und Fenster. Er erzählt vom "System der Lügen", wie er es nennt, von der Desinformationspolitik in den Medien. "Wenn Linke ermordet werden, heißt es im Fernsehen, dass 'bei Gefechten zwischen Guerilla und Paramilitärs mehrere Personen ums Leben gekommen' seien. Augenzeugen kommen so gut wie nie zu Wort." Er verweist auf das (u. a. von Misereor unterstützte) internationale Meinungstribunal, das im Mai 1999 eine eindeutige Komplizenschaft von Polizei und Armee bei paramilitärischen Massakern in Barrancabermeja feststellte. "Das einzige, was Regierung und Medien zum Schiedsspruch des Tribunals einfiel, war der Kommentar, dass man sich die Einmischung von außen verbitte."

Daza wirkt trotz seiner 24 Jahre erschöpft. Die tägliche Konfrontation mit der Angst zehrt an den Nerven. Ob denn die Friedensgespräche keine Chance darstellen würden, frage ich. Die kommunistischen FARC führen seit Anfang 1999 Gespräche mit der Regierung, die vom Guevarismus und der Befreiungstheologie beeinflusste ELN bereitet die sogenannte Nationalkonvention vor, ein einjähriges Zusammentreffen zwischen Gesellschaft und Guerilla. "Die Oligarchie in diesem Land war noch nie bereit, etwas von ihren Privilegien abzugeben", antwortet Daza. "In den vergangenen 40 Jahren haben sich viele Guerillas demobilisiert. An den sozialen Verhältnissen hat sich nie etwas geändert." Gegen Gespräche ist Daza allerdings auch nicht. Vor allem die von der ELN vorgeschlagene Nationalkonvention begreift er als Chance, den militarisierten Konflikt zu re-politisieren. "Es war der Druck der Gesellschaft, der die Regierung dazu gezwungen hat, der Nationalkonvention zuzustimmen. Insofern sind wir zufrieden. Allerdings", Daza wirft erneut einen gehetzt wirkenden Blick auf die Tür, "befürchten wir auch, dass der schmutzige hier noch schlimmer werden wird." Für die Nationalkonvention wird die Armee in den kommenden Wochen ein Gebiet von 4500 Quadratkilometern der ELN überlassen. Die Zone liegt auf der anderen Seite des Magdalena-Stroms, nur eine Stunde Bootsfahrt von der Erdölstadt entfernt. "Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die Paramilitärs, die das Gebiet verlassen müssen, zu uns kommen werden." Als ich nachfrage, ob das Treffen diesen Preis wert sei, zögert Daza einen Moment. "Wenn die Konvention dazu beiträgt, die Wahrheit ans Licht zu bringen, dann ja. Nichts ist so schrecklich wie das Schweigen über die Massaker. Nicht einmal die Massaker selbst."

Raul Zelik

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien