Polarisiertes Venezuela

(Besprechung in iz3w)

Kaffeepflücken in Nicaragua oder El Salvador, Schulbau und Schulterklopfen auf Kuba - den linken Revolutionstourismus zog es immer wieder nach Lateinamerika. Neben ernsthaftem politischem Interesse spielten dabei oft auch Mythen und Romantisierungen eine Rolle. Wie kann heute - im Wissen um die gescheiterten Revolutionen und die eigenen Projektionen - »politisch korrektes« Reisen aussehen? Eine Möglichkeit zeigt der Berliner Autor Raul Zelik mit seinem Buch Made in Venezuela auf, das sich zwischen Reisebericht und politischer Reportage bewegt. Venezuela wird seit 1998 von dem linkspopulistischen General Hugo Chávez regiert, der sich 1992 auch schon einmal an die Macht zu putschen versuchte. Das Land ist tief gespalten in Befürworter und Gegner der Regierung. Kommunikation zwischen den Lagern ist kaum noch möglich, da sich die Wahrnehmungen der Realität auf unterschiedliche Welten zu beziehen scheinen. Unternehmerverbände, Gewerkschaften, Teile des Militärs und die Medien werfen der Chávez-Regierung Unfähigkeit und Korruption vor und bezeichnen sie als Castro-kommunistische Diktatur, die die Mittelschicht verarmen lasse und die Bewohner der Slums gegen sie aufstachle. 2002 gab es mehrere, von den USA unterstützte Umsturzversuche, die schwere wirtschaftliche und politische Krisen verursachten, aber letztlich scheiterten. Chávez wird gestützt von BewohnerInnen der Armenviertel, Landlosen und Kleinbauern, Basis-Gewerkschaften und auch von Teilen des Militärs. Zelik stellt die Frage, warum sich Linke ausgerechnet auf einen Militär an der Macht positiv beziehen sollten, dessen größtes Projekt eine neue bürgerlich-demokratische Verfassung sei. Er gibt darauf einige Antworten: Immerhin sei die von manchen VenezolanerInnen wie eine Mao-Bibel herumgetragene Verfassung die demokratischste der Welt und sehe z.B. die Möglichkeit zur vorzeitigen Abwahl aller Mandatsträger vor. Es gebe weiter eine Landreform und eine Bildungsoffensive zugunsten der Armen. Die Reformvorhaben seien zwar bislang auf den politischen Bereich beschränkt oder nur sehr bruchstückhaft umgesetzt worden. Manchmal zeichne sich die Regierung auch eher durch das positiv aus, was sie unterlasse. Dennoch geht Zelik davon aus, dass sich einiges an der Basis der Gesellschaft verändert hat. Seine Besuche bei Stadtteilorganisationen, einem religiösen Fest in einem alternativen Radio oder in neu errichteten Kartonhüttenslums stärken den Eindruck, dass die sozialen Selbstorganisations- und Aneignungsprozesse das Wesentliche an der »bolivarianischen Revolution« in Venezuela sind. Sie überstünden auch einen Putsch gegen Chávez und bewegten sich jenseits des Dualismus von politischer Reform oder Revolution. Die Basisaktivisten verteidigten die Regierung gegen die Opposition, stellten sich aber nicht bedingungslos hinter sie und nähmen Autoritäten ohnehin nicht so ernst. Das Buch ist sehr eingängig geschrieben. Politische Analysen wechseln sich ständig mit (Reise-)Beschreibungen, Geschichtchen oder skurrilen Eindrücken ab. Zelik wählt die Ich-Perspektive und vermeidet weitgehend den Eindruck, (als Deutscher) eine objektive Analyse auftischen zu wollen. Seine Parteilichkeit für die bolivarianische Revolution wird deutlich, auch wenn er immer wieder auf deren innere Widersprüche verweist. Etwas dünn erscheint die Beschreibung der Opposition, die zu sehr auf ‚die da oben' reduziert wird. Man könnte insgesamt also von einer Art aufgeklärter Revolutionsromantik sprechen. Ergänzt wird der Text durch Fotos von Sabine Bitter und Helmut Weber, die Schauplätze der sozialen Transformation in Caracas präsentieren.

Heiko Wegmann

Raul Zelik, Sabine Bitter, Helmut Weber: Made in Venezuela. Notizen zur »bolivarianischen Revolution«, Verlag Assoziation A, Berlin 2004, 144 Seiten, 13 Euro (aus: iz3w 278/279, Aug./Sept. 2004)

 

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