»Unerwartetes ist in Bewegung«

Raul Zelik über die bolivarianische Revolution in Venezuela

Von Anja Witte

Am 15.August findet in Venezuela ein Referendum statt, mit dem die Opposition Hugo Chávez zur Amtsaufgabe zwingen will. Raul Zelik blickt in seinem Buch »made in venezuela« hinter die Kulissen des revolutionären Prozesses der bolivarianischen Republik.

Venezuela ist eine partizipative, protagonistische Demokratie. So steht es in der Verfassung geschrieben. Das kleine, blaue Buch ist ständiger Begleiter vieler Venezolaner und wird in passenden Momenten gezückt, um sich darauf zu berufen. Wie diese Partizipation der Bevölkerung aussieht, in einem revolutionären Prozess, der mit der Gründung eines neuen Staates und der Verabschiedung einer neuen Verfassung »ausgerechnet am bürgerlichsten Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft angesetzt hat, um diese aus den Angeln zu heben«beschreibt Raul Zelik in seinem Buch »made in venezuela« – und wer die Protagonisten sind, die diesen Prozess tragen. Die, die nach dem Putschversuch im April 2002 so vehement und erfolgreich auf den Straßen für die Freilassung und Rückkehr des umstrittenen Präsidenten Hugo Chávez gekämpft haben.

Das Buch ist entstanden aus Reisenotizen, die Raul Zelik während eines mehrmonatigen Aufenthaltes in Caracas niederschrieb. Dabei herausgekommen ist eine spannende Reportage, die sowohl wegen Zeliks politischer Analyse als auch wegen seines mitreißenden Stils und seiner detailreichen Schilderungen, einfach Freude beim Lesen bereitet. Die teils anekdotenhafte Zusammenstellung seiner Eindrücke aus Zeliks mehrmonatigen Aufenthalts gewähren einen sehr persönlichen Einblick in die aktuelle Situation in Venezuela, die sich eben nicht ausschließlich, wie oft dargestellt, aus dem Konflikt zwischen der Regierung respektive dem omnipräsenten Showmaster und Agitator von Hugo Chávez und der Opposition erklärt.

Drei parallele Welten existieren nebeneinander: eine rechte Opposition, bestehend aus Oligarchie und Mittelschichten, eine in ihren Positionen oft uneindeutige Regierung und ein revolutionärer Prozess, der von Basisbewegungen getragen wird und dem Raul Zeliks hauptsächliches Augenmerk und seine Sympathie gilt.

Neben treffenden Kommentaren und der ständigen kritischen Einordnung in größere politische und historische Zusammenhänge, lässt er die Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft selbst zu Wort kommen. Die Besucher von Stadtteilversammlungen, die Straßenverkäuferinnen aus dem immer größer werdenden informellen Sektor, Taxifahrer, Arbeiter, Ingenieure und Guerilleros. Hausbesetzer erzählen von ihrer Aneignung eines riesigen sozialen Wohnungsbaukomplexes in Staatsbesitz, zu der sie durch die Regierung ermutigt wurden. Ein eigentümliches Verhältnis zwischen Staat und Bewegungen scheint die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen: »Eine Regierung, die zu nicht-legalen Aktionen gegen Staatsbesitz aufruft; Gesetzesbrecher, die rechtliche Anerkennung fordern«, fasst Zelik zusammen.

Beim Besuch einer alternativen Radiostation wird deutlich, dass es hier nicht ausschließlich um die übliche Verbreitung von Gegeninformationen zu den Mainstream-Medien geht. Fast alle privaten Sender befinden sich in den Händen der Opposition. Darüberhinaus setzen die 23 alternativen Radiostationen in Caracas vor allem auch auf den Organisationsprozess an sich, der die informellen Stadtteilstrukturen stärkt. Außerdem schärft sich so die Wahrnehmung davon, wie Medien Realität produzieren und wie Information kommuniziert wird. Besonders wichtig in Venezuela in Anbetracht der Tatsache, dass sich fast alle privaten Sender in den Händen der rechten Opposition befinden, die während des Putschversuches eine fatale Rolle bei der Verbreitung von Desinformation spielten.

Eigenständige Entwicklungswege einzuschlagen, lautet eines der Prinzipien der bolivarianischen Revolution. So legt die Regierung der Bevölkerung nah, die Probleme auf unkonventionelle Art anzugehen. Mitten in der Hauptstadt werden von Kooperativen Gemüsebeete angelegt, um die Versorgungssituation in den Barrios zu sichern.

Immer wieder wirft Zelik Fragen auf. Zum Beispeil danach, ob nicht gerade die vom Staat unabhängige Eigeninitiative, die auch von internationalen »Entwicklungsagenturen« propagiert wird, dem neoliberalen Diktat der »Eigenverantwortung« das Wort redet.

»Nachdem die Landwirtschaft Lateinamerikas erst durch Wohlstandversprechen, Großgrundbesitz und Agrarindustrie kaputt gemacht wurde,« so Zeliks Kommentar, heißt es nun, »ein bisschen individueller Lebensmittelanbau in der Stadt sei doch gar nicht schlecht.« Eine der Stärken von »made in venezuela« ist, dass Zelik sich immer wieder selbst offen legt: seinen politischen Hintergrund, der seine Sichtweise erklärt. Und er lässt seine Leser am eigenen Erkenntnisprozess teilhaben. Vor seiner Reise stand Raul Zelik der bolivarianischen Revolution skeptisch gegenüber. Er hatte sie als ein »pathetisch aufgeladenes Projekt« verbucht. »Verspätetes Nation Building«, so schreibt er gegen Anfang seines Buches. Aber »mit jedem Tag den ich hier bin, verstärkt sich das Gefühl, dass hier etwas in Bewegung geraten ist. Etwas völlig Unerwartetes. Jenseits der gängigen Kategorien von politischer Reform oder Revolution.«

»made in venezuela – notizen zur »bolivarianischen revolution«;

Raul Zelik; Assoziation A, 2004

(ND 13.07.04)


 

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