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WDR-Rezension von "Die kolumbianischen Paramilitärs"

Thomas Nachtigall auf WDR 3 und SWR 2

Die Relevanz dieses Buches für ein breiteres Publikum versteckt sich in der Unterzeile des Titels: -Regieren ohne Staat ?- terroristische Formen der inneren Sicherheit-. Was der Schriftsteller und Politikwissenschaftler Raul Zelik in mehrjähriger Feldforschung über den längsten Bürgerkrieg in Südamerikas zusammen getragen hat, scheint zunächst vor allem für Lateinamerikanisten interessant: Der seit den Zeiten Simon Bolivars konservierte Feudalismus, die Entstehung der kolumbianischen Guerilla und später der Paramilitärs sowie das Doppelspiel des amtierenden Präsidenten Uribe sind kenntnisreich aufgearbeitet.

Über den Kreis der Spezialisten hinaus jedoch interessiert die Untersuchung aufgrund der Schlussfolgerung, die Zelik aus dem Zusammenwirken der staatstragenden Klasse, der regionalen Hegemonialmacht USA und paramilitärischen Killertrupps zieht, die nach seiner Analyse ein gemeinsamen Ziel verfolgten: Die „gewaltsame Zwangsintegration“ der ländlichen Regionen Kolumbiens in den Weltmarkt -um den Peis zehntausender Tote. und archaischster Grausamkeiten. Kolumbien, so Zelik, sei eine Art Labor für Herrschaftsstrategien jenseits von Staatsmacht und klassischem Kolonialismus.

Folgt man dem Autor, dann ist unser gängiges Bild vom dortigen Bürgerkrieg falsch: Auf der einen Seite, eine Narco-Guerilla , die nur noch dem Namen nach sozialistische Ziele verfolgt - auf der andern rechtsradikale, von Großgrundbesitzern bezahlte Bürgerwehren - dazwischen ein schwacher Staat der nach einem Jahrzehnt intensivster Militärhilfe vom Großen Bruder im Norden Gott Sei Dank jetzt die Oberhand gewinnt, das Gewaltmonopol wiederherstellt und die Extremisten entwaffnet oder ausmerzt. Das sei ein sorgfältig inszeniertes Zerrbild, schreibt Zelik. In Wahrheit sei die Staatsmacht weder neutral noch hilflos, sondern habe gezielt das Entstehen der Paramilitärs als angebliche 3. Kraft initiiert und befördert, um endlich die Fesseln bürgerlicher Beschränkungen abstreifen und mit dem spätestens seit Carl Schmidt so beliebten Ausnahmezustand durchgreifen zu können.

Während die Schmutzarbeit –also das Foltern und Töten von Bauernführen und Gewerkschaftern -meist den irregulären Trupps überlassen blieb, die sich ungehindert durch Drogengeschäfte finanzieren durften, führten kolumbianische Armee und vom Pentagon beauftragte Söldnerfirmen einen chemischen Luftkrieg gegen die von den Guerillagruppen kontrollierten Zonen. Dabei wurden nicht nur Coca- sondern alle erreichbaren Pflanzungen mit Herbiziden attackiert um jede ökonomische Zukunft der Regionen zu sabotieren.

Der Paramilitarismus hat dazu beigetragen, in einer Art "Klassenterrorismus“ eine kapitalistische Staatsordnung mit „informellen Mitteln“ zu stärken. fasst Zelik zusammen.

An sich muss die Einsicht, dass nationale Eliten aber auch Großmächte zu verbrecherischen Methoden und zweifelhaften Bündnispartnern greifen, wenn es genehm scheint, nicht verwundern. Brisant wird die Erkenntnis allerdings im Kontext der „failing states“ und der „asymetrischen Kriege“; einem Konzept das in der Politikwissenschaft seit einem guten Jahrzehnt Furore macht. In gescheiterten Staaten , so die Denkschule, böte das Machtvakuum den Nährboden für Drogenökonomie und internationalen Terrorismus. Der Berliner Politologe Herfried Münkler etwa, leitet daraus Anspruch wenn nicht sogar Pflicht der sogenannten zivilisierten Welt ab, dort im eigenen Interesse auch mit unkonventionellen Strategien für Ordnung zu sorgen.

Man erinnere sich : Genauso hatte Clinton seinerzeit das US-Engagement in Kolumbien gerechtfertigt; ganz ähnlich Putin den Einmarsch in Tschetschenien und Bush die Attacke auf Afghanistan. Damit verdichtet sich Zeliks Studie über das unglückliche Karibikland letztlich zur Skizze eines postmodernen Imperialismus.

Ob sie auch in der Obama-Ära noch Gültigkeit hat, muss sich zeigen. Bislang spricht leider wenig Faktisches dagegen.

Thomas Nachtigall

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien