Die Asymmetrie der Ohnmacht

(Neue Kriege und der Fall Arauca - erschienen Mai 2005 im Freitag)

Seit Herfried Münklers “Die neuen Kriege” ist viel von der Asymmetrie bewaffneter Konflikte die Rede. Partisanen, Warlords und Terroristen – so Münklers bei Carl Schmitt entliehene These – höben die zwischenstaatliche Ordnung von Kriegen auf und sorgten damit für dessen Verrohung. Ethnisch-religiöser Fanatismus und die Wirtschaftsinteressen der Warlords bestimmten zunehmend die Dynamik von Konflikten.

Im nordostkolumbianischen Saravena stellt sich das Problem etwas anders dar. Arauca, die Region um die feucht-heiße Kleinstadt nahe der venezolanischen Grenze gilt als einer der kolumbianischen Kriegsschwerpunkte. In Nachbargemeinde Tame wurden seit 2002 knapp 1000 Menschen von Paramilitärs ermordet – bei gerade einmal 60.000 Einwohnern. Verglichen damit muss man die Lage in Saravena schon fast als friedlich bezeichnen. Zwar patrouillieren ständig Motorradstaffeln der Armee in den Straßen, doch eine unmittelbare Bedrohung ist nicht zu spüren. Beim Stadtrundgang bietet sich – vom bei einem Bombenanschlag zerstörten Gemeindeamt einmal abgesehen – ein idyllisches Bild. Der Springbrunnen auf dem Hauptplatz rauscht beruhigend vor sich hin, und die Uniformierten greifen auch anders als vor eineinhalb Jahren (Freitag 43 / 2003) nicht mehr bei jeder Bewegung von Passanten hektisch nach ihren Gewehren.

Auch auf der 50-minütigen Fahrt ins nahgelegene Reservat der U’wa-Indígenas wird deutlich, dass der kolumbianische Konflikt den Klischees der Kriegsberichterstattung nicht entspricht. Richtung Westen zeichnet sich der 5500 Meter hohe Nevado de Cocuy ab, die Chicharra-Insekten zirpen laut in der Morgenhitze. Der Krieg zeigt sich nur in Details.

“Das stammt von den Pipeline-Sprengungen.” Felipe*, ein U’wa-Indígena, deutet auf einen unbewachsenen Fleck auf einer Viehweide. “Aber seit hier so viel Militärs stationiert sind, gibt es fast keine Anschläge mehr … Da wächst drei Jahre lang nichts mehr.” Der Indigene zuckt mit den Achseln.

Dass in Arauca Krieg geführt wird, erklärt die einheimische Linke in der Regel mit drei Ursachen: Die Bevölkerung der Region sei gut organisiert und habe ein alternatives Sozialversorgungssystem aufgebaut – was die Regierung Uribe als Bedrohung wahrnehme –, die strategisch wichtige Grenze zu Venezuela verlaufe nur wenige Kilometer entfernt, und schließlich, was das Hauptproblem sei, gebe es große Ölvorkommen. Die Guerilla, v.a. die guevaristische ELN, greift seit bald 20 Jahren die Öl-Anlagen an. In manchen Jahren ist die vom Mannesmann-Konzern gebaute Pipeline Caño Limón-Coveñas bis zu 100 Mal gesprengt worden – mit beträchtlichen Folgen für die Umwelt.

Doch Felipe erregt sich nicht weiter über die Teerflecken. Er macht sich Sorgen, weil neue Ölvorkommen erschlossen werden sollen. “Oxy und Repsol wollen bei uns bohren. Dann werden wir sterben. So wie die Guahivos an der Lagune del Lipa.” Tatsächlich ist vom größten indigenen Stamm Araucas 20 Jahre nach Beginn der Ölförderung nicht mehr viel übrig. Die alten Fischfanggebiete sind verseucht oder nicht mehr zugänglich, weil mehrere Hundert Quadratkilometer an Oxy übereignet worden sind und die Armee dafür sorgt, dass kolumbianische Bürger das Gelände des US-Konzerns nicht betreten.

In den Medien wird die Situation der Indígenas häufig als Beleg dafür angeführt, dass der asymmetrische Krieg in Kolumbien zu einer fatalen Symmetrie zurückgekehrt sei. Paramilitärs, Armee und Guerilla nähmen alle gleichermaßen wenig Rücksicht auf die Bevölkerung, heißt es. Richtig daran ist, dass auch die Guerilla schwere Menschenrechtsverletzungen begangen hat. Ausgeblendet bleibt bei dieser Darstellung allerdings, dass der Krieg häufig gar nicht das Hauptproblem darstellt. Für die U’was beispielsweise besteht die Bedrohung weniger in den sporadischen Kampfhandlungen als in der Erschließung ihres Gebiets durch Großunternehmen. Es ist der ganz normale kapitalistische Alltag, der ihre Lebensgrundlagen zerstört.

Während Felipe über das Projekt der spanischen Repsol-Konzerns spricht, wird der Krieg dann doch plötzlich sichtbar. In einem Waldstück springen Bewaffnete aus dem Gebüsch. Der Fahrer ist nach einer Schrecksekunde sichtlich erleichtert, dass es sich nicht um FARC-Guerilleros handelt. Die Rebellen sind gegenüber Ausländern noch misstrauischer als Regierungssoldaten. Nach wenigen Minuten lassen uns die Militärs durch, um uns dann allerdings einige Stunden später auf dem Rückweg lange festzuhalten. Ismael, ein U’wa-Führer, der 2003 die Vergewaltigung und Ermordung einer schwangeren Guahivo-Indígena durch Soldaten öffentlich machte, begleitet uns nach Saravena zurück, und die Soldaten suchen nach einer Möglichkeit, den Indigenen festzunehmen. Das Gefühl des Ausgeliefertseins: Ob die Sicherheitskräfte ihn gehen lassen, auf legaler Grundlage verhaften oder illegal mitnehmen werden, bleibt bis zum Schluss unklar. Erneut merkt man, wie unpassend die Unterscheidungen aus der Neuen-Kriegs-Debatte sind. Reguläre und irreguläre Kriegführung stehen sich in Kolumbien nicht gegenüber, sie bilden ein untrennbares Ganzes. Es ist ganz ähnlich wie vom italienischen Philosophen Giorgio Agamben beschrieben: Hinter jeder staatlichen Handlung lauert der Ausnahmezustand.

Dass man mit den Überlegungen Agambens zur Verflechtung von Rechtsordnung, Gewalt und Unrecht Kriege wie den kolumbianischen weitaus besser versteht als mit Münklers These der Entstaatlichung zeigt sich auch am nächsten Tag. Im “Haus der sozialen Organisationen von Saravena” manifestiert sich der Schrecken des Gesetzes. Die Büros von Gewerkschaften und Bauernverbänden stehen leer. Inhaftiert sind u.a. die Vorsitzenden der Regionalsektion des Gewerkschaftsverbandes CUT, des Menschenrechtskomitees Joel Sierra, der Jugendorganisation ASOJER sowie dessen Nachfolger, mehrere führende Vertreter der Krankenhausgewerkschaft ANTHOC und des Bauernverbandes ADUC. Alirio Martínez, der legendäre Kleinbauernführer Arauca, den ich bei der letzten Reise auf dem Land traf, ist mittlerweile tot. Gemeinsam mit zwei Gewerkschaftern wurde er im August 2004 von einer Armee-Einheit unweit von Saravena standrechtlich erschossen (Freitag 35 / 2004). So schrecklich der Fall ist, er führt doch vor, wie widersprüchlich Ausnahmezustand und Rechtsordnung in Kolumbien miteinander verflochten sind. Kolumbiens Vizepräsident Francisco Santos rechtfertigte die Ermordung der Aktivisten zunächst noch als legitime Guerillabekämpfung. Internationaler Druck sorgte jedoch wenig später für Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Nun sitzen vier Soldaten wegen Mordverdachts im Gefängnis, und gegen den Bataillonskommandanten läuft ein Disziplinarverfahren.

Juan Carlos Torregraza vom Menschenrechtskomitee Joel Sierra ist über diesen Erfolg sichtlich zufrieden. Der aus Barranquilla an der Karibikküste stammende Anwalt hält mit wenigen anderen die Stellung im “Haus der sozialen Organisationen”. Torregraza kam nach Saravena, als die Repressionswelle schon begonnen hatte, und wusste, worauf er sich einlässt. Trotzdem ist ihm die Anspannung anzumerken. Seit 2002 hat der kolumbianische Staat den sozialen Bewegungen Araucas keine Atempause gegönnt. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt verhängte Präsident Uribe in den nicht vom Paramilitarismus kontrollierten Gemeinden des Departments den Ausnahmezustand. Dieser wurde vom Verfassungsgericht zwar für illegal erklärt, doch die Massenverhaftungen haben nicht aufgehört. Mehrere Hundert Aktivisten und Politiker, darunter auch der damalige Gouverneur des Departments, wurden auf der Grundlage von Kronzeugenaussagen festgenommen und nach Bogotá verschleppt. Ende 2003 begann die Polizei in der Region zudem mit den berüchtigten Herbizidbesprühungen, die sich, so Torregraza, keineswegs nur gegen Koka-Felder gerichtet hätten. Zahlreiche Lebensmittelpflanzungen seien zerstört worden – durchaus auch ein Mittel zur Aufstandsbekämpfung. Schließlich folgten das Massaker von Flor Amarillo und die Ermordung von Alirio Martínez und seinen Begleitern. Dass trotzdem immer noch soziale Organisationen bestünden, sei v.a. internationaler Präsenz und den Protesten der Bevölkerung zu verdanken, so Torregraza. Die Leute hätten den Mut gehabt, Menschenrechtsverletzungen anzuzeigen. Auf diese Weise sei es zwei Mal gelungen, Auftragskiller dingfest zu machen, die aus dem von der Armee kontrollierten Sicherheitsring im Zentrum Saravenas heraus Mordanschläge verübten. Auf die etwas erstaunte Nachfrage, ob die Verbindungen zwischen Sicherheitskräften und Todesschwadronen tatsächlich so eindeutig seien, erwidert Torregraza, dass für ihn überhaupt keine Zweifel an der Mitverantwortung der Militärs an den Verbrechen bestünden. “Wir sprechen von vier Strassenzügen, in denen die Sicherheitskräfte jede Bewegung kontrollieren. Wie sollte in so einer Kleinstadt übersehen werden können, wenn Fremde auftauchen und Morde begehen? An Leuten, die der Bataillonskommandant zuvor als Subversive beschimpft und die im lokalen Militärradio als Guerilleros bezeichnet worden sind?”

Der Fall Saravena ist mehr als nur ein Lokal-Skandal in einem abgelegenen südamerikanischen Savannenstädtchen. In das Gespräch platzt die Nachricht, dass der Vorsitzende der Jugendorganisation ASOJER Eduardo Sogamoso verhaftet worden sei. Am Vormittag hatte er noch mit uns diskutiert. Gemeinsam mit einigen anderen Ausländern begleite ich die Bogotaner Menschenrechtlerin Antonia Restrepo*, um beim Bataillonskommandanten Medina für die Freilassung Sogamosos einzutreten. Der Besuch auf der Militärbasis beginnt mit einer handfesten Überraschung: Auf dem Weg zur Kommandantur begegnen uns zwei zivil gekleidete US-Amerikaner, und Bataillons-Chef Medina wird in seinem Büro von einem US-Offizier namens Gonzalez assistiert. Der junge, zweisprachige Latino trägt ein Abzeichen der Airborne-Fallschirmspringer-Einheit und hilft bei der Übersetzung. Zwar ist bekannt, dass die US-Militärpräsenz in Saravena einen ihrer Schwerpunkte in Kolumbien hat – Washington stellte unlängst 100 Millionen US-Dollar zum Schutz der Pipeline zur Verfügung und trainiert mit eigenen Soldaten und privaten “Sicherheits-Dienstleistern” die kolumbianischen Truppen in Arauca. Doch dass sich die US-Amerikaner so offen zeigen, erstaunt denn doch. In Saravena existieren den Menschenrechtsorganisationen zufolge keine eigenständigen paramilitärischen Strukturen. Die Zahl selektiver Morde nahm hier just da zu, als die Stadt militarisiert wurde. Und die Operationen des zuständigen Bataillons werden von US-Personal mit geleitet. Vor diesem Hintergrund ist eindeutig, dass die US-Militärhilfe in Verbindung zum schmutzigen, irregulären Krieg gegen die sozialen Bewegungen steht. Die Kleinstadt Saravena ist so militarisiert und übersichtlich, dass die Aktivitäten der Todesschwadronen nicht ohne Zustimmung der Armee und ihrer Berater vorstellbar sind.

Fragen in diesem Zusammenhang sollte man Bataillonskommandant Medina jedoch besser nicht stellen. Der Coronel behandelt uns höflich, erhebt aber doch schwere Vorwürfe gegen uns. Immer wieder unterstellt er, wir hätten uns mit der Guerilla getroffen. Immerhin seien viele NGOs vom Terrorismus infiltriert. Um uns “die ganze Wahrheit zu zeigen”, führt er auf seinem Laptop Fotos von Anschlägen vor. “Warum berichtet man in Europa nicht über diese Verbrechen?” Dass das durchaus getan wird, will Medina nicht hören. Schließlich formuliert er den wie eine Drohung klingenden Satz: “Die Menschenrechtsorganisationen müssen begreifen, dass ihnen die Menschenrechte nicht allein gehören.”

Nach drei Stunden verlassen wir mit dem ASOJER-Vorsitzenden Eduardo Sogamoso das Bataillon. Er ist tatsächlich, wie vom Kommandanten Medina versprochen, nicht misshandelt worden. Wieder stellt sich das trügerische Bild des Friedens ein: Über der Savanne leuchtet eine orangefarbene Abendsonne, Kröten-Quaken erfüllt den Himmel. Sogamosos Erleichterung hält sich dennoch in Grenzen. Zum zweiten Mal in einer Woche ist der junge Mann verhaftet worden. Solche “Personalienfeststellungen” sind häufig Anzeichen für eine bevorstehende Verhaftung. Oder Schlimmeres.

Das wichtigste Merkmal der Asymmetrie, möchte man auf Herfried Münkler erwidern, ist die Ohnmacht. Auf der einen Seite der eigene verletzliche Körper, auf der anderen eine gewaltige Kriegsmaschine.

* Der Name ist von der Redaktion geändert.

Raul Zelik

 

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Design zersetzer. freie grafik / Berlin

Programmierung, Umsetzung G@HServices Berlin V.V.S.

Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien