(Beitrag zu "Mit Sicherheit in Gefahr - Lateinamerika-Jahrbuch 2006", Verlag Westfälisches Dampfboot)

Nachdem Präsident Álvaro Uribe Vélez im Mai 2006 mit 62 Prozent der abgegebenen Stimmen (27 Prozent der Wahlberechtigten) im Amt bestätigt wurde, lautet die bange Frage vieler AktivistInnen in Kolumbien, was ihnen in den kommenden vier Jahren noch an Veränderungen bevorsteht. Schon die erste Amtszeit Uribes hat die nicht besonders großen Spielräume für soziale Bewegungen extrem beschnitten.
Kernstück der autoritären Transformation unter dem rechten Präsidenten war – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint – die Demobilisierung der AUC-Paramilitärs. Von Uribes Regierung selbst als „Friedensprozess“ vermarktet und in den europäischen Außenministerien überwiegend positiv aufgenommen, handelt es sich bei dieser Demobilisierung nämlich weniger um ein Ende als um eine Formwandlung des paramilitärischen Projekts. In gewisser Weise kulminiert hier eine autoritäre Kontroll- und Sicherheitspolitik, deren Wurzeln in die 1960er Jahre zurückreichen und die die gesellschaftliche Situation immer wieder im Sinne der Eliten stabilisiert hat. Wie groß die Macht dieses Projekts ist und wie eng institutionelle, parainstitutionelle, zivilgesellschaftliche und mafiöse Strukturen darin miteinander verschränkt sind, zeigt sich in der Tatsache, dass eine Armee von Söldnern und Drogenhändlern ohne größere Widersprüche amnestiert und ihre durch Landraub angehäuften Reichtümer einfach legalisiert werden können – wobei die paramilitärischen Morde an AktivistInnen sozialer Bewegungen nicht einmal eingestellt werden.

Paramilitarismus als staatliche Strategie im asymmetrischen Krieg

Ihren Anfang nimmt diese Entwicklung, als USA und NATO Anfang der 1960er Jahre ihre Sicherheitspolitik weltweit neu ordnen. Vor dem Hintergrund erstarkender Befreiungsbewegungen sorgen sie für die Verbreitung der Nationalen Sicherheitsdoktrin (vgl. Klare 1988), einer paranoid-antikommunistischen Politik, die das Vorrücken revolutionärer Bewegungen (längst nicht nur der Guerillas) stoppen soll und sich auf vielfältige Weise entfaltet: als Gesetzespakete, öffentliche Diskurse, internationale Finanzhilfen, Trainingsprogramme etc. Sicherheitspolitische Prämissen rücken ins Zentrum aller Überlegungen – was in so unterschiedlichen Länder wie Südkorea, Türkei, den Philippinen, Guatemala und Argentinien ganz ähnliche Entwicklungen auslöst.
Für Kolumbien scheint das Jahr 1962 maßgeblich zu sein , als die US-Armee die so genannte Yarborough-Mission in das Land entsendet. General William Yarborough, Leiter und Mitgründer der Special Warfare School in Fort Bragg und maßgeblich am Aufbau der auf „unkonventionelle Kriegführung“ spezialisierten Green-Berets-Sondereinheiten beteiligt, empfiehlt den kolumbianischen Verbündeten den Aufbau zivilmilitärischer Gruppen, die „falls nötig, paramilitärische Sabotage- und Terroraktivitäten gegen bekannte Verteidiger des Kommunismus durchführen. Sie sollten die Unterstützung der USA besitzen.“ (zit. in Human Rights Watch 1996) Auch wenn sich die linken Guerillagruppen FARC und ELN erst 1964/65 konstituieren, ist Aufstandsbekämpfung schon damals das zentrale Motiv der Planungen. Dahinter stecken Erfahrungen, die die Armeen Nazi-Deutschlands, Frankreichs und Englands in Partisanenkriegen machen hatten müssen.
Carl Schmitt theoretisiert sie 1963 als Asymmetrierung des Krieges . Der autoritäre Staatstheoretiker Schmitt stellt fest, dass der Partisan den Krieg grundlegend verändere. Stünden sich in den traditionellen (zwischenstaatlichen) Auseinandersetzungen Armeen ähnlicher Struktur gegenüber, verliefen die irregulären Kriege, wie sie sich seit den 1940er Jahren ausbreiten, asymmetrisch. Der Partisan, der sich wie ein Fisch im Wasser bewegt, ist von der Zivilbevölkerung nicht zu unterscheiden. Die Konfrontationslinie verläuft damit nicht mehr zwischen zwei Armeen, sondern zwischen Militärs auf der einen und Bevölkerung / Partisanen auf der anderen Seite. Schmitt veranlasst das zu der Bemerkung, die sowjetischen Partisanen hätten mit ihrer irregulären Vorgehensweise faktisch alle Uniformträger der Wehrmacht im 2. Weltkrieg als Geisel genommen. Ein bemerkenswerter Satz: Nicht die staatliche Militärmaschine, die ganze Landstriche systematisch entvölkert, nimmt die Bevölkerung als Geisel, sondern umgekehrt die aus einer Situation der Unterlegenheit agierenden Partisanen.
Diese Asymmetrie hat für den kriegführenden Staat unangenehme Folgen. Die Bekämpfung eines unsichtbaren Feindes zieht nämlich fast zwangsläufig zivile Opfer und damit Protest nach sich. Zentrale Stichwortgeber in der Debatte über die „Neuen Kriege“ wie Van Crefeld (1998) und Münkler (2002) haben deshalb in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass Staaten in irregulären Kriegen politisch unterlegen seien. Die – zwangsläufig ungenaue – Bekämpfung der Partisanen (Terroristen) stärke deren politisches Ansehen in der von Repressionsmaßnahmen betroffenen Bevölkerung. Was allerdings weder Van Crefeld noch Münkler erwähnen, ist die Tatsache, dass staatliche Aufstandsbekämpfung schon frühzeitig Antworten darauf formuliert hat. „Mit Partisanen“, so das häufig zitierte Diktum Napoleons, „muss man als Partisan kämpfen.“ Die Überlegung läuft darauf hinaus, dass der Staat die Situation im eigenen Sinne re-symmetrieren kann, wenn er sein eigenes Vorgehen „irregularisiert“. Der kolumbianische Paramilitarismus setzt das seit bald 40 Jahren auf doppelte Weise um: als Irregularisierung der Strukturen und der Handlungen.
In den 1960er Jahren zeichnet sich die neue Anti-Guerilla-Kriegführung in Kolumbien v.a. dadurch aus, dass eine Beteiligung der Bevölkerung am bewaffneten Konflikt erzwungen wird. 1965/68 schafft die Regierung die gesetzliche Grundlage für den Aufbau von „Selbstverteidigungsgruppen“, die an der Seite der Armee operieren. Wenn Teile der Bevölkerung, so das Kalkül, an der Seite der Militärs organisiert sind, büßt der Partisan seinen strategischen Vorteil ein. Die Trennlinie verläuft nicht mehr zwischen Armee und Bevölkerung / Aufständischen, sondern geht unmittelbar durch die Zivilbevölkerung hindurch.
Die Armeehandbücher, die in Kolumbien ab 1962 verlegt werden (vgl. Noche y Niebla 2004a), belegen, wie sich das militärische Denken damals veränderten. In Anlehnung an Foucault (2004a, b) könnte man von einer gouvernementalistischen Wende im Krieg sprechen . Die Soldaten werden geschult, sich nicht mehr in erster Linie mit der feindlichen Armee, sondern mit der Bevölkerung zu beschäftigen, die den Feind (die Guerilla) umgibt und bisweilen mit diesem identisch sein kann. Dabei ergibt sich eine eigentümliche Perspektive: Die Militärs sollen die Bevölkerung gleichzeitig als Feind, politischen Verbündeten, zu eroberndes Terrain und biopolitisches Objekt betrachten. Sie werden angewiesen, als Polizisten, Geheimdienstagenten, Politiker, Psychologen und Verwaltungsinstanz aufzutreten. Sie sollen Hausdurchsuchungen, Festnahmen und verdeckte Ermittlungen durchführen, die Bevölkerung aber gleichzeitig durch Taten und Propaganda von der Güte des Staates überzeugen, sie mit Falschinformationen und Gewaltakten psychologisch beeindrucken und einschüchtern, statistisch erfassen und medizinisch behandeln. Die Gesundheitsversorgung ist ein besonders schillerndes Beispiel für diesen eigenartigen Blick: Die Armee führt Impfkampagnen durch, um ihr Image zu verbessern, soll aber auch die medizinischen Dienste monopolisieren, um aufständische Bevölkerungsteile unter Druck setzen zu können. In den Kriegsgebieten Kolumbiens lässt sich diese Praxis heute überall beobachten. Die Armee monopolisiert beispielsweise die Verteilung von Medikamenten gegen Leishmaniase, weil die Krankheit in den bergigen Guerillagebieten besonders verbreitet ist und durch den restriktiven Umgang mit dem Medikament die Ansteckungsrate in aufständischen Gebieten gesteuert werden kann (Den Erkrankungen ausgesetzt ist am Ende allerdings nicht die Guerilla, die sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt kaufen kann, sondern die mittellose Zivilbevölkerung). Oder die Militärs verknüpfen die Gesundheitsversorgung mit einer biopolitischen Bevölkerungserfassung: Im nordostkolumbianischen Arauca etwa bietet die regionale Armeeführung den Bauern 2004 an, die staatliche Blockade gegen Schulen und Gesundheitsposten aufzuheben (der Staat zahlt die Lehrkräfte nicht aus, Medikamentenlieferungen werden beschlagnahmt), wenn die Bauern im Gegenzug eine vollständige Liste der Bewohner vorlegen und sich umfassend registrieren lassen.
Die Einbindung von Zivilisten an der Seite der Armee bleibt in diesem repressiven Kontext zwangsläufig widersprüchlich. Ein Staat kann zwar Autodefensas (in Peru Rondas Campesinas, in der Türkei „Dorfschützer“) aufbauen, die die Militärs mit Informationen versorgen, den Konflikt in die Bevölkerung tragen und damit den Vorteil der Partisanen aufheben. Doch solange Systeme als ökonomisch und politisch ungerecht wahrgenommen werden, bleibt die Zivilbevölkerung ein unzuverlässiger Verbündeter.
Vor diesem Hintergrund lässt sich ein weiterer Aspekt der „Irregularisierung“ beobachten, der in den 1970er Jahren an Bedeutung gewinnt. Dabei geht es darum, den politischen Preis der Aufstandsbekämpfung zu verringern. Wenn eine Repressionspolitik – wie in allen lateinamerikanischen Militärdiktaturen geschehen – schwerwiegende Legitimationsverluste nach sich zieht, dann müssen die staatlichen Sicherheitskräfte eben dafür sorgen, dass andere, nicht-staatliche Akteure für den und anstelle des Staats (deshalb para-staatlich oder para-institutionell) die notwendigen Maßnahmen durchführen.
Auch dieses Phänomen ist in der Vergangenheit nicht auf Kolumbien beschränkt geblieben. Von Geheimdiensten aufgebaute und unterstützte Parallelstrukturen, die für Anschläge und Morde an politischen Gegnern verantwortlich zeichnen, hat es mit den spanischen GAL und den nordirischen Loyalisten auch in demokratisch regierten Staaten Westeuropas gegeben . Doch die Entwicklung in Kolumbien geht in Ausmaß und Form darüber hinaus. Die „Triple A“ (Allianza Anticomunista Americana), die 1978 auftaucht, operiert noch relativ konventionell (Giraldo 1996 und 2004): Ihre Mitglieder sind fast ausnahmslos aktive Militärs und Polizisten. Ab 1981 jedoch entstehen schnell wachsende paramilitärische Gruppen, die zwar von den Sicherheitskräften aufgebaut und gelenkt werden, aber strukturell eigenständig auftreten. Eine Schlüsselfunktion scheint dabei von Anfang an die Drogenmafia innezuhaben. Die MAS-Todesschwadronen (Muerte a Secuestradores), die ab 1981 gegen vermeintliche Guerilla-Sympathisanten vorgehen, werden, wie Untersuchungen der kolumbianischen Justiz nahe legen, vom Medellín-Kartell und diversen Armee-Einheiten gemeinsam aufgebaut. Etwa zeitgleich gründen Militärs, führende Politiker der Regierungsparteien, der Viehzüchterverband ACDEGAM und die Texaco Oil Company im zentralkolumbianischen Magdalena Medio (Medina Gallego 1990) unter dem Schutz des Gesetzes von 1965 / 68, so genannte Autodefensas. Anführer dieser neuen, auf territoriale Kontrolle abzielenden Strukturen werden vor Untersuchungsrichtern einige Jahre später zu Protokoll geben, dass die „Selbstverteidigungsgruppen“ ihre Einsatzbefehle von Armeekommandanten erhalten hätten, im wesentlichen jedoch von Drogenhändlern finanziert worden seien.
In krassem Widerspruch zu den offiziellen Drogenbekämpfungsdiskursen entwickelt sich damals eine strategische Verbindung von Staat, Eliten und Drogenmafia. Diversen Belastungszeugen zufolge hätten berüchtigte Mafiosi wie Gonzalo Rodríguez Gacha, Pablo Escobar, Victor Carranza, Fabio Ochoa und Fidel Castaño das Personal für die neuen Gruppen gestellt und die von der Armee organisierten Trainingskurse finanziert. Gleichzeitig seien viele Massaker direkt von führenden Offizieren wie dem General Farouk Yanine Díaz angeordnet worden, der damals als „Superstar“ der Armee galt, nur wegen des Widerstands von Menschenrechtsorganisationen später nicht zum Heeres-Chef aufsteigt und in den 1990er Jahren schließlich als Dozent auf das „Interamerican Defense College“ in Washington berufen wird – immerhin die offizielle Militärschule der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Ausgebildet werden die Paramilitärs, die sich ab 1987 in ganz Kolumbien ausbreiten, u.a. von britischen und israelischen Söldnern, die nach Zeugenaussagen mit Rückendeckung des kolumbianischen Armeekommandos und möglicherweise sogar der USA im Land waren. Einer der Ausbilder, der Söldner Yair Klein, wird 1999 nach einer vorübergehenden Festnahme im westafrikanischen Sierra Leone lapidar erklären, dass er die kolumbianischen Paramilitärs im Magdalena Medio mit Wissen der US-Geheimdienste trainiert habe. Tatsächlich taucht Klein in einem Untersuchungsbericht der US-Senatoren John Kerry und Hank Brown (1992) noch in einem anderen merkwürdigen Zusammenhang auf. Den kaum beachteten Unterlagen zufolge wurde die Lieferung von 500 Maschinenpistolen an die (von Klein trainierten) Paramilitärs des kolumbianischen Drogenhändlers Gonzalo Rodríguez Gacha Mitte der 1980er Jahre über eine von der US-Regierung finanzierte Melonenzucht auf der Karibikinsel Antigua abgewickelt.
Auch wenn bei solchen Verbindungen zwangsläufig vieles im Dunkeln bleibt, ergeben die Mosaiksteine doch ein recht eindeutiges Bild. Der Paramilitarismus wurde offensichtlich aufgebaut, um, wie es ihre Anführer immer wieder postuliert haben (vgl. Aranguren Molina 2001), jene Aktionen durchzuführen, die Armee und Polizei nur machen können, wenn sie schwerwiegende Imageverluste in Kauf nehmen. Dabei richtet sich die Aufstandsbekämpfung nicht in erster Linie gegen die Guerilla, sondern gegen soziale und politische Strukturen wie Gewerkschaften, Menschenrechtsverbände, Kooperativen etc., die in der Logik der Nationalen Sicherheitsdoktrin den legalen Arm der Guerilla bilden. Dass sich das Medellín-Kartell an diesem schmutzigen Krieg beteiligt, hat mit einer Interessenidentität zu tun – immerhin handelt es sich bei der Mafia um Großunternehmer –, gleichzeitig jedoch fungieren die Paramilitärs auch als Privatarmee zum Schutz des Kartells.
Mit der Verbindung von Eliten, staatlichen Organen und Drogenhandel kommt es zu einer Art „Outsourcing der Aufstandsbekämpfung“. Eine zentrale, aber eben auch problematische Funktion des Staates, seine repressive Gewalt, wird in private Hände übertragen. Diese Form der strategischen Verantwortungsverlagerung ist in den vergangenen Jahren charakteristisch für die Kriegführung in weiten Teilen der Welt geworden. Das massive Auftauchen von Private Military Companies (PMC)u.a. im Irak hat damit zu tun.

Der Paramilitarismus als „politischer Akteur“

Nur wenige Kolumbien-Experten und Konfliktforscher berücksichtigen diese militärstrategische Funktion des Paramilitarismus. Doch selbst Autoren, die die historische Entwicklung kennen, zeichnen den kolumbianischen Konflikt heute meist nur noch als schwer durchschaubaren Krieg zwischen zahlreichen Akteuren oder sogar einfach als „Bandenkrieg“. Dieser Erzählung zufolge steht der Staat der außerinstitutionellen Gewalt von Paramilitärs, Guerilla und Drogenhandel hilflos gegenüber und versucht vergeblich, den Staatszerfall zu stoppen.
Bemerkenswerterweise entspricht diese Interpretation den strategischen Vorgaben des Paramilitarismus weitgehend. Ein „Outsourcing“ von Gewalt ist schließlich nur sinnvoll, wenn diese nicht erneut mit dem Staat identifiziert wird. Aus diesem Grund haben sich die Paramilitärs unter Führung von Carlos Castaño in den 1990er Jahren – neben der Ausweitung und Vertiefung territorialer und sozialer Kontrolle – darauf konzentriert, sich als eigenständiger, politischer Akteur zu profilieren. Dabei haben sich die Initiativen überaus logisch miteinander verkettet.
Anfang der 1990er Jahre verspricht die Castaño-Familie, die mit den Brüdern José Vicente, Fidel und Carlos eine Schlüsselrolle im kolumbianischen Paramilitarismus spielt, ihre Gruppe Los Tangueros aufzulösen, wenn sich die maoistische EPL in der Region demobilisiert. Als diese Guerilla ihre Waffen abgibt, inszenieren sich die Castaños mit tatkräftiger Unterstützung der großen Medien als uneigennützige Gönner. Sie gründen eine Stiftung und verteilen Land an demobilisierte Guerilleros. Auf diese Weise kann sich der ältere Bruder Fidel Castaño, damals als Capo des Medellín-Kartells bekannt, als Friedensfürst in Szene setzen. In den Folgejahren demobilisieren die Castaño-Brüder ihre bewaffneten Verbände nicht, sondern vernichten die linke Gewerkschaftsbewegung in der Region Urabá und bauen mit Unterstützung der 17. Heeresbrigade, den Plantagenbesitzern und nordkolumbianischen Viehzüchtern eine erste sich politisch präsentierende Paramilitär-Organisation auf, die Autodefensas Campesinas de Córdoba y Urabá (ACCU). Während des Formierungsprozesses verschwindet Fidel Castaño, dessen Verwicklung in den Drogenhandel allzu offensichtlich ist, unter ungeklärten Umständen von der Bildfläche. Durch die systematische Öffentlichkeitsarbeit seines jüngeren Bruders Carlos (der zehn Jahre später ähnlich mysteriös verschwindet) und die neuerliche Unterstützung der Medien gelingt es den ACCU, sich als „Selbstverteidigung“ einer von der Guerilla terrorisierten Bauernbevölkerung zu inszenieren. Dabei ist bereits der Name Autodefensa Campesina eigentlich eine offensichtliche Farce. Die ACCU werden von Großgrundbesitz und Plantagenunternehmen getragen und tragen durch Vertreibungen und Landraub zu einer „umgekehrten Agrarreform“ bei, sind also im spanischen Wortsinn das genaue Gegenteil von „bäuerlich“. Dennoch gelingt auch diese Inszenierung. Mit jedem der strategisch konzipierten Medienauftritte Carlos Castaños debattiert Kolumbiens Öffentlichkeit intensiver über das Erstarken des „dritten Kriegsakteurs“, der sich ab 1997 als Autodefensas Unidas de Colombia (AUC) auch eine landesweite Form gibt.
Dabei kopieren die Paramilitärs in Struktur, Propaganda und Diskurs die Guerilla und stellen sozusagen auch auf dieser Ebene Symmetrie her. Die AUC organisieren sich in Blöcken und Fronten, fordern die Regierung öffentlich heraus, kritisieren die herrschende Politik und „klonen“ klassische Methoden der Guerilla (gemeinschaftliche und soziale Arbeiten, Organisation von Festen und Veranstaltungen, Unterbindung von Kriminalität). Auf diese Weise wird der sozial begründete Konflikt zwischen Guerilla und Staat für die Öffentlichkeit zunehmend zu einem Problem diffuser Gewalt mit unklaren Frontverläufen. Dieser für Kolumbien heute charakteristische Verwirrungsmoment ist aus Sicht der Eliten sehr funktional. Unverständnis und Angst verbinden sich miteinander und sorgen für ein Klima von Apathie und Resignation, in dem Widerstand sinnlos erscheint. Verstärkt wird dieser Effekt durch die systematische Praxis von Armee und Paramilitärs, Aktionen im Namen der Gegenseite zu verüben und durch Desinformationen falsche Fährten zu legen.
Auf Grundlage dieser „re-symmetrierten“ Konfliktsituation, in der der Staat als Opfer der Extremisten von rechts und links erscheint, verlangen die AUC bereits während der Samper-Regierung (1994-98), an möglichen Friedensverhandlungen mit der Guerilla beteiligt zu werden. Präsident Uribe verleiht ihnen 2002 unmittelbar nach seinem Amtsantritt den gewünschten Status. Die Paramilitärs, Protagonisten eines Ordnungsprojekts, werden als Gegner desselben Staates präsentiert, der permanent von ihnen profitiert hat.

Es gibt gute Argumente gegen die weit verbreitete These, wonach sich der kolumbianische Paramilitarismus von drogenfinanzierten Söldnertruppen (unter strategischem Kommando der Armee) in einen eigenständigen politischen Akteur verwandelt haben. So ist zwar richtig, dass die „Selbstverteidigungsgruppen“ 1989 illegalisiert und die Privattruppen des Medellín-Kartells von der Polizei verfolgt wurden, doch die Ursache dafür ist nicht in einer prinzipiellen Wende, sondern in den Konflikten innerhalb der paramilitärischen Allianz zu suchen. Diese Konflikte dürften damit zusammenhängen, dass das Medellín-Kartell in den 1980er Jahren zwar eine zentrale Rolle bei der Aufstandsbekämpfung spielte, aber damit letztlich eigene Geschäftsinteressen verfolgte. Als sich Politiker, Richter und die Chefredaktion der Tageszeitung El Espectador Mitte der 1980er Jahre verstärkt gegen den Einfluss des Drogenhandels und die sich ausbreitende Anomie der Rechtsordnung aussprechen, versucht das Kartell seine Vorstellungen mit Morden und Bombenanschlägen durchzusetzen. Im Rahmen dieser Konfrontation werden auch ehemalige Verbündete zu Feinden. Das Medellín-Kartell wird angegriffen und zerschlagen, der Drogen-Capo González Rodríguez Gacha 1989, Pablo Escobar 1993 zur Strecke gebracht.
Doch dieser Angriff gilt nicht dem Paramilitarismus als solchem. Im Gegenteil – irreguläre Taktiken spielen beim Kampf gegen das Medellín-Kartell erneut eine zentrale Rolle. So wird Pablo Escobar von einer eigentümlichen Allianz aus kolumbianischer Polizei, den US-Diensten DEA und CIA, dem (enger mit den traditionellen Eliten verbundenen) Cali-Kartell und einem aus Abtrünnigen des Medellín-Kartells zusammengesetzten Todesschwadron namens Los PEPEs zu Fall gebracht (vgl. u.a. Aranguren Molina 2001: 125-157, El Nuevo Herald 20. Oktober 2000, Philadelphia Inquirer 12. November 2000) . Der langjährige AUC-Kommandant Carlos Castaño erklärt in einer von ihm autorisierten Biografie, die PEPEs seien von seinem Bruder Fidel (einem alten Freund Esocbars), dem Leibwächter des Medellín-Kartells Diego Fernando Murillo Bejarano alias „Don Berna“, dem Ex-Militär Carlos Mauricio García alias „Doble Cero“ und ihm selbst (der ebenfalls alte Verbindungen zu Esocbar zugibt) gegründet worden. Bemerkenswert daran ist, dass diese vier Personen einige Jahre später auch als Gründer der AUC in Erscheinung treten werden. Man kann deshalb davon ausgehen, dass der – von den US-Diensten zumindest protegierte – Aufbau der PEPEs für das Entstehen des neuen, flächendeckend operierenden und <politischen> Paramilitarismus der 1990er Jahre von zentraler Bedeutung war.
Der Paramilitärkommandant Diego Murillo alias „Don Berna“ macht aus diesen Verbindungen keinen Hehl. In Castaños Biografie erklärt er, im Hauptquartier der Polizeisondereinheit Bloque de Búsqueda ein- und ausgegangen zu sein und dort Kontakte mit US-Agenten von CIA und DEA sowie Spezialkräften des US Navy unterhalten zu haben (Aranguren Molina 2001: 151). Castaño ordnet diese Kooperation staatstheoretisch ein: „Dank des irregulären Krieges, den wir ihm (Pablo Escobar, Anm.d.V.) als PEPEs erklärten, konnte der Bloque de Búsqueda ihn in einer Polizeioperation – ohne unsere Beteiligung – ausschalten. Im strikten Sinne des Wortes waren die PEPES die erste parastaatliche Gruppe in der kolumbianischen Geschichte. Wir wurden von der Staatsanwaltschaft, der Polizei, dem Heer, dem DAS und der Procuraduría toleriert. Präsident César Gaviria Trujillo hat nie eine Untersuchung gegen uns angeordnet. Die Journalisten haben heimlich applaudiert. Und so muss es auch sein! Die Staaten verteidigen sich mit verfassungsmäßigen und nicht-verfassungsmäßigen Mitteln, wenn sie von Monstern wie Pablo Escobar bedroht sind.“ (zit. in Aranguren Molina 2001: 142)
Mit den AUC setzt sich die institutionell forcierte und kontrollierte (!) Entstaatlichung also weiter fort. Auch wenn sich die Paramilitärs eigenständig artikulieren und (wie Militäreinheiten auch) ein Eigenleben gegenüber den jeweiligen Regierungen entwickeln, bleiben sie mit den staatlichen Sicherheitskräften eng verbunden. Jeder, der sich heute in die kolumbianischen Konfliktgebiete begibt, kann sich davon ein Bild machen: Ob in der Erdölstadt Barrancabermeja, im westkolumbianischen Chocó oder an der Grenze zu Ecuador – die Paramilitärs operieren in Abstimmung mit Militärs und Polizei. Sie verüben Massaker, unmittelbar nachdem die Armee ein Gebiet gesichert hat, erhalten Unterstützung der Luftwaffe, wenn die Guerilla sie einkreist, oder werden, wie der Fall der südkolumbianischen Ortschaft Mapiripán gezeigt hat, sogar in Koordination mit der örtlichen Militärkommandantur per Charterflug eingeflogen, um Zivilisten zu massakrieren.
Die systematische Zusammenarbeit ist so gut dokumentiert und die untersuchten Fälle so zahlreich (vgl. u.a. Noche y Niebla 2003, 2004a und 2004b, Corporación Colectivo de Abogados 1999, Human Rights Watch 1996 und 2000, Amnesty International 2004), dass die These einer Verselbständigung des Paramilitarismus ab 1990 einfach nicht haltbar ist.
Allerdings stellt sich bei dieser Betrachtung die Frage, wer eigentlich der Staat ist, von dem hier die Rede ist. Immerhin haben Vertreter der Justiz immer wieder Verfahren gegen Offiziere, Paramilitärs und Politiker angestrengt und sind dafür bedroht oder ermordet worden. Die AUC haben im Jahre 2000 Vertreter der Pastrana-Regierung öffentlich bedroht, und es gibt immer wieder Fälle, in denen sich die Armee gegenüber der Regierung faktisch autonom verhält.
Um diese Widersprüche zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass der Staat 1) nicht mit seiner Regierung gleichzusetzen ist, 2) keinen kompakten Körper bildet und sich 3) nicht einfach im Weberschen Sinne aus einem Verwaltungsapparat, dem durchgesetzten Gewaltmonopol und der Legitimation von Herrschaft zusammensetzt. Stattdessen sollte man möglicherweise eher von einer „Verdichtung von Kräfteverhältnissen“ ausgehen, wie der Marxist Nicos Poulantzas (1978) es vorgeschlagen hat. Poulantzas ist der Meinung, dass kapitalistische Staaten zwar in dem Sinne „Klassenstaaten“ sind, als ihre grundlegende Funktion darin besteht, die bestehende politisch-ökonomische Ordnung zu gewährleisten. (Insofern lassen sie sich nicht einfach „links regieren“.) Gleichzeitig aber weist Poulantzas darauf hin, dass sich gesellschaftliche Auseinandersetzungen permanent in den Staaten niederschlagen und diese innerhalb bestimmter Grenzen umformen. Der Staat ist also weder einfach ein Instrument des Kapitals, als das ihn ökonomistische Linke lange gesehen haben, noch die Verkörperung des Allgemeinwohls und der Ort der freien Meinungsbildung, zu denen ihn Demokratietheoretiker machen möchten. Der Staat wird vielmehr gleichzeitig von sozialen Kämpfen durchzogen, ist selbst zentraler Akteur zur Abwehr dieser Kämpfe und repräsentiert so etwas wie die institutionelle Verfestigung eines Kräfteverhältnisses – was bedeutet, dass Staatlichkeit zwar Herrschaft herstellt und sichert, aber auch ständig in Konflikten modifiziert wird.
In diesem Sinne könnte man folgendes Bild skizzieren: Der kolumbianische Staat baut seit über 20 Jahren immer wieder paramilitärische Gruppen mit auf und nützt diese als nicht-institutionelle Mittel zur Herstellung von Ordnung. Gleichzeitig ist der Paramilitarismus aber auch Ausdruck eines autoritären Projekts, mit dem Teile der Eliten und der Sicherheitsorgane den Staat grundlegend zu transformieren suchen; bisweilen gegen den Widerstand anderer Gruppen im Staat. Der Paramilitarismus hat die revolutionäre Krise abgewendet, die sich Ende der 1980er Jahre abzeichnete und damit die Interessen der Staatsmacht verteidigt. Weil er aber eine hochgradig mafiotische Struktur besitzt, hat er die gesellschaftlichen Machtbeziehungen so verändert, dass sich nun neue Verwerfungen und Krisen ergeben, die sich auch im Staat reflektieren.

Der Plan Colombia und Uribes Seguridad Democrática

Die Vertiefung solcher autoritären Brüche war vermutlich kein Ziel der Clinton-Regierung, als sie 1998/99 den Plan Colombia durchsetzte. De facto jedoch hat der größte US-Militärplan in der Geschichte Lateinamerikas (mittlerweile werden über 700 Millionen US-Dollar jährlich an die kolumbianischen Sicherheitskräfte – d.h. letztlich an die US-Militärindustrie – gezahlt) genau dafür gesorgt.
Als Präsident Andrés Pastrana 1998 sein Amt antritt und Friedensgespräche mit den FARC aufnimmt, scheint sich zunächst eine gegenteilige Entwicklung abzuzeichnen. Pastrana macht den FARC mit der Demilitarisierung von fünf südkolumbianischen Gemeinden echte Zugeständnisse und verabschiedet Maßnahmen zur Bekämpfung des Paramilitarismus. Die CONVIVIR-Gruppen, so genannte Sicherheitskooperativen, mit denen 1994 die erst wenige Jahre zuvor verbotenen „Selbstverteidigungsgruppen“ wieder legalisiert worden waren, werden aufgelöst und die wegen Verbindungen zum Paramilitarismus stark belasteten Generäle Rito Alejo del Rio und Fernando Millán gegen den Willen des damaligen Verteidigungsministers in den Ruhestand versetzt.
Doch zu einer echten Bekämpfung des Paramilitarismus kommt es auch unter Pastrana nicht. Während die Regierung verhandelt, intensivieren wesentliche Teile des Staatsapparates die autoritäre Durchdringung der Gesellschaft. Zwischen 1999 und 2001 werden die meisten Massaker in der jüngeren kolumbianischen Geschichte verübt. Die politischen Differenzen zwischen der Regierung und den AUC erweisen sich dabei als überaus funktional: Die Paramilitärs erscheinen nun, da sie echte Konflikte mit der Regierung (bzw. den Reformbefürwortern in der Regierung) haben, wirklich autonom. Sie können operieren, ohne dass der kolumbianische Staat unter Druck gerät. Ja, mehr noch: Der Eindruck, dass Präsident Pastrana nicht mehr Herr der Lage ist, wird zum wichtigsten Argument für den Plan Colombia und die mit ihm angestrebte „Wiederherstellung des Rechtsstaats“.
Tatsächlich wird die Durchsetzung des Gewaltmonopols zum zentralen Motiv im Regierungsdiskurs. Weil die FARC in dieser Phase nicht als Feind behandelt werden können, ist im Plan Colombia zunächst vom Kampf gegen den Drogenhandel die Rede. Doch die Contraguerilla-Aspekte sind von Anfang an evident (Vargas 1999, Zelik 2001). Dem Plan zugrunde liegt eine vom US-Militärunternehmen MPRI im Auftrag des Pentagons erstellte (nicht öffentlich zugängliche) Studie über den Zustand der kolumbianischen Armee. Dieser gilt als besorgniserregend, seit die FARC 1996/97 zu Operationen des Bewegungskriegs übergegangen sind und Eliteeinheiten der Armee schwere Niederlagen zugefügt haben. Es wird befürchtet, dass die Armee kollabieren könnte, wenn es nicht zu einer umfassenden Modernisierung kommt.
Aus dieser Perspektive erfüllen die Verhandlungen Pastranas mit den FARC unabhängig von den subjektiven Überzeugungen einzelner Regierungsvertreter die Funktion, die Aufrüstung der Armee zu legitimieren. Zentrale Elemente des Plan Colombia sind denn auch die Entsendung von Militärberatern und PMCs, der Aufbau neuer Contraguerilla-Einheiten und die Lieferung von Helikoptern, mit denen aufständische Gebiete aus der Luft kontrollieren werden sollen. Die Militärhilfe bleibt zunächst zwar an die Drogenbekämpfung gekoppelt, doch weil im Diskurs der US-Rechten seit dem legendären Botschafter Lewis Tambs von Narcoterroristen die Rede ist, kann die Guerilla mit dem Drogenhandel in eins gesetzt und eine politische Intervention vorangetrieben werden.
Schon bald sind diese Manöver nicht mehr nötig. Mit dem 11. September 2001 findet ein neuerlicher Paradigmenwechsel statt. Nach dem „Kampf gegen den Kommunismus“ und später dem „Krieg gegen die Drogen“ wendet man sich nun dem „War on Terror“ zu. 2002 erklärt die US-Botschafterin in Kolumbien Anne Patterson, dass der Schutz der Rohstoffvorkommen oberste Priorität in der US-amerikanischen Kolumbien-Politik habe. Allein für die Pipeline Caño Limón-Coveñas, durch die der US-Multi Oxy Öl aus Arauca an die Karibikküste transportiert, wird ein Militärhilfe-Paket in Höhe von 100 Millionen US-Dollar geschnürt. Der Grund liegt auf der Hand: Kolumbien gehört zu den acht wichtigsten Öllieferanten der USA, und die neuen Stützpunkte liegen direkt an der venezolanischen Grenze

Mit der Stärkung der Armee durch den Plan Colombia können sich auch die Paramilitärs territorial weiter ausbreiten und ihre Kontrolle über bereits eroberte“ Gebiete konsolidieren. Dabei beschränken sie sich nicht auf militärische Präsenz. Ó Loingsigh (2002) skizziert, dass der Paramilitarismus ein umfassendes ökonomisches, politisches und institutionelles Transformationsprojekt impliziert. Auf die militärische Eroberung einer Region, die Vernichtung oppositioneller Netzwerke und die Etablierung eines rigiden Alltagsregimes folgt die Durchdringung von Institutionen. Die paramilitärische Rechte sorgt für die Wahl eigener Bürgermeister und die Benennung von Regionalstaatsanwälten des eigenen Vertrauens. Zudem gründen sie eigene Organisationen und soziale Bewegungen, mit der sich zivilgesellschaftliche Hegemonie herstellen und das Kontrollregime bis in die Verästelungen der Gesellschaft vorantreiben lässt. Am wichtigsten jedoch scheint die Durchsetzung eines weltmarktorientierten Entwicklungsmodells. Ó Loingsigh zeigt am monokulturellen Anbau der industriell nutzbaren Ölpalme, wie eine subsistenzorientierte Landwirtschaft zerschlagen und neue Strukturen geschaffen werden, die mit den ökonomischen Interessen der Eliten kompatibel sind. Dabei ist Großgrundbesitz nicht zwangsläufig das Maß der Dinge. Funktional sind auch kommunitäre Modelle, bei denen kleine Pflanzer über Ankaufsmonopole in Abhängigkeit gehalten werden, sich aber gleichzeitig als Kleinunternehmer erleben und dementsprechend verhalten.
Diese Elemente – internationale Re-Legitimation des Establishments durch Pastranas Friedenspolitik, Modernisierung der Armee im Rahmen des Plan Colombia und Ausbreitung des Paramilitarismus als umfassendes, auch sozio-ökonomisches Kontrollregime – stellen ab 2002 die Grundlage für Álvaro Uribes Politik der Demokratischen Sicherheit dar.
Dass Uribe die rechtesten Sektoren der kolumbianischen Gesellschaft repräsentiert, ist schon vor seiner Wahl kein Geheimnis. Dem Politiker aus Antioquia, der in den 1980er Jahren mehrfach wegen Verbindungen zu Drogenhandel und Paramilitarismus unter Druck geraten ist und auf schwarzen Listen der US-Drogenbehörde DEA auftaucht, macht sich ab 1990 einen Namen als neoliberaler Law-and-Order-Politiker. Er sorgt als Senator für die Abschaffung von Arbeitsschutzgesetzen und ist als Gouverneur von Antioquia federführend am Aufbau der CONVIVIR-Kooperativen beteiligt, von denen sich die meisten später den AUC anschließen. Uribes Kandidatur im Jahre 2002 wird vor diesem Hintergrund nicht nur durch die Bush-Regierung in Washington und eine neue rechte Sammlungsbewegung (in der Teile der Liberalen und Konservativen Partei aufgehen), sondern auch von den Paramilitärs offen unterstützt.
Mit dem Amtsantritt des Präsidenten verschärft sich der faktische Ausnahmezustand. Uribe setzt Rechtsgarantien in Konfliktregionen außer Kraft und lässt im ganzen Land Massenverhaftungen durchführen. Mehrere Tausend Menschen werden verhaftet, um schließlich – nach meist etwa zwei Jahren Untersuchungshaft – ohne Anklageerhebung wieder freizukommen. Uribe gibt Menschenrechtsgruppen zum Abschuss frei, indem er sie als terroristische Vorfeldorganisationen bezeichnet, erteilt der Armee freie Hand und erteilt dem von großen Teilen der Gesellschaft geforderten humanitären Austausch von Gefangenen mit den FARC eine Absage. Stattdessen nimmt er, wie bereits skizziert, „Friedensverhandlungen“ mit den AUC auf, die sich in einem undurchsichtigen Prozess 2004-2006 als Dachverband demobilisieren. Im Rahmen des Gesetzes Justicia y Paz, das nicht zufällig den Namen eines regierungskritischen Menschenrechtsprojekts trägt , werden 30.000 Paramilitärs (und einfache Kriminelle, die sich bei den Paramilitärs einkaufen, um Straffreiheit für andere Taten zu erlangen) amnestiert. Die Paramilitär-Chefs können Kleinbauern-Land an ihre Truppen verteilen und damit sowohl den Landraub nachträglich legalisieren als auch quasifeudale Verhältnisse schaffen.
Uribe, der von einem „kommunitären Staat“ spricht, in dem möglichst viel Verantwortung vor Ort übernommen werden soll, sorgt mit seinem Sicherheitskonzept für eine Gesellschaft, in der Kontrolle gleichzeitig totalisiert und dezentralisiert wird. Schon im Wahlkampf 2002 verkündet er, eine Million Informanten für die Armee anheuern zu wollen. Jeder zwanzigste erwachsene Kolumbianer wäre damit ein Spitzel. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass dieses „Wahlversprechen“ nicht eingehalten werden konnte, zeigt es auf, um was es dem Präsidenten geht. Er strebt Strukturen an, in der die Bevölkerung in Kontrollstrukturen eingebunden ist, ständig davon ausgehen muss, überall und unsichtbar beobachtet zu werden, und sich deshalb (wie der Häftling in Benthams panoptischer Gefängnisarchitektur) selbst überwacht. Nur konsequent ist es da, dass Uribe 2006 gegenüber US-Senatoren ins Gespräch bringt, kolumbianische Arbeitseinwanderer in die USA könnten mit elektronischen Fußfesseln ausgestattet werden, um auf diese Weise den illegalen Verbleib der Einwanderer nach Ablauf ihrer Aufenthaltsgenehmigung zu verhindern (Washington Post 1.5.2006).
Die Demobilisierung der AUC vollendet in diesem Zusammenhang zentrale Punkte des kontrollpolitischen Projekts. All die von den Paramilitärs durchgesetzten Veränderungen: die Etablierung neuer politischer Strukturen (Schwächung der Linksopposition, Neuformierung der Rechten außerhalb der traditionellen Parteien), die Verschiebung ökonomischer Besitz- und Produktionsverhältnisse (Landkonzentration, Erschließung von Kleinbauernland für die Weltmarktproduktion), soziale Umstrukturierungen (Zerschlagung von sozialen Bewegungen und Aufbau kontrollierter Organisationsformen der Bevölkerung, Vertreibung renitenter und Neuansiedlung von „höriger“ Bevölkerung), die veränderten Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit (weitgehende Verdrängung von Gewerkschaften), die Schaffung einer angstbestimmten Kontroll- und Überwachungskultur werden verfestigt, abgesichert und teilweise verrechtlicht.
Die AUC kann – wie ihre Führer es immer als Ziel formuliert haben – das staatliche Gewaltmonopol anerkennen, weil die Ordnung in den betreffenden Regionen durchgesetzt ist. Ja, es ist sogar vernünftig, die Organisation zu demobilisieren. Eine dauerhafte Auflösung des Gewaltmonopols beraubt den Staat nämlich einer seiner tragenden Säulen. Ohne die von Staat garantierten Leistungen – Unterhaltung einer Infrastruktur, Rechtssicherheit, räumliche Souveränität – ist kapitalistische Ökonomie jedoch unvorstellbar. Auf der Grundlage von Banden- und Enklavensystemen lassen sich Rohstoffvorkommen ausplündern, aber keine komplexeren wirtschaftlichen Kreisläufe organisieren. Insofern ist es aus Sicht der Eliten und der im Land tätigen transnationalen Unternehmen wichtig, dass die temporär funktionale Auslagerung von Gewalt an außerstaatliche Gruppen zurückgefahren wird. Der kolumbianische Staat hat „ausgelagert“ und „geschehen lassen“, er hat dafür gesorgt, dass sich bestimmte Dinge ereigneten. Jetzt erlangt er die Kontrolle zurück. Die AUC lösen sich als politischer Akteur, die Morde von paramilitärischen Gruppen gehen, auf verdecktere Weise, weiter.

Aussichten: Unfreundlich, aber unbeständig

Ob dieser Prozess, der sich in den vergangenen Jahrzehnten so logisch wie (im eigentlichen Wortsinne) terroristisch entfaltet hat, zu einem Abschluss gelangen wird, ist dennoch offen, und zwar aus drei Gründen:
Erstens ist die Guerilla ungeschlagen. Die ELN, die sich lange aus der Drogenbesteuerung herausgehalten hat und mit ihrer „Volksmacht“-Strategie von Verbindungen zu sozialen Bewegungen abhängig ist, ist in den vergangenen Jahren zwar sichtlich geschwächt worden. Doch die FARC – die sich (was heute fast vergessen ist) erst nach der Vernichtung der legalen Unión Patriótica von einer eher defensiv agierenden Kraft in eine aggressiv expandierende Armee verwandelten – haben nicht im geringsten an Stärke eingebüßt. Nur der umfassenden Luftüberwachung mit US-amerikanischen AWACS-Flugzeugen und anderen Hochtechnologiemaschinen (u.a. von niederländischen Antillen aus) ist es geschuldet, dass sie sich von Hauptverkehrsstraßen und Ballungszentren zurückziehen mussten. Somit ergibt sich ein widersprüchliches Bild: Man kann die FARC kaum als emanzipatorische Bewegung bezeichnen. Sie stammen aus einem autoritär strukturierten Parteikommunismus und haben sich im Verlauf des Krieges militarisiert. Trotzdem sind sie eine wichtige oppositionelle Kraft Kolumbiens und das größte faktische Hindernis für Uribes Projekt.
Zweitens ist es den sozialen und politischen Bewegungen trotz vieler Tausend Tote gelungen, sich neu zu formieren. Die existierenden Organisationen stellen als solche zwar keine große Gefahr für die herrschende Ordnung dar, doch seit Jahren sagen die Armutsberichte der Regierung den Ausbruch von Elendsrevolten voraus. Vor diesem Hintergrund ist die Existenz systemoppositioneller Bewegungen nicht zu unterschätzen. Teile der Politik haben deshalb versucht, die Bildung eines stabileren Parteiensystems voranzutreiben. Das Panorama, wie es ihnen und wohl auch den Politikberatern in den Botschaften der USA und EU vorschwebt, sieht so aus, dass die inhaltlich kaum zu unterscheidenden Klientelverbände Liberale und Konservative Partei durch „gemäßigte Programmparteien“ ersetzt werden. Eine „Rechtspartei“ und eine (sozial-) demokratische „Mitte-Links-Partei“ könnten sich so gegenseitig an der Regierung ablösen, ohne dass es deshalb zu einem grundlegenden Politikwechsel käme. Die Entwicklung des Oppositionsbündnisses Polo Democrático Alternativo (PDA) hat dieses Projekt jedoch zuletzt etwas gebremst. Im PDA ist zwar auch jenes politische Spektrum vertreten, dem es (wie dem Bürgermeister von Bogotá Lucho Garzón) nur um eine effizientere Verwaltung der bestehenden Verhältnisse geht und das deshalb von den Eliten oft als „Bereicherung der Demokratie“ gelobt wird, doch im PDA durchgesetzt haben sich zuletzt die Kandidaten der Linken. Der ehemalige Verfassungsrichter und Sozialist Carlos Gaviria konnte, gerade weil er keine inhaltlichen Kompromisse machte, mit zweieinhalb Millionen Stimmen das beste Ergebnis in der Geschichte der kolumbianischen Linken einfahren.
Drittens schließlich scheint die Verbindung, auf die sich Uribe stützt, nicht sehr stabil. Wenn man gleichzeitig von der Drogenmafia, der US-Regierung, den kolumbianischen Militärs, transnationalen Unternehmen, dem Großgrundbesitz, den Mehrheitsfraktionen der traditionellen Parteien, erklärten Gegnern des alten Parteiensystems und paramilitärischen Kriegsherren unterstützt wird, muss man früher oder später Schwierigkeiten bekommen. Tatsächlich haben sich die Skandale zuletzt auffällig gehäuft. In der Nähe von Cali erschoss eine Eliteeinheit der Armee im Juni 2006 offensichtlich im Auftrag von Drogenhändlern zehn Angehörige einer Polizei-Sondereinheit. Und ungefähr zeitgleich, sagte ein führender Funktionär der DAS-Polizei gegenüber der Justiz aus, dass sein ehemaliger Vorgesetzter (der Uribe-Vertraute) Jorge Noguera eng mit dem nordkolumbianischen Paramilitarismus zusammengearbeitet habe. U.a. habe man die Ermordung von Gewerkschaftern koordiniert, 2002 bei der Wahl Uribes 300.000 Stimmen gefälscht und mit venezolanischen Rechtsoppositionellen an Umsturzplänen gegen die Regierung in Caracas gearbeitet – ein Komplott, an dem sechs namentlich nicht genannte Mitglieder der Regierung Uribe beteiligt gewesen sein sollen.
Vor diesem Hintergrund sind heute beide Szenarien vorstellbar: Dass sich das autoritäre Regime in der zweite Amtsperiode Uribes weiter verfestigt genauso wie dass die mafiotische Allianz, von Missgunst und Feindschaften zerfressen, wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt und sich die Sicherheitspolitiker – aus Kolumbien, den USA und Europa – etwas Neues einfallen lassen müssen.

Raul Zelik

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http://ip.podcast.de/episode/1382724/Raul_Zelik%3A_Kriegsgebiet_Arauca_2005

Abstract:
Con la llamada Seguridad Democrática del presidente Álvaro Uribe culmina una política de transformación autoritaria cuya raíces datan hasta los años 60. Desde el lanzamiento de la Doctrina de Seguridad Nacional, las elites colombianas han buscado la destrucción preventiva de todos aquellos movimientos – sean armados, políticos o sociales – que pondrían en peligro al establecimiento. Con la agudización del conflicto político a finales de los 70 y a principios de los 80, se dio un salto en este proyecto. Con el nacimiento del fenómeno paramilitar que hoydía cubre a prácticamente todo el país, se ha desarrollado una guerra irregular en defensa de las instituciones. Esta estrategia paramilitar fue fruto de una extraña alianza entre clases políticas tradicionales, latifundio, empresas transnacionales, los cuerpos de seguridad y las mafias del narcotráfico. A contrario de lo que plantea hoy la mayoría de los medios de comunicación colombianos, el autor defiende que esta alianza no sólo se ha mantenido, sino consolidado y ampliado a lo largo de los años. En este sentido, los llamados “acuerdos de paz de Santa Fe de Ralito”, firmados entre el gobierno de Uribe y los grupos paramilitares de las AUC, tienen que ser interpretados como una institucionalización de régimenes autoritarios mafiosos regionales.

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien