die Originalfassung einer von der Jungle World unabgesprochen veränderten Buchbesprechung, Januar 2001

Blöde Vorwürfe gegen Feridun Zaimoglu gab es in den letzten Monaten mehr als genug. Immer wieder wurde der Kieler Schriftsteller vor allem in der taz als Angeber und Möchtegern-Ghetto-Clown der Bourgeoisie angegriffen, der das enfant terrible des Kulturbetriebs mime. Als ob nicht alle, die im Betrieb mitspielen, irgendeine mediale Rolle übernehmen - ob nun die des gebildeten, unterhaltsamen oder schockierenden Kinds ist wirklich zweitrangig. Autoren vorzuwerfen, dass sie im Feuilleton durch bürgerliche Brillen rezipiert werden und daran auch ein gewisses Interesse besitzen, ist weder besonders kapitalismuskritisch noch über die Maßen intelligent.

Doch Feridun Zaimoglus erster Roman "Liebesmale, scharlachrot" ist in anderer Hinsicht tatsächlich ordentlich missglückt. Der 1964 geborene Zaimoglu, der mit "Kanak Sprak" (1995), "Abschaum" (1997) und "Koppstoff" (1998) eine Art Testimonio-Literatur von Deutschländer-Türken produzierte - ästhetisierte O-Ton-Aufzeichnungen der zweiten und dritten Generation -, versucht sich hier mit einem Briefroman. Hakan, Typ vor-Kaufhallen-rumhängender-Viertel-Allstar mit Charme, und Serdar, Abiturtürke mit Goethe-Vorbildung, korrespondieren über die Meere hinweg. Hakan sitzt, wie immer vom Gerichtsvollzieher verfolgt, in Kiel, sein Freund Serdar ist auf der Suche nach literarischer Inspiration in einen Ferienort unweit von Izmir geflüchtet. Ihr Briefwechsel hat ein großes Thema - und da beginnen die Probleme auch schon. Auf knapp 300 Seiten geht es um Frauen, das heißt, vor allem über die unerwartete Sommer-Impotenz Serdars, die von seinem Kumpel mit den üblich markigen Sprüchen bedacht wird. "Alles Phantasiemachen hilft nix, du hast n Dauerhänger, und auch wenn du kiloweise Margarine um dein Pint drumrum schmierst, es will alles nix bewirken."

Das klingt nicht nur ein bisschen pennälerhaft, das ist es auch. Zaimoglu lässt seine Helden in großtönerischem Straßen-Speak aufeinander losgehen und merkt dabei anscheinend nicht, dass der Grat zwischen Ironie und Peinlichkeit manchmal recht schmal ist. Mehr Distanz und Lektorat hätte da nicht geschadet. So jedoch fährt Zaimoglu auf, was ihm einfällt, und das mehr als inflationär. Eine "Pustel in der Kinnkerbe", die auf "ampelrot" schaltet, klingt ja noch ganz witzig, aber was passiert, wenn ein ganzes Buch nur aus der Aneinanderreihung mäßig durch gestylter Sprüche und kleiner Anekdötchen besteht? - Es schleppt sich hin. Serdar an Hakan: "Du stehst also in deiner ganzen Erbärmlichkeit für ein Phänomen, dein Mastschweinhormonhaushalt ist der eines Bimbos, der nicht anders kann, als sich aus der limitierten Produktpalette zu bedienen. Du kannst nichts, du bist nichts, du hast keine Uniform, also kriegst du auch keine Frau ab, was sollte eine Frau mit so einem wie dir anfangen? Bestenfalls kannst du dich als Dienstleister nützlich machen, nämlich als Pedikürenali für Mittvierzigerblondchen." Und Hakan an Serdar: "Nun bist du aber kein Bezirkspate, sondern ne Oberpfeife und Tüllmaus in einer Person, und ich darf dir mal stecken, dass du mit deinem Blähkopp die Papierkörbe deines Viertels anprobieren solltest, vielleicht kannst du dir n passenden Hut baun." 295 Seiten lang!

"Liebesmale, scharlachrot" hat mehrere Probleme: Erstens reden die angeblich gegensätzlichen Charaktere Hakan, Straßen-Lan, und Serdar, Abiturtürke, bis auf kurze Passagen wie aus einem Guss: Großmaul-Alemannisch. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht immer wieder darauf hingewiesen würde, wie sehr sich die zwei doch unterscheiden. Letztlich hat man es immer mit Zaimoglu zu tun: Herumgemosere auf unterschiedlichem Niveau. Zweitens bleibt Zaimoglu das ganze Buch über bei einer Battling-Sprache, wie sie im HipHop kultiviert wird. Die nebenbei erzählten Geschichten über die Ereignisse an Ostsee und Ägäis bilden nur das Material für das gegenseitige Dissen. Die Großtönerei beim Battlen jedoch kann einem schon bei normalen Straßenunterhaltungen oder einer Freestyle-Jam bisweilen mächtig auf die Nerven gehen; schriftlich fixiert ist sie meistens einfach nicht witzig. Drittens schließlich besitzt "Liebesmale, scharlachrot", wie schon erwähnt, schlicht und einfach keine Dramaturgie: Serdar kommt in Izmir an, ist impotent und kann nicht mehr schreiben. Hakan sitzt in Kiel, hat keine Probleme mit der Potenz und interessiert sich nicht fürs Schreiben. Und noch einmal ... und noch einmal ... Erst auf den letzten 20 Seiten gibt es so etwas wie einen Showdown, als Serdars Ex-Freundin, Anke, nach Izmir kommt, und der mittlerweile anderweitig verliebte Abiturtürke seinen Straßenkumpel einfliegen lässt, um sich Anke vom Hals zu halten. An dieser Stelle wird man zum ersten Mal darauf hingewiesen, dass das Buch auch eine Geschichte hätte haben können.

Natürlich gibt es einiges, was man Zaimoglu zugute halten sollte. Nicht ein einziges Mal taucht der Problem-Blick auf, auf den sich Freunde der Ausländerliteratur sicher schon gefreut hatten: 'Wie-ist-das-Leben-zwischen-den-Kulturen-wohl?-So-hin-und-her-gerrissen?' Außerdem hat Zaimoglu was gegen Germanen - eine Antipathie, die dazu führt, dass praktisch alle Deutschen im Roman getilgt werden: Man braucht sie nicht! Lobenswert. Und schließlich hat Zaimoglu nicht diesen beknackt-kalkulierten Weiß&Studi-Blick à la Stuckrad-Barre und Konsorten, der einem die Ulcera platzen lässt. Zaimoglu hätte als Kolumnist mit dem sprachlichen Stoff seines Buchs die eine oder andere schöne Spalte füllen können. Auch als Lyriker und sprühende Satzmaschine würde er vielleicht Bestand haben. Aber als Roman-Autor ist er mit "Liebesmale, Scharlachrot" einfach nur gescheitert. Das Tempo von Kanak Sprak über eine ganze Geschichte durchzuhalten, ist eben alles andere als einfach. Nichts für ungut. "Ich hätt dir n Sieg gegönnt und s große Gefühl, wenn n Kerl ... auf die Brust trommelt. Doch jede Schönheit hat n Rhythmus und jeder Kampf ne eigne Energie, der Feind war dir über, und da nützt einem auch nicht ne Kalaschnikow im Geigenkasten."

Das nächste Mal vielleicht.

Raul Zelik

 

 

Design zersetzer. freie grafik / Berlin

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien