Raul Zelik / Francisco Pérez / Alle Fotos: Sabine Bitter & Helmut Weber

Gespräch auf der Straße in La Vega

"Terrasse Nr. 5": Von Süden kommt ein kalter Fallwind herab. Zum ersten Mal friere ich in Caracas - trotz Pullover. Wir stehen 400, 500 Meter oberhalb der Stadt. Das Zentrum liegt in einem Becken vor uns, ringsherum Hänge, der Ávila, 2600 Meter hoch, liegt dunkel im Hintergrund. Ein seltsamer Anblick: Die Innenstadt leuchtet, die Barrios schimmern. Ich weiß nicht, warum die Lichter der Stadt so unterschiedlich aussehen.

Die Terrasse Nr. 5 ist noch fast leer; vielleicht 150 Menschen. Fast genauso viele Ausländer wie Einheimische. In La Vega, einem Barrio von 300.000 Einwohnern im Südwesten der Stadt, haben die Community-Organisationen eine lange Tradition, und so sind hier immer Delegationen, Leute aus Europa, befreundete Gruppen unterwegs. So auch wir. Die drei Basken von der Solidaritästbrigade langweilen sich, wir stehen seit sechs Uhr nachmittags herum. Am Rand des Platzes verkaufen Anwohner gefüllte Maisfladen, Grillspieße, Bier. Nichts deutet darauf, dass hier heute Nacht durchgefeiert werden wird. Bislang. Nichts außer einem blumengeschmückten Altar. Katu aus Bilbao fragt, ob jemand eine Jacke dabei hat.

Unterwegs in La Vega

Es ist halb elf, als zwei Personen - Pablo, ein Freund von uns, Alicia, die Schwester Franciscos - vortreten und sich an die auf dem Altar stehende Heiligenstatue richten: San Juan, Johannes, der Täufer. Sie singen décimas, Verse: "Du wirst zur Kreuzung hinunter getragen werden, wir hoffen, das stört dich nicht." Alicia nimmt die Figur auf den Kopf, links und rechts formieren sich Reihen Fahnen schwenkender Frauen, dahinter folgen tambores, die Trommeln. Der Zug setzt sich in Bewegung.

Sangueo: Ein Prozessionsrhythmus. Ich habe das einige Tage zuvor in einem anderen Barrio gesehen, tagsüber. 300 Leute, die meisten Jugendliche, die die steilen Hänge von Carapita hinaufstiegen. Sangueo ist getragen und doch energisch. Keine Musik zum Tanzen - trotzdem haben die Träger die Figuren um sich herumspringen lassen.

Catia feiert die Vergabe von Landtiteln

Sangueo, Perra, Sanmillán, Parranda, Tamunangue, Mina, Culodepuya ... - alle afrovenezolanischen Rhythmen sind klar definiert: Anlässe, Besetzung, Tanz. Aber jede Region, jedes Dorf und damit auch die verschiedenen Viertel von Caracas variieren Instrumente und Spielweise; oft nur Details und doch Erkennungsmerkmale. Außerdem gibt es Raum für Improvisation, was sich meinem Ohr allerdings auch nach sechs Monaten noch verschließt. Jeder Sangueo, jede Perra oder Fulía klingen für mich gleich.

Wir ziehen durch die Nacht. Nachbarn vor den Haustüren, Bier trinkende Männer, Kinder, die neben dem Basketballplatz auf dem Abhang stehen. Einen knappen Kilometer entfernt kommt der Zug auf einer Kreuzung zum Stehen: cuatro esquinas, die "vier Ecken". Die Stimmung kippt. Aus der religiösen Prozession wird eine Begegnung von Communities, fast eine Manifestation der Stärke. Aus allen vier Himmelsrichtungen treffen Züge ein: drei weitere San Juan-Figuren, eine Santa Bárbara-Statue, die zwar weiß ist, aber den schwarzen Gott Changó repräsentiert. Ich denke, dass die Heiligenfiguren, sie hüpfen wie kleine Boote über den Köpfen der Menge, in diesem Augenblick eine neue Bedeutung erlangen. Fließende Codes. Vom römisch-katholischen zum afrikanischen, vom religiösen zum politisch-kulturellen Symbol ...

Blick auf dasBarrio 23 de Enero

23 Uhr. Die Menge, mittlerweile mehr als 1000 Menschen, steigt zur Terrasse Nr. 5 zurück. Wir Ausländer sind jetzt in der Unterzahl. Wir Ausländer und Weißen. Die meisten Mittel-und Oberschichtsvenezolaner betreten in ihrem Leben nie wirklich ein Barrio. Von Feiern mit afrikanischen Wurzeln wie San Juan wissen sie, wenn überhaupt, nur aus dem Fernsehen. Miami und Paris liegen für sie näher als die Slums von Caracas. "Eine zutiefst inhomogone Stadt", könnte man mit Roger Willemsen sagen. Und so bleiben die Barrio-Bewohner unter sich. Die Nicht-Weißen.

Auf dem Platz wird eine Messe gefeiert. Auch das ist irritierend. Ein Jesuit hält eine Ansprache - der Aufruf zur Selbstorganisierung. "Wir müssen uns vorbereiten. Die nächsten Monate werden sehr hart." Die venezolanische Rechte versucht mit allen Mitteln, die von den Unterschichten gewählte Linksregierung zu stürzen. Zwei Putschversuche hat es letztes Jahr gegeben. Brot wird geteilt - ein weiteres Symbol -, erst dann beginnt das eigentliche Fest. Bis zu diesem Moment bin ich Beobachter gewesen. Ein Europäer, der nicht dazugehört, aber sich auch nicht über die Maßen fremd fühlen muss. Doch jetzt ist es, als öffne sich eine andere, ganz neue Tür.

Perra: schnell, aggressiv, von der Küste, nur mit Trommeln gespielt. Das einzige Klanginstrument sind guarures: Muscheln, die wie Hörner klingen; ein eigenartiger, treibender Sound. Eine tiefe guarure ertönt, drei, vier höhere antworten. Anspannung. Trotzdem tanzen die Leute nicht, sie scheinen auf etwas zu warten. Ich weiß nicht, was ich mit meinem Körper anfangen soll. Bizarre Formulierung - 'mit seinem Körper etwas anfangen'. Den Körper als 'das Andere' betrachten, das Objekt. Die Trommeln schieben einen an, aber jede Bewegung, die ich mache, scheint falsch. Auf dem Platz herrscht seltsame Ruhe. Dann plötzlich explodiert jemand in der Menge. Er oder sie, ich sehe es nicht genau, räumt sich mit dem Hintern Platz frei. Ein kleiner Kreis entsteht, ein Mann und eine Frau tanzen. 'Sexualisiert', wäre die übliche Beschreibung, aber 'sexualisiert' trifft es nicht. Es geht zwar auf offensichtliche, fast schon aufdringliche Weise um Sexualität, aber 'sexualisiert' löst die falschen Assoziationen aus. Eine Form, eine ritualisierte Form offener Körperlichkeit, eine physische Präsenz, der man sich nicht entziehen kann. Die Menge tanzt nicht, sie steht um die beiden herum und schaut zu. Bis ein anderer Mann oder eine andere Frau sich in den Kreis begeben und den bisher tanzenden Mann bzw. die Frau herausdrängen.Tumbar - umwerfen. 'Umwerfen' im Sinne von 'wegschieben', aber auch von 'besser tanzen' und damit demütigen. Eine Form des battles: Jemand erzählt, dass früher diejenigen die Nacht miteinander verbrachten, die sich beim Tanzen gegen die anderen Männer bzw. Frauen durchgesetzt hatten. Aber später wird mir Alicia erklären, dass der eigentliche Battle zwischen den beiden Tanzenden stattfindet. Man provoziert sich, aber setzt doch immer wieder Grenzen. Die Frau macht den Mann an und schubst ihn dann weg, sie bewegt sich offensiv auf ihn zu, dass dieser einen irritierten, fast schon ängstlichen Eindruck macht, der Mann versucht, die Frau einzufangen ...

Ich weiß nicht warum, aber mich schüchtert die Stimmung ein: offener körperlicher Wettbewerb, eine Form der Konkurrenz. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass 'sexualisiert' nicht das richtige Wort ist. Salsa ist 'sexualisiert', das gezähmte Hüftschwingen. Es wird so getan als ob. An den Dingen vorbeireden statt sie auszusprechen. Hier auf dem Platz hingegen wird offen kommuniziert. Sexuell, ohne dass es deswegen wirklich um Sex ginge. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mich ähnlich gefühlt habe. Ein Club in den USA, ein HipHop Event gegen police brutality: die meisten Typen trainiert, jemand hat mir die Biographien von ein Rappern erzählt, Knastgeschichten. Irritierende physische Präsenz. Es ist natürlich ein rassistisches Stereotyp, dass afroamerikanische Kultur körperlicher sei als die europäische. Die Reduktion von Menschen auf ihre Natur enspringt dem Blick des Sklavenhalters. Er erkennt Arbeitsmaschinen und Sexualobjekte, denkt in Kategorien der Ausbeutung und Vergewaltigung, weil er Menschen genau darauf reduzieren will: Arbeitsmaschinen und Sexualobjekte. Und trotzdem stimmt es, dass in diesem Moment eine Körperlichkeit zum Ausdruck kommt, die ich nicht dekodieren und an der ich nicht teilnehmen kann. Ich stehe am Rand und spüre eine Form von Ausschluss. Fremdsein ist aufregend, solange es die Neugier befriedigt. Sobald das Gefühl jedoch in Exklusion umschlägt, wird es beunruhigend.

Ich frage Edgar, Franciscos Vater, ob ich meinen Vorurteilen aufsitze: die Körperlichkeit afrovenezolanischer Kultur. Er findet die Formulierung nicht falsch, aber als ich weiterfragen will, merke ich, dass ich nicht weiterkomme. Die Begriffe taugen nichts. Sprache ist Kontext, und deshalb gibt es Dinge, die sich einfach nicht sagen lassen. Weil Worte von Diskursen so klar besetzt sein können, dass kein alternativer Deutungsspielraum mehr besteht. Ich beschließe, mich mit meiner Verwirrung abzufinden.

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Nicht die einzige Irritation. Am nächsten Tag treffe ich Ernesto, Rapper von Sontison, Polit-HipHoppern. Wir gehen zu einem Konzert. Im Museumskomplex von Bellas Artes spielt die Gruppe Herencia, "Erbschaft". Mittagswärme, vielleicht 400 Leute, Passanten. Die Band - Bläser, Piano, Percussions, Trommeln, Lead-Sänger - spielt Crossover: tambores, HipHop, klassischer Salsa, Samba, Cumbia ... Und auch hier taucht plötzlich eine San Juan-Statue auf, auch hier fangen Leute an, die Perra zu tanzen und dem Heiligen zu huldigen. Ernesto grinst. Er mag das. "Das Eigene hochhalten, das Venezolanische", lautet hier eine Forderung, die gleichermaßen von Stadtteilorganisationen, schwarzen Aktivisten, Linken und Kulturnetzwerken vertreten wird. Irritierend: HipHopper, wie Ernesto, die sich ohne zu zögern als "Revolutionär" bezeichnen würden, verteidigen "nationale Kultur und eigene Wurzeln".

Die Interpretationsmuster geraten mir in Caracas ständig durcheinander. Eine religiöse Feier wird zum zentralen Ort der Begegnung einer Community, politische Musiker knüpfen an kulturelle Ausdrucksformen an, die in Deutschland unter 'Folklore' laufen würden, der Moderator eines Alternativradios diskutiert mit einer Ska-Band über die Umdeutung katholischer Heiliger. Die gängigen Kategorien, mit denen ich in Europa das Verhältnis von Kultur, Politik und Religion zu definieren versuche, versagen hier völlig.

"Die Leute haben die Grenzlinien zwischen Kultur und Politik erfolgreich kollabiert", hat Jeff Derksen, ein befreundeter Cultural Studies-Autor aus Kanada dieser Tage bei einem Besuch gesagt. Ich glaube die Formulierung trifft es: 'erfolgreich kollabierte Grenzlinien'.

Nach dem Konzert von Herencia fahren wir erneut an den Stadtrand zur Terrasse Nr. 5. Wir reden mit Alicia und Pablo über den Vortag, über San Juan. Ich sage, dass ich es seltsam finde, dass so viele politische Selbstorganisationsformen in Caracas aus soziokulturellen Netzwerken hervor gegangen sind und dass diese Netzwerke ausgerechnet religiöse Feiern in den Mittelpunkt stellen. Alicia antwortet, dass das für sie naheliegend gewesen sei, weil Feiern Räume darstellten, in denen sich eine Community formieren kann. "Wir haben das immer als Organisierungsansatz gesen." Und dass solche Feste zudem Selbstbewusstsein vermittelten. Weil die Volkskultur, die Kultur der Unterschichten, konsequent geleugnet wird und es dort, wo eine Kultur, unsichtbar gemacht wird und im Fernsehen nur noch warenförmiges American bzw. European Way of Life zu sehen ist, eine Form des Widerstands ist, nicht zu verschwinden. Sich nicht assimilieren lassen. Und so kollabieren schließlich die Grenzen: Eine politische Gruppe organisiert religiöse Feiern, Leute, die San Juan vorbereiten, entwickeln sich zu einem Netzwerk, das politisch zu agieren beginnt.

Eigentlich liegt es auf der Hand. Es ist einfach nicht wahr, wenn Linke im Norden behaupten, die globalisierende Kraft des Kulturbetriebs sei im Prinzip progressiv. Denn auch bei der kulturellen <Globalisierung> handelt es sich ja nicht um Austausch im freien Raum, sondern um die gewaltförmige Durchsetzung kultureller Konzepte, die ökonomische Ausbeutungsverhältnisse abzusichern helfen. Herrschaft strebt immer danach, den Beherrschten zu assimilieren, ihn dazu zu bringen, sich mit dem Unterwerfer kulturell, emotional, sozial zu identifizieren. Und insofern ist es natürlich etwas grundlegend Anderes, wenn in einer kulturell und ökonomisch hegemonialen Gesellschaft wie der deutschen über Folklore gesprochen wird, oder ob sich Menschen im Süden den warenförmig organisierten Kultursystemen - ob nun MTV, Hollywood oder, diffus-unartikuliert "Amerika" - mit Verweis auf <das Eigene> verweigern.

Pablo, Alicias junger Schwager, kommt herein. Die Combo, die bei San Juan trommelt, macht außerdem noch ein Community-Radio und organisiert Sport-Events. damit die Barrios auch untereinander Beziehungen aufbauen. Wir reden über unterschiedliche Musik-Stile. "Los siete sones negros", erklärt Pablo, "aus Barlovento, mit Saiteninstrumenten. Sanmillán: Trommeln, etwas leichter aus dem Bundesstaat Araguas. Parranda: wird mit der Cuatro, einem viersaitigen Instrument gespielt; die Leute halten es für Weihnachtsmusik, aber streng genommen stimmt das nicht. Fulía: Das ist ein Lied, das bei den Cruz de Mayo-Feiern gespielt wird; es sind der einzige Trommel-Rhythmus, zu dem nicht getanzt wird, weil die Huldigung allein dem Kreuz gilt. Culodepuya, Stachelhintern, und Quichimba, das sind Verarschungen der weißen Salonmusik; klingen ein bisschen getragen, die Leute machen die Aufstellung und Gesten der alten spanischen Hoftänze nach. Ist übrigens nicht der einzige Rhythmus, der ein bisschen spanischen Einfluss hat: Galerones erinnert ein wenig an Flamenco ..."

 

(aus SPEX Oktober 2003)

 

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien