zuerst erschienen in Spex und WOZ Sommer 2003, als Printausgabe erhältlich beim Textem-Verlag (www.textem.de)

Benajarafe ist super. Keine 20 Kilometer von Málaga entfernt, nicht so völlig ausgetrocknet wie andere Teile Andalusiens, und mit den Briten hält es sich auch in Grenzen. Den Briten und Holländern. Die haben ihre Wohnblocks ein paar Kilometer weiter nordöstlich - dort, wo die Deutschen Golf spielen und, so weit das Auge reicht, nur Immobiliensiedlungen herumstehen. M. und ich machen Urlaub. M.s Mama hat hier ein Haus, d. h. eigentlich eher eine Baracke, die ein bisschen an eine Favela-Bude erinnert: Holzverschlag mit Küchennische und Dusche aus dem Gartenschlauch. Wir kommen gerade aus Lateinamerika. Kolumbien genauer gesagt. Scheiß Kolumbien. Da lobt man sich schon so eine erholsame Woche an einem hübschen Benajarafe-Strand. Ausschlafen, vom Hügel aufs Meer schauen, sich in der Favela-Baracke Espresso kochen, den man gemütlich am Tisch unter dem Olivenbaum zu sich nehmen kann.
Alles im Gleichgewicht also, bis M. plötzlich am 3. Ferientag mit einer Begleitung vom Hundefüttern zurückkommt. "Ich glaube, er ist heute morgen mit dem Schiff angekommen."
Der Typ hält mir die Hand hin. "Tag ... Hallo, wie geht's? ...Ich bin Yussuf ... Du hast eine schöne Schwester."
Ich denke, dass ich so was schon mal gar nicht abkann: Wenn jemand M. als meine Schwester bezeichnet.
M. nötigt mich, aus dem Französischen zu übersetzen. Das mit der Schwester behalte ich für mich.
"Ich bin aus der Nähe von Casablanca." Er sagte einen Namen. "Wir haben 30 Stunden gebraucht ... Ich will nach Italien."
30 Stunden, denke ich. Schöner Mist.
"Italien ist aber ziemlich weit", erwidere ich vorsichtig.
"In Italien habe ich Freunde. Da kann ich arbeiten."Yussuf geht sich duschen. Unter dem Gartenschlauch. Ich denke nach. Eigentlich wollte ich zum Strand runtergehen und ein wenig arbeiten. Ein Hörspiel für Radio Bremen. Aber ich kann M. und ihre Mama jetzt schließlich nicht allein lassen. Ein bisschen schlecht gelaunt sage ich mir vor, dass ich nicht so egoman sein darf. Yusuf kommt frisch gekleidet zurück, trinkt seinen Kaffee und erzählt von der Überfahrt. Sie waren zu zwanzigst an Bord. Wahrscheinlich ein Schlauchboot, den Teil verstehe ich nicht genau. Weil bei Algeciras zu stark kontrolliert wird, sind sie bis hinter Málaga gefahren. Die ganze Nacht sei Wasser ins Boot gespritzt. Ich nicke, in der Meerenge von Gibraltar sind in den letzten vier Jahren mehr Menschen gestorben als in den 40 Jahren an der innerdeutschen Grenze.Doch kaum ist mein solidarisches Gewissen mobilisiert, fängt Yussuf schon wieder mit seinem Mist an. "Deine Schwester ist wirklich sehr nett." Der will überhaupt nicht nach Italien. Der will heiraten. Er packt einen Beutel Nüsse auf den Tisch. Sie schmecken nach Maschinenöl und Salzwasser. Total ungenießbar. Muss wirklich eine üble Nacht gewesen sein. Beziehungsweise zwei.
Yussuf isst ein Brot, dann steigen wir zu dritt in den VW-Bus. In der Favela-Baracke gibt es kein Telefon, die nächste Kabine ist zwei Kilometer entfernt. Auf dem Weg besorgen wir Münzgeld. Als wir in der Telefonzelle stehen und ich die italienische Vorwahl eintippe, sagt Yussuf, dass er die Nummern zu Hause gelassen hat. Ich schaue ihn verständnislos an. Mein Französisch ist nicht besonders gut.
"Zu Hause?"
"Zu Hause in Marokko."
Er nickt lächelnd. "Ich ruf einfach mal an." Ich suche die Vorwahl von Marokko heraus, M. stellt sich neben das Auto und raucht. Mir ist ein Rätsel, warum man 2000 Euro für eine Überfahrt aufbringt, aber sich dann nicht richtig vorbereitet. Die Telefonnummer zu Hause lassen ... Yussufs Verbindung steht, ich schau mich um, ob Bullen vorbeifahren. Er plaudert angeregt, das Münzgeld rattert durch. "Mein Opa", erklärt er kurz und redet weiter. Die Münzen gehen langsam zuneige, ich zeige auf die Uhr. Der hat überhaupt keine Telefonnummer in Italien. Der wollte von vornherein nach Benajarafe und bei "meiner Schwester" einziehen. Yussuf macht eine Pause, Opa ist die Mutter holen gegangen. Nachdem auch die beiden eine Weile geredet haben, schreibt er endlich zwei Nummern auf. Dafür ist jetzt das Münzgeld alle. Ich denke, dass ich am liebsten an den Strand gehen und ein bisschen schreiben würde. Stattdessen fahren wir Geld wechseln an die Tanke. Yussuf bleibt im Auto sitzen, weil an der Hauptverkehrsstraße zu oft Guardia Civil vorbeikommt. Danach geht es zurück zur Telefonzelle. Wir rufen in Italien und in Valencia an. Ich weiss nicht, worüber Yussuf redet, aber es scheint nicht wirklich was bei herauszukommen. Als er auflegt, macht er ein irritiertes Gesicht. M. steckt sich die nächste Zigarette an.
"Und was ist jetzt?" frage ich auf französisch.
Yussuf sagt, dass er nach Italien will.
M. fragt auf deutsch, was Yussuf gesagt hat.
Ich sage, dass Yussuf nach Italien will.
M. stellt fest, dass wir das eigentlich schon gewusst haben.
Plötzlich grüßt Yussuf jemanden auf der Straße. Einen Marokkaner. Der Typ wirkt gestresst. Unfreundliches Gesicht. Als sähe er es nicht gern, dass Yussuf hier mit uns steht. Sie wechseln ein paar Worte. Als der Typ verschwindet, steigen wir ins Auto und fahren nach Hause zurück.
Ich frage, was der andere gesagt hat. Yussuf antwortet, dass der andere ihm nach Italien helfen wird, und lächelt unverbindlich. M. fragt, was Yussuf gesagt hat. Ich sage, dass Yussuf nicht wirklich geantwortet hat. M. sagt, dass das normal sei, immerhin wäre das der Schlepper. Ich denke, dass ich da auch allein drauf hätte kommen können.
M. lässt den Motor an. Mittlerweile ist es halb 12, ich habe immer noch keine Ahnung, wie ich mein Hörspiel anfange. Ein Hörspiel über einen Iserlohner Jugendlichen mit türkischem Pass, der wegen einer Haftstrafe von Abschiebung bedroht ist. Ich frage mich, was ist, wenn Yussuf jetzt die ganze Woche hier bleibt. Dann komme ich überhaupt nicht zum Schreiben.Wir kommen bei M.'s Mama an. Weil ich nicht an den Strand gehen kann - erstens bin ich der Übersetzer und zweitens würde die anderen dann sonst was von mir denken, versuche ich ein wenig zu lesen. Thomas Pynchon. Das Problem mit dem verdammten Pynchon ist, dass man ständig den Faden verliert. Als ich endlich eine halbe Seite Geschichte zusammenbekomme, tauchen plötzlich noch zwei weitere Typen aus dem Gebüsch auf. Der eine etwas dicker und älter als Yussuf, der zweite dünn und ärmlich gekleidet.
"Samir und Mohammed", sagt Yussuf. Er kennt sie vom Schlauchboot.
M.s Mama holt etwas zu essen und bietet ihnen die Dusche an. Mohammed macht einen verschüchterten Eindruck, aber Samir weiß, was er will. Er fragt, ob wir ihn nach Murcia fahren. In Murcia habe er Freunde, sagt er. Da könne er arbeiten. Plötzlich wollen die anderen beiden auch nach Murcia. M.s Mama stellt fest, dass das 500 Kilometer seien, nur ein paar Stunden mit dem Auto. Sie würde uns den VW-Bus leihen. Ich denke, dass ich mein Hörspiel schreiben will, in Ferien bin und Yussuf ein Volltrottel ist. M. klatscht begeistert in die Hände: "Okay, dann lass uns sie fahren." Ich antworte, dass ich keine Lust habe."Wieso keine Lust? Was hat das mit Lust zu tun?"
Ich stottere. Was soll man darauf erwidern? Dass Yussuf ein Verpeiler ist, der nicht mal die Telefonnummer mitgebracht hat?
"Man ist ja nicht immer im Einsatz, oder?" Wir waren 6 Wochen in Kolumbien. Da hat man Anrecht auf eine Woche Urlaub.
"Na ja", sagt M.s Mama. "Ist doch nur ein Tag." Die 3 Marokkaner verfolgen irritiert das Gespräch. Ein Tag von einer Woche Urlaub, denke ich.
"Du bist echt egoman", sagt M. und steckt sich eine Zigarette an.
Ich sage, dass wir nach Málaga fahren und die drei in den Bus setzen könnten. Und danach ein bisschen in Málaga spazieren gehen, denke ich, spreche es allerdings nicht aus. M. findet das immer noch egoman. Sie hat natürlich Recht, aber ich versuche zu widersprechen. Ich habe keine Lust, sage ich, das ist so anstrengend. Ich sage nicht: Yussuf geht mir auf den Zeiger. Ich behalte auch für mich, dass ich keine Leute mag, die einen verpeilten Eindruck machen.
Ich schlage den dreien auf französisch vor, nach Málaga zu fahren und sie in den Bus zu setzen. Sie finden die Idee nicht so toll, aber besser als gar nichts. Samir will vorher neue Sachen kaufen. In den Kleidern würde man sie sofort erkennen. Samir weiß wirklich, was er will. M.s Mama sagt, dass sie noch ein paar neue Sweat-Shirts da habe. Nicht in der Favela-Baracke, sondern im Hippie-Wohnwagen von Oma. Die könnten sie erst mal anziehen. Die drei werden eingekleidet. Wir beschließen, noch etwas zu essen, uns auszuruhen und dann loszufahren. Nachts fallen die drei im Bus nicht so sehr auf.
Um halb 5 machen wir uns auf dem Weg. Als wir die Hauptverkehrsstraße erreichen, sagt Yussuf, dass er doch nicht nach Murcia, sondern nach Italien will. Ich sage, dass Italien 2500 Kilometer entfernt ist und Murcia auf dem Weg dahin liegt. Yussuf antwortet, dass er zu seinem Freund will. M. fragt, was jetzt los ist. Ich sage, dass Yussuf nicht nach Málaga oder Murcia, sondern zu seinem Freund oder nach Italien will. M. fragt, in welche Richtung sie abbiegen soll. Ich frage Yussuf, wo der Schlepper wohnt. Er sagt, dass er das Haus erkennt, wenn er es sieht.
Wir biegen links ab, Richtung Benajarafe- Zentrum. Na ja, Zentrum - zwei Kneipen, die Schule und die Post. Wir fahren in die Ortschaft hinein, und ich frage Yussuf, wo das Haus ist. Er lächelt unverbindlich. Wir fahren ziellos durch das Dorf, ohne dass er etwas sagt. Der Typ geht mir langsam wirklich auf die Nerven. Ich sage, dass es hier viel Polizei gebe und sie auf uns aufmerksam werde, wenn wir weiter ziellos herumführen. Yussuf nickt lächelnd.
Ich sage, dass wir, wenn er nicht genau wisse, wo das Haus ist, umdrehen und nach Malaga fahren würden. Wenn er unbedingt hier bleiben wolle, müsse er aussteigen. Was wir im Moment machten, sei eine Gefahr für ihn, aber auch für die anderen. Er antwortet nicht. M. biegt in die Einfahrt zum alten Bahnhof und hält. Yussuf wechselt mit den anderen ein paar Sätze auf arabisch. Plötzlich will auch Mohammed nach Italien. Ich wiederhole auf Französisch, dass Murcia in Richtung Italien liegt. Mohammed zuckt mit den Achseln, er spricht kein Französisch. Die beiden steigen aus. Nur Samir will weiter nach Murcia.
Yussuf und Mohammed verabschieden sich, machen die Tür zu und gehen zur Hauptstraße zurück. Sie sind keine 20 Meter entfernt, als ein Wagen der Policía Nacional anhält. Scheiß Policía Nacional. M. fährt an. Wir sind nur ein paar Meter vom Polizeiwagen entfernt. Ich habe ein schlechtes Gewissen, aber v. a. mache ich mir Sorgen um Samir, der auf der Rückbank sitzt. Wenn die Bullen die anderen beiden aus dem Wagen aussteigen haben sehen, werden sie jetzt auch noch ihn schnappen. Ich denke, dass ich, wenn ich jetzt am Steuer säße, garantiert den Motor abwürgen würde. Gott sei dank habe ich keinen Führerschein. Endlich tut sich eine Lücke auf, und M. biegt nach links ab. Wir rollen direkt an der Policía Nacional vorbei. Yussuf und Mohammed schauen nicht herüber. M. gibt Gas, Richtung Málaga.
"Scheiße", sage ich.
"Ja, totale Scheiße", sagt M.
Samir sagt gar nichts.
"Aber warum kann er sich das nicht früher überlegen?" schiebe ich hinterher. "Wir können doch so kein Haus suchen gehen. Mit den ganzen Leuten im Auto."
'Gut aussehende Schwester' und Verpeiltheit hin oder her. Das habe ich nicht gewollt.
M. steckt sich eine Zigarette an.
Die Auffahrt auf die Autobahn Murcia-Málaga ist ungefähr 3 Kilometer von Benajarafe entfernt. Als wir das Rondell erreichen, hat mich das schlechte Gewissen zur Strecke gebracht.
"Hast du noch Lust?" Kreisverkehr, alles dreht sich einem im Kopf.
"Was?" fragt M.
"Nach Murcia zu fahren."
M. fährt nicht Richtung Málaga aus dem Kreis heraus, sondern bleibt noch eine Runde drin. Noch mehr Kopfdrehen. "Wieso?" antwortet sie. "Du hast doch keine Lust."
"Na ja ..." Was soll man in so einer Situation sagen? "Samir weiß, was er will. Der hat eine Chance. Ich meine, wenn wir jemanden 500 Km fahren, sollte er auch eine Chance haben. Nicht, dass wir rumfahren und er merkt, da ist gar nicht Italien."
"Also willst du jetzt doch nach Murcia?" fragt M.
Samir sitzt müde auf der Rückbank. Ich sage mir vor, dass man das auch als Ausflug betrachten kann, v. a. jetzt, da der dämliche Yussuf nicht mehr an Bord ist.
"Wir fahren nach Murcia", erkläre ich Samir auf französisch. Kaum habe ich den Satz ausgesprochen, habe ich schon wieder ein schlechtes Gewissen wegen Yussuf. Wenn ich erleichtert bin, dass er nicht mehr im Auto sitzt, bin ich ja doch Schuld an der Festnahme eben. Ganz schön vertrackt, wenn man jemanden nicht mag, dem man helfen sollte.
Samir ist müde. 30 Stunden Schlauchboot in der Meerenge von Gibraltar sind ungefähr so erholsam wie eine Woche Bagdad im Frühjahr 2003. Er legt sich auf den Boden und schläft ein. Was ganz praktisch ist, weil man ihn so von außen nicht sieht.Wir fahren die Autobahn nach Nordosten.
Die britischen Appartementbunker, die für die Deutschen angelegten Golfplätze, wegen denen jetzt in Aragonien überall Täler geflutet werden - obwohl man zugeben muss, dass die Rasenflächen wirklich sehr grün sind -, die Halbwüste vor Almería. Eigentlich ist Andalusien ein ganz schön öder Landstrich.
Als die Autobahn aufhört, wir sind am Fuß der Sierra Nevada, aber irgendwie sieht man die touristischen Sehenswürdigkeiten nicht, bleibt mir das Herz stehen. Hinter einer Kurve lauert plötzlich die Guardia Civil. Ausgerechnet die Guardia Civil! Verdammte Guardia Civil.
Vorne ein gepanzerter Jeep, hinten die Straßensperre. Ich bin empört. Die führen sich auf, als ginge es um eine Invasionsarmee und nicht um ein paar gestrandete Schlauchbootfahrer. Die nächsten Meter bin ich mit dem Prinzip Hoffnung beschäftigt. Hoffentlich winken sie uns durch. Der VW-Bus hat ein deutsches Nummerschild. Aber die Guardia Civil kennt keine Gnade, auch nicht bei deutschen Nummernschildern. Wir werden müssen anhalten. Ein Bulle mit regungslosem Gesicht tritt auf uns zu. Regungslosem Kinderkillergesicht."Guten Tag!" sage ich.
"Hallo!", sagt M.
"Ihre Ausweise", sagt der Polizist.
Wir reichen unsere Papiere raus, während Samir auf dem Boden leise schnarcht. Auf dem Boden, wo man ihn nicht gleich sieht.
M. beginnt auffällig zu lächeln. Zur Schau gestellte Mädchenhaftigkeit. Könnte Heidi auch nicht besser. Erstaunlich, wie viele Frauen so ein Lächeln drauf haben. Gender-Kritik hin oder her Der Bulle blättert die Papiere durch.
"Wir sind aus Wuppertal", M. ist in Redelaune. "Kennen Sie Wuppertal? Das liegt fast an der Grenze zu Holland. Wir machen hier Urlaub. Spanien ist sehr schön. Wir schauen uns die Küste an."
Der Bulle mustert uns. Ich denke, er sieht Samir nicht. Er übersieht ihn. Er muss ihn übersehen.
"Aus wo?" fragt er.
"Wuppertal", M. klappert mit den Wimpern.
Der Bulle macht einen Schritt nach vorn und blickt durchs Seitenfenster. "Und der? Der sieht aber eher wie ein Araber aus."
Ich denke, dass die Sache gelaufen ist. Immerhin ist das Schlepperei. Wenn sie wollen, können sie einen dafür rankriegen. Ich meine, man ist ja schließlich kein Superheld. Ich setze an zu erklären, dass das ein Bekannter ist, den wir als Tramper mitgenommen haben. Im Ausflüchte suchen bin ich eine ziemliche Null.
"Der auch", kommt mir M. lächelnd zuvor. "Der ist auch aus Wuppertal ... Da haben wir viele Türken, wissen Sie? Er schläft. Zu viel Party."
Der Bulle fixiert uns. Dort, wo es am unangenehmsten ist. Auf den Augenbrauen. Na toll, denke ich. Jetzt gibt es auch noch Ärger wegen dem Lügen. Der Polizist hebt die Hand und winkt uns vor. Ich denke, dass wir den Wagen parken und aussteigen sollen. Aber wir sollen gar nicht parken. Der Bulle winkt uns durch.
M. fährt an, ohne den Motor abzuwürgen und steckt sich eine Zigarette an. Ich denke, dass es wirklich gut ist, dass ich keinen Führerschein habe.Wir rollen die Landstraße entlang und können es kaum glauben. Durchgelassen. No pasarán, pasaremos und so. Als Samir aufwacht, sind wir schon in El Ejido. Drecksnest, elendes. Selbst das Vegetariertum wird einem verleidet, wenn man das sieht: nichts als Chemie-Tonnen, Plastikplanen und eine Staubwüste.
Ein Freund von M.'s Mama hat hier neulich einen Spielfilm gedreht. Anansi. Über afrikanische Einwanderer, die mit dem Schlauchboot übersetzen und dann in den Gewächshäusern als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden. So ein Zufall.
"Du hast Glück gehabt, dass du geschlafen hast", sage ich zu Samir.
"Schlafen wirkt Wunder", sagt M.
Samir fragt, wie weit es noch ist.
500 Kilometer können sich ganz schön hinziehen, wenn die Landschaft so öde ist. Es wird Abend, Nacht und kalt. An der Tanke lassen wir uns von Samir ein Badetuch spendieren. Wir haben kein Geld dabei und unter irgendwas müssen wir auf dem Rückweg schließlich schlafen. Wenn ich mir das mit Murcia früher überlegt hätte, würde uns jetzt kein Bettzeug fehlen. Aber glücklicherweise ist M. nicht wie ich und hält mir das nicht vor.
Samir telefoniert mit seinem Schwager in Mulhouse, Frankreich. Der will mit uns sprechen und bedankt sich. Ich sage, kein Problem. Er sagt, dass er Samir in einer Woche mit dem Auto abholen werde. Ich antworte, gute Idee. Gegen elf versucht Samir es in Murcia. Wir sind noch 100 Km von unserem Ziel entfernt. Der Akku ist fast alle. Wegen des Mulhouse-Gesprächs. Mein Eindruck: Die Marokkaner haben ein Probleme mit dem Telefonieren. Sie reden immer zu lang. Samir erreicht den Typen in Murcia trotzdem.
Er antwortet, Samir solle es später noch mal probieren. Wir wollen einen Kaffee trinken. M. fährt an der nächsten Raststation raus. Vor den Zapfsäulen steht die Guardia Civil. Wir trinken keinen Kaffee, sondern fahren auf die Autobahn zürück. Inzwischen sieht man schon die Lichter von Murcia. Samir ruft noch mal an. Der Akku hält, aber die Leute, die Samir kennt, haben ihr Telefon ausgemacht. Na toll, denke ich. Der ist ja auch verpeilt. 500 km gefahren und auch verpeilt. Mein Eindruck: Die Marokkaner haben ein Problem mit der Planung.
Ich bin müde. Dabei fahre ich nicht mal. M. sitzt am Steuer und sagt, dass sie höchstens noch eine Stunde fahren will. Wenigstens ist sie auch mal erschöpft. Wir erreichen Murcia. Irgendwie sehen spanische Städte nachts bei orangefarbener Straßenbeleuchtung alle gleich aus. Samirs Freunde haben ihr Telefon mittlerweile abgemeldet. Eine anonyme Stimme scheppert aus dem Handy, dessen Akku mittlerweile aus dem letzten Loch pfeift. Ich bin genervt, auch M. macht einen leicht verstimmten Eindruck. Könnte auch an der Müdigkeit liegen. Ich frage, was wir jetzt machen sollen. Samir sagt: ins arabische Viertel fahren. Ich erwidere, wir wüssten von keinem arabischen Viertel. Er solle in eine Pension gehen. Samir sagt: nicht in die Pension. Ich sage: Und wie sollen wir dieses Viertel finden? M. fragt, worüber wir diskutieren. Ich übersetze.
Wir gurken durch die Stadt. Kann man wirklich nicht anders nennen. Ziellos links und rechts abbiegen und dann Kreisverkehr. Wieder dreht sich einem alles im Kopf. Ich sage Samir, dass es jetzt 0.30 Uhr ist und er eine Pension nehmen muss, ich würde das Zimmer für ihn besorgen. Samir sagt, dass die Polizei dahin kommt. Hat er auch wieder recht. Aber was bleibt uns sonst schon? Wir könnten Araber ansprechen, sagt er. Einfach Araber auf der Straße. Blöde Idee, denke ich. Wo sollen wir mitten in der Nacht Araber auftreiben? Mein Eindruck: Die Marokkaner haben ein Problem mit handhabbaren Vorschlägen."Da vorn!" schreit Samir plötzlich. Auf dem Fußgängerweg hat er 2 Passanten entdeckt. Ich glaube ja nicht, dass das Araber sind. M. wird langsamer, ich kurbele das Fenster hinunter, Samir fragt etwas auf arabisch. Die Typen sind Marokkaner. Zumindest antworten sie auf arabisch.
"Was reden die?" frage ich M. Eigentlich nur, um den Spieß mal umzudrehen.
"Keine Ahnung", sagt M.Samir verabschiedet sich und steigt aus. Wir schütteln die Hände der Fremden, sehen die drei in einer Seitenstraße verschwinden und fühlen uns müde, aber ganz zufrieden. Obwohl ich ein bisschen beleidigt bin, dass Samir seine Telefonnummer nicht da gelassen hat. Ich hätte gern gewusst, ob er gut in Mulhouse ankommt. Aber M. sagt, dass das doch klar war. "Ein bisschen Vorsicht muss sein."
Hat sie auch wieder Recht.Wir fahren aus der Stadt raus. Die orangefarbene Straßenbeleuchtung hört auf. Wir suchen eine Raststätte, wo wir unsere Ruhe haben. Gar nicht so leicht. Überall LKW-Fahrer und Guardia Civil. Um halb 2 finden wir endlich was: In einem Orangenhain, der nach Kloake riecht. Wenn man sieht, wie das Zeug angebaut wird, möchte man wirklich kein Obst mehr essen. Außerdem sind die Mücken hier groß wie Heuschrecken. Wir kramen zwei Schaumstoffmatratzen aus dem Kofferraum und bauen uns ein Sandwich-Bett. Ich gehe noch mal Pinkeln und werde gestochen. Als ich zurückkomme, sage ich zu M., dass sie wirklich ganz schön verschlagen ist. Sie antwortet, ob es mich stört, wenn sie im Bus noch eine Zigarette raucht; auch wegen der Mücken. Aus der Orangenhain-Kloake hört man so was wie einen Frosch quaken.
"Nö", sage ich.

 

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien