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Ausgelagerte Repression

Raul Zelik analysiert den kolumbianischen Paramilitarismus

Rezension von Tobias Lambert in Neues Deutschland, Sozialistische Tageszeitung, Ausgabe 23.06.2009 / Nord-Süd

Der Autor und Kolumbien-Experte Raul Zelik mischt sich mit seinem neuen Buch »Die kolumbianischen Paramilitärs« in die Debatte um »Neue Kriege« und gescheiterte Staaten anhand des Beispiels Kolumbien ein.

Debatten über den Krieg in Kolumbien basieren in vielen Fällen auf einem Missverständnis. Einer weit verbreiteten Ansicht zufolge konkurrierten spätestens seit den 1990er Jahren verschiedene Banden um die Einnahmen aus der Schattenökonomie von Drogenhandel, Entführungen und Auftragsmorden. Zwischen den Gräueltaten rechter Paramilitärs und linker Guerillas sei der Staat in seiner Fähigkeit, ein Gewaltmonopol durchzusetzen, merklich geschwächt worden. Kolumbien drohe zu einem »failed state«, einem gescheiterten Staat, zu verkommen.

In diese Debatte schaltet sich der Kolumbien-Experte Raul Zelik mit seinem neuen Buch »Die kolumbianischen Paramilitärs« ein. Insbesondere beschäftigt er sich mit einigen Thesen des in Berlin lehrenden Politologen Herfried Münkler. Dieser geht davon aus, dass etablierte Staatlichkeit historisch den Krieg gebändigt habe, während der Zerfall von Staaten eine »vormoderne« Enthegung der Gewalt befördere. Dafür verantwortlich seien Aufständische und Warlords in der Peripherie.

Diese und andere Thesen über »Neue Kriege« widerlegt Zelik am Beispiel des Krieges in Kolumbien eindrücklich. Er zeigt auf, dass der kolumbianische Paramilitarismus aufs Engste mit der Durchsetzung staatlicher Souveränität verknüpft ist und eine für den Staat sowie ökonomische Eliten funktionale Auslagerung von Repression darstellt. So habe der Terror gegen oppositionelle politische Strukturen maßgeblich zur Etablierung eines weltmarktorientierten Entwicklungsmodells beigetragen.

Nach der rasanten Ausbreitung des Paramilitarismus in den 1980er Jahren bemühte sich der Dachverband AUC (Kolumbianische Selbstverteidigungskräfte) in den 1990ern darum, als »dritter Kriegsakteur« politisch wahrgenommen zu werden. Der Staat konnte sich somit als Opfer extremer Gewalt darstellen, wodurch nicht zuletzt die massive US-Militärhilfe im Rahmen des Plan Colombia begründet wurde.

Dass die AUC ausgerechnet unter dem aktuellen Präsidenten Álvaro Uribe demobilisiert wurden, der in seiner gesamten politischen Karriere mit Drogenhändlern und Paramilitärs kooperiert hatte, ist nur auf den ersten Blick verwunderlich. Da die an die USA ausgelieferten Führer der AUC dort ausschließlich wegen Drogenhandels angeklagt werden, bleiben Uribe unangenehme Enthüllungen über staatliche Verwicklungen vorerst vermutlich erspart. Neue paramilitärische Gruppen wie die Águilas Negras (Schwarze Adler) begehen zwar weiterhin politische Morde, werden von der Regierung jedoch schlicht als »aufstrebende Banden« der Organisierten Kriminalität bezeichnet. Zuletzt zeichnet Zelik die Strategie der USA nach, die Kolumbien im Rahmen des Plan Colombia Jahr für Jahr mit dreistelligen Millionenbeträgen unterstützen und Konzepte der irregularisierten Aufstandsbekämpfung nachweislich nach Lateinamerika »exportiert« haben.

Für die Debatte über failed states und »Neue Kriege« stellt das Buch einen enorm wichtigen Beitrag dar. Zelik legt ein Standardwerk über den kolumbianischen Paramilitarismus vor und arbeitet dessen Geschichte, sein komplexes Wesen sowie den politischen und wirtschaftlichen Kontext umfassend und kenntnisreich heraus. Dabei bemüht er sich immer wieder um eine theoretische Einordnung des Phänomens.

Dem durchgehend pessimistischen Gefühl bei der Buchlektüre tritt der Autor zumindest auf der letzten Seite entgegen. Er betont, dass es in Kolumbien noch immer vielseitige soziale Bewegungen gibt. Trotz allem sei »es also offensichtlich nicht gelungen, die Vorstellung einer alternativen Gesellschaft vollständig auszulöschen«.

http://www.neues-deutschland.de/artikel/150940.ausgelagerte-repression.html?sstr=zelik

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien