Kubanische Doppelwelten
Eindrücke während der Buchmesse in Havanna
(Wochenzeitung Freitag Februar 2007)
Buchmessen sind eigenartige Veranstaltungen. Unter Aufwendung
größter finanzieller Mittel stellen sie unter Beweis, dass
kulturelle Produktion im Kapitalismus trotz allen BildungsZivilisations-Blabla
in erster Linie durch ihre Warenform bestimmt ist. In flughafenähnlichen
Hallen werden Bilder, Geschichten und Personen so massenhaft und umfassend
vermarktet, dass der Text an sich bedeutungslos, fast sogar hinderlich
erscheint.
Die Buchmesse in Havanna ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme: Zwar
findet auch hier Markt statt – schließlich wird wie anderswo
gekauft und verkauft –, aber um den Warenabsatz geht es nur
am Rande . Havannas Buchmesse ist kein Ereignis zur Steigerung von
Sozialprodukt oder Unternehmensgewinnen, sondern ein Volksfest. Zehntausende
strömen täglich über das Gelände auf der alten
Militärfestung, die über der Bucht von Havanna thront und
dem Atlantik die Stirn bietet. Schulklassen, Familien auf Wochenendausflug,
hochrangige Militärs, jugendliche Rocker, die sich mit Charles-Manson-T-Shirts,
Tätowierungen und einer lebenden Boa von der Staatskultur abzusetzen
versuchen, Funktionäre, Rastas, Rentner. Die Buchmesse ist Stadtgespräch
– ganz Havanna war schon da, ist gerade dort oder will noch
hin. Dabei geht es auch um Bücher: Auf der Messe kommt man an
Veröffentlichungen, die in den Buchhandlungen sonst nicht und
schon gar nicht in einheimischen Pesos erhältlich sind. Doch
mindestens ebenso wichtig ist das Unterhaltungsprogramm. Konzerte,
Kinderspiele, Imbissbuden. Was in der Stadt sonst oft nur schwer zu
finden ist, nämlich die nicht nur Devisenbesitzern zur Verfügung
stehende gastronomische Infrastruktur, ist hier neun Tage lang überraschend
gut organisiert.
***
Havanna ist gewöhnungsbedürftig; selbst wenn
man nicht das erste Mal hier ist. Eine Millionenstadt im Zwielicht:
keine angestrahlten Werbeflächen, keine glitzernden Fassaden,
nur sparsam eingesetzte orangefarbene Straßenbeleuchtung. Außerhalb
der Hauptstadt, erzählt mir ein auf der Insel lebender Freund,
breitet sich wirkliche Nacht aus, völlige Dunkelheit. Mir erscheint
schon die für kubanische Verhältnisse großzügige
Beleuchtung Havannas als Zeichen des Verfalls.
Dabei sind auf den Straßen spürbar mehr Fahrzeuge unterwegs
als in den 1990er Jahren. Seit die Regierung Chávez Kuba mit
Erdöl versorgt, hat sich die Lage spürbar entspannt. Entspannt:
Die Straßen sind wieder voll mit stinkendem Individualverkehr.
Der hier lebende Freund, der die Theorie vertritt, der spezifisch
kubanische Beitrag zur Entwicklung des Sozialismus bestehe in der
Umsetzung des von Marx’ kubanisch-französischem Schwiegersohn
Paul Lafargue postulierten Rechts auf Faulheit, behauptet, Kuba sei
zunächst jahrzehntelang von der Sowjetunion ausgehalten worden
und werde heute von Venezuela finanziert. „Dazwischen lag der
Periódo Especial.“
In der Altstadt stehen Jugendliche in großen Trauben vor verfallenen
Fassaden und hören Songs der unsäglichen Shakira oder industriell
gefertigten Reggaeton aus Puerto Rico. Entgegen allen Vorurteilen
bekommt man in Havanna ziemlich oft schlechte Popmusik zu hören.
Auch der Blick in die Hinterhöfe erweckt zunächst apokalyptische
Assoziationen. Kein exotischer Charme des Ruinösen, wie das nächste
gängige Klischee nahe legt, sondern graue, stickige Enge. Ich
nehme Abwehrhaltung ein. Städtische Armut ist gewöhnlich
mit Schmutz, Krankheit, Unsicherheit gleichbedeutend; die nächtliche
Ansammlung von Jugendlichen in einer kaum beleuchteten Straße
mit unmittelbarer Bedrohung.
Ein blödsinniger, vielleicht sogar sozialrassistischer Reflex.
Selbst die ärmsten Teile Havannas sind nicht schmutzig, krank
oder gewalttätig; die Jugendlichen, die hier rumstehen, sind
Jugendliche, die hier rumstehen.
Die idiotischen Seiten Kubas werden dadurch nicht besser. Aber dass
die Warenform nicht die zentrale ökonomische Figur in dieser
Gesellschaft ist, hat denn doch in vieler Hinsicht große Bedeutung.
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Man tut sich als Ausländer auch deshalb in Havanna
so schwer, weil hier die antrainierten Zeichensysteme versagen. Die
Ruinen der Altstadt beherbergen überraschende Normalität.
Während sich von der Straße aus der Zusammenbruch abzeichnet,
hat man es sich in den Wohnungen im Inneren behaglich gemacht: das
Bad gefliest, auf dem Dach ein Zimmer angebaut, neue Möbel gekauft.
Woher die Materialien dafür kommen und vor allem woher die Leute
das Geld dafür haben, kann oder will niemand so richtig erklären.
Der hier herrschende Zustand ist schwer zu beschreiben, vielleicht
treffen es Begriffe wie ‚prekäre Grundsicherung’
oder ‚formal-informaler Armutswohlstand’. Zur Zeit werden
in Kuba neue Fernseher, Kühlschränke und Waschmaschinen
an die Haushalte verteilt. „Das hat uns Fidel geschenkt“,
erklärt mir eine junge Frau in dem Haus, in dem ich wohne. Mein
Einwand, dass Konsumgüter verteilt werden, die sich die kubanische
Bevölkerung kollektiv erarbeitet hat, und hier kein monarchistisches
Geschenk vorliegt, wird nicht verstanden. Zu den idiotischen Seiten
in diesem Land gehört beispielsweise, dass offensichtliche Fragen
zwar gestellt, aber nicht diskutiert werden können.
Andererseits: Ein mit Neonlicht grell ausgeleuchteter Raum, in dem
kaputte Gläser seit Jahren nicht ersetzt worden sind, morsche
Fensterläden nicht schließen, die Farbe an den Wänden
trübe abblättert, weist doch mehr Wohnkomfort auf als vergleichbare
Wohnorte in anderen Teilen Lateinamerikas.
***
Die Behauptung, dass in Havanna nicht alles Ware ist,
muss wie alles, was man über die Insel sagt, Positives wie Negatives,
sofort relativiert werden. Eine seltsame Doppelökonomie prägt
das Land. Selbst auf der Buchmesse, immerhin die staatlich organisierte
Unterhaltungsveranstaltung, ist das zu bemerken. Auch einheimische
Buchproduktionen, für die es an Papier und verlässlichen
Druckereien mangelt (das renommierte Verlagshaus Casa de las Américas
lässt deshalb mittlerweile in Kolumbien drucken), sind an vielen
Ständen nicht in kubanischen Pesos zu erwerben. Die konvertible
Touristenwährung CUC ist unverzichtbares Zahlungsmittel. Wer
ein illustriertes Kinderbuch – eindeutig der Renner dieser Buchmesse
–, oder eine Dose kubanische Limonade kaufen will, wer mit dem
Taxi fahren muss, weil die Busse überfüllt vorbeirauschen
oder sich auf dem sozialen Ereignis Buchmesse mit neuen Schuhen sehen
lassen will, muss an CUC kommen. Ohne diesen Zugang zur kapitalistischen
Rest-Welt kann man im staatlich importierten chinesischen Reiskocher
Kohlehydrate weich kochen, auf den einheimischen Agrarmärkten
Gemüse kaufen, fernsehen, die illegale Kopie eines US-Films im
Kino sehen, eine Schule besuchen, sich im Krankenhaus die ernsten
Erkrankungen behandeln lassen... Alles Weitere findet im monetären
Paralleluniversum statt. Eine absurde, manchmal auch grausame Doppelwelt:
Der durchschnittliche Lohn liegt bei umgerechnet 8 Euro, das heißt:
ein Bier - vier Tage durchschnittlicher einheimischer Arbeitslohn,
eine Taxifahrt - zwei Wochen einheimischer Arbeitslohn, ein Paar Schuhe
- ein halbes Jahr einheimischer Arbeitslohn. Selbst für die einfache
Gesundheitsversorgung muss auf Kuba – informell – häufig
gezahlt werden. Auch die Zahnärztin ist vom Zugang zur Welt des
CUC abhängig und verschafft ihn sich durch informelle Zuzahlungen.
Die Behauptung von freundlich gesonnenen Kuba-Reisenden, es gebe doch
wieder alles im Land, ist vor diesem Hintergrund einigermaßen
zynisch. Wer in Havanna ausschließlich über Moneda Nacional
verfügt, verhungert zwar nicht, am sozialen Leben teilnehmen
allerdings kann er / sie auch nicht wirklich.
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Das Schattensystem, das die formale Ökonomie mit
dem monetären Paralleluniversum verbindet, ist unüberschaubar.
Ich trinke mit einer kolumbianischen Bekannten, einer Exilierten,
die weiß, was sie dem kubanischen Staat zu verdanken hat, zwei
Dosen Limonade – 15 Prozent eines monatlichen Durchschnittseinkommens.
Die Freundin erzählt, dass die Bedienung in diesem Imbiss nicht
vom Lohn, sondern von dem Käse lebt, den sie hier klaut, um ihn
schwarz zu verkaufen.
Die Freundin erzählt weiter, dass der Staat diesem kollektiven
Diebstahl einerseits machtlos gegenübersteht, ihn andererseits
erzwingt und maßgeblich prägt. Wer keine Verwandten im
Devisenausland hat, muss mitstehlen, um über die Runden zu kommen,
und leitende Funktionäre üben häufig auch bei der systematischen
Schattenprivatisierung gesellschaftlichen Eigentums leitende Funktionen
aus. Die Freundin berichtet, dass die Staatsführung allerdings
auch immer wieder die Handbremse zieht. Im vergangenen Jahr seien
alle Tankstellenwärter im Land wegen Korruption gefeuert worden.
„Das waren die reichsten Leute im Land“, behauptet die
Freundin. „Die haben den Benzinverbrauch der offiziellen Fahrzeuge
zu hoch angesetzt und den beiseite geschafften Kraftstoff schwarz
verscheuert.“ Danach seien Studenten als Tankstellenwärter
angestellt worden.
Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt. Auch Öffentlichkeit
findet auf der Insel in einem eigenartigen Schattensystem statt, präsentiert
sich dabei allerdings – wie gesagt: sowohl Lob als auch Kritik
der Verhältnisse bedürfen der Einschränkung –
in vieler Hinsicht als weniger manipuliert als die von Konzernen und
bürgerlichen Repräsentationsformen dominierte Öffentlichkeit
Westeuropas. Trotz offizieller Verlautbarungsprosa ist der Blick der
Betroffenen auf die Realität dann doch oft sehr hellsichtig:
„Die Planung in diesem Land ist weniger von Karl Marx inspiriert
als von dessen Namensvettern Groucho, Chico und Harpo...“
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Das Zeichensystem Havannas folgt Prinzipien, die denen,
an die wir uns in Europa gewöhnt haben, genau entgegengesetzt
sind. Wird man im Kapitalismus gezwungen, einer Flut von Zeichen –
Handlungsanweisungen, Lebensstilbotschaften, Lustversprechen –
zu entkommen, so sucht man hier verzweifelt nach Orientierungspunkten.
Außerhalb der Dollarökonomie gibt es keine Werbehinweise,
und so irre ich zwei Abende lang hungrig durch die Altstadt und finde,
abgesehen von CUC-Restaurants, CUC-Supermärkten, CUC-Hotels,
in die ich nicht will, weil sie ein falsches Bild von der Stadt vermitteln,
nichts zu essen. Erst am dritten Abend stelle ich überrascht
fest, dass in meiner Straße in drei Hauseingängen Mahlzeiten
verkauft werden. Die Imbisse scheinen nach dem Prinzip organisiert,
dass was gebraucht wird, auch gefunden wird. Ein Organisationssystem
von Zeichen, das auch in anderen Bereichen gilt: Die Bushaltestellen
in Havanna sind zwar gekennzeichnet, aber Routen und Liniennummern
müssen eigentlich immer wieder neu erfragt werden. Baumaterialien
sind in Geschäften nicht erhältlich, werden aber dann doch
von Privatleuten überall verbaut. Es gibt keine echte Ausgehmeile,
in den Kneipen der Kubaner sind Getränke in der Regel nur recht
zögerlich und für die Einheimischen zu teuer zu erstehen,
und trotzdem ist der kaum beleuchtete Malecón nachts voll mit
Jugendlichen, Liebespaaren, Schwulen, Transvestiten, die hier, von
der Polizei zurückhaltend misstrauisch beäugt, scheinbar
ohne Getränke und Musikanlage ausgelassen feiern.
Es gibt so vieles, das ich nicht verstehe.
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Prekäre Starre: Im Zwielicht von Havanna sind alle
abgesichert und müssen sich doch alle ständig alles organisieren.
Das Leben ist weniger von Idiotien beherrscht als die Laufradexistenz
des kapitalistischen Kampfsubjekts und doch frustrierend. „Man
gibt den Leuten hier Flügel“, formuliert die kolumbianische
Freundin, „aber lässt sie nicht fliegen.“ Die meisten
von denen, die studiert haben, wollen weg aus dem Land – was
ihnen im übrigen nicht von der kubanischen Regierung versagt
wird, sondern von den visumspflichtigen Wohlstandsstaaten im Norden.
Am letzten Tag meines Aufenthalts auf der Messe tritt bei einer Diskussion
über die Veränderungen in Venezuela ein junger Afrokubaner
ins Mikrofon. Er sagt, sichtlich nervös, dass er zum ersten Mal
von basisdemokratischen Bewegungen in Venezuela höre und sich
sehr darüber freue, denn so müsse eine Revolution sein.
„Von unten nach oben. Hier ist es nicht so. Hier sagen die Leute,
was ihnen von oben vorgegeben wird. Selbst die Sprache ist von oben
vorgegeben.“ Der Afrokubaner gehört zu einem unabhängigen
Kunstkollektiv, das Straßenaktionen macht und dabei, wie er
erzählt, manchmal verhaftet, manchmal toleriert wird. Auf der
Buchmesse in diesen Tagen wird er lesen, als Bestandteil des offiziellen
Programms, Lyrik.
Wir unterhalten uns nach der Veranstaltung weiter. Der Aktivist trägt
ein Greenpeace-Hemd; wie in der DDR scheint sich hier linke Dissidenz
ausgerechnet durch die Annäherung an die bürgerliche Umweltbewegung
des Westens zu artikulieren. Was der Aktivist dann aber erzählt,
klingt weniger nach DDR-Opposition als nach venezolanischer Stadtteilbewegung.
In ihren Straßenaktionen griffen sie, so der Aktivist, Elemente
afrikanischer Kultur auf und lüden sie politisch auf. Der afrikanisch-katholische
Umzug – selbst schon Ausdruck von Umdeutung und Besetzung, denn
der offizielle katholische Heilige wird genutzt, um verbotene afrikanische
Feiern zu begehen – wird ironisch in eine „Wallfahrt für
die Gesundheit der Polizei“ umgewandelt. Der Aktivist erzählt,
dass sie bei den Aktionen literarische Texte lesen, in denen der Alltag
thematisiert und die offizielle Darstellung desselben durchbrochen
wird.
Zu den unerträglichen Idiotien Kubas gehört es, dass das
staatliche Fernsehen den ganzen Tag über die industrielle Filmmaschine
Hollywoods laufen lässt, der Staat Leuten wie diesem Aktivisten,
die letztlich das machen, was proletarische Literatur einmal sein
sollte, aber zu sehr misstraut, um ihre Autonomie zu akzeptieren.
Wobei auch hier eine Relativierung nötig ist: Die US-Filme laufen
nur deshalb im staatlichen Fernsehen, weil die Behörden in einem
Akt kommunistischer Produktpiraterie, Master-DVDs auf dem kapitalistischen
Ausland entführen und fernab kapitalistischer Wertrealisierung
einfach vergesellschaften.
Raul Zelik