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Sendung: Montag, 21. September 2009, 14:55 – 15:00 Uhr, SWR2 Die Buchkritik

"Die kolumbianischen Paramilitärs" - Rezension auf SWR 2 von Michael Weisfeld (September 2009)

Anmoderation:

Paramilitärische Truppen in Kolumbien töteten in den vergangenen knapp 30 Jahren Zehntausende. Sie vertrieben Millionen kleiner Bauern von ihrem Land. Raul Zelik hat ein Buch über die blutige Vergangenheit und Gegenwart Kolumbiens geschrieben, das nicht nur Kolumbien betrifft. Der Autor versteht die Paramilitärs dieses Landes als private, kriminelle Truppen, die im Staatsauftrag Gewalt anwenden, ohne sich vor Gerichten oder der Öffentlichkeit verantworten zu müssen.

Beitrag:

Anfang der 80er Jahre, als eine Wirtschaftskrise Kolumbien erschütterte, überlegten die Reichen und Mächtigen des Landes, wie Reichtum und Macht retten könnten, gegen die rebellischen Gewerkschaften, gegen die Guerilla und linke Parteien, die oft mit der Guerilla zusammenwirkten. Inspiriert von USamerikanischen Militärberatern entstand das Konzept der Paramilitärs, berichtet Raul Zelik.

O-Ton 1

3:26 In manchen Regionen waren es Viehzüchter, in anderen Gegenden waren es eher Plantagenbesitzer, inländische und ausländische. Chicita, Dole zum Beispiel. Beide Unternehmen haben anerkennen müssen, dass sie Paramilitärs finanziert haben mit Millionenbeträgen. (..) << Auch Erdölfirmen, da kann man nachweisen, dass sie Ländereien zur Verfügung gestellt haben für die Ausbildung von paramilitärischen Gruppen. >>

4:40 Es waren (..) Angehörige der beiden großen Parteien, der liberalen und der konservativen (..) als Förderer und als Leute, die das kommandiert haben.


Bald stießen auch Anführer der kolumbianischen Drogenkartelle zu diesem Bündnis. Einige von ihnen waren von der Guerilla erpresst worden. Unter der Regie des kolumbianischen Geheimdienstes und der Armee wurden nun bewaffnete Trupps aufgebaut.

O-Ton 2

10:33 Man hat oft behauptet, das wären rechte Milizen. Das ist eigentlich Quatsch. Im Grunde sind das die Gewaltstrukturen der organisierten Kriminalität gewesen. Das sind also Leute gewesen (…) von denen hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass das alles Berufskiller gewesen waren vorher.


Diesen Job machten sie jetzt weiter – nur in größerem Stil. Die Armee transportierte sie oft zu ihren Einsätzen. Aber sie kämpften nicht gegen die Guerilla, sondern verübten Massaker an Landbewohnern, die als Sympathisanten der Guerilla galten, weil sie sich in Gewerkschaften oder Genossenschaften organisiert

O-Ton3
Fußball spielen.

35:10 Bei den paramilitärischen Massakern sind so unvorstellbare Dinge geschehen wie, dass Dorfgemeinschaften zusammengetrieben worden sind, und dann hat man bestimmten Leuten, zum Beispiel Aktivisten von Genossenschaften, die Köpfe abgeschlagen und mit den Köpfen Fußball gespielt. Vor den Augen der Angehörigen und der Nachbarn. Oder man hat Menschen bei lebendigem Leib geschlachtet vor den Augen der Angehörigen.


Nach solchen Massakern flohen die Überlebenden. Sie ließen Häuser und Felder zurück und strandeten in den Slums der Städte. Während die Anführer der Paramilitärs oder große Grundbesitzer oder internationale Konzerne das verlassene Land an sich brachten. Zuvor hatten hier Kleinbauern überwiegend für den eigenen Bedarf produziert, jetzt wurden ihre Äcker Teil des Weltmarkts, zum Beispiel als Palmöl-Plantagen für ökologisch einwandfreien Biosprit.

O-Ton4
Palmöl mit Entwicklungshilfe

38:25 Diese Landstriche sind sofort von Paramilitärführern angeeignet worden, und die haben dann mit internationalem Kapital Plantagen angelegt, zum Teil ko-finanziert aus internationalen Entwicklungshilfe-Töpfen.


Argentinien und Chile erlebten blutige Militärdiktaturen, und die Putschisten wurden dafür international verurteilt. Kolumbien hatte über 30 Jahre hinweg seinen ständigen kleinen Ausnahmezustand durch den Terror der Paramilitärs. Mehr Menschen kamen dabei um als bei den Morden von Armee und Polizei in Argentinien oder Chile. Die Eliten Kolumbiens standen für ihre Paramilitärs nicht am Pranger waren aber – aus der Sicht des Autors - insgeheim deren Dirigenten.

O-Ton5

39:00 In Kolumbien ist die Bereitschaft der Menschen, sich in Gewerkschaften oder Genossenschaften zu organisieren, in den letzten 25 Jahren massiv zurückgegangen, weil sie wissen, sie sind das erste Opfer der paramilitärischen Gewalt.

30:10 Insofern kann man sagen, es ist eine Strategie gewesen, die aus Sicht der führenden Gruppen im Lande geglückt ist.


Raul Zelik beschreibt – das ist eine Stärke dieses Buchs - die kolumbianischen Paramilitärs nicht als Spezialität Kolumbiens, sondern als ein Repressionsmodell, unter dem auch andere Länder leiden und zukünftig leiden werden.

O-Ton6

25:27 Ich glaube, dass man daraus die Schlussfolgerung gezogen hat, dass sich Repression outsourcen lässt. Was man ja auch bei den privaten Militärfirmen beobachten kann, dass Krieg outgesourct werden kann, also an Privatakteure übergeben, und der politischen Kontrolle entzogen wird. (..) Insofern war der Paramilitarismus eine sehr moderne Form, die seiner Zeit 15 bis 20 Jahre voraus war.


Raul Zelik ist schon als Romanautor hervorgetreten, hier schreibt er als Wissenschaftler: Wenig erzählerisch, in adäquat nüchterner Sprache. Dennoch ist sein Buch gut lesbar, auch weil der Inhalt so dramatisch und erschreckend ist.

Info-Link beim Sender

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/buchkritik/-/id=658730/nid=658730/did=5252978/93nbx5/index.html

PDF beim Sender

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/buchkritik/-/id=5252980/property=download/nid=658730/5qtdj8/swr2-die-buchkritik-20090921.pdf

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien