Kampfsubjektivität - Über Emsdetten, Apocalypse Now und das Wesen der Pädagogik

(veröffentlicht in Wochenzeitung Freitag vom 1.12. 2006)

Zu Emsdetten ist gesagt worden, was zu erwarten war: Die Protagonisten inhaltlicher und ethischer Leere haben die inhaltliche und ethische Leere beklagt, die in den Jugendzimmern der Republik Einzug gehalten habe. Talkshow- Moderatoren, denen keine Quote zu „super“ sein kann, haben die Kritik der Kulturindustrie für sich entdeckt und nach Grenzen für das Unterhaltungskapital verlangt. Und die „Sicherheitspolitiker“ um Beckstein, Stoiber und Co haben auf die Gewalt mit dem Ruf nach mehr Gewalt reagiert: schärfere Kontrollen, härteres Vorgehen, präventive Zugriffsmöglichkeiten auf potenzielle Straftäter.
Einig war sich der Fernseh- und Feuilleton-Talk schnell darüber, dass an dem theatralisch inszenierten Durchdrehen von jungen Männern, wie es nach Erfurt nun auch in Emsdetten zu beobachten war, das schuld ist, was in der Freizeit der Jugendlichen geschieht – in einem Raum, der pädagogisch nicht mehr ausreichend erfasst ist. Das sozialkritischste Argument dieser Tage war denn auch, dass sich im Amoklauf von Emsdetten das Scheitern der Schule manifestiere: Die Pädagogik erreiche die Jugendlichen nicht mehr.
Was aber wäre, wenn es sich genau anders herum verhält? Wenn in gewisser Hinsicht genau das Gelingen eines pädagogischen Konzepts den Ereignissen von Erfurt oder Emsdetten den Boden bereitet?

In Deutschland sollte es einen grundsätzlich misstrauisch stimmen, wenn gegen das ruchlose, blutrünstige, monströse Bild zu Felde gezogen wird. Der Nationalsozialismus hat bekanntermaßen ein regelrechtes Bilderverbot gegen Darstellungen des Abgründigen und Ekelhaften verhängt, ohne dass das der Bereitschaft seiner Bürger zu foltern und zu töten einen Abbruch getan hätte. Es war im Gegenteil sogar so, dass die Fähigkeit zur Gewaltausübung mit einer Ästhetik des Reinen, „Schönen“ und Eindeutigen verschränkt war.
Insofern sind Bilderkonsum und Gewalt, Videospiele und bewaffnete Amokläufe eben nicht in der Form miteinander verbunden, wie Jugendsoziologen, Journalisten und Küchenpsychologie dieser Tage behaupten. Interessanter wäre es, sich das anzuschauen, worüber nicht gesprochen wird, weil es als völlig normal erscheint. Ein Dokumentarfilm über sich bei einem Consulting-Unternehmen bewerbende BWL-Diplomanden, der in der vergangenen Woche parallel zu mehreren Die-Jugend-muss-gerettet-werden-Talkshows gezeigt wurde, könnte als Beispiel dafür dienen. Der Film war unaufgeregt erzählt, die Äußerungen der Protagonisten blieben unkommentiert. Ein Studiumsabsolvent saß mit den Eltern in einem Familienwohnzimmer und sprach von den Anforderungen des Arbeitsmarkts. Der Vater stellte – durchaus ein gewisses Bedauern erkennen lassend – fest, dass sich die Situation in den Unternehmen verändert habe. Die Konkurrenz sei größer geworden, auch zwischen den Mitarbeitern, und sein Sohn, Mitte 20, fügte hinzu, dass man nun härter angreifen müsse. In einem weiteren Interview äußerte ein anderer Vater, die Ehefrau signalisierte nickend Zustimmung, dass das ganze Leben ein Kampf sei – was er für nichts Schlechtes halte. Genau das wolle doch die menschliche Natur, das stete Ringen mit sich und den anderen. Der BWL-Diplomand ergänzte, offensichtlich unmittelbar nach dem Bewerbungsgespräch, dass er sich, falls ihn die Arbeit überfordern sollte, fragen müsse, ob er an dieser Stelle richtig sei. Eine andere Bewerberin – potenzielle Teamkollegin und Konkurrentin – zeigte sich zunächst im Wellness-Bereich eines Hotels. Mit ein paar Bahnen im Schwimmbecken bereitete sie ihren Körper auf die Belastungen des bevorstehenden Arbeitstages vor. Im Hotelzimmer wenig später erklärte die junge Frau, sie habe es immer schon geliebt, wenn etwas los sei. Genau das schätze sie an ihrem – potenziellen – Arbeitgeber. Hier werde man nie in Ruhe gelassen, täglich vor neue Aufgaben gestellt, habe ständig etwas zu erledigen. Es klang, als werde – nach erfolgreich vollzogener Gehirnwäsche – ein Körper-Seele-Paket zum Verkauf feilgeboten.
Diese Bemerkungen sind deswegen so bemerkenswert, weil sie deutlich machen, was sich in den letzten Jahren im Alltagsverstand durchgesetzt hat: Die Gesellschaft gilt als Kampfzusammenhang und das Individuum als konkurrentes Subjekt, das sich in einem lebenslangen Wettbewerb zu behaupten hat, sich geistig und körperlich permanent fit machen muss, ja mehr noch: sich fit machen will. Mark Terkessidis und Tom Holert haben 2002 in ihrem Buch „Entsichert“ die These aufgestellt, in der deutschen Gesellschaft bilde sich so etwas wie eine neoliberale Kriegsidentität heraus. Einhergehend mit den neuen Auslandseinsätzen der Bundeswehr würden militärische Codes und Selbstwahrnehmungen die Subjektivität der Einzelnen durchdringen. Bei Terkessidis / Holert findet diese Mobilmachung keineswegs gradlinig statt. Nicht das rechtskonservative Stahlhelmgehabe sei in erster Linie für die Entwicklung verantwortlich, die Kampfidentitäten würden sich vielmehr besonders in den Aussteigergeschichten und sub- / popkulturellen Differenzierungsgesten entwickeln. Als Beispiel für diese nicht sofort einleuchtende These ziehen die Autoren den Film „Apocalypse Now“ von Francis Coppola heran. Sie behaupten, der Film, normalerweise als Manifest gegen den Vietnam-Krieg interpretiert, habe die Hippie-Generation mit der Army ausgesöhnt und ein neues Bild des Soldatischen hervorgebracht. Zur Erinnerung: Im Mittelpunkt des Coppola-Films stehen zwei Einzelkämpfer: Captain Willard (Martin Sheen) wird von der US Army damit beauftragt, sich allein zu Colonel Kurtz (Marlon Brando) durchzuschlagen und den offensichtlich verrückt gewordenen General Kurtz, der sich im kambodschanischen Hinterland ein Privatimperium aufgebaut hat, unauffällig zu eliminieren. Der Auftrag führt Captain Willard immer tiefer hinein in eine knallig-psychedelische Welt im südostasiatischen Dschungel. In dieser Reise, so Terkessidis / Holert, manifestiert sich ein Prototyp neoliberaler Selbstwahrnehmung: Der Einzelne befindet sich in einer exotisch feindlichen Umgebung, das Überleben wird zum Egotrip, der Krieger zum Individualisten und umgekehrt, der Kampf zum Erlebnis.
Man kann einwenden, dass Terkessidis / Holert ihrer Hauptthese von der neoliberalen Militarisierung allzu viel unterzuordnen versuchen. Richtig bleibt allerdings, dass es hinsichtlich der Einzelkämpfergeschichten, die jeder nach 1965 geborene Mensch irgendwie in die eigene Weltwahrnehmung integriert hat, eine Verbindungslinie zwischen dem Soldaten Willard, dem Amokläufer vom Emsdetten und den erwähnten BWL-Diplomanden gibt. Sie alle bewegen sich in einem feindlichen Dschungel, ihre Dauerkonfrontation scheint erlebnisförmig aufgewertet.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern ständig von individueller Kampfbereitschaft erzählt und diese sogar von ihnen einfordert, darüber wundern darf, wenn sich die Kampfsubjektivität dann auch in allen Varianten entfaltet?

Doch was hat das, wie am Anfang des Textes behauptet, mit Schule und Erziehung zu tun? Man kann zunächst einmal daran erinnern, dass die Pädagogik als ‚Disziplinierungswissenschaft’ entstanden ist – ein Gefüge von Diskursen, die die systematische Formung von Kindern und Menschen thematisieren. In ihr findet eine Normierung statt – ein Prozess, der gleichzeitig Individualisierung und Totalisierung bedeutet. Menschen werden (ähnlich wie im Justizsystem, im Krankenhaus oder der Psychiatrie) in einen Gesamtzusammenhang gestellt, eine gesellschaftliche Norm von Leben, Gesundheit, Gefügigkeit etc. formuliert, gleichzeitig jedoch wird eine Vielzahl von Differenzierungen vollzogen. Die Aufgabe des Lehrers in der bürgerlichen Schule besteht wesentlich darin, die Fähigkeiten des Kindes anhand einer Norm zu bewerten und auf diese Weise zu ökonomisieren. Er forscht nach Eigenschaften gesucht, die wirtschaftlich nutzbar sind oder – wie es neudeutsch heißt – ‚einem auf dem Arbeitsmarkt weiterhelfen’. Doch die Schule ist nicht nur ein Ort, wo sortiert und kategorisiert wird, intellektuelles von handwerklichem Geschick, naturwissenschaftliches Denkvermögen von ‚Leitungsqualitäten’ unterschieden werden. Noch viel stärker ist die Schule ein Ort der Subjektbildung.
In dieser Hinsicht ist die Pädagogik die biopolitische Wissenschaft überhaupt. In dem Maße, indem sie sich die systematische Bildung von ökonomisch handelnden Akteuren zum Ziel setzt, verwandelt sie das Leben in ein Objekt von staatlicher Lenkung. Foucault hat sich in den 1970er Jahren verstärkt mit dieser produktiven Seite von Macht beschäftigt. Während man mit dem Begriff der Disziplinierung v.a. das Unterbinden bestimmter Handlungen assoziiert (den Einzelnen wird beigebracht, Wünsche und Handlungen zu unterdrücken und sich der Ordnung in einer Armee, einer Fabrik, einer Schulklasse zu unterwerfen), will die Subjektbildung, wie sie von der Erziehung formuliert wird, aktives Verhalten hervorbringen. Die Individuen werden geschult, sich in einer bestimmten Weise wahrzunehmen, und zu spezifischen Handlungen animiert; „gute“ Regierungspolitik ist in dieser Hinsicht immer auch ein pädagogisches Projekt. Arbeitslose sollen aktiviert werden, sich selbst weiterzubilden und um Jobs zu kümmern, Kinder Spaß an Leistungsbereitschaft und Teamfähigkeit entwickeln, die Einzelnen sich als unternehmerische Subjekte, ihre Körper als Kapital, ihr Leben als Ich-AG begreifen. Foucaults Begriff ‚Gouvernementalität’ meint genau das: Die Kunst der Lenkung, das Vermögen, Menschen als handelnde Subjekte zu aktivieren.
In diesem Sinne erzeugt die Gesellschaft, in der wir leben, einen stetigen Appell, sich zu messen, als Individuum zu behaupten, zu konkurrieren, trotzdem teamfähig zu bleiben und zu kämpfen. Selbstverständlich soll mit diesen Aktivierungsdiskursen kein Krieg in der Gesellschaft ausgelöst werden und doch wirken sie aggressiv, weil sie den Druck der Konkurrenz weit ins Individuum hinein vorantreiben.
Dass junge Männer sich daraufhin bewaffnen und um sich schießen, ist selbstverständlich trotzdem nicht zwangsläufig. Kampfdiskurse zwingen niemanden, seine Mitmenschen zu anzugreifen – auch nicht, wenn man sich an Ansprüchen gescheitert fühlt. Wie sich gesellschaftlicher Dauerstress beim Einzelnen artikuliert, ob man ihn sich als konstituierenden Moment von Subjektivität zueigen macht oder als Motiv der Rebellion begreift, ob er sich in Aggressionen gegen Mitmenschen niederschlägt, eher selbstzerstörerisch äußert, sozial gewendet oder einfach ignoriert wird – das ist individuell verschieden und zu verantworten. Und dennoch ist eigenartig, dass nach Emsdetten darüber nicht gesprochen worden ist. Der Wunsch, die Schule zu zerstören, könnte mit der Einrichtung Schule selbst zu tun. Nicht minder plausibel als über das Verbot von Ego-Shooter-Spielen, könnte man über die Abschaffung einer Normierungs- und Aktivierungsinstanz diskutieren. In gewisser Hinsicht hat sich die Gewalt, die der Schule strukturell innewohnt, im Amoklauf von Emsdetten auf ekelhafte Weise ausgedrückt und fortgesetzt.

Raul Zelik

 

 

Design zersetzer. freie grafik / Berlin

Programmierung, Umsetzung G@HServices Berlin V.V.S.

Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien