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Entregelung mit Kalkül

Allianzen mit Verbrechern gehören zur westlichen Kriegsführung. Raul Zelik stellt in der jWLadengalerie sein Buch über Paramilitärs vor

Von Thomas Wagner, Junge Welt 04.07.2009 / Feuilleton / Seite 12

Die SPD-Grünen-Regierung rechtfertigte den Hindukusch-Einsatz der Bundeswehr als eine Art bewaffneter Entwicklungshilfe. CDU-Verteidigungsminister Franz Josef Jung behauptet bei jeder Gelegenheit steif und fest: »Ein Krieg wird nur militärisch geführt. Im Krieg findet kein Wiederaufbau statt, kein Bau von Schulen oder Krankenhäusern, im Krieg werden keine einheimischen Streitkräfte ausgebildet. In Afghanistan ist kein Krieg.« (FR online, 12.5.2009).

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Foto: »Züge eines unsichtbaren Staatsstreichs« – Straßensperre der Autodefansas Unidas de Colombia

Dabei verfehlt die Frage, ob es sich um ein militärisch geschütztes Entwicklungsprojekt oder
einen reinen Militäreinsatz handelt, gerade die Besonderheiten der modernen Kriegsführung.
Das zeigt der Berliner Schriftsteller und Politologe Raul Zelik in seinem vorzüglichen neuen
Buch »Die kolumbianischen Paramilitärs«. Die Einbeziehung der Bevölkerung durch
entwicklungspolitische Projekte ist ein wesentlicher Bestandteil der sogenannten Neuen
Kriege. »Die Kontrolle der Bevölkerung ist zum zentralen Motiv des militärischen Handelns
geworden.«

Zelik weist nach, »daß die Aufweichung des staatlichen Gewaltmonopols heute von
staatlichen Akteuren, darunter federführend der Führungsmacht USA, selbst forciert wird«.
Seine zentrale These lautet: »Die Beschränkung der Staatsgewalt (zugunsten anderer
herrschaftlicher Gewaltpraktiken) kann eine effiziente Strategie der sozialen Kontrolle zur
Stärkung der Exekutive sein.«

Am Beispiel des Outsourcings staatlicher Gewalt in Kolumbien, wo bewaffnete
Verbrecherbanden und Paramilitärs mit besonderen Aufgaben betraut werden, macht Zelik
Tendenzen der Kriegsführung deutlich, wie sie auch in den von den USA angeführten
Kriegen im Irak oder Afghanistan zu beobachten sind. »Es geht dabei offensichtlich darum,
Verantwortung abzuwälzen, politische Kontrolle zu verringern und Repression ungestraft zu
radikalisieren – Eine Entregelung, die Züge eines unsichtbaren Staatsstreichs trägt.«

Folterungen, wie sie in Guantánamo, Abu Ghraib und weltweit noch vielen anderen
Schreckensorten im Einflußbereich der USA durchgeführt wurden und werden, sind heute so
selbstverständlicher Bestandteil der westlichen Kriegsführung wie Entwicklungsprojekte zur
Gewinnung und Kontrolle der Zivilbevölkerung.

Zelik, der 2008 Gastprofessor für Politikwissenschaften an der Nationaluniversität in Bogota
war, hält sich seit 1985 regelmäßig in Kolumbien auf. Er hat in diesem Land, das bisweilen
als »Laboratorium des Krieges« bezeichnet wird, inzwischen Hunderte von Interviews
geführt. Das Ergebnis ist ein linker Gegenentwurf zur imperialen Politikberatung des eitlen
Medienlieblings Herfried Münkler: theoretisch schlüssiger und empirisch fundierter. Zelik hat
einfach gründlicher recherchiert. Am Montag stellt er sein neues Buch in der jW-Ladengalerie
vor.

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien