Die glitzernden Barrios von Caracas

Notizen zur "bolivarianischen Revolution" in Venezuela

(aus: INKOTA-Brief 129, Sept. 2004)

"Es ist immer wieder seltsam: Die Innenstadt leuchtet, die Barrios
glitzern." Von den Barrios der venezolanischen Hauptstadt Caracas geht
eine besondere Faszination aus. Schon von weitem sind die Hütten zu
sehen, die sich die Hänge hinaufwinden. Doch auch mitten im
Stadtzentrum, zwischen den Hochhäusern der sozialen Wohnungsbausiedlung
23 de Enero, die aus 56 großen und 42 kleinen Blocks á 15
beziehungsweise vier Stockwerken besteht, wachsen "auf den Freiflächen
der Anlage, eigentlich zur Beseitigung der Barrios gedacht, die Barrios.
Neue Hütten, Ranchos, unverputzte Ziegelbauten, die sich allmählich in
ganz normale Viertel verwandeln. Um die 60.000 Menschen leben heute in
den Blocks, etwa sechs Mal so viel wie in den Häusern dazwischen."
Menschen aus dem anderen Teil der Stadt, aus den Siedlungen der besser
Verdienenden mit ihren eingezäunten Häusern mit Garten, verirren sich
fast nie in die Barrios, die sie zu einem Inbegriff von Kriminalität
stigmatisieren, ohne sie von innen zu kennen.
Der Autor Raul Zelik reiste im Rahmen eines Projekts der kulturstiftung
des bundes, sowie des caracas urban think tank zusammen mit den
KünstlerInnen Sabine Bitter und Helmut Weber für sieben Monate nach
Caracas. In dem daraus entstandenen Buch "made in venezuela. notizen zur
‚bolivarianischen revolution'" beschreibt er das in Venezuela
stattfindende Phänomen einer sich im Umbruch befindenden Gesellschaft.
Eine Entwicklung, über die in der einseitigen Berichterstattung
hierzulande nur sehr wenig zu erfahren ist.
Laut Zelik befindet sich das Land in einem Prozess, "der alle Schemata
gebrochen hat". Und wie das Stadtbild von Caracas wird auch dieser
Umbruch von den Barrios und seinen BewohnerInnen bestimmt, die ein
dichtes Netz von Stadtteil- und Basisorganisationen, alternativen
Medienprojekten und Nachbarschaftskooperativen organisieren. Ein Prozess
"jenseits der gängigen Kategorien von politischer Reform oder
Revolution." Und dessen zentrale Protagonisten eben weder
ParteifunktionärInnen noch der charismatische Staatspräsident sind,
sondern die StadtteilaktivistInnen.
Mit diesem Proceso Popular Constituyente wird versucht, "ein neues
Verhältnis zwischen lokaler Macht und Gesamtgesellschaft" zu schaffen.
Die neue Verfassung von 1999, die die bolivarianische Revolution als
"partizipative protagonistische Demokratie" festschreibt, und eine Reihe
von Gesetzen, wie zum Beispiel das Gesetz zur partizipatorischen
Gemeindeverwaltung, "sollen die Bürger dazu ermuntern, sich zu
organisieren und gegenüber den Behörden als politische Akteure
aufzutreten. Zusammen mit den Gemeinderegierungen sollen sie dann über
die Anwendung der kommunalen Haushalte entscheiden und lokale Politik
aktiv mitbestimmen." In den Augen Zeliks bedeuten die neuen Gesetze
"eine radikale Demokratisierung der Stadt." Es soll ein neues Verhältnis
zwischen Staat und Communities entstehen, das Selbstregierung und
Eigeninitiative fördert, ohne die gesamtgesellschaftliche Verantwortung
zu leugnen.
Mit brillanter Beobachtungsgabe entwirft der Autor eine spannende
Collage vom venezolanischen Prozess, die durch Photographien der barrios
von Bitter und Weber vervollständigt wird. Es macht Spaß, Zelik auf
seinen Streifzügen durch Caracas und die glitzernden Barrios zu
begleiten und so eine ganz neue Variante Venezuelas zu entdecken.
In lockeren Kapiteln, die über einzelne Episoden des Aufenthalts
berichten, schreibt Raul Zelik über seine Eindrücke aus dem
venezolanischen Alltag. Gleichzeitig ordnet er seine "Notizen" ständig
in einen politischen und historischen Kontext ein. Diese Verbindung von
politischer Einordnung und persönlichem Kommentar macht Zeliks
Schilderungen glaubhaft, ohne dass er einen Anspruch auf
Allgemeingültigkeit erhebt.
Außerdem reflektiert er immer wieder auch den eigenen Standpunkt. Diese
"europäische" Perspektive lässt ihn oft zunächst genau anders herum
beurteilen oder einschätzen: "Ich habe die bolivarianische Revolution
als ein pathetisch aufgeladenes Projekt verbucht. Verspätetes nation
builiding. Mit einem Präsidenten, der viel und in bisweilen fragwürdigen
Bildern spricht. Aber mit jedem Tag, den ich hier bin, verstärkt sich
das Gefühl, dass hier etwas in Bewegung geraten ist. Etwas völlig
Unerwartetes."

Olga Burkert

Raul Zelik/Sabine Bitter/Helmut Weber: Made in Venezuela. Notizen zur
bolivarianischen Revolution. Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2004,
144 Seiten, 13 Euro.

(aus: INKOTA-Brief 129, Sept. 2004)

 

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