DLF – Politisches Buch – 17.1.2005/ 19.15 Uhr
Made in Venezuela – Notizen zur 'bolivarianischen Revolution'

Von Peter B. Schumann

Autor: Made in Venezuela ist ein irritierender Titel für ein Buch, das sich mit der sog. 'bolivarianischen Revolution' auseinandersetzt. Diesem wohl schillerndsten Prozeß sozio-politischer Transformation in Lateinamerika wird man mit einem solchen englisch-sprachigen Etikett nicht gerecht, denn er ist ein authentisches Produkt dieses Krisenlandes und sozusagen hausgemacht, also hecho en Venezuela. Drei Verfasser weist der Band von rund 180 Seiten auf. Der berliner Soziologe und Publizist Raul Zelik ist für die Analyse der 'bolivarianischen' Basisbewegung verantwortlich. Die beiden österreichischen Künstler Sabine Bitter und Helmut Weber haben den 30seitigen Fototeil beigetragen. Das Buch ist das Ergebnis eines Projekts der 'Kulturstiftung des Bundes' über Megastädte, in diesem Fall die venezolanische Metropole Caracas.

Der Untertitel des Bandes Notizen zur 'bolivarianischen Revolution' signalisiert die nicht selbstverständliche Zurückhaltung, mit der Raul Zelik vorgegangen ist. Hier tritt kein Parteigänger auf, um den Leser mit seinen fertigen Wahrheiten zu überwältigen. Hier möchte vielmehr jemand seine persönlichen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Basisorganisationen vermitteln und dabei auch den Prozeß der Erkenntnis reflektieren, seine Eindrücke hinterfragen. Raul Zeliks These lautet:

Take 1 O-Ton Zelik
Man kann eigentlich sagen, daß in Caracas, vor allem hinsichtlich von Basis- und Stadtteilorganisation, Planung von unten, momentan die interessantesten Prozesse in Lateinamerika stattfinden. Ganz anders als unsere Projektleitung das interpretiert hat, die aus der reicheren Schicht Venezuelas stammte, sind diese Veränderungen nicht zu verstehen gewesen ohne die Regierung Chávez. Das war eine sehr interessante und auch sehr problematische Auseinandersetzung innerhalb des Konflikts, weil viele von den Stipendianten durch diese Stadtteilorganisationen einen ganz anderen Blick auf diesen venezolanischen Konflikt entwickelt haben als die venezolanischen Projektleiter.

Autor: Raul Zelik leitet sein außergewöhnliches Buch mit einem kurzen Abriß der venezolanischen Geschichte ein und macht daran deutlich, daß Hugo Chávez, seit 1998 Präsident, als einzige Alternative aus einer ausweglosen Situation hervorging: aus dem rapiden Niedergang und totalen Versagen der politischen Klasse. Nach vier Jahrzehnten fand erstmals ein Machtwechsel statt. Er war auch von einem Teil der verarmten Bevölkerung in jahrelangen Manifestationen des Widerstands erkämpft worden.

Take 2 O-Ton Zelik
Insofern ist Chávez also Ergebnis von diesen sozialen Bewegungen. Andererseits ist es aber seit 1998 auch so gewesen, daß diese Regierung die Organisierung von unten durchaus immer wieder ermuntert hat, also die Bevölkerung immer wieder aufgerufen hat, sich selber zu organisieren, und viele Türen geöffnet hat. Man kriegt auch von den verschiedensten Basisorganisationen in den Armenvierteln, bei der Landlosen-Bewegung, der Kleinbauern-Bewegung immer wieder zu hören: Zum ersten Mal seit 40 Jahren werden wir nicht unterdrückt; früher sind unsere Leute ins Gefängnis gelandet und erschossen worden. Es gab ja auch, obwohl Venezuela eine Demokratie war, viele tausend politische Gefangene und Morde. All das ist in der Form nicht mehr vorhanden. Das Verhältnis zwischen Regierung und Basisbewegung ist nicht konfliktfrei, das darf man nicht idealisieren, aber es ist schon so, daß die Regierung in positiver Weise Türen öffnet.

Autor: Raul Zelik macht aber auch deutlich, daß in den ersten Jahren der Chávez-Regierung Sozialpolitik hauptsächlich aus populistischen Gesten bestand: das Militär renovierte z.B. Schulen und Krankenhäuser auf dem Land. Erst seit 2001, seit die Macht von Chávez gefestigt ist, werden Reformen in Angriff genommen. Eine Universitätsreform beispielsweise: sie scheiterte jedoch zunächst am Widerstand der Mittel- und Oberschicht. Und eine Agrarreform, die aber nicht die Besitzverhältnisse änderte, sondern vorwiegend brachliegendes staatliches Land verteilte. Und natürlich die Kontrolle der PDVSA, des staatlichen Ölkonzerns, der sich zu einem Staat im Staate entwickelt hatte.

Take 3 O-Ton Zelik
Diese drei Maßnahmen haben dazu geführt, daß die bürgerliche Opposition sich massiv mobilisiert hat gegen die Regierung Chávez. Das mündete dann im April 2002 und im Dezember 2002 in zwei Umsturzversuchen. Ich glaube, daß im Rahmen dieser Krise die sozialen Bewegungen in Venezuela einen großen Sprung vorwärts gemacht haben. Denn es war ja nicht in erster Linie die Armee, die die Regierung Chávez wieder ins Amt gebracht hat, sondern es war sehr stark die Mobilisierung der Bevölkerung aus den Armenvierteln. Dieser Schub hat natürlich auch die Regierung unter Druck gesetzt.

Autor: Sie formulierte endlich eine Sozialpolitik für jene zwei Drittel der Venezolaner, die an der Armutsgrenze leben. Wohnungsbauprogramme wurden vorangetrieben, neue Schulen mit Schulspeisung eingerichtet, neue Universitäten mit kostenlosem Zugang für die Bedürftigen geschaffen, medizinische Posten mit Ärzten in den Elendsvierteln gebildet.

Take 4 O-Ton Zelik
Diese verschiedenen Missionen, insgesamt 20 oder 30, werden zum Teil gar nicht direkt vom Staat finanziert, sondern vom staatlichen Erdölunternehmen PDVSA und auch außerhalb der Bürokratie angesiedelt, weil der Staat so schlecht funktioniert. Interessant ist, daß in vielen Vierteln die konkrete Umsetzung dieser Missionen von den Stadtteilorganisationen übernommen worden ist. Also z.B. die Betreuung der Ärzte, die in die Armenviertel kommen, wird übernommen von Gesundheitskomitees, die von unten gebildet werden. Natürlich hat das diese Komponente gehabt: die Regierung hat das gemacht, weil sie unter Druck stand, und hat dann im Vorfeld des Referendums auch noch mal diese Missionen erweitert. Aber trotzdem ist es ein hoch interessantes, produktives Verhältnis, wie eine staatliche Förderung eine Organisierung von unten quantensprungmäßig voranbringen kann.

Autor: Eindrücklich schildert Raul Zelik ein soziales Experiment mitten in Caracas: städtische Gemüsegärten als Pilotprojekt. Und zwar im Parque Central, direkt neben einem 40stöckigen Hochhauskomplex, einer futuristisch anmutenden Konstruktion aus den 70er Jahren des Ölbooms. Damals verpulverten die Venezolaner den Reichtum, indem sie Tomaten aus Miami und Südfrüchte aus der Karibik einfliegen und die Landwirtschaft in dem fruchtbaren Land verkümmern ließen. Noch heute muß Venezuela 60 Prozent seiner Lebensmittel importieren und hat nun begonnen, Gemüse in einem städtischen Park zu züchten.

Take 5 O-Ton Zelik
Mitten in der Innenstadt Gemüsebeete anzulegen, ist natürlich absurd... Ich war nun mit mehreren Urbanisten unterwegs, die waren sofort Feuer und Flamme..., und wollten sehen, wie Lebensmittelselbstversorgung und Park ineinander gehen. Das hat mich dann aber nicht so überzeugt. Was mich dann wirklich überzeugt hat: Wir standen 5 Minuten da, und es kamen sofort 3 Leute auf uns zu und sagten: "Tolles Projekt, ihr seid doch bestimmt die europäischen Techniker. Wie können wir so was auch bei uns machen?" Das Problem der Unproduktivität im Lebensmittelsektor in Venezuela ist sehr stark ein kulturelles Problem, weil sich eine politische und ökonomische Kultur herausgebildet hat, daß man nur darauf wartet, daß das Erdölgeld kommt. Man muß jetzt erstmal wieder im Bewußtsein der Menschen durchsetzen, daß man überall produzieren kann und daß es sich überall lohnt zu produzieren. Dieses Projekt wäre isoliert natürlich Quatsch, aber es gibt ein sehr starkes Förderprogramm für Leute aus den Armenvierteln, zurückzukehren aufs Land, um dort Landwirtschaft zu betreiben. Man stellt ihnen dann Häuser und Schulen hin, gibt ihnen Anschubkredite, auch eine technische Begleitung. Das macht erstmal einen ganz guten Eindruck, wie es im Detail verläuft, kann ich nicht so gut beurteilen, aber als Konzept ist es vernünftig, meiner Meinung nach.

Autor: Gemüsepolitik als Sozialreform – ein mühsames Geschäft. Doch es geht bei vielen dieser Basisprojekte nicht um hohe Produktivität, sondern zunächst einmal um eine Veränderung des Bewußtseins, um Bewußtseins-Bildung. Darauf verweist Raul Zelik immer wieder bei seinen glänzenden, reportagehaften Schilderungen, die er allzu bescheiden 'Notizen' nennt. So z.B. bei seinem Besuch von Catia TVe, dem ersten Nachbarschaftsfernsehen von Caracas.

Take 6 O-Ton Zelik
Was sehr interessant war: daß die schon in den frühen 90ern gesehen haben, daß man eigentlich den Menschen in den Favelas, wenn man dazu beitragen will, daß sie sich selbst artikulieren, auch dazu beitragen muß, daß sie ein eigenes Imaginarium aufbauen, eine eigene Bilderwelt von sich selbst. Wenn in den normalen Medien, im Fernsehen vom Barrio die Rede ist, dann entweder nur über Katastrophen, weil da die Häuser zusammengestürzt sind wegen Überschwemmungen, oder wegen der Kriminalität. Es gibt eigentlich viele Geschichten zu erzählen über das Leben dort, aber die Leute haben als erstes, obwohl sie das Leben kennen, weil es ihr Alltag ist, nur über Kriminalität gesprochen. Da war es dann ein ganz wesentlicher Prozeß in diesem Fernsehsender, der höchstens von 20.000 oder 10.000 Leuten geguckt werden konnte, daß sie angefangen haben, Geschichten über ihren eigenen Alltag zu erzählen... und Produktionen mit einem anderen Blick auf ihr Viertel und auf sich selbst zu entwickeln.

Autor: Einblicke in die 'bolivarianische Revolution'. Raul Zelik setzt das Projekt von Chávez in Anführungsstriche, nimmt ihm so seinen propagandistischen Charakter. Vor allem verwendet er auch den authentischen Begriff und nicht die Verballhornung deutscher Diplomaten, die 'bolivariano' doch tatsächlich mit 'bolivarisch' übersetzen. Wie hält es der Autor aber mit Hugo Chávez, dem ersten farbigen Präsidenten Venezuelas, der sich selbst als Nachfahre von Simón Bolívar empfindet?

Take 7 O-Ton Zelik
Ich würde zunächst mal sagen, daß Chávez als Präsident eine erstaunliche Haltung eingenommen hat, weil er bereit gewesen ist, immense Konflikte zu führen. Wenn man andere Politiker mit Reformvorstellungen in Lateinamerika anguckt, die sind dann oft den Weg des kleineren Widerstands gegangen. Man muß ihm auch hoch anrechnen, daß er sich nicht hat korrumpieren lassen, daß er nach wie vor die Nähe zur Bevölkerung, zu Basisprozessen sucht. Ich glaube, man muß auch positiv festhalten, daß der Mann sehr viel gebildeter ist, als das hier gemeinhin rezipiert wird. Andererseits ist es auch eine sehr problematische Rolle, die er da innehat, weil es eben eine sehr stark religiöse, sehr stark mythologisch aufgeladene Repräsentation ist, die er sich da geben läßt und an der er auch selber kräftig mitstrickt. Und damit findet eine unglaubliche Überhöhung seiner Person statt.

Autor: Raul Zeliks 'Notizen' über das 'bolivarianische' Experiment überzeugen durch ihre Differenziertheit und durch die Empathie, mit der sich der Autor auf seine Erkenntnisreise durch die Basis Venezuelas begibt: zu der Bevölkerung, die sich selbst zu organisieren versteht und zum ersten Mal von ihrer Regierung dazu ermutigt und dabei unterstützt wird.

Deutschlandfunk

 

Seite teilen

 

 

Design zersetzer. freie grafik / Berlin

Programmierung, Umsetzung G@HServices Berlin V.V.S.

Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien