Raul Zelik

Sechs Erkenntnisse aus dem Alltag eines temporären Schutzengels in Kolumbien (WOZ, 2003)

Erstens: Wer in einem Begleitprojekt bestehen will, muss einiges an Heroismus mitbringen.

Zum Beispiel das Aufstehen. Bogotá, 6.30 Uhr morgens: Man kann sich glücklich schätzen, wenn es nicht schon um diese Zeit, sondern erst gegen 15 Uhr nachmittags regnet. Der erste Blick aus dem Fenster: ein ausnahmsweise fast wolkenloser Himmel, der das ganze Ausmaß des Smogs offenbart. Mit der Weltmarktintegration sind zwar die meisten kolumbianischen Industrien stillgelegt worden, aber Autoverkehr und Exportblumenplantagen sorgen auch allein für ein bemerkenswertes Diesel-Pestizid-Ambiente.

Ich trotte Richtung Dusche. Ana María und Julio aus Zaragoza haben uns die Anschaffung eines Elektroboilers verboten. "Das kostet zu viel Strom." Bisher habe ich immer gedacht, Schweizer und Deutsche wären die geizigsten Völker Europas, doch hier stelle ich fest, dass man auch in Spanien ein ziemlich kontrolliertes Verhältnis zu Geld zu haben scheint. Bei 12 Grad Zimmertemperatur mit kaltem Wasser zu duschen, ist zwar nicht gesundheitsschädigend, aber erfordert Überwindung. Man muss allen verfügbaren Heroismus mobilisieren.

Zweitens:
Die Gesetze der Logik sind relativ.

In Kriegssituationen wird das immer besonders deutlich. Ein Präsident, dessen Biografie aufs engste mit dem Drogenhandel verwoben ist, spricht vom Kampf gegen das Verbrechen, und die US-Regierung lässt zum Schutz der Menschheit vor krankmachendem Kokain weite Teile Amazoniens mit hochgiftigen Herbiziden besprühen. Noch viel relativer sind die Gesetze der Logik jedoch im Alltag unseres kleinen Projekts. Pünktlich um sieben Uhr morgens beginnt im Wohnzimmer unserer "Solidaritätsbotschaft" das wöchentliche Treffen mit den Bogotaner Partnerorganisationen: einer Gewerkschaft, zwei Menschenrechtsgruppen, einem Bildungsinstitut, der Bauernkoordination. Das interne Reglement des Projekts besagt, dass von unserem Haus aus die Büros der befreundeten Organisationen nicht angerufen werden dürfen. Die Regierung Uribe hat die NGOs erst unlängst wieder als "internationale Förderer des Terrorismus" bezeichnet, und so versucht man, nicht allzu unangenehm aufzufallen. Bis auf freitags. Dann kommen die befreundeten Gruppen zum Plenum in der "Botschaft" vorbei, und weil die meisten sozialen Organisationen Kolumbiens in Anbetracht zahlloser Mordanschläge vor den internationalen Institutionen Schutzmaßnahmen durchsetzen konnten, treffen fast alle unsere Freunde mit Begleitung ein. In unserer verschlafenen Straße in einem harmlosen Mittelschichtsviertel von Bogotá parken plötzlich mehrere gepanzerte Jeeps mit Leibwächtern: Bodyguards, die drolligerweise von der gleichen kolumbianischen Regierung finanziert und ausgerüstet werden, die diese Organisationen am liebsten noch heute verbieten würde.

Das wöchentliche Treffen beginnt mit Routine: Verhaftungen, Morddrohungen, Massaker. Doch daneben gibt es diese Woche auch einen erfreulicheren Tagesordnungspunkt. Eine kolumbianisch-brasilianisch-deutsch-schweizerische Gewerkschaftsdelegation kommt zu Besuch. M. und ich sollen sie in das 400 Kilometer nordöstlich gelegene Grenzdepartment Arauca begleiten, wo die Regierung gerade besonders viele AktivistInnen sozialer Bewegungen verhaften lässt. M. ist begeistert: "Endlich raus aus dieser Drecksstadt." Meine Reaktion ist zwiespältiger: "Vom Regen in die Traufe." Was sich bestätigen wird.

Drittens:
a) Kolumbianische Gewerkschafter erschrecken sich nicht vor Militärsperren, b) und essen gerne Fleisch.

Wenn man mit deutschen GewerkschafterInnen zu tun hat, gelangt man bisweilen zu dem Eindruck, dass einem die Tätigkeit als ArbeitnehmervertreterIn mit der Zeit auf Geist und Gemüt schlagen muss. Aber auch in dieser Hinsicht wird man hier eines Besseren belehrt - wahrscheinlich, weil die meisten kolumbianischen Gewerkschaften nach 4.500 Morden und immer neuen Gesetzen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts auf die Größe eines umfangreicheren Kleingartenvereins geschrumpft und damit auch die Verwaltungsarbeiten in den Hintergrund gerückt sind. Flughafen Saravena: Direkt neben der Landebahn liegen ein schwer befestigter Militärstützpunkt und der Bunker der US-Sondereinheiten, die hier eine Pipeline beschützen. Zurückhaltend kann man die Situation als gespannt bezeichnen. In der 40.000 Einwohnerstadt sind in den vergangenen zehn Monaten 50 AktivistInnen verhaftet und 30 weitere ermordet worden; das Flughafengebäude wurde vor kurzem bei einem Anschlag der Guerilla in eine Ruine verwandelt. Edgar, Nahrungsmittelgewerkschafter aus Bogotá und vormals Arbeiter bei Nestlé, ist trotzdem guter Dinge. "Sabrrroso", er rollt das R: lecker. "Endlich wieder in Arauca." Voller Vorfreude richtet er sich an die hinter der Militärsperre auf uns wartenden Gastgeber. "Und? Ist das Rind schon geschlachtet?" Wir sind für den folgenden Tag zu einer Grillparty 80 Kilometer außerhalb der Kleinstadt Saravena eingeladen. Die Vertreter der lokalen Menschenrechtsorganisation bejahen die Frage, Edgar macht ein glückliches Gesicht. "Ist das nicht wunderbar?"

Die Delegation rollt im Taxikonvoy in die Innenstadt. Unter jedem Baum steht ein Soldat, am Straßenrand sind sandsackbefestigte Stellungen der Polizei, an den Wänden prangen Parolen der rechten Todesschwadronen AUC. "Das ist doch das Beste, das hier." Edgar fletscht die Zähne. "Arrrauca", nochmal rollendes R, "sabrrroso".

Die Taxis halten vor dem Hotel. Es ist elf Uhr morgens - aber bereits drückend heiß. "Jetzt erst mal eine schöne Arbeitsbesprechung und danach eine Runde Bier." Am Vortag hat die Coca-Cola-Geschäftsführung verkündet, acht von 17 Abfüllanlagen im Land zu schließen. Bei Nestlé gibt es neue Drohungen gegen die ArbeitnehmervertreterInnen. Die Gewerkschaft wird damit noch einmal schrumpfen: auf die Größe eines mittleren Skatclubs. Doch Kollege Edgar lässt sich auch hiervon die Stimmung nicht vermiesen. Bei so vielen Katastrophen bleiben einem nur zwei Optionen: Verbitterung oder Marx Brothers.

Viertens:
Begleiter wollen begleitet werden.

An sich besteht die Funktion eines internationalen Begleitprojekts natürlich darin, bedrohten kolumbianischen AktivistInnen moralische Unterstützung zukommen zu lassen. Dummerweise lässt die moralische Verfassung von uns ausländischen BesucherInnen bisweilen ebenfalls zu wünschen übrig. Die kolumbianisch-brasilianisch-deutsch-schweizerische Delegation streitet sich darüber, ob man die Einladung zur Grillparty auf dem Land wahrnehmen soll. "Man hat uns dringend davon abgeraten, nach Saravena zu kommen", bemerkt einer von uns EuropäerInnen. "Von Dörfern außerhalb Saravenas ganz zu schweigen", ergänzt der Kollege von der schweizerischen Gewerkschaft Bau und Industrie. Die Einheimischen nicken. Sie wissen, wie man Zweifelnden Mut macht. "Ihr geht doch nicht allein", sagt der Vertreter der Kooperativenbewegung, "wir begleiten euch doch." "Und das Fleisch", wirft Kollege Edgar etwas unpädagogisch ein. "Die grillen das auf Spießen direkt über der Holzkohlenglut." "Wenn wir fahren, dann keinesfalls, um über Nacht zu bleiben." "Aber da sind viele Leute." Der Anwalt der örtlichen Menschenrechtskommission gibt sich große Mühe. "Bauern aus der ganzen Region kommen zu dem Fest." "Wie viele genau?" "70." "70", wiederholen wir Auswärtigen nachdenklich. Schwierige Frage: Kann man von ausreichender Begleitung sprechen, wenn eine neunköpfige Begleitungsdelegation von 70 Bauern begleitet wird?

Fünftens:
Auch Militärs sind nicht gern allein.

Wir statten den diversen sozialen Organisationen und Kooperativen Saravenas Besuche ab. Der Sprecher der Genossenschaft COAGROSARARE berichtet von der ersten gemeinwirtschaftlich produzierten Schokolade Kolumbiens, die allerdings leider noch ein bisschen grässlich schmecke. Bei den selbstverwalteten Stadtwerken, die für Wasserversorgung und Müllabfuhr verantwortlich sind, zeigt sich vor allem die brasilianische Delegation begeistert: "Ein Hoch auf das sozialistische Leitungswasser." Danach geht es wie geplant aufs Land, wo uns das versprochene Barbecue erwartet: 120 Kilo hauchzartes Rindfleisch - phänomenal!

Der Morgen nach der Grillparty verläuft jedoch mäßig. Während des Frühstücks ist die Stimmung sichtlich angespannt. M. und ich sind von dubiosen Zwerginsekten namens Cuquitos zerstochen, unsere europäischen Kontinentalgefährten sind verärgert, weil wir die Nacht entgegen der Vereinbarung doch auf dem Bauernhof auf dem Land und nicht im Hotel in der Kleinstadt verbracht haben. Zu allem Überfluss bricht auf dem Rückweg nach Saravena nach 15 Minuten Schotterweg bei unserem Wagen auch noch die Achse, und das Fahrzeug stürzt um. Weil GewerkschafterInnen als arbeitende Bevölkerung nur über begrenzte Ferientage verfügen und deswegen ihren Flug nicht verpassen dürfen, bleiben M. und ich mit drei Kolumbianern - ebenfalls ohne Festanstellung - zurück, während die Delegationsteilnehmer mit dem ersten vorbeikommenden Wagen zum Flugplatz geschickt werden.

Die zufällig auftauchende Guerilla schenkt uns keine Beachtung, das heißt wir werden freundlicherweise nicht entführt (was schon mal nicht schlecht ist), doch als wir eine Stunde später endlich ein Fahrzeug aufgetrieben haben, bricht das nächste Unglück über uns herein. Genauer gesagt, wir rollen darauf zu. Armeesperre: Leutnant Correa hat von seinem Vorgesetzten die Anweisung erhalten, die internationalen Verbindungen der Subversion lückenlos aufzuklären. Trotz verschiedener Geleitbriefe werden wir fünf Stunden lang festgehalten - fünf Stunden, in denen der Menschenrechtsbeauftragte des Gewerkschaftsdachverbands CUT, das kolumbianische Armeekommando und diverse Nichtregierungsorganisationen in Bogotá einige Dutzend freundlicher und weniger freundlicher Telefonate miteinander führen. Weil die im Land verteilten Ermittlungsbehörden von neun bis 14 Uhr Mittagspause zu haben scheinen, können wir uns ausgiebig mit den anwesenden Soldaten unterhalten. Gesprächsthemen: Essgewohnheiten hier und dort, die neue europäische Einheitswährung, das Wetter. Ein Anwesender mit zupackender Ausstrahlung berichtet zufrieden, sich für den Irak-Einsatz gemeldet zu haben. "Da verdient man in Dollars." Wir nicken aufmunternd, weil man schließlich nicht jeden Tag bei einer waschechten Invasion mitmachen darf, und blicken nur zwischendrin unruhig ins Gestrüpp. In Arauca muss man an Militärsperren permanent mit Anschlägen rechnen.

"So habe ich mir das nicht vorgestellt", merkt M. lapidar an. "Begleitprojekt für Militärs."

Sechstens:
Die US-Army weiß, wie mans macht.

Zurück in der Freiheit. Die Uribe-Regierung hat noch einmal ein Auge zugedrückt. Danke! Wir erreichen den Flughafen Saravena, kurz bevor die brasilianisch-deutsch-schweizerischen Arbeitervertreter Richtung Himmel und Bogotá entschwinden. Während wir mit einem letzten Erfrischungsgetränk auf unsere Freilassung anstoßen, fährt plötzlich ein halbes Bataillon sonnenbebrillter Spezialpolizisten vor. In ihrer Mitte: ein auffallend rosafarbener US-Ausbilder mit seltsam unsportlicher Figur. "Ein Schreibtischtäter", stellt M. sachkundig fest. Vertraut grüßt der nordamerikanische Sonderbeauftragte die jungen Polizisten an der Imbissbude, händigt dem kolumbianischen Offizier seine Pistole aus und führt erst einmal ein Handy-Gespräch mit der Heimat. Ich bin erstaunt. Bisher habe ich solche Leute immer für ein verschwörungstheoretisches Klischee gehalten. "So was nenne ich ein Begleitprojekt." M. runzelt voller Anerkennung die Stirn. "Fünfzig bis an die Zähne bewaffnete Leute auf einen, der beschützt werden soll."

 

 

Design zersetzer. freie grafik / Berlin

Programmierung, Umsetzung G@HServices Berlin V.V.S.

Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien