(Interview für die Münchner Zeitschrift Hilfe)

Lee Eun-Suk ist Forschungsleiterin des „Koreanischen Instituts für Arbeitsstudien - und -politik“ mit Sitz in Seoul und seit den frühen 80er Jahren in der südkoreanischen Arbeiterbewegung aktiv. Wie viele ihrer Altersgenossen ging sie als Studentin in einen Betrieb und wurde wegen der Gründung einer unabhängigen Gewerkschaftszelle mehrere Jahre inhaftiert.

Es heißt, die südkoreanische Krise sei vorbei. Die Wirtschaftsdaten haben sich entspannt, der Won hat gegenüber dem Dollar gewonnen. Doch die Entlassungen gehen weiter. Demnächst werden bei Daewoo Tausende von Arbeitsplätzen abgebaut. Womit begann die südkoreanische Krise im vergangenen Jahr eigentlich?

Im allgemeinen hatten wir es in Ostasien mit einer klassischen Überproduktionskrise zu tun. Die Kapazitäten waren größer als die Weltmarktnachfrage. Dazu kamen spezifisch südkoreanische Gründe: Die organische Kapitalzusammensetzung ist hier vergleichsweise gering, es wird relativ arbeitsintensiv produziert. Das ist ein Wettbewerbsnachteil im Vergleich zu höher technologisierten Ökonomien.

1997 brachen dann mehrere Chebols (Großkonzerne, die vom Zahnstocher bis zum Flugzeug alles herstellen, Anm.d.R.) zusammen: HANBO, KIA und SAMI gingen pleite. Das hatte zum einen mit Skandalen um Fördergelder und zum anderen mit den Überkapazitäten in der Automobilproduktion zu tun. KIA, der sich als einziger Chebol hauptsächlich auf Autos stützte, hielt dem Zusammenbruch des Geschäfts nicht stand und damit kippten auch die Zulieferer.

Als Antwort auf die Firmenpleiten wurden Bankkonten eingefroren. Die Aktienmärkte brachen ein, ausländisches Kapital kam nicht mehr ins Land und das wiederum rief die Währungskrise hervor. Der Won fiel von 861 Won pro Dollar auf 1500/Dollar. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit nach unseren Zahlen von 8 auf 19% - die Regierung spricht von 7% - und die Unterauslastung der Betriebe von 20% auf fast 40%.

Es ist auffällig, daß die ostasiatische Krise in Europa relativ wenig zu spüren war. Ist die Transnationalisierung weniger fortgeschritten als gemeinhin angenommen wird?

Nein, das glaube ich nicht. Nach den Börsencrashs in Thailand und Südkorea wurde auch der Zustand in Japan und China kritisch. Danach kamen die Krisen in Rußland und Südamerika. In Europa versucht man diesen Trend durch die Währungsunion abzuschwächen, aber auch dort waren die Börsenmärkte in Gefahr. Gerade die Finanzmärkte sind stark transnationalisiert. Die einzige Wirtschaft, die der Effekt nicht zu spüren bekam, war die us-amerikanische, und zwar deshalb weil sich die Geldanleger in festverzinsliche US-Papiere geflüchtet haben.

In Japan soll die Krise viel mit dem Immobilienhandel zu tun gehabt haben. Der jahrelange Anstieg der Immobilienpreise wurde als Steigerung der Unternehmensvermögen verbucht und steigerte damit die Bilanzgewinne. Als dann nach der ersten Firmenpleite der Immobilienpreis stürzte, verfielen auch die Unternehmensvermögen und damit kam es zu weiteren Konkursen. Gab es etwas ähnliches auch in Südkorea?

In Thailand hat das eine Rolle gespielt, aber in Südkorea nicht besonders. Hier hat es sich vor allem um eine Finanz-und Währungskrise gehandelt.

Aber auch in Seoul ist auffällig, wie teuer Wohnraum und Grundstücke sind. Die billigsten Mieten pro Zimmer fangen bei 400 DM an und das bei Monatslöhnen von unter 1000 DM.

Ja, das ist richtig. Das hat mit dem kapitalistischen Boom der 60er und 70er Jahre zu tun. Damals lag die gesetzliche Wochenarbeitszeit bei 48 Stunden, de facto betrug sie wahrscheinlich sogar 60. Gewerkschaften waren verboten, die Zinsraten günstig. Das ermöglichte ein gewaltiges Wachstum, das sich allerdings nicht in Lohnerhöhungen ummünzte. Als die Märkte einigermaßen gesättigt waren, investierten die Kapitalisten nicht mehr in neue Produktionsanlagen, sondern in Aktien und Grundstücke. Das trieb die Immobilienpreise in die Höhe.

Das Problem daran ist, daß die Preise nur so lange steigen können, wie sich der Markt spekulative Erwartungen macht. Für die Bevölkerung bedeutet es extrem teure Mieten.

In den südkoreanischen Geschäften fiel einem sogar zum Höhepunkt der Krise 1998 nichts besonderes auf. Die Kaufhäuser von Hyundai oder LG sind für europäische Verhältnisse extrem voll. Die Bevölkerungsmehrheit scheint ihre Freizeit am liebsten mit Konsum zu verbringen. Selbst Straßenarmut ist weniger zu sehen als in Europa. Wen trifft die Krise eigentlich?

Das fällt einem vielleicht nicht sofort auf, aber der Konsum der Bevölkerung ist stark gesunken. Viele Kaufhäuser sind jetzt bis spät in die Nacht geöffnet, weil die Geschäfte nicht gut laufen. Erstmals seit langem gibt es auf Seouls Strassen wieder Obdachlose. Seit der Einführung des IWF-Programms sind die Realeinkommen der Armen um etwa 10% gefallen, während die der Reichen um 10% gestiegen sind. Der Grund, warum man das wenig sieht, hat mit dem Prestigedenken der meisten Koreaner zu tun. Es wird als Schande empfinden, die Arbeit zu verlieren sich keinen Konsum mehr leisten oder die Ausbildung der Kinder nicht mehr zahlen zu können. Deshalb versucht man Notsituationen zu verbergen.

Der Preis dafür ist allerdings hoch. Es gibt Schätzungen, wonach sich 30% der Studentinnen prostituieren, weil ihre Eltern ihre Studiengebühren nicht mehr zahlen können.

Schon das Straßenbild des südkoreanischen Kapitalismus unterscheidet sich vom europäischen deutlich. Inwiefern haben sich die ostasiatischen Ökonomien anders entwickelt?

Die kapitalistische Entwicklung hier war extrem exportorientiert und von einer repressiven staatlichen Wirtschafts-und Sozialpolitik begleitet. In Südkorea reden wir von einer „Entwicklungsdiktatur“, in der es keinerlei Organisationsrechte gab, jeder Protest brutal unterdrückt wurde und der Staat eng mit den Konzernen verwoben war.

Die Grundlage für die südkoreanische Entwicklung war eine Bauernökonomie, in der es kaum eigene Rohstoffe gab. Die wenigen Industrien befanden sich historisch hauptsächlich im heutigen Nordkorea. Unter dem Diktator General Park Cheong-Hee, der von 1961 bis zu seiner Ermordung 1979 regierte, kam es zum größten Entwicklungssprung, der Yu-Shin Reform. Ausländische, vor allem japanische Investitionen wurden gefördert, und Freihandels- sowie Produktionszonen eingerichtet. Die Entwicklung konzentrierte sich dabei zunächst auf Textilien, Perücken, kleine Elektrogeräte und Schuhe. In den 70ern kamen Autos, Stahl, Schiffe und petrochemische Produkte hinzu, in den letzten 15 Jahren dann auch Computer-Hardware.

Ich finde es überraschend, daß japanische Investitionen gefördert wurden. Nach der brutalen Kolonialherrschaft gab es in Südkorea ja bis 1998 explizit antijapanische Handels- und Mediengesetze. So war zum Beispiel die Einfuhr japanischsprachiger Musik verboten. Wie ließ sich das mit der Investitionspolitik vereinbaren?

Bei der Einführung der Gesetze 1965 gab es starke Proteste, aber das Paket wurde trotzdem durchgesetzt. Der Zufluß von japanischem und us-amerikanischem Kapital wurde begünstigt. In den Freihandelszonen gab es zahlreiche Sonderregelungen, so waren die Arbeiterrechte noch eingeschränkter als sonst im Land und die Steuern niedriger.

Trotzdem wird die südkoreanische Wirtschaft heute von einer Handvoll Chebols (Großkonzerne) kontrolliert. Also muß auch das einheimische Kapital von den Regelungen profitiert haben.

Ja, die Subventionen für Exportindustrien galten für alle. Außerdem war der Nationalismus nach der langen kolonialen Unterdrückung sehr ausgeprägt. Das Kapital hat das ausgenutzt. Die engen Verbindungen zwischen staatlicher Bürokratie und den Unternehmensleitungen garantierten, daß die Konzerne ständig Subventionen und staatliche Finanzierungshilfen erhielten. Erst die Arbeiterkämpfe der 80er Jahre, also der Aufstand von Kwangju 1980 und die Demokratiebewegung ab 1987 haben die Entfaltung der Chebols behindert.

Wie sind die Chebols eigentlich entstanden?

Sie haben sich alle aus einem Kernbereich heraus ausgeweitet. Samsung hat z.B. nach dem Krieg Panzerschrott eingeschmolzen. Illegaler Schmuggel hat ebenfalls eine wesentliche Rolle gespielt. Die Verstrickung mit den Staatsbürokratien hat sie zu unabhängigen Machtapparaten gemacht, zu umfassenden wirtschaftlichen Einheiten, in denen die unterschiedlichsten Produkte hergestellt werden. Die fünf oder sechs Chebols sind auf dem Markt price makers, d.h. sie können die Preise diktieren. Außerdem kontrollieren sie ein Netz von Zulieferfirmen. Erst seit zwei oder drei Jahren empfindet der IWF und mittlerweile auch die Regierung von Kim Dae-Jung dies als Problem. Der Währungsfonds fordert vor allem, daß die Konzerne Bereiche zusammenlegen und sich von den Staatssubventionen lösen.

Der japanische Konzern Toyota gilt als Wegbereiter bei der Auflösung des Fordismus. Selbst in den Kernindustrien wie der Autoindustrie werden die Massenbelegschaften von kleinen, hochqualifizierten Kernbelegschaften abgelöst. Produktion wird auf Subunternehmen und Zulieferer ausgelagert, die Lagerhaltung und Arbeitsorganisation flexibilisiert. Hat sich der südkoreanische Kapitalismus ähnlich verändert?

Es gibt auch bei uns seit 1989 einen Rationalisierungsprozeß mit toyotistischen Maßnahmen. Dabei werden vor allem jene Schritte angewandt, die die Arbeitskraft betreffen. So wurde die Gruppenarbeit eingeführt und die Arbeit als solche intensiviert. Dennoch bestehen fordistische Verhältnisse weiter fort. Die quasi-militärische Organisation am Arbeitsplatz wurde nur durch den Arbeiterwiderstand ab 1987 und die darauffolgende Liberalisierung ein Stück zurückgedrängt.

Allerdings ist das mit der Arbeitsintensivierung in Korea ein bißchen absurd. Es ist, wie wir hier sagen, als ob man ein trockenes Handtuch auswringen wollte. Die Unternehmen versuchen trotzdem alles, um die Arbeit zu intensivieren und die Gewerkschaften zu schwächen -wobei es z.B. bei Samsung noch nicht einmal eine demokratische Gewerkschaft gibt. Bei yundai werden die Löhne beispielsweise an Bewertungsskalen gekoppelt. Wer in der Gewerkschaft ist, wird in niedriger eingestuft. Außerdem werden die Pausenzeiten wieder verringert, und man kehrt zu Belegschaftsversammlungen mit militärischem Drill zurück. Die Integrationsmaßnahmen, mit denen die Feindschaft zu den Unternehmensleitungen aufgeweicht werden sollen, beziehen sich vor allem auf die Gewerkschaftsführer. Man macht zwar auch Betriebsversammlungen, um die Atmosphäre zu verbessern und Änderungen zu besprechen, aber es bleibt bei der grundsätzlichen autoritären Struktur im Betrieb.

Es fragten: Hae-Lin Choi und Raul Zelik

 

 

Design zersetzer. freie grafik / Berlin

Programmierung, Umsetzung G@HServices Berlin V.V.S.

Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien