Zwischen Korea und Venezuela – mit Raul Zelik in drei Monaten

(Besprechung von Mario Tal aus: AK Juli 2004)

Mit einem Doppelschlag legt Raul Zelik innerhalb von drei Monaten seine Bücher Nummer fünf und sechs vor, die in so unterschiedlichen Ländern wie Korea und Venezuela spielen - hier als Roman, dort als politisch-literarische Reportage. Während der Autor in Asien Neuland betrat, wusste er in den letzten Jahren über Lateinamerika - insbesondere Kolumbien - politisch profunde zu berichten und literarisch zu schreiben.

Made in Venezuela

Auch wenn Zelik in den 80er Jahren mit Nicaragua noch ein Land im Aufbau miterlebte, so ist auch für ihn der derzeitige Prozess in Venezuela völlig neuartig. Zu Beginn seines siebenmonatigen Aufenthaltes (1) hält er fest: “Ich [hatte] die bolivarianische Revolution als ein pathetisch aufgeladenes republikanisches Projekt verbucht. Verspätetes Nation building. Mit einem Präsidenten, der in bisweilen fragwürdigen Bildern spricht. Aber mit jedem Tag, den ich hier bin, verstärkt sich das Gefühl, dass hier etwas in Bewegung geraten ist. Etwas völlig Unerwartetes. Jenseits der gängigen Kategorien von politischer Reform oder Revolution.”

Einwenden möchte man, dass sich Präsident Chavez oftmals unverblümt äußert. So bezeichnete er etwa seinen außenpolitisch größten Widerpart, George W. Bush, ganz undiplomatisch als “Arschloch”; auch verkündete er kürzlich kategorisch: “Die neue Regierung ist entschlossen, mit den kapitalistischen Schemata zu brechen, die in unserem Land von einer Minderheit etabliert wurden, um sich besser bereichern zu können” (junge Welt, 16.04.04).

Das sind keine bloßen Phrasen, wenn man die derzeitige Entwicklung in dem Erdölgiganten Venezuela näher betrachtet. Da ist eine Regierung am Ruder, die nach mehr als dem Feind unseres Feindes aussieht. Ihr gegenüber bleibt die Sicht Zeliks verteidigend, aber nicht ohne Skepsis. Das ist gut so, gehört doch eine fundierte Staatskritik zu den Grundsätzen linker Politik. Im Mittelpunkt seiner Aufzeichnungen stehen denn auch die erstaunlichen sozialen Basisprozesse, ohne die die bolivarianische Revolution undenkbar wäre - und das nicht nur, weil es die Massenproteste der hauptsächlich armen Bevölkerung waren, die Chavez 2001 nur zwei Tage nach einem rechten Militärputsch wieder ins Amt verhalfen. Ein eigenartiges Verhältnis: “Companero Hugo Chavez ... ein Caudillo, der ebenso von der Selbstorganisation der Bevölkerung hervorgebracht wurde, wie er diese mit in Gang gesetzt hat; der einem Prozess von unten im Weg steht und doch überhaupt erst möglich macht.”

Zelik lässt die Akteure des Prozesses meist selbst sprechen, ob es Straßenhändler oder Ölarbeiter sind, ob es um Stadtteilräte oder um einen alternativen Radiosender geht. Sein Blick auf die alltäglichen Ereignisse ist genau, reflektierend und unvoreingenommen. Die Perspektive zeugt von politischer Erfahrung ohne verengt zu sein.

So gelingt es etwa Hausbesetzungen made in Venezuela zu verstehen, bei denen Schablonen autonomer Kiezpolitik versagen: In Caracas geht es nicht um subkulturelle Freiräume, sondern um ein Dach überm Kopf. Die Äußerungen von zwei Besetzerinnen erscheinen symptomatisch für das Verhältnis zwischen sozialer Basis und der Regierung. Warum sie besetzt hätten: “Aus Notwendigkeit ... Aber auch weil wir uns ermutigt fühlten. Das hat uns Chavez beigebracht. Er hat uns gesagt, dass das eine Revolution ist, die uns unsere Würde zurückgeben wird. In der alle ein Recht auf eine Wohnung besitzen”, erzählt eine 50-jährige Afrovenezolanerin. Und eine andere Frau fügt hinzu: “Er sagt, dass zu viele Gebäude in Staatsbesitz leer stünden. Dass wir Genossenschaften gründen und einfach in die Gebäude hineingehen sollen. Das haben wir gemacht. Jetzt wollen wir legalisiert werden.” Neben dem enorm gewachsenen “Selbstbewusstsein der unsichtbar Gemachten” überrascht hier eine Regierung, “die zu nicht-legalen Aktionen gegen Staatsbesitz aufruft”, die “die Dinge auf den Kopf stellt”, wie Zelik treffend kommentiert. Man möchte hinzufügen, dass es an den Bewegungen ist, die Dinge einmal mehr vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Eine der Stärken des Buches ist es, anekdotenhafte Beobachtungen stets in einen politischen Kontext einzuordnen. So auch bei einem etwas skurrilen Projekt mitten in Caracas, wo ein Gemüsebeet angepflanzt wird, das 40 Tonnen Ernte abwerfen soll. Unwillkürlich denkt man an den Zynismus der herrschenden Strukturanpassung: “Nachdem die Landwirtschaft Lateinamerikas erst durch Wohlstandsversprechen, Großgrundbesitz und Agrarindustrie kaputt gemacht wurde, erzählen internationale Entwicklungsagenturen den ehemaligen Bauern nun, ein bisschen individueller Lebensmittelanbau in der Stadt sei doch gar nicht schlecht”, so Zelik. Doch hier spielt die bolivarianische Revolution, es geht um eigenständige Entwicklungswege, Autonomie der Bevölkerung, Partizipation. Es geht aber auch um “die prinzipielle Frage, wie eine linke Staatskritik aussehen kann, die der neoliberalen Entstaatlichung nicht das Wort redet.”

Solche Fragen wirft der Autor nicht auf, um sie lehrmeisterhaft zu beantworten. Zu widersprüchlich ist die Realität in diesem Prozess, um schnell mit fertigen Urteilen aufzuwarten. Was tun etwa mit einem Vergewaltiger? Mit einem, der “das Viertel terrorisiert”, dort, “wo keine Polizei hinkommt”, wie die Leute berichten. Ihm wurde “eine Kugel verpasst”. Zelik ruft skeptisch die Erfahrung aus dem kolumbianischen Medellin in Erinnerung, wo in den 90er Jahren die Praxis der Selbstschutzmilizen zunehmend in Bandenkriege umschlug. Er weiß aber auch, dass sein ratloses Bekenntnis, gegen die Todesstrafe zu sein, nutzlos ist, und zwar für die Bewohner des Viertels, für ihn selbst und für den Leser gleichermaßen.

An anderer Stelle begegnen wir einer Guerilla, die sich auf eine Konfrontation mit der Konterrevolution einstellt und deren Mitglieder zugleich in Basisorganisationen arbeiten. Und das mit einer erstaunlich ausgereiften Haltung, wenn man dem Commandante glauben möchte: “Es gibt ja nichts Undemokratischeres als eine Armee. Das Kunststück besteht darin, die Organisationsform, die man nach innen besitzt, nicht gegenüber den Bewegungen anzuwenden, in denen man arbeitet. Dass man ihre Selbstständigkeit akzeptiert und nicht versucht, sie zu kontrollieren. Das ist der Unterschied: in Bewegungen zu arbeiten, Positionen in sie hineinzutragen, aber sie nicht zu kontrollieren.”

Weitere Begegnungen ließen sich anführen - wie etwa die mit einem selbst organisierten Radiosender, für den die Anzahl der in das Projekt eingebundenen Leute wichtiger ist als die Anzahl der erreichten Leute. Dazu passt auch eine Erkenntnis, die Zelik an ganz anderer Stelle notiert: “Das Entscheidende ... ist nicht der Diskurs, das politische Reden, sondern ob es gelingt, das Zukunftsversprechen von Kollektivität für Momente in Handlungen zu verwandeln. Als Vorwegnahme des Möglichen.” Zustimmung, angesichts postmoderner Diskurstheorie, die verkennt, dass es eben nicht darauf ankömmt, die Welt nur verschieden zu interpretieren. Wer sich etwa mit Adorno schmückt und die Möglichkeit politischer Veränderung verneint, möge mal nach Venezuela blicken.

Am Schluss des Buches bleibt neben dem politischen Erkenntnisgewinn auch das Gefühl, auf eine Reise mitgenommen worden zu sein. Was sicherlich nicht zuletzt an den literarischen Fähigkeiten des Autors liegt, die er auch in seinem ebenfalls kürzlich erschienenen Roman bastard auszuspielen vermochte.

bastard - die geschichte der journalistin lee

Im Gegensatz zu Lateinamerika ist für Zelik Korea - auch hier schlagen sich teils Reiseerlebnisse nieder - Auswärtsspiel durch und durch. Neben vielem anderen ist es die Sprache, die für ihn fremd ist. Das macht es fraglos schwieriger, Begegnungen einzuordnen, die offensichtlich das Gefühl der Fremdheit - für den Roman regelrecht thematisch - hervorrufen. Wohl schon deshalb bot sich hier für die literarische Verarbeitung die Gattung des Romans an.

Die Protagonistin Lee, Tochter einer Portugiesin und eines Koreaners, lebt mit ihren Eltern in dem irgendwie verhassten Deutschland. Auf der Suche nach ihren Wurzeln reist sie nach Südkorea, wo sich ihr Vater einst als linker Gewerkschafter einen fast mythenhaften Namen machte. Schon bald merkt sie, dass sie dort noch weniger zu Hause ist, versucht sich aber dennoch als Journalistin. Sie recherchiert in einem Fall, wo bei einem Kaufhauseinsturz 1997 rund 500 Menschen ums Leben kamen. Gewinner: eine mit dem Staat verfilzte Versicherungsfirma. Natürlich besteht der Filz auch nach dem Übergang von der (Entwicklungs-)Diktatur zur glückseligen Demokratie weiter - der Subtext “Kapitalismus geht über Leichen” ist unübersehbar -, und so ist Lee immer drauf und dran, sich an dem Fall die Finger zu verbrennen. Die Repression lauert überall.

In dem collagenhaften Roman sind gleich mehrere Themenstränge, ErzählerInnen, Erzählperspektiven und literarische Techniken miteinander verknüpft. Thematisch geht es nicht zuletzt um die (Un)Möglichkeit von unabhängigem, investigativem Journalismus im Rahmen bürgerlicher Medien. Lee ist unmittelbar konfrontiert mit dem Anpassungsdruck von Mainstreammedien - mögen sie noch so linksliberal-alternativ daherkommen - und sieht ihre Illusionen in dieselben nach und nach demontiert.

Ein weiteres Thema sind “Essstörungen”: Lee leidet an dem Massenphänomen Bulimie. Ähnlich wie im Venezuelabuch wartet Zelik hier nicht mit einfachen Erklärungsmustern auf - klar wird aber, dass es für Lee irgendwie auch die ganzen Verhältnisse sind, die einen kotzen lassen. Dazu passt auch der sprichwörtlich ernüchternde Ton des Romans, immer eine Spur rotzig, sarkastisch. Ein Ton, der sich durch die verschiedenen Erzählperspektiven und -formen zieht und den mentalen Zustand der Charaktere widerspiegelt.

In der ersten Person ist Lee greifbar, sie agiert, lotet etwa “die Grenzen zwischen Unterwerfung und Aufbegehren, Selbsttäuschung und Hellsichtigkeit” aus. In der dritten Person dagegen tritt sie nahezu subjektlos als Figur, Charakter, Person auf, womit das Thema der Fremdheit und Entfremdung unterstrichen wird: “Gelangweilt oder irritiert oder völlig mutlos läuft die Figur durch eine Stadt, die ihr fremd ist und immer fremder wird, um mit jemand Vertrautem zu sprechen, einer Stimme ... Der Blick der Figur oder völlig mutlosen Person - sie hat gekotzt, sie hat den ganzen Vormittag nichts als gefressen und gekotzt – gilt dem Telefon und dem Pieper, denn sie hat eine Nachricht an die Freundin abgesetzt: message, und erwartet eine Antwort, answer.”

Neben Lee kommen noch andere Akteure zu Wort, etwa Cem, der “Sauerlandkanake” aus Iserlohn. Durch ihn - und durch Lees Eltern - gelingt die Rückkopplung der Geschichte nach Deutschland. Im Gegensatz zum koreanischen Terrain ist dies die Spielwiese, die dem Autor vertraut ist, auf der er entlarvend mit Klischees jongliert. Moralisierungen liegen ihm fern, alle kriegen ihr Fett weg, so auch der Gutmenschen-Rassismus, und mit ihm Lees Mutter, eine der “blökenden Ausländermuttis, die im Supermarkt an der Kasse rumstotterten und mit ihren 1,20 Meter breiten Hüften die Straßenbahntüren blockierten”. Leicht skeptisch liest man weiter, wenn sich die Charaktere an den “80 Millionen Hooligans” stoßen - dereinst besungen von den im antideutschen Spektrum zeitweise gehypten Goldenen Zitronen - oder an den “bekloppten Durchschnittsdeutschen”, die den Namen Lina nicht wie Rina aussprechen können, wie es sich im Koreanischen gehört. Hier mag man an den “bekloppten Durchschnittsfranzosen” denken, der das “h” in “Hans” nicht aussprechen kann; doch der flapsige Ton, der hier und da sicherlich bewusst mit antideutsch klingenden Formulierungen kokettiert, speist sich eher aus der durchaus berechtigten Laune, gegen den rassistischen deutschen Mief anzustänkern, als aus einem politischen Lagerdenken.

Denn einer ganz bestimmten Strömung lässt sich Zelik ohnehin nicht zuordnen, auch die Geschichte von Lees Vater als gestandenem Gewerkschaftskämpfer kommt gut weg. Wer hier jedoch den Vorwurf der Beliebigkeit erhebt, möge bedenken, dass der auf Linie liegende Überzeugungsroman zumeist ein Schuss in den Ofen ist. Zeliks Literatur jedoch überzeugt, gerade weil sie auf den besserwisserisch-aufklärerischen Gestus und den erhobenen Zeigefinger verzichtet. Er erzählt vielmehr Geschichten aus dem Leben - real oder fiktiv - und spiegelt sie an den politischen Verhältnissen, in einem Stil, der nicht agitatorisch ist - und der gerade dadurch vielleicht um so besser agitiert.

Das gilt sowohl für made in venezuela als auch für bastard, zwei Bücher, die von der Stimmung her höchst unterschiedlich sind. Ein optimistischer, aufbauender Reisebericht steht einem eher pessimistischen, desillusionierenden Roman gegenüber. Hier eine Gesellschaft, die den Bruch mit einem längst überkommenem System wagt, in der die reale Möglichkeit einer befreiten Gesellschaft aufflackert. Akteure, die durch kollektives Handeln zu Subjekten von Geschichte werden. Dort die facettenreiche Fratze des Kapitalismus, Schauplatz Tigerstaat – will sagen Papiertiger-Staat. Individualisierte Akteure, die nicht im engeren Sinne politisch sind, die aber die realen Verhältnisse in jeder Hinsicht zum Kotzen finden - Bulimie als individuelle Form der Verweigerung. Negation, immerhin, denn “am Anfang war der Schrei”, ließe sich mit John Holoway sagen.

Bleibt abzuwarten, ob Zelik noch dieses Jahr ein dritter Streich gelingt. “Lupenrein” ist zweifellos jeder Hattrick am schönsten.

Mario Tal

  • Raul Zelik / Sabine Bitter / Helmut Weber: made in venezuela. Notizen zur “bolivarianischen revolution”, 2004, Assoziation A, 13,- €.
  • Raul Zelik: bastard - die geschichte der journalistin lee, 2004, Assoziation A, 15,- €

(1) Mit dabei waren auch Sabine Bitter und Helmut Weber, die das Buch durch Fotos bereichern und die als Mitreisende ganz offensichtlich halfen, Zeliks Blick für Architektur und Stadtentwicklung zu schärfen.

http://www.ak-web.de

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien