Drogen, Söldner und Konzerne

Neoliberale Globalisierung am Beispiel Kolumbiens

(Erstveröffentlichung bei KONKRET, August 2002)

Mit den Chicago Boys wurde die ‚Entstaatlichung’ zum Schlachtruf der kapitalistischen Modernisierer. Seitdem wird privatisiert, was sich privatisieren lässt: Gesundheit, Erziehung, Wasser; aber eben auch Krieg, Unterdrückung, Terror. In Kolumbien zeigt sich besonders deutlich, wie Privatarmeen, internationale ‚Sicherheitsunternehmen’, organisierte Kriminalität und der Staat in den Ländern des Südens miteinander kooperieren, um optimale Verwertungsbedingungen für das Kapital zu schaffen.

Dass Söldnerarmeen in den afrikanischen Diamanten- und Erdölkriegen eine Schlüsselrolle spielen, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Der Berliner Antimilitarismusforscher Ralf Bendrath spricht in diesem Zusammenhang von „neuen Vergesellschaftungsformen jenseits des modernen Staates“. Das Auseinanderfallen von politischen Territorien und wirtschaftlichen Räumen sowie die von IWF- und Weltbank vorangetriebene Schwächung der Trikontstaaten werte die „nichtstaatlichen Akteure auch in der Kriegführung auf“. Als Folge davon entstehen auf dem Tausch ‚Diamanten / Öl gegen Waffen’ basierende Kriegsökonomien, die den ausländischen Konzernen häufig besonders günstige Bedingungen für die Ausbeutung von Rohstoffvorkommen bieten. Das kriegerische Chaos, das Hunderttausenden den Tod beschert, besitzt eine überraschende Rationalität.

Am Fall Kolumbien, wo paramilitärische Verbände seit mittlerweile 20 Jahren einen Vernichtungsfeldzug gegen die soziale und politische Opposition führen, kann man beobachten, dass diese Privatisierung von Krieg und Unterdrückung keineswegs zu einem staatlichen Kontrollverlust führen muss, sondern auch als eine Art geordnetes Outsourcing vor sich gehen kann. Die Gründung der ersten Privattruppen in dem südamerikanischen Land 1982 geht auf das gemeinsame Interesse von Armee, Viehzüchtern, Ölmultis und Drogenhändlern zurück, dem „Fisch“, d. h. einer wachsenden Aufstandsbewegung, „das Wasser“ zu entziehen. Ausgehend von der zentralkolumbianischen Garnisonsstadt Puerto Boyacá begannen die Hintermänner des Paramilitarismus damit, den Krieg (ähnlich wie in Kurdistan oder Guatemala) aus dem Staatsapparat auszulagern und damit die Militärs zu entlasten.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Obwohl staatliche und parastaatliche Gruppen in Kolumbien seitdem weitaus mehr Menschenrechtsverletzungen verübt haben als die chilenische Militärdiktatur unter Pinochet, muss Kolumbien keine Boykottkampagnen fürchten. Die Menschenrechtssituation wird vielmehr als Ausdruck eines „schwachen Staates“ interpretiert, was wiederum 2 Mrd. US-Dollar hohe Militärhilfezahlungen im Rahmen des Plan Colombia legitimiert hat. Und auch innenpolitisch erfüllt der outgesourcte Krieg seine Funktion. Das Auftauchen neuer bewaffneter Akteure und die wachsende Unübersichtlichkeit des Konflikts hat zur fast völligen Entpolitisierung der kolumbianischen Gesellschaft geführt.

Doch der privatisierte Krieg erfüllt nicht nur Funktionen der Aufstandsbekämpfung. Mit der Entstaatlichung einher geht auch, dass die Kriegsführung selbst zunehmend von privatkapitalistischen Interessen bestimmt wird. So treten die kolumbianischen Paramilitärs in den vergangenen Jahren immer schamloser als Säuberungskommandos transnationaler Konzerne und des einheimischen Kapitals auf. Sie garantieren die Investitionssicherheit der Erdöl- und Kohlemultis, beseitigen gewerkschaftlichen Widerstand, sorgen für die reibungslose Abwicklung von Straßenbauprojekten, wie sie im Zusammenhang mit der FTAA-Freihandelszone geplant sind, und verwandeln sich dabei selbst in eine Art Raubbourgeoisie. Die Führung der Todesschwadronen um den Viehzüchter Carlos Castaño soll sich durch die Vertreibung von Kleinbauern mehrere Million Hektar Weideland angeeignet haben – ein Prozess, den der Bauernverband ANUC als „umgekehrte Landreform“ bezeichnet. „Anderswo kommt es zu Vertreibungen, weil Krieg geführt wird. In Kolumbien führt die Oberschicht Krieg, damit es zu Vertreibungen kommt.“

Neben den Bauern – mehr als 2 Millionen Menschen sind in dem Land auf der Flucht – trifft es v. a. Gewerkschafter. Nach Angaben der ILO sterben in keinem anderen Land der Welt so viele Arbeiteraktivisten bei Anschlägen wie in Kolumbien – letztes Jahr waren es über 150 Menschen, und das obwohl der Organisierungsgrad mit unter 5 Prozent der Belegschaften extrem niedrig ist. Besonders stark verwickelt in Menschenrechtsverletzungen sind Coca Cola und British Petroleum. Gegen den Getränkekonzern, der über Anteile am kolumbianischen Lizenznehmer Panamco mehrere Abfüllfabriken in Kolumbien unterhält, hat die US-Gewerkschaft United Steel Workers mittlerweile eine Klage vor dem Distriktgericht von Südflorida eingereicht. 120 Angriffe und Morde hat die Nahrungsmittelgewerkschaft SINALTRAINAL seit 1990 bei Coca Cola erlitten. In der nordkolumbianischen Kleinstadt Carepa wurde die Gewerkschaft im Dezember 1996 im wörtlichen Sinne physisch eliminiert. Todesschwadronen ermordeten den regionalen SINALTRAINAL-Sekretär, ein weiterer Funktionär konnte einer Entführung nur knapp entkommen. Nach dem Anschlag setzten die Paramilitärs das Gewerkschaftsgebäude in Brand und zwangen die Arbeiter der Abfüllanlage, „bis 4 Uhr nachmittags aus der Gewerkschaft auszutreten“.

Das Ergebnis dieser Firmenpolitik ist das, was im Wirtschaftsteil der Tageszeitungen gerne als Deregulierung und Flexibilisierung der Arbeitsmärkte bezeichnet wird. „Anfang der 90er Jahre“, erklärte ein SINALTRAINAL-Funktionär unlängst in einem Interview, „ arbeiteten in den verschiedenen Coca-Cola-Niederlassungen Kolumbiens etwas über 10.000 Arbeiter, sie verfügten alle über unbefristete Verträge und ein durchschnittliches Einkommen von 600-700 US-Dollar. Heute ... haben nur noch etwa 2.500 Arbeiter Verträge von Coca-Cola und nur 500 davon feste Verträge; weitere 7.500 sind über Subunternehmer beschäftigt. Ihr durchschnittliches Monatseinkommen beträgt etwa 150 US-Dollar ... Über 6000 der insgesamt 10.000 Beschäftigten wurden während des vergangenen Jahrzehnts ausgetauscht. Die Zahl unsrer Mitglieder bei Coca-Cola sank von ehemals 2.500 auf nur noch knapp 500.“

Während sich bei Coca Cola eine Art verlängerter Werkschutz etabliert hat, begreift man den Aufgabenbereich ‚Investitionssicherheit’ bei British Petroleum noch etwas umfassender. Für den Ölmulti arbeiten in allen Teilen der Welt moderne Sicherheitsunternehmen, deren Verbindungen tief hineinreichen in den Sumpf der Geheimdienste, Waffen- und Drogenhändlerringe. Im Oktober 1998 berichtete ein gemeinsames Recherche-Team vom britischen Guardian und der kolumbianischen Tageszeitung El Espectador über die Praktiken des von BP angeheuerten Sicherheitsunternehmens Defence Systems Limited (DSL). Dieses in der Thatcher-Ära von ehemaligen SAS-Agenten gegründete und mit besten Beziehungen zur britischen Regierung ausgestattete Unternehmen hatte Anfang der 90er Jahre von dem Ölkonzern den Auftrag erhalten, Sicherheitskonzepte für die ostkolumbianischen Vorkommen bei Cusiana zu erarbeiten. BP, der größte Einzelinvestor in Kolumbien, fürchtete die Anschläge der ELN-Guerilla, die die Ausbeutung der Bodenschätze durch transnationale Unternehmen seit Jahren mit Pipeline-Sprengungen effektiv zu unterbinden versteht, aber auch die Politik der Erdölgewerkschaft USO, die eine Nationalisierung der kolumbianischen Ressourcen zugunsten der kolumbianischen Unterschichten fordert. Vor diesem Hintergrund übernahm der ehemalige britische Geheimdienstoffizier Roger Brown den Schutz der BP-Anlagen. 1996, als das Konsortium OCENSA (an dem BP maßgeblich beteiligt ist) den Bau einer 800 km langen Pipeline zwischen dem Ölfeld in Cusiana und dem Karibikhafen Covenas in Angriff nahm, setzte sich Brown als Vertreter der DSL-Tochter Defence Systems Colombia u. a. mit dem israelischen Sicherheitsunternehmen Silver Shadow zusammen, das für den Pipelinebau ein Papier mit dem Titel „The Turn Key Project“ erstellte. Bestandteil dieses Plans war die „Lieferung von speziellen Anti-Guerilla-Waffen und –Ausrüstung“, darunter Nachtsichtgeräte, Spionage-Dronen und Kommunikationstechnologie. Die Übergabe erfolgte an die damals wegen mehrerer Massaker von der kolumbianischen Justiz untersuchte 14. Armeebrigade mit Sitz in Segovia / Antioquia. Außerdem wurden die Durchführung von Seminaren zu den Themen Verhörtechniken, Informationsbeschaffung und „psychologische Operationen“, Trainingsprogramme für lokale Polizei- und Armeeeinheiten sowie der Aufbau eines „Informantennetzes“ im Umfeld der BP-Anlagen vereinbart. Es ist nicht genau bekannt, in welcher Form die Pläne umgesetzt wurden, doch auffällig ist, dass während des Pipelinebaus allein in der als ‚rote Zone’ geltenden Region um die Kleinstadt Segovia 140 Menschen von Paramilitärs ermordet wurden – darunter alle Mitglieder des örtlichen Menschenrechtskomitees. Auch BP selbst wurde offensichtlich aktiv. Der Vorstand der Ölarbeitergewerkschaft USO warf dem Konzern im Februar 1999 vor, die Aktivitäten der Gewerkschaft in Cusiana bespitzeln zu lassen und Informationen an Armee und Polizei weiterzugeben.

Dass die zum Schutz des Konzerns ergriffenen Maßnahmen häufig illegal waren, interessierte bei BP offensichtlich niemanden. Ende der 90er Jahre ermittelte die kolumbianische Justiz wegen illegaler Zahlungen an Armee- und Polizeieinheiten gegen den Ölkonzern – BP hatte die Sicherheitsorgane faktisch für Dienstleistungen gekauft. Das für den Ölkonzern tätige Unternehmen Silver Shadow wiederum ließ sich u. a. vom Paraguayer Ricardo Zayas Marini vertreten, gegen den in Kolumbien zwar ein Haftbefehl wegen Drogenhandels vorlag, der aber dennoch problemlos an Treffen mit kolumbianischen Regierungsstellen teilnehmen konnte. Und das britische DSC schließlich nahm für seine Operationen ausgerechnet den kolumbianischen Ex-General Herman Guzmán Rodríguez unter Vertrag, den Menschenrechtsorganisationen für 149 politische Morde in den Jahren 1987-90 verantwortlich machen.

Umso genauer man die Aktivitäten des kolumbianischen Paramilitarismus unter die Lupe nimmt, desto mehr obskure Querverbindungen zu Söldnerunternehmen, Waffenhändlerringen und Geheimdiensten fördert man zutage. So erst wieder vor wenigen Wochen. Ende April 2002 wurden Panama und Nicaragua von einem Skandal erschüttert, bei dem es um eine der größten illegalen Waffenlieferungen in der Geschichte geht. Unter Vermittlung des in Guatemala ansässigen Waffenhändlerunternehmens GIR S. A. exportierte die nicaraguanische Polizei offensichtlich im November vergangenen Jahres 5000 Gewehre sowie die dazu gehörigen Bajonettes und Munition Richtung Panama. Im Gegenzug erhielt Nicaragua von GIR S. A., einer Tochter der staatlichen Israel Military Industries Ltd., polizeitaugliche Schnellfeuerwaffen im gleichen Wert. Allerdings kamen die nicaraguanischen Kalaschnikows nie in Panama an. Stattdessen wurden sie über den von der kolumbianischen Armee kontrollierten Hafen in Turbo an die Paramilitärs von Carlos Castaño übergeben. Als der Waffendeal dann im Frühjahr 2002 aufflog, schoben sich die Beteiligten gegenseitig die Verantwortung zu. Der Polizeipräsident von Panama, Carlos Barés, behauptete, die in Nicaragua vorgelegten panamesischen Papiere seien gefälscht worden und bezichtigte seinen nicaraguanischen Amtskollegen der Lüge, in Nicaragua gab man sich überrascht, und der Vertreter von GIR S. A. Ori Zoller erklärte, sein Unternehmen habe das Waffengeschäft ganz transparent und gesetzestreu abgewickelt.

Unabhängig von der Frage, wer von den Beteiligten lügt oder ob nicht alle von den Waffenlieferungen an die Todesschwadronen wussten, weist das Dreiecksgeschäft auffällige Parallelen zu früheren Waffendeals in der Region auf, die wiederum einige Querverweise zur berüchtigten Iran-Contra-Connection besitzen. Zur Erinnerung: Im Rahmen des Iran-Contra-Handels versorgte die US-Regierung die nicaraguanische Contra durch eine Geheimdienstoperation mit Waffen und bereitete der Verbreitung von Crack in den afroamerikanischen Communities in den USA den Boden (siehe konkret 11/96). Die Aufrüstung der kolumbianischen Ultrarechten erfolgte auf ähnliche Weise. So entdeckten Polizisten 1989 beim Überfall auf die Finca des Drogen-Capos Carlos Rodríguez Gacha 178 automatische Gewehre, die IMI ein Jahr zuvor in die Antillenrepublik Antigua geliefert hatte. In den Folgemonaten stellte sich heraus, dass Rodríguez Gacha, militärischer Chef des Medellín-Kartells und enger Vertrauter von Pablo Escobar, die Waffen von einer Gruppe Söldner um den israelischen Sicherheitsexperten Yair Klein erhalten hatte. Bei den Ermittlungen der kolumbianischen Justiz stellte sich weiterhin heraus, dass Kleins Leute auch für das Training der ersten paramilitärischen Verbände im zentralkolumbianischen Magdalena-Tal und in den Bananen-Anbaugebieten Urabás verantwortlich gewesen waren – offensichtlich in Absprache mit hochrangigen kolumbianischen Militärs. Als Kontaktmann bei der Einreise von Klein im Jahr 1987, die auf Initiative des Plantagenbesitzerverbandes UNIBAN und verschiedener Viehzüchter erfolgte, fungierte nämlich der Ex-Offizier Luís Meneses, der später weitreichende Aussagen über die Struktur des Paramilitarismus machte. Meneses zufolge wurden die Aktivitäten der Todesschwadronen zunächst über das Geheimdienstbataillon Charly Solano koordiniert. 1986 dann habe man einen geheimen Koordinierungsrat in der Armee eingerichtet. Der hochrangige Paramilitär Jesús Alonso de Baquero alias Vladimir, der in den 80er Jahren an den meisten Massaker in der Region um den Magdalena-Strom direkt beteiligt war, ergänzte diese Version. Vladimir erklärte, seine Befehle von den Armeegenerälen erhalten zu haben und von Klein in „englischen und deutschen Taktiken“ ausgebildet worden zu sein, „die darin bestehen, den Gegner mir der Wurzel auszulöschen“. Klein war dabei nicht der einzige ausländische ‚Sicherheitsexperte’. Zeitgleich im Land war eine Gruppe britischer Söldner um den Sergeant i. R. Peter Stuart McAlesse, der 1976 die UNITA für den Kampf gegen die linke Regierung in Angola fit gemacht hatte. Doch weder Klein noch McAlesse wurden wegen dieser Aktivitäten jemals belangt. Die britische Regierung ignorierte die Anfragen der kolumbianischen Justiz, und Yair Klein kam, nachdem er 1999 im westafrikanischen Sierra Leone wegen Kooperation mit der (von Liberia und Libyen unterstützen) „Rebellenarmee“ RUF verhaftet worden war, nach nur 15 Monaten wieder frei. Nach eigenen Angaben war Klein in Sierra Leone ins Diamantengeschäft eingestiegen, stand in dem Konflikt jedoch offensichtlich auf der falschen Seite: USA und Großbritannien unterstützten in dem westafrikanischen Bürgerkrieg die Regierungsseite.

Die Tatsache, dass ein per Haftbefehl gesuchter Ausbilder von Todesschwadronen mit Verbindungen zum Medellín-Kartell nach derart kurzer Zeit wieder frei kommt und heute unbehelligt in Jaffa leben kann (obwohl auch in Israel gegen ihn ermittelt wurde), lässt eigentlich nur eine vernünftige Erklärung zu: Der Mann weiß zu viel über die Hintergründe der Drogen-Counterinsurgency-Verbindungen in der Karibikregion. Es gibt nämlich eine Reihe interessanter Details im Zusammenhang mit der von Klein eingefädelten Waffenlieferung, die darauf hindeuten, dass die US-Regierung nicht nur zur Unterstützung der nicaraguanischen Contra schmutzige Terrorallianzen mit dem Drogenhandel unterhalten hat oder bis heute unterhält.

Im Herbst 1988 fragte der Geschäftsmann Maurice Sarfati, offiziell Melonenzüchter in Antigua und Partner Kleins, bei IMI nach, ob man interessiert sei, 500 automatische Gewehre zu verkaufen. Ursprünglich sollte das Geschäft mit der Regierung des panamesischen Präsidenten Noriega abgewickelt werden. Doch Klein und Sarfati erfuhren, dass Noriega die Waffen möglicherweise für eigene Zwecke verwenden wollte – es war die Zeit, als der ehemalige CIA-Mann Noriega der Kontrolle der US-Regierung zu entgleiten begann. Vor diesem Hintergrund wurde der Waffendeal schließlich über die Republik Antigua abgewickelt: 500 Kriegsgewehre gingen an eine Armee, die zu diesem Zeitpunkt gerade einmal eine Truppenstärke von 90 Mann besaß. Die Waffen gelangten ohne Zwischenstopp in die Hände der kolumbianischen Paramilitärs, das – offensichtlich aus Drogengeschäften stammende - Geld wurde der Jerusalem Post zufolge über diverse Banken in den USA gewaschen.

Die Sache flog nur deshalb auf, weil das Medellín-Kartell im Verlauf des Jahres 1988 in einen Konflikt mit dem kolumbianischen Staat schlitterte. Bis dahin hatten die Capos Escobar und Gacha beim Aufbau der Todesschwadronen mit der Armee zusammengearbeitet und möglicherweise sogar noch mehr nützliche Dienste verrichtet, denn das von der nicaraguanischen Ultrarechten gehandelte Kokain der Iran-Contra-Affäre stammte schließlich auch aus kolumbianischen Quellen.

Im 1992 vorgelegten Untersuchungsbericht der US-Senatoren John Kerry und Hank Brown zum Skandal um die BCCI-Bank wurden Sarfatis Geschäfte noch einmal beleuchtet. Dem Bericht zufolge hatte der Geschäftsmann 1983 von Overseas Private Investment Corporation (OPIC), einer US-Agentur, die „in Amerikas wirtschaftlichem und strategischem Interesse liegende Privatinvestitionen in Übersee“ fördert, einen 2 Mio Dollar-Kredit für den Aufbau einer Melonenfarm erhalten. Von Sarfatis Obst war danach nie wieder die Rede. Bekannt wurde jedoch, dass Partner Klein, der in den 80er Jahren auch die Contra in Honduras trainierte, in Antigua Trainingskurse durchführen wollte oder durchgeführt hat. Im US-Untersuchungsbericht ist außerdem die Rede davon, dass die pakistanische BCCI-Bank gegenüber OPIC für Sarfati bürgte. Über die nach ihrem Zusammenbruch als internationale Geldwaschanlage bekannt gewordene BCCI-Bank finanzierten die US-Geheimdienste ihre verdeckten Operationen in Nicaragua und Afghanistan. (Eine durchaus amüsante Hintergrundinformation ist in diesem Kontext, dass 20 Prozent der Anteile an BCCI in den Händen von Scheich Mahfouz lagen, der wegen der BCCI-Affäre in den USA 170 Millionen US-Dollar Strafe zahlen musste und in den letzten Monaten wieder ins Gespräch kam - als angeblicher Verbündeter Osama Bin Ladens.) Als Sarfati seinen Kredit nicht zurückzahlen konnte, übernahm der Geschäftsmann Bruce Rappaport Sarfatis Schulden mit 50 Prozent Wertminderung. Der Untersuchungsbericht der Senatoren besagt, dass Rappaports Geschäfte eng mit der BCCI-Bank verwoben gewesen seien, und bezeichnet ihn als „Vertrauten“ des damaligen CIA-Chefs William Casey. Die ‚Melonenfarm’ besitzt alle Merkmale einer Briefkastenfirma für verdeckte Operationen.

Man darf aus solchen Puzzlestücken sicherlich keine Weltverschwörungstheorien basteln. Doch es spricht einiges dafür, dass der Aufbau der kolumbianischen Paramilitärs ebenso wie der der Contra mit Hilfe westlicher Militärexperten vonstatten ging. Und es gibt weiterhin ernstzunehmende Indizien dafür, dass die US-Regierung die damals existierenden Verbindungen zum Drogenhandel in der Karibikregion auch nach Veröffentlichung der Iran-Contragate-Affäre nicht gekappt hat. Im Jahr 2000 veröffentlichte die spanischsprachige Ausgabe des Miami Herald, El Nuevo Herald, Informationen über Kontakte zwischen kolumbianischen Drogenhändlern, Paramilitärs und der Drug Enforcement Agency (DEA). Der Model-Fotograf Baruch Vega, der nach eigenem Bekunden lange für den US-Geheimdienst gearbeitet hat und zuletzt als DEA-Informant tätig war, wurde festgenommen, weil er Treffen zwischen der DEA und kolumbianischen Drogen-Capos organisiert hatte. Im Zusammenhang mit diesem „Resozialisierungsprogramm für Drogenhändler“ (Baruch Vega), dessen Aufdeckung nebenbei zur stillschweigenden Entlassung des kolumbianischen Polizeikommandanten José Rosso Serrano und der zuständigen Drogenstaatsanwältin von Florida führte, kamen auch Informationen über geplante Gespräche zwischen US-Behörden und den Kommandanten der Paramilitärs ans Tageslicht. Der Chef der kolumbianischen Ultrarechten Carlos Castaño hat den US-Behörden seit 1999 mehrmals – inzwischen auch öffentlich – vorgeschlagen, für eine Unterwerfung des Drogenhandels unter die Justiz zu sorgen. Das Angebot wirkt ein bisschen an wie in dem Hollywood-Schinken „Das Kartell“ mit Harrison Ford: ‚Was würden Sie tun, wenn ich Ihnen verspreche, den Drogenhandel um 50 oder 60 Prozent zu verringern?’ Castaño wäre zu einer derartigen Disziplinierung tatsächlich in der Lage: Der als Chef des wichtigen Cartel del Norte geltende Drogenhändler Hernando Gómez ist für die Finanzen der Paramilitärs verantwortlich. Außerdem weiß man, dass sich die größten Drogenhändler Kolumbiens auf Vorschlag Castaños mehrmals getroffen haben, zuletzt im März dieses Jahres.

Die Verbindungen der US-Behörden reichen sogar noch weiter in den Sumpf hinein. Dem in dieser Hinsicht ausgesprochen gut informierten Nuevo Herald zufolge waren US-Ermittler im Jahr 2000 Gerüchten über eine obskure Drogenhändlerverbindung mit dem reißerischen Namen „Kartell der Teufel“ auf der Spur – einer Allianz, die aus dem Cartel del Norte, Teilen der kolumbianischen Polizei, US-Offizieren und Paramilitärs bestehen soll. Tatsächlich hat es ein ähnliches Bündnis Anfang der 90er Jahre zu einem anderen Zweck bereits einmal gegeben. Im Krieg gegen das Medellín-Kartell von Pablo Escobar arbeitete die DEA nicht nur mit der Polizei-Sonderheit Bloque de Búsqueda, sondern auch mit den so genannten Pepes (Perseguidos por Pablo Escobar – Verfolgte von Pablo Escobar) zusammen. Unter diesem Namen versammelten sich Drogenhändler aus Cali und Abtrünnige des Medellín-Kartells, unter ihnen auch die Gebrüder Fidel und Carlos Castaño, die damals das Kommando über die Pepes innehatten. Nach Angaben von US-Menschenrechtsorganisationen waren diese Todesschwadronen verantwortlich für 1000 Morde an mutmaßlichen Angehörigen des Medellín-Kartells und konnten bei ihren Operationen auf volle Unterstützung der Polizeispezialeinheiten zählen. Der damalige Kontaktmann der DEA zu dieser berüchtigten Truppe war Javier Peña, heute deputy director im DEA-Büro in Bogotá. Der Nuevo Herald zitierte weiterhin einen Zeugen, demzufolge Peña, wenn er im Bunker der Sondereinheit übernachtete, im gleichen Gebäude schlief wie die Castaño-Brüder, die auf dem Polizeigelände ein und ausgingen. Außerdem ist bekannt, dass einer der wichtigsten Führer der Pepe-Kommandos, der Chef der Medelliner Terraza-Bande, Don Berna, zur Fußballweltmeisterschaft 1994 ein Visum für die USA erhielt – wahrscheinlich als Belohnung für seine Arbeit.

Amnesty International hat mehrmals die Veröffentlichung der Geheimdienstakten aus jenen Jahren gefordert – ohne Erfolg versteht sich. Offiziell stehen die kolumbianischen Paramilitärs auf der US-Terrorliste. Doch von den US-Behörden wird halböffentlich auch immer mal wieder darauf verwiesen, dass man sich bei der Bekämpfung des Drogenhandels die Verbündeten nicht unbedingt aussuchen könne. Nach der gleichen Logik werden die Verantwortlichen – wenn auch nicht öffentlich – wohl auch bei der Bekämpfung der Linken argumentieren. In einem Land wie Kolumbien, in dem in 70-80 Prozent des Territoriums wegen Guerilla-Aktivitäten keine Investitionssicherheit besteht, wo die Gewerkschaften immer wieder die IWF-Politik anzugreifen verstehen, das eine lange und unkontrollierbare Grenze zum größtem Ölproduzenten des Kontinents, nämlich zu Venezuela, besitzt und in dem darüber hinaus große, strategische Erdölreserven lagern, muss man zur Stabilisierung der Verhältnisse mit all denjenigen zusammen arbeiten, die in Frage kommen. Noam Chomsky mag eine Neigung zu Verschwörungstheorien haben, aber seine Aussage „es gibt gute Gründe, warum der CIA und die Drogen so eng miteinander verbunden sind: Klandestiner Terror erfordert geheime Geldmittel“- lässt sich mit zahlreichen guten Beispielen belegen.

Wie weit die Verbindungen im kolumbianischen Fall tatsächlich reichen, wird man wohl wieder erst mit 10 Jahren Zeitverzögerung erfahren. Heute schon bekannt ist hingegen die Tatsache, dass die USA bei der Umsetzung des Plan Colombia offen auf die entstaatlichte Variante der Kriegsführung setzen und es potenziellen Gegnern damit schwerer machen, Washington für die Konsequenzen seiner Militärhilfe zu kritisieren. Drogenzar Barry McCaffrey, dem Kolumbien den kometenhaften Aufstieg zum drittgrößten Empfänger von US-Militärhilfe in der Welt verdankt, äußerte schon vor zwei Jahren freimütig vor der Presse, dass „es wenige Dinge gebe, die man nicht outsourcen könne.“ Er sei „ein großer Freund des Outsourcing.“ So wird mittlerweile ein erheblicher Teil der Militärhilfe über verschiedene US- Söldnerunternehmen abgewickelt. Die Firma DynCorp etwa ist mit 80 Piloten und Mechanikern im Land vertreten, um Herbizidsprühungen gegen Koka- und Lebensmittelpflanzungen durchzuführen. Immer deutlicher wird bei diesen Einsätzen, dass es sich nicht nur um Drogenbekämpfung, sondern – ähnlich wie in Vietnam – um eine chemische Kriegsführung gegen aufständische Gebiete handelt. Aviation Development, ein Unternehmen mit Sitz in Alabama, ist für die Sicherung der kolumbianischen Außengrenzen zuständig und trug im April 2001 zum Abschuss einer mit US-Missionaren besetzten Zivilmaschine an der Grenze zu Peru bei. Die Firma AirScan ist mit der Luftüberwachung Kolumbiens beauftragt und konzentriert sich v. a. auf die Sicherung der Erdölpipelines, die von US-Botschafterin Ann Patterson unlängst zum Hauptinteresse der US-Regierung erklärt worden sind. Doch der wichtigste Teil des Programms, die strategische Planung, scheint MPRI zu obliegen. Die in Virgina ansässige Firma, in der Dutzende von ehemaligen US-Generälen heute ihre Arbeit verrrichten, unter ihnen der Kommandant des Desert Storm, Carl Vuono, und der ehemalige Chef des Militärgeheimdienstes DIA, Ed Soyster, kann man mittlerweile als vorgelagertes Büro des Pentagon bezeichnen. In der Ausgabe der Military Review von April 1998 schrieb der US-Offizier Thomas Milton über das Verhältnis von Firmen wie MPRI zur US-Sicherheitspolitik: „Es gibt Unternehmen, die nicht nur zugunsten von US-Interessen arbeiten, sondern sogar Teil der vom Verteidigungsministerium erarbeiteten Pläne sind ... Diese Sicherheitsunternehmen sind zu einem integralen Bestandteil der Pläne und Operationen des Verteidigungsministeriums geworden.“ Tatsächlich war MPRI an der Vorbereitung der kroatischen Offensive gegen die Krajina 1995 maßgeblich beteiligt. Gleiches gilt nicht nur für die Modernisierung der kolumbianischen Armee in den vergangenen 4 Jahren, sondern auch für die Erarbeitung von Sicherheitskonzepten in den Erdölstaaten Nigeria, Äquatorialguinea, Saudi-Arabien und Kuwait.

Insofern ist es wirklich amüsant, dass Ed Soyster seinen neuen Arbeitgeber MPRI unlängst als „ein ganz normales Unternehmen“ bezeichnete und ausgerechnet mit Coca Cola verglich. Manchmal stecken in den schlichtesten Aussagen doch die größten Wahrheiten. Ob Vorbereitung zum Massenmord oder Herstellung von koffeinhaltiger Limonade – im Kapitalismus kommt alles warenförmig daher und wird, wenn nötig, schon auch mal mit Mord und Folter durchgesetzt.

Raul Zelik

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien