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Angriffsziel Kooperativen

In Kolumbien formiert sich zwar wieder eine politische Opposition, doch konkrete Ansätze der Veränderung werden nach wie vor brutal verfolgt

(erschienen in WOZ Februar 2004)

Mit dem Ergebnis der Referenden und Kommunalwahlen von Oktober 2003 hat sich in Kolumbien ein neuer politischer Raum geöffnet. Eine Koalition von Gewerkschaften, der linken Sozialen und Politischen Front, dem Wahlbündnis Demokratischer Pol und sogar des progressiven Flügels der Liberalen Partei fügte der Regierung Uribe bei den Abstimmungen eine verheerende Niederlage bei. Die Wahlenthaltungskampagne der Mitte-Links-Opposition gegen das Umstrukturierungsprogramm von Uribe führte dazu, dass der angeblich so populäre rechte Präsident bei keinem der Referendumspunkte mehr als 6 Millionen (24 Millionen möglichen) Ja-Stimmen erreichen konnte. Darüber hinaus setzten sich bei den Kommunalwahlen in den drei wichtigsten Ballungszentren Kolumbiens Bogotá, Cali und Medellín Mitte-Links- Kandidaten durch. Bogotá sowie das Departement Valle de Cauca werden nun von den (nicht miteinander verwandten) ehemaligen Generalsekretären des Gewerkschaftsverbandes CUT Lucho Garzón und Angelino Garzón regiert. Beide haben zwar längst mit ihrer KP-Vergangenheit gebrochen und könnten am ehesten als Sozialdemokraten bezeichnet werden, repräsentieren aber dennoch eine deutliche Gegenposition zur Regierung Uribe. Ob sich nun aber wirklich eine für Frieden mit sozialen Reformen eintretende Opposition im Land formieren wird, hängt wesentlich auch vom Verhalten der Armee ab. In den Konfliktregionen ist die Situation für Regierungskritiker nach wie lebensgefährlich - nicht nur im Departement Arauca.

Arauca, Nordostkolumbien
Jorge Gomez ist ein dünner, eher schüchtern wirkender Mann um die 45. Er erwartet uns in der Schalterhalle, wo die Kunden ihre Einzahlungen machen. Es ist drückend heiß. Seit drei Tagen gibt es keinen Strom mehr. Die Guerilla hat westlich von Saravena die Masten gesprengt. Eigentlich ist Jorge Gómez gar nicht Chef von Empresas Comunitarias de Agua y Alcantarillado de Saravena, des für Wasser, Kanalisation und Müllentsorgung zuständigen Unternehmens in der 40.000 Einwohnerstadt. Aber da die Verantwortlichen der Kooperative seit einiger Zeit in Haft sitzen, obliegt es bei ihm, Gäste zu empfangen und ihnen den Betrieb zu erklären. Man merkt schnell, dass Gómez das trotz seiner Zurückhaltung im Grunde genommen gern macht. Der Ingenieur ist stolz auf das Unternehmen, für das er arbeitet. "Wir versorgen Saravena und die Umgebung mit dem besten und billigsten Trinkwasser in ganz Ostkolumbien. Wir haben Sozialfonds, um besonders arme Kunden von den Zahlungen zu befreien, und es gibt keine Bürokratie bei uns. Alle, die hier arbeiten, haben konkrete Aufgaben: in der Produktionsüberwachung, der Buchführung, bei den Reparaturtrupps oder in der Müllabfuhr. Ein brasilianischer Besucher hat neulich gesagt, wir wären ein Beispiel für ganz Lateinamerika."

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ECAAS ist tatsächlich ein ziemlich einzigartiger Fall - wahrscheinlich nicht nur in Kolumbien. Das Unternehmen entstand in den 70er Jahren als selbstverwaltetes Projekt der Stadtbewohner und ist bis heute weder in private noch in städtische Hand übergegangen. Die Juntas de Acción Comunal, die basisdemokratischen Nachbarschaftskomitees in der Stadt, entsenden jeweils zwei Vertreter in den ECAAS-Aufsichtsrat, der den Geschäftsbetrieb kontrolliert und die Preise autorisiert. Auf diese Weise entscheidet die ganze Bevölkerung über den Betrieb des Unternehmens und kontrolliert die Verwendung der Gelder. Und erstaunlicherweise macht sich diese Struktur auch ökonomisch bezahlt: ECAAS arbeitet trotz verschiedener Sozialausgaben wirtschaftlich.

An sich hätte man also guten Grund, optimistisch in die Zukunft zu blickt. Doch so ermutigend die Existenz von ECAAS an sich ist - die aktuelle Situation für die Angestellten ist eine Katastrophe. Jorge Gómez führt uns in den ersten Stock in einen zur Straße hinausgehenden Konferenzraum und kommt auf die staatliche Verfolgung des Betriebs zu sprechen. "Wir stehen unter Generalverdacht. Mehr als zehn unserer Angestellten sind in den vergangenen Monaten erschossen worden oder sitzen im Gefängnis. Die Armee und die Todesschwadronen bezeichnen uns als Terroristen und Guerilleros. Aber ich weiß nicht, was das mit der Guerilla zu tun hat, wenn man in einem Unternehmen zugunsten der Allgemeinheit arbeitet." Gómez zeigt an die Decke. Im Putz sieht man Einschusslöcher. Die Militärs nehmen in der Kleinstadt immer mal wieder die Büros von Kooperativen und sozialen Organisationen unter Beschuss.

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Eine halbe Stunde später fahren wir auf einem Pickup an Viehweiden entlang Richtung Cordillera Oriental. Die Berggipfel, die sich westlich von hier am Nevado de Cocuy bis auf 5000 Meter erheben, versinken im Dunst. Dunkler, dichter Bergwald erstreckt sich an den Hängen. In dieser Gegend gibt es noch große, völlig unbewohnte Dschungeltäler. Etwas oberhalb, an der Straße Saravena-Cúcuta beginnt außerdem das Siedlungsgebiet der U'wa-Indígenas, die in den vergangenen 15 Jahren einen heftigen und international viel beachteten Kampf gegen die Ausbeutung von Erdölvorkommen auf ihrem Land durch die Occidental Oil Company geführt haben. Der Fahrer des Wagens hält einige Male an, um am Wegrand stehende Bauernfamilien und Indígenas einzusammeln. Die ECAAS-Mitarbeiter begreifen ihr Unternehmen auch in dieser Hinsicht als eine Art "volkseigenen Betrieb". Da es auf manchen Strecken keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt, transportiert man Passanten unentgeltlich. Außerdem werden bei kulturellen Aktivitäten in der Stadt der Fuhrpark und Trinkwasser zur Verfügung gestellt.

"Ich glaube, dass es diese Zugehörigkeit von ECAAS zum sozialen Netz in der Region ist, warum sie das Unternehmen so vehement angreifen." Enrique Robles ist ein ganzes Stück kleiner als Jorge Gómez und auf den ersten Blick ebenfalls recht unscheinbar. Möglicherweise ist genau diese Eigenschaft der Grund, warum Robles bisher in Saravena bleiben konnte. Immerhin gehört er zur Leitung von COAGROSARARE, dem ebenfalls unter starkem Repressionsdruck stehenden regionalen Agrarkooperativenverbund. "Seit der Amtsübernahme von Präsident Uribe ist die Situation in Arauca unerträglich. Die Bürgerrechte sind außer Kraft gesetzt, viele Leute mit Hilfe von Kronzeugen als Guerillasympathisanten verhaftet worden. Sogar der gewählte Bürgermeister sitzt im Knast." Robles ist überzeugt, dass die Guerillabekämpfung dabei nur ein Vorwand ist. Für viel wichtiger hält er die Tatsache, dass in Arauca ein Großteil des ökonomischen Lebens in Kooperativen organisiert ist: Taxis, Buslinien, Landwirtschaft, die Dorfläden. "Das sind praktische Alternativen zur Privatisierungspolitik. Wenn solche Beispiele Schule machen, würden."

Dass die Guerilla in der Gegend bedeutungslos wäre, kann man andererseits allerdings auch nicht gerade behaupten. Als ich über das Wagendach blicke, entdecke ich neben der Schotterpiste 300 Meter vor uns Bewaffnete stehen. Robles deutet auf die Viehweiden. In regelmäßigen Abständen sind camouflage-farbene Hängematten unter Bäumen aufgespannt. Durch das Gebiet verläuft die Trasse der Erdölpipeline Cano Limón-Covenas, über die die Occidental Oil Company kolumbianisches Öl auf den Weltmarkt bringt. ELN und FARC haben diese Pipeline in den vergangenen 10 Jahren mehrere Hundert Mal in die Luft gesprengt und der Regierung in Bogotá damit allein im Jahr 2001 geschätzte 445 Millionen US-Dollar Verlust zugefügt - was wiederum die Bush-Administration 2003 dazu veranlasste, 98 Millionen US-Dollar allein zum Schutz dieser Ölleitung zur Verfügung zu stellen.

Die Präsenz der Guerilla beschränkt sich dabei nicht auf ökologisch fragwürdige Pipeline-Anschläge. Vor allem der Frente Domingo Laín, die örtliche ELN-Einheit, die 1980 aus einer radikalisierten Bauernorganisation hervorging, hat im sozialen und politischen Leben des Departements immer eine wichtige Rolle gespielt. Im Unterschied zu den meisten anderen Regionen Kolumbiens hat die Guerilla in Arauca eine Landreform durchgesetzt, die politischen Mandatsträger bei Korruptionsfällen zur Rechenschaft gezogen und in manchen Gegenden sogar gezielt Entwicklungspolitik betrieben.

Für Enrique Robles besteht das Hauptanliegen der Uribe-Regierung dennoch nicht in der Bekämpfung der Aufständischen. "Sonst würden sie mit der Guerilla kämpfen. Doch die größten Anstrengungen unternimmt die Armee bei der Verfolgung der sozialen Organisationen."

Nach 20 Minuten Fahrt durch eine idyllisch anmutende Ebene am Fuß des kolumbianischen Bergwalds erreichen wir die Trinkwassergewinnungsanlage von Saravena. In großen Becken wird das aus einem Fluss entnommene Wasser mehrfach aufbereitet, gefiltert und leicht gechlort, bis es den gesetzlichen Anforderungen entspricht. Die drei Arbeiter, die auf der Anlage Schicht haben, zeigen sich freundlich, aber wortkarg. In den letzten Monate sind ECAAS-Angestellte wahllos zu Attentatszielen gemacht worden. Die Armee wirft dem Unternehmen pauschal vor, von der Guerilla kontrolliert zu werden, was im Umkehrschluss darauf hinausläuft, dass jeder Mitarbeiter des Betriebs als militärisches Angriffsziel der Todesschwadronen fungiert. Ein junger Ingenieur, der sich speziell für die Arbeit in der Anlage hat ausbilden lassen, zeigt uns die neu erworbenen Messapparaturen im Labor. Durch das Fenster blickt man auf einen kurz gehaltenen Rasen und eine erst unlängst gestrichene Mauer. Ein betont gepflegte Anlage. Hinter dem ECAAS-Grundstück erstreckt sich der Wald. Wenn die Trinkwasseranlage nicht so laut brummen würde, könnte man hier Grillen und Käfer zirpen hören.

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Für Enrique Robles ist es von Bedeutung, dass sich das Kooperativennetzwerk in Arauca nicht auf Produktion und Vermarktung beschränkt. COAGROSARARE, betont er, sei ein integrales Projekt. Um uns davon zu überzeugen, zeigt er uns am darauf folgenden Tag eine ländliche Agrarschule außerhalb Saravenas. Während der Fahrt auf der asphaltierten Überlandstraße herrscht nicht gerade entspannte Stimmung. Die Ein- und Ausgänge der Ortschaften werden von Elitesoldaten bewacht. Kurz nachdem wir die Straßensperre von El Fortul passiert haben, kreuzen Helikopter den Himmel. Die Armee hat unlängst mit Herbizideinsätzen gegen Koka-, aber auch Lebensmittelpflanzungen in der Region begonnen und begleitet die Besprühungen mit einer Militäroperation. Außerdem führt die Straße, auf der wir uns bewegen, nach Tame - einer 20.000 Einwohner-Gemeinde, in der rechte Paramilitärs nach Angaben der örtlichen Menschenrechtsorganisation seit 2002 an die 500 Personen ermordet haben und in die unsere Begleiter nicht mehr reisen können.

Doch bevor wir den von Paramilitärs kontrollierten südlichen Teil des Departements Arauca erreichen, biegt der Pickup von der Hauptstraße ab. Der Krieg geht hier zwar immer wieder zwischen idyllischen Naturlandschaften verloren, ist aber tatsächlich allgegenwärtig. Am Straßenrand liegt ein Toter, dessen Existenz allerdings keinen der Einheimischen zu schockieren scheint. Wenig später gelangen wir auf eine Finca mit großem Geräteschuppen, Wohnhaus und einer geräumigen Kantine. Hier startete vor einigen Jahren ein Pilotprojekt der Bauernorganisation ADUC und des Kooperativennetzwerks COAGROSARARE zur Weiterbildung von Bauern. Die meisten Farmer in den erst in den vergangenen 30 Jahren kolonisierten ostkolumbianischen Llanos haben - wenn überhaupt - nur die Grundschule absolviert. Vor diesem Hintergrund hat die Bauernorganisation zur Selbsthilfe gegriffen und mit Unterstützung einiger Techniker das so genannte bachillerato campesino, das Bauernabitur, entwickelt. Über mehrere Jahre, so Robles, seien die Bauern der Gegend jeden Monat für zwei Tage zusammen gekommen, um sich in landwirtschaftlichen Techniken und Betriebsführung weiterzubilden. Außerdem sei die Schule natürlich auch so etwas wie ein Organisationsansatz, um die Solidarität zwischen den Bauern zu stärken. Mittlerweile habe man das Programm an dieser Schule abgeschlossen und neue Projekte in anderen Teilen des Departements in Angriff genommen.

Die Finca dient seitdem als Versuchsfeld für die Rohzuckerproduktion. Der Boden von Arauca gilt eigentlich als ungeeignet für den Zuckerrohranbau. Aber aufgrund der Kriegssituation habe man beschlossen, die Selbstversorgung der Region mit Grundnahrungsmitteln zu organisieren. Für eine Vermarktung des Produkts wird es nicht reichen, aber die Abhängigkeit von Lebensmittelkäufen aus anderen Landesteilen nimmt ab.

"COAGROSARARE stellt sogar eine eigene Trinkschokolade her." Enrique Robles lächelt. "Viele Leute finden die Schokolade allerdings grässlich. Unsere Läden müssen sie verkaufen. Und irgendwann wird die Kooperative das mit der Rezeptur auch besser hinkriegen."

Wir werden eingeladen, die Felder der Finca zu besichtigen. Aida Arenales begleitet uns. In Badelatschen schlappt sie neben uns her. Das Zuckerrohr steht nicht besonders hoch, doch Aida, die für COAGROSARARE gelegentlich Bildungsveranstaltungen ist trotzdem zufrieden. "Wo sonst in Kolumbien findest du Kooperativen, die eigene Traktoren besitzen und sogar das eine oder andere Produkt weiterverarbeiten." Aida Arenales ist eine von mittlerweile 3 Millionen kolumbianischen Vertriebenen. Bis Mitte der 1990er Jahre lebte sie in einem Vorort von Medellín. Bis ihr Lebensgefährte dort mit dem Tod bedroht wurde. "Wir sind hierher gekommen, weil wir dachten, dass wir hier in Ruhe leben können würden. Aber da haben wir uns offensichtlich getäuscht." Es ist das Drama der kolumbianischen Vertriebenen: Repression und Krieg folgen ihnen überall hin. "Wenn wir auch wegmüssen, bleibt eigentlich nur noch das Ausland." Enrique Robles, der beim Gespräch mitgehört hat, macht ein ablehnendes Gesicht. "Wir gehen hier nicht weg. Wir haben das alles aufgebaut und wir haben ein Recht darauf, dass man unsere Arbeit respektiert."

Raul Zelik

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien