(veröffentlicht in ak: Herbst 2003)

Stadtdruckerei Caracas, Buchbindeabteilung, die Falzmaschine rattert. Joel, Falzmaschinenverantwortlicher, steht neben der KOLBUS und stellt die Schrauben nach. Die KOLBUS pustet Blätter vom Papierstapel, schiebt diese einzeln vorwärts, falzt sie einmal, transportiert den gefalteten Bogen nach hinten ab (wir erreichen die Rückseite der KOLBUS), falzt ein zweites Mal, wir erreichen erneut das Ende der KOLBUS, sozusagen die Seitenseite, und reduziert die Bögen ein drittes Mal auf die Hälfte. Und das mit einer Geschwindigkeit von 120 Blatt pro Minute.

Ich habe keine Zeit, die Fähigkeiten der KOLBUS zu bestaunen, ich muss die Papierbögen - 16 Seiten, noch nicht geschnitten - aus der Ablage nehmen und stapeln. Eine Hilfstätigkeit, aber nicht verantwortungslos: Wenn die Bögen nicht sauber auf Kante liegen, fallen die Stapel später um. Außerdem überwache ich die KOLBUS; ich bin die Qualitätskontrolle. Bögen, die sich überhaupt nicht auf Kante legen lassen, sind falsch gefalzt. Wir werfen nichts weg. Diese Druckerzeugnisse haben Gebrauchswert, politischen Gebrauchswert.

Seite 7, Frage (kursiv gedruckt), Marta Harnecker: "Du hast gesagt, dass du auch Marx studiert hast, wenn auch, wie du bekennst, nur oberflächlich, so dass man dich nicht als Marxisten, aber auch nicht als Anti-Marxisten definieren kann. Du meinst, dass Marx nicht ausreicht, weil es in Lateinamerika keine Arbeiterklasse im Marxschen Sinne gebe ..."

Ich komme nicht bis zur Antwort des Präsidenten. Wenn hier jemand nicht Arbeiterklasse im klassischem Sinne ist, dann ich. In der Seitenablage beginnen sich die Bögen zu stapeln, d. h. eben nicht zu stapeln, sondern zu häufen. In Anbetracht meines Versagens stellt mir Joel freundlich - in der Imprementa Municipal sind alle auffallend freundlich zu Gästen - Ramón zur Seite, einen kleinen glatzköpfigeen Springer, der wiederum ziemlich klassische Arbeiterklasse ist. Für die Revolution interessiert er sich weniger. Dafür für die Kolleginnen von der Sortier-Straße. Er stellt mir nebenbei - für Ramón sind 120 Bögen pro Minute natürlich ein Klacks - Clara vor, "Clara steht auf Deutsche". Clara, Afrovenezolanerin, Anfang 40, legt die gefalzten Bögen in die richtige Buchreihenfolge. "Ein Kumpel von mir aus den Anden", Ramón schnalzt mit der Zunge, "so ein Blonder, weißt du, der hat sich unten in Barlovento gar nicht vor Frauen retten können. Die stehen da auf Blonde. Die haben sich um den geschlagen. Dabei ist er gar kein Deutscher. Nur blond."

Auch dieses Thema vertiefen wir nicht. Die KOLBUS hat einen Hau, Joel ruft mich, die Walze per Hand zu bedienen, damit er nachjustieren kann, und erklärt mir dabei die Funktionsweise der Maschine. "Damit du was lernst." In der Imprenta Municipal sind immer alle darum bemüht, dass die Freiwilligen auch etwas lernen.

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Die Stadtdruckerei von Caracas ist eine vergesellschaftete Fabrik. Allerdings nicht so sehr von der Belegschaft vergesellschaftet als vielmehr von der Unternehmensleitung. Mit dem Regierungswechsel vom 2000 haben ein paar Linke die Direktion übernommen und die Anlage Community-Organisationen und Barrio-Bewohnern als Produktionsmittel zur Verfügung gestellt.

Ich habe das erst vor ein paar Tagen zufällig erfahren. Ich stand mit Produktionsleiter Victor und Layouter Manolín am Hinterausgang einer Lagerhalle gestanden und habe Bier getrunken, während drinnen eine baskische Solidaritätsbrigade über die Situation bei sich zu Hause erzählt hat. Und dabei hat Manolín bemerkt, dass sie eigentlich nie in einer Institution arbeiten wollten: "Mann, der Staat ... Der Staat war das Letzte für uns. Aber Victor und Rubén haben sich drauf eingelassen." Und Victor hat hinzu gefügt, dass das, was sie in der Druckerei machen, "natürlich streng genommen illegal ist. Aber was ist schon legal? Das ist doch eine Revolution, oder? ... Oder soll zumindest eine werden."

'Streng genommen illegal': an den Wänden in der Druckerei hängen Plakate von Ché und Chávez, in der Lagerhalle am Hinterausgang übernachtet gerade eine Gruppe kolumbianischer Demonstranten - in der Woche zuvor waren ein paar Katalanen da. Und neben der Belegschaft, ungefähr 200 Angestellten, gibt es immer auch Freiwillige, die kostenlos mitarbeiten. "Na ja, kostenlos ... Es gibt einen Fonds, wo die Arbeiter freiwillig einzahlen können, und das wird dann unter den anderen verteilt." Ich war natürlich sofort Feuer und Flamme für diese eigenartige Fabrik - ich meine, Anarchismus ist langweilig, im Grunde genommen auch nur eine Sekte, nur ideologischer. Aber Anarchismus aus dem Staat heraus, das ist wirklich mal etwas Kreatives. "Das würde ich mir gerne mal anschauen", habe ich gesagt, und Victor hat mich zurechtgewiesen: "Anschauen? Wenn du hier was anschauen willst, musst du schon mitarbeiten."

Wir haben den Stapel "Du hast gesagt, dass du auch Marx studiert hast ..." durch, genauso wie die Seiten "Gegen-Revolution ohne Revolution" und "Chávez: Ich erinnere mich an Toni Negri und seine Studien zur Verfassunggebenden Macht", und ich darf die gefalteten Blätter hinüber auf eine Palette bei den Sortiererinnen tragen. Ramón ist spurlos verschwunden, wahrscheinlich sitzt er bei den Hefterinnen hinten und redet über Blonde, Joel justiert wieder einmal nach. Die KOLBUS ist schon etwas älter und kann die Schrauben nicht mehr halten.

In diesem Augenblick kommt Eduardo vorbei. Die obligatorische Frage: "Hast du was gelernt?" Eduardo ist für die Betreuung der Frewilligen zuständig. "Jetzt machst du im Sekretariat weiter. Damit du noch was Anderes lernst." Nach viereinhalb Stunden auf Kante stapeln warten neue Aufgaben auf mich.

Neue Aufgaben: Antonia erklärt mir die Bedienung des Kopierers. Ich bin zwar kein Angehöriger der Arbeiterklasse im Marxschen Sinne, aber einen Kopierer habe ich schon einmal bedient. Während die Maschine Einladungen zu einem Forum gegen das ALCA auswirft, "20 Argumente, warum die Freihandelszone das imperialistische Verhältnis zwischen den USA und Lateinamerika festschreiben wird", erzählt mir Antonia, dass sie auch eine Freiwillige ist. Was heißt 'auch'? Eine richtige Freiwillige: "7 Tage die Woche." Ich mache ein entsetztes Gesicht, aber sie lächelt. Eigentlich kommt sie aus einer Sportorganisation. Auch das ist kreativ in Caracas: In der Stadt kommen politische Aktivisten immer entweder aus Kultur- oder Sportinitiativen. Es gibt sogar einen revolutionären Sportlerverband. "Permanent sind wir in der Druckerei um die 30 Freiwillige. Aber dazu kommen noch die Leute, die nur manchmal da sind." Sieben Tage? Immer noch mein Entsetzen. "Ja, hier ist immer jemand da. Sogar nachts." Das stimmt. Als ich neulich um elf Uhr abends vorbeikam, hat Rubén, der Direktor, mit ein paar Leuten an der Ausgabehalle Domino gespielt. Rubén hat eine ziemlich gelassene Ausstrahlung. Ich meine, für einen Sowchosen-Kommandanten. Und vor der Tür haben Kinder gekickt.

Der Kopierer verstummt, das Papier ist alle. "Wir gehen hinter in die Druckerei." Antonia zeigt aus dem Fenster. Im Hauptgebäude sind nur die Verwaltung, Layout und die Bindeabteilung untergebracht. Wir verlassen also das Hauptgebäude und überqueren einen Parkplatz. Polizisten der Policía Metropolitana stehen herum, wir grüßen nicht. Auf dem Gelände sind wir verschiedene städtische Einrichtungen untergebracht. Es gibt ein Büro der Policaracas, die der links regierten Gemeinde Libertador untersteht, und einen Parkplatz der von der Opposition kontrollierten Policía Metropolitana. Die Metropolitana hat im vergangenen Jahr an die 40 Regierungsanhänger bei Demonstrationen erschossen und mehr als 100 verletzt. Caracas ist wirklich eine sehr komische Stadt. Wir erreichen die Produktionshalle. Ich frage Antonia, ob die Festbeschäftigten die Freiwilligen nicht als Konkurrenz ansähen. "Nervt die das nicht?" "Nein", antwortet sie, "viele finden das gut. Obwohl viele auch nicht." Weil viele für den "revolutionären Prozess" seien, aber viele eben auch nicht. Sehr dialektisch.

An einer Schneidemaschine lässt sich Antonia Papierbögen auf DIN A 4-Format schneiden. "Das ist billiger." Ich trage die Pakete ins Sekretariat zurück, darf die Blätter dort aber nicht in den Kopierer einlegen, weil die Behandlung von Papierstapeln, "man muss die Blätter auseinander puste, damit die nachher nicht den Einzug verstopfen", etwas für Fortgeschrittene ist. Das Kopieren dauert eine fröhliche halbe Stunde, in der sich der Auftraggeber der Flugschritt als Guerilla-Veteran der 60er Jahre entpuppt. Er erzählt über Reformisten, Pro-Chinesen und Rechtsabweichler, an denen die venezolanische Revolution damals gescheitert sei. Als er geht, gibt es im Sekretariat nicht mehr wirklich etwas zu tun. Mittlerweile ist es 15 Uhr. An so einem Arbeitsplatz fragt man sich manchmal wirklich, wo die Zeit geblieben ist. Ich schaue kurz bei den Buchbindern vorbei, die laut Eduardo "eine befreite Zone" in der Druckerei eingerichtet haben, kann aber nicht mit den Leute aus der Zone reden, weil mich der Bindeverantwortliche zum Einpacken schickt. 20.000 Flugzettel eines Gemeinderats müssen verschnürt werden. Ich nehme die Aufgabe guter Dinge in Angriff. Ausnahmsweise einmal etwas Praktisches, das ich kann. Vor 6 Jahren habe ich einmal in einem Softwareversand in der Postabteilung gearbeitet. Ich weiß sogar noch die bundesdeutschen Postpreise von 1996 auswendig. Bis zum Feierabend umklebe ich die Zettel mit Banderolen und feiere den anarchistischen Charakter der ersten Revolution des 21. Jahrhunderts.

 

 

Design zersetzer. freie grafik / Berlin

Programmierung, Umsetzung G@HServices Berlin V.V.S.

Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien