Gespräch mit Raul Zelik aus Jochen Becker / Stefan Lanz (Hg.): Space // Troubles. Jenseits des guten Regierens, (b_books 2003)

abgedruckt in Jochen Becker / Stefan Lanz (Hg.): Space // Troubles, b_books 2003

Frage: Ich fand es interessant, daß du sagst, die Leute fliehen vom Land, um öffentliche Ordnung zu haben, andererseits beschreibst du die öffentliche Ordnung ja als sehr prekäres Gut ...

ZELIK: Sie fliehen ja nicht wirklich vor der „öffentlichen Unordnung“. Das ist nur so ein Euphemismus, weil man das Begriff Paramilitarismus nicht verwenden darf, denn schon allein die Nennung des Begriffs wird als Sympathisantentum mit der Guerilla interpretiert. Das heißt, man ist gezwungen, eine Sprachregelung zu verwenden, die die Akteure kaschiert, bzw. vereinheitlicht. Dann heißt es nur noch ,die Gewalt' oder eben: ,die öffentliche Ordnung ist schlecht’. Das geht so weit, daß einem selbst Leute, von denen man weiß, daß sie aus politischen Gründen geflohen sind, das auf eine diffuse Ebene herunterdeklinieren, weil das die einzige Möglichkeit ist, sich vor der Bedrohung zu schützen, die sie in den Städten erwartet.

Die Vertriebenenströme sind zwar noch nicht so gewaltig, wie das eben für Bosnien beschrieben wurde, aber man geht davon aus, daß in Kolumbien auch zwischen zwei und vier Millionen Menschen auf der Flucht sind bzw. waren, das heißt, jeder vierte, fünfte Bauer Kolumbiens ist betroffen. Das Land gehört damit zu den Staaten mit der höchsten Quote an Inlandsflüchtlingen weltweit. Diese Leute können nirgends mehr hin. Ihnen bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie gehen in jene Dschungelgebiete, die als Kolonisierungsregionen gelten und die jetzt im Rahmen des Plan Colombia zum Ziel von Herbizideinsätzen geworden sind; also wo massiv Pflanzenvernichtungsmittel versprüht werden und wo man von einer chemischen Kriegsführung gegen die Bevölkerung sprechen kann.

Oder aber sie fliehen in die Peripherie der Städte, wo sie ebenfalls zu Kriegszielen werden. Denn die Paramilitärs betrachten die Tatsache, daß diese Menschen vertrieben wurden, als Folge subversiven Verhaltens. Wer sich nicht eingliedert in die sozialen Organisationen des Paramilitarismus - das habe ich im Text nicht beschrieben, aber diese soziale Organisation sieht so aus, daß es eben nicht nur bewaffnete Strukturen gibt, sondern daß der Paramilitarismus durchaus auch die sogenannte „Zivilgesellschaft“ als Terrain in Anspruch nimmt, also auch NGOs, Menschenrechtsgruppen und Gewerkschaften kontrolliert – wer sich also nicht eingliedert in diese Neuformierung der Gesellschaft, wird verfolgt. Das alles führt dazu, daß es unglaublich schwer ist zu sagen, was die Kolumbianerinnen und Kolumbianer heute denken. Ich behaupte, man muß jemanden sehr gut kennen und sehr lange mit ihm oder ihr geredet haben, um herauszubekommen was er oder sie wirklich denkt. Und diese Mühe machen sich natürlich die allerwenigsten Journalisten. Und auch die allerwenigsten NGOs.

Frage: Was ich so erstaunlich fand, war, daß du einerseits beschreibst, dass es so eine große Fluchtbewegung gibt, gerade und natürlich sozusagen von politisch Verfolgten, die sich aus unserem Blickwinkel erst einmal strukturieren und wo es um städtische Areale geht, die sich sehr anarchisch oder chaotisch darstellen. Man hat da immer so eine Idee von der Möglichkeit des Untertauchens, und andererseits beschreibst du aber eine Realität, wo es anscheinend eine massive Kontrolle gibt, oder wo es eben ganz schwierig ist, wenn man aktiv ist, seine Identität zu verleugnen oder das genauestens organisieren muß. Da stoßen Sachen aufeinander, die nicht zusammenpassen: Daß es einerseits diese unkontrollierten Gebiete gibt, die sich aber selbst anscheinend ganz stark regulieren und zwar überhaupt nicht emanzipatorisch, und daß die Leute, die darin aktiv sind, sich ganz woanders organisieren müssen, auch räumlich, um das überhaupt machen zu können.

ZELIK: Ich glaube das sind keine chaotischen Gebiete, denn die territoriale Kontrolle der Viertel durch den Staat ist größer, als man denkt. Es gibt zwar keine Meldepflicht oder so etwas, aber es gibt natürlich unglaublich viele Nachbarn, die Augen und Ohren haben, und man muß daran denken, daß der kolumbianische Staat unglaublich hohe Summen in die Geheimdienstapparate investiert. Das geht mittlerweile so weit, daß unter dem neuen Präsidenten Uribe eine Million Menschen als Armeespitzel verpflichtet werden sollen. Eine Million Menschen! Jeder 40. Kolumbianer wird in den nächsten Jahren aktiver Armee-Informant und damit direkt in den Krieg involviert werden. Das schafft natürlich ein allgemeines Klima des Misstrauens. Einige Viertel Medellins, die ich besucht habe, wurden zu dieser Zeit von Guerillamilizen militärisch kontrolliert. Für die sozialen Organisationen war es möglich zu arbeiten. Doch selbst in diesen Vierteln mussten die Leute die ganze Zeit mitdenken, daß jede ihrer Äußerungen ihnen in drei oder vier Monaten oder auch in einem Jahr gefährlich werden kann, weil sich bis dahin die Kräfteverhältnisse verschoben haben werden. Und das prägt natürlich die Stimmung. Das ist der Grund, warum Selbstorganisierungsprozesse selbst in ganz abgeschiedenen Regionen auf dem Land nicht mehr funktionieren.

In Kolumbien gibt es eigentlich eine lange Tradition der Selbstorganisierung, der ,Selbstbestimmung von unten'. Das Problem ist aber, daß alle Leute, die sich heute in Kooperativen organisieren, präsent haben, was man als Erfahrung der letzten 20 Jahren bezeichnen muss: Daß, wenn die Paramilitärs kommen, sie als erstes Organisationen wie Kooperativen zerschlagen. Der Paramilitarismus ist nicht primär eine Strategie im Anti-Guerillakampf. Er war zunächst eine Aufstandsbekämpfungspolitik, die sich gegen soziale Organisationen richtete, und hat mittlerweile die Form einer Raubökonomie angenommen. Das ist im übrigen nichts Neues. Die kolumbianische Oligarchie hat historisch immer wieder auf Mechanismen der Raubökonomie zurückgegriffen, um die Landkonzentration weiter voranzutreiben. Und auch außerhalb Kolumbiens war das Entstehen des Kapitalismus immer und überall in der Welt mit der Raubökonomie verbunden. Ursprüngliche Akkumulation ist nicht ohne die gewalttätige Aneignung von Land und Reichtümern und ohne die militärische Unterwerfung der Bevölkerung denkbar.

Frage: Ich habe einmal einen sehr positiven Text über den Einfluß der Drogenkartelle in Medellin auf die Infrastruktur, auf Jobs, die Unterstützung des öffentlichen Leben, etc. gelesen Das ist in deiner Beschreibung auch sehr konträr. Was ich sehr interessant fand. Das zweite ist, du beschreibst, daß sich aus einer Entführungswelle gegen die vermutlich sehr Wohlhabenden, nämlich die Drogenkartelle, die Selbstorganisation der Paramilitärs entwickelt hat, habe ich das richtig verstanden?

ZELIK: Zum Drogenhandel: Bei der Drogenbekämpfung ging es in Kolumbien nie darum, die Drogenproduktion wirklich zu beenden, sondern darum, dass bestimmte Kreise den Drogenhandel nicht kontrollieren sollten. Beim Aufkommen der Kartelle Ende der 70er Jahre bildeten sich zwei ‚Schulen’ heraus, die, zugespitzt formuliert, vom Medellin- und vom Cali Kartell repräsentiert wurden. Das Cali-Kartell vertrat eher die klassische Oligarchie, es bestand aus Leuten, die gute Verbindungen zu den politischen Eliten besaßen. Dagegen setzte sich das Medellin-Kartell eher aus Leuten der unteren Mittelschichten zusammen, aus Leuten, die sich mit illegalen Geschäften, mit Auto - und Marihuanahandel, erste Meriten verdient hatten und dann in der Lage waren, sich in eine aufstrebende Bourgeoisie zu verwandeln. Beide – sowohl die der Oligarchie nahestehenden Drogenhändler als auch diese aufstrebende Bourgeoisie – unterstützten, wie beschrieben, den Aufbau paramilitärischer Projekte: also diese Allianzen in Medellin und im mittleren Magdalena, den beiden Pilotprojekten des Paramilitarismus.

Ich erläutere das vielleicht noch mal: Die erste Paramilitärgruppe in Medellin, die MAS (Tod den Entführern), wurde gemeinsam vom Geheimdienstbataillon Charly Solano Bince und von Mitgliedern des Medellin-Kartells gegründet. Das zweite Projekt, im mittleren Magdalena, wurde von einem noch breiteren, repräsentativeren Bündnis getragen. Es bestand aus Politikern der Liberalen Partei, der Armee, dem Viehzüchterverband, einigen Industriellen, der Texaco Oil Company als transnationalem Unternehmen und Gonzalo Rodriguez Gacha, dem Sicherheitschef des Medellin-Kartells.

Beide Allianzen unter Einschluss des Medellín-Kartells funktionierten zunächst gut. Ende der 80er Jahre gab es jedoch einen Bruch: Die USA forderten dazu auf, das Kartell zu bekämpfen. Nun gibt es für diese Politik zwei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder hat man sich in Washington gesagt, wir fangen mit einem Kartell an, um uns danach auf das zweite konzentrieren zu können. Oder aber es ging gar nicht um Drogenbekämpfung. Ich finde es interessant, daß es in den letzten 20 Jahren fast immer Verbündete der USA waren, die mit einer gewissen Zeitverzögerung zu den großen ,bad guys' aufgebaut wurden. Bin Laden war langjähriger Verbündeter der USA und wurde dann angegriffen, bei Saddam Hussein war es ähnlich, und schließlich war auch der panamenische Präsident Noriega ein US-Alliierter im Kampf gegen die nicaraguanische Revolution, der dann 1989 wegen seiner Verwicklungen in den Drogenhandel zum Anlass einer Militärintervention wurde - obwohl die USA ihn ja gerade wegen dieser Verbindungen so lange benutzen konnten. Ähnlich verhält es sich auch mit Pablo Escobar und dem Medellín-Kartell. Zunächst gab es gute Verbindungen – bei der Aufstandsbekämpfung, das habe ich schon beschrieben, und wohl auch bei der Iran-Contragate-Affäre, als Oliver North und George Bush sen. dafür sorgten, dass die nicaraguanische Contra mit Drogengeldern versorgt wurde. Dann jedoch hatten die Leute um Pablo Escobar ihre Aufgabe erfüllt, wurden zu eigenwillig oder sogar gefährlich und wurden angegriffen. Das ist zumindest meine Interpretation der Dinge.

Interessant ist auch, daß im Kampf gegen das Medellín-Kartell eine ganz merkwürdige Allianz gebildet wurde: die US-Drogenbehörde DEA, der kolumbianische Staat, das Cali Kartell und Abtrünnige des Medellín-Kartells arbeiteten zusammen. Diese Abtrünnigen, die von der DEA 1989-92 tatkräftig im Kampf gegen Pablo Escobar unterstützt wurden, sind es, die heute den Paramilitarismus kommandieren: Carlos Castaño zum Beispiel.

Aber du hast ja eigentlich nach den Sozialmaßnahmen des Medellín-Kartells gefragt. Ich denke, das Kartell hat sehr früh seine prekäre machtpolitische Position erkannt – es stammt ja eben nicht aus den klassischen Eliten – und deshalb versucht, sich eine eigene Basis aufzubauen. Das war der Grund, warum sie Sozialprojekte in den Vierteln unterstützten, Schulen und Krankenhäuser gebaut haben und warum Envigado als einziges Viertel Lateinamerikas eine Arbeitslosen- und Sozialversicherung besaß. Man sollte sich aber davon nicht täuschen lassen. Die selben Drogenhändler waren während der 80er Jahre federführend daran beteiligt, die linke Opposition militärisch zu zerschlagen. Mit unglaublicher Brutalität! Daß der schmutzige Krieg so degenerieren konnte, ich meine, Krieg ist immer schmutzig, aber daß ein Krieg so degenerieren konnte wie in Kolumbien, wäre nicht vorstellbar gewesen ohne die Rolle der Drogenmafia. Deswegen sollte man dem Bild von den guten Ganoven nicht aufsitzen. Das ist eine Selbststilisierung, für die die Mafia immer auch bezahlt. Heute sieht man das z. B. in Mexiko, wo Ranchera-Bands die Drogenhändler in ihren Liedern besingen. Das sind Bourgeoisien, die sich ihre eigenen Propagandisten unterhalten.

Außerdem hast du die Entführungen angesprochen. Die Sache ist die, daß sich der kolumbianische Guerillakrieg seit seinen Anfängen durch ‚Revolutionssteuern’, Schutzgelderpressungen, Banküberfälle (wobei die immer schwieriger werden) und Entführungen finanziert, das ist also keine neue Entwicklung, das ist seit 30 Jahren so. Was nun Anfang der 80er Jahre hinzukam, war, dass die linkssozialdemokratische M-19-Guerilla anfing, Drogenhändler zu entführen. Andere Guerillaorganisationen hielten sich da zurück. Sie sagten: „Wenn wir uns mit der Mafia auf einen Konflikt

einlassen, verlieren wir.“ Aber die M-19 hat es gemacht. Und mußte dafür teuer bezahlen, weil eben tatsächlich die an Gewalt gewöhnte Bourgeoisie Medellins sich mit allen Mitteln wehrte, und der Staat diese Guerillabekämpfung der Drogenhändler tatkräftig unterstützte und z. T. sogar plante.

Die Vorzüge für den Staat, die sich aus einer derartigen Kooperation ergeben, liegen ja auf der Hand. Eine gewisse Rechtsstaatlichkeit macht das Vorgehen von Verfolgern schwieriger, als wenn man einfach sagt, "okay, wir wissen nicht genau, wer von euch zwanzig hier mit drinsteckt, also wir bringen euch einfach alle um! Einer von den Schuldigen wird schon dabei gewesen sein." Außerdem können Todesschwadronen foltern, wie sie wollen, und damit zusätzliche Informationen zutage bringen. Das war der Grund für den Aufbau des Paramilitarismus und warum auch der Staat diese Initiative von Anfang an mitgetragen hat. Es war einfach eine Möglichkeit, die Opposition oder eine Guerillabewegung, effektiv zu bekämpfen. Sicherlich spielten auch private Geschichten, also Erfahrungen mit Entführungen, mit hinein; aber man sollte sich davor hüten, die kolumbianische Oberschicht als Opfer darzustellen wie das die Presse hier in Deutschland oft macht. Über den Präsidenten Uribe wird z. B. behauptet, sein Vater sei von der FARC umgebracht worden: Erstens stimmt das nicht, zumindest hieß es damals in der Presse, er sei von einer Mafiafraktion erschossen worden, und zweitens muss man wissen, dass die Familie seit den 70er Jahren Landkonflikte mit Kleinbauern führte und dabei Bauern hat umbringen lassen. Das ist die Vorgeschichte, das sind die Gründe warum dieses Bürgertum auch mit Entführungen angegriffen wurde. Hier handelt es sich um Leute, die mit allen Mitteln ihren Besitz verteidigen. V. a. der Landkonflikt hat eine lange, gewalttätige Geschichte. Besetzungen gab es schon in den 50-60er Jahren oder sogar vor dem ersten großen Bürgerkrieg in den 20err Jahren. Der Konflikt zwischen Landlosen-Bewegung und Oligarchie, das heißt sowohl Drogen- als auch traditioneller Oligarchie, geht den Entführungen und dem Paramilitär-Phänomen voraus.

Frage: Du hast im Grunde vier militärische Fraktionen oder Gruppen genannt, zum einen die Kartelle, dann die staatlichen Apparate, die Paramilitärs und die Milizen. Wie mir schien, besetzen die Milizen und die Paramilitärs Territorien innerhalb der Stadt. Ist das so? Du hast auch gesagt, daß die Paramilitärs eine Stadt übernommen haben: Was bedeutet das eigentlich? Heißt das, daß sie das einfach nur politmilitärisch erobern? Und was machen die dann? Wie funktioniert dann das Gemeinwesen? Wer organisiert das Regieren? Ist das eher so etwas wie die [aus dem Indien-Text ???], die da gleichzeitig Bewegung, kulturelles Leben organisiert, gleichzeitig aber auch Gewalt ist und Partei usw. Oder sind die Paramilitärs und die Miliz wirklich eher so eine Art von Warlord-Gruppe, die vielleicht noch so etwas wie eine Raubökonomie abziehen, aber nicht die Viertel [Communas] organisieren?

ZELIK: Ich denke, der Fall von Barrancabermeja ist da exemplarisch. Das ist eine Erdölstadt mit einem sehr hohen Organisationsgrad in der Bevölkerung. Es gibt eine lange Tradition sozialer Kämpfe, eine sehr präsente Alltagssolidarität und eine Erdölgewerkschaft, die sich nicht nur für die Belange der Belegschaft einsetzt, sondern als Interessenvertretung der gesamten kolumbianischen

Bevölkerung versteht. Diese Erdölstadt war zuletzt eine Art Enklave in einer von Armee und Paramilitärs kontrollierten Region. Die Armeespitze hat 1998/99 ein Projekt begonnen, das sich schlicht „Wiedereroberung“ nannte. Vor dieser „Reconquista“ war es so, daß sich die Armee und Polizei in manchen Vierteln nur mit Panzerwagen bewegen konnten. Sie waren natürlich trotzdem die ganze Zeit präsent, aber es gab eben auch die Guerillamilizen als Untergrundstruktur. Das Verhältnis von Milizen und sozialen Organisationen war nicht immer reibungsfrei, aber es gab Berührungspunkte, gemeinsam politische Reformziele und teilweise auch persönliche Überschneidungen. Das Projekt der Armee bestand nun darin, sowohl die sozialen Organisationen als auch die Milizen, die das Vordringen der Sicherheitsorgane immer wieder aufgehalten haben, zu zerschlagen. Sie haben das durchgesetzt, indem sie zunächst mehrere spektakuläre Massaker verübt und ein Klima der Angst erzeugt haben. Die Armee hat ein bestimmtes Viertel abgeriegelt, damit keine Milizeinheiten eingreifen konnten, und die Paramilitärs haben dann mit Listen in der Hand Leute aus den Häusern geholt und umgebracht. Insgesamt sind im Jahr 2001 zwischen 800 und 1000 Menschen ermordet worden, viele von ihnen soziale AktivistInnen! Und das in einer Stadt mit höchstens 400.000 EinwohnerInnen.

Die Viertel wurden gesäubert, die Milizen bzw. Guerillakommandos haben sich aus Barrancabermeja zurückgezogen; zum einen, weil sie unterlegen waren, zum anderen. weil es sonst zu fürchterlichen Häuserkämpfen gekommen wäre, und dann haben die Paramilitärs die Aktivitäten der sozialen Organisationen verboten. Es gibt da z.B. die Frauenorganisation OFP (Organización Feminina Popular), die viel Basisarbeit in den Armenvierteln leistet. Die Paramilitärs haben die OFP gezwungen, ihr Lokal zu übergeben, weil sich die Paras diese soziale Arbeit aneignen wollten. Die OFP-Frauen haben die Schlüsselübergabe verweigert und konnten ihre Haltung dank der internationalen Öffentlichkeit auch durchsetzen. Daraufhin haben die Paramilitärs an einem Freitag Abend das Lokal und die Volksküche der OFP im Norden Barrancabermejas mit einem Bulldozer einfach abgerissen. Als die Frauen nach dem Wochenende wiederkamen, weil sie in den Armenvierteln wegen den Paramilitärs nicht wohnen können, das wäre zu gefährlich, war das Haus weg. Ganz weg! Es stand nur noch das Fundament da. Wenn die OFP es also nicht schaffen, Organisationen zu kontrollieren, vernichteten sie sie.

In Barranca haben wir heute die Situation, dass sich die OFP ebenso wie die Erdölgewerkschaft USO trotz permanenter Morde halten. Doch die Situation hat sich umgedreht. Die oppositionellen sozialen Organisationen sind mittlerweile fast nur noch in der Innenstadt präsent, weil es sich die Staatsmacht nicht leisten kann, in diesem Gebiet offen Morde auszuüben. In den Armenvierteln dagegen, wo sich die Paramilitärs offen zeigen, ist es für Aktivisten lebensgefährlich sich zu bewegen.

Die Kontrolle von Vierteln ist, wie gesagt, auch sozialer Natur. Ihr habt in den Filmaufnahmen aus Medellín gesehen, daß die Militärs in die Häuser eingezogen sind und jetzt bei ganz normalen Familien wohnen. Man sucht die Vermischung mit der Zivilbevölkerung, obwohl das einen schweren Verstoß gegen das Genfer darstellt. Außerdem versucht man die Autorität des Staates wieder herzustellen, in dem man Sozialprojekte realisiert. D. h. der Staat baut Schulen, und die Armee legt Gärten an oder sammelt Medikamente, die dann die Paramilitärs verteilen. Was außerdem in Barrancabermeja sehr interessant war: Wir haben die Stadt während des Wahlkampfes besucht, und die Orte, von denen aus die Paramilitärs die Viertel kontrollieren, ihre Stützpunkte, waren zu Wahlkampflokalen des jetzigen Präsidenten Alvaro Uribe umfunktioniert worden.

Man kann also abschließend feststellen, dass der Konflikt keineswegs so diffus ist, wie es scheint. Es gibt relativ klare Akteure. Staat und Paramilitarismus arbeiten zusammen, auch der Drogenhandel spielt in dieser Allianz eine wichtige Rolle. Und auf der anderen Seite gibt es eine Opposition, zu der auch die Guerilla gehört, obwohl das Verhältnis zwischen sozialen Organisationen, politischer Linker und der Guerilla durchaus konfliktiv ist. Man darf die Guerilla also nicht idealisieren, ihre Politik ist keineswegs immer emanzipatorisch, aber sie ist eben auch keine Warlordstruktur. Bei einer Einschätzung muss man berücksichtigen, dass es zwei Strömungen der bewaffneten Linken gibt: die FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und die ELN (Nationales Befreiungsheer. Bei der ELN kann man klar sagen, daß sie in soziale Organisationen eingebunden ist, daß sie in manchen Regionen sogar die Funktion sozialer Organisation ausübt. Deshalb ist sie auch so stark von der Offensive der letzten fünf Jahre betroffen gewesen. Die ELN besteht zum Großteil eben nicht aus Soldaten, sondern aus Leuten, die Kooperativen, Stadtteilkomitees oder Basisgruppen aufbauen.

Bei der FARC ist die Lage en bißchen anders, die kommen aus der

parteikommunistischen Tradition und waren historisch an der Sowjetunion orientiert. Ich würde sagen, die FARC repräsentieren heute eine Art militaristisch deformierten Stalinismus. Also keine

Warlords in dem Sinne, daß es da um Bürgerkriegsökonomie geht, das halte ich für eine totale Fehlinterpretation, denn die FARC-Kommandanten könnten längst in Millionärsvillen wohnen, wenn es ihnen um Wohlstand ginge. Sie verfolgen nach wie vor politische Ziele, nur sind diese Ziele meiner Ansicht nach erstens ziemlich grob geschnitzt, beschränken sich also auf Machtergreifungsphantasien, und zweitens versuchen die FARC ihr Konzept auf sehr militaristische Weise durchzusetzen. Wenn man die Geschichte Kolumbiens kennt, ist das allerdings auch nachvollziehbar: In den 80er Jahren hat die FARC sich fast 10 Jahre lang an einem Friedensprozeß beteiligt und viele Leute in die Legalität geschickt, um eine politische Linkspartei aufzubauen. Von dieser Partei sind 4500 Leute umgebracht worden. Alle Abgeordneten, alle Präsidentschaftskandidaten, alle Senatoren und fast alle Bürgermeister. Das heißt, der Legalisierungsversuch der FARC und der kommunistischen Partei, die damals eng zusammenhingen, ist von der Oberschicht mit aller Gewalt zerschlagen worden. Und das war der Grund, warum die FARC seitdem auf eine militärische Lösung setzen.

Ich würde also auf jeden Fall betonen, dass Kolumbien kein Land ist, dessen Konflikt sich im Sinne von Münkler als „Neuer Krieg“ interpretieren lässt (H. Münkler „Neue Kriege“, rowohlt 2002), also als entpolitisierter Kampf zwischen Warlord-Fraktionen. Es geht da ganz klar um soziale Auseinandersetzungen und um Aufstandsbekämpfung, und jeder, der das nicht erkennt, hat sich nicht ernsthaft mit dem Thema beschäftigt.

 

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien