Raul Zelik
Deutsche Verhältnisse [17.10.05]

Raul Zelik hat einen Roman über einen Berliner Helden geschrieben. Mario wohnt mit seinem schwulen Mitbewohner Piet und den Rumänen Wassilij und Didi in einer WG in Kreuzberg. Er hatte "im Verlauf der Jahre mit verschiedenen Daseinsformen herumexperimentiert (Hundebesitzer am Kottbusser Tor, antifaschistisches Kollektiv, offene Fünferbeziehung)". Mit seinen 32 Jahren kommt er aus ihm unerfindlichen Gründen in eine Sinnkrise: Plötzlich geht ihm der WG-Lärm auf die Nerven - die Rumänen müssen raus! Wassilij und Didi sind Bauarbeiter ohne Arbeitsgenehmigung, und zu allem Übel warten sie vergeblich auf ihren Lohn. Deshalb fasst die Wohngemeinschaft einen Entschluss: Sie werden die Löhne eintreiben! Aber Schuldner und Elektromeister Patzky ist auch nur Auftragnehmer, und so entwickeln sich die deutsch-rumänischen Freunde bald zu einem gefürchteten Inkasso-Unternehmen. Bis Mario merkt, dass sein eigener Bruder, der auch in der Bauwirtschaft tätig ist, in den fiesen Machenschaften tief mit drinsteckt ...

Ist Herr Lehmann als Mario im heutigen Berlin angekommen?
Das Buch ist vor Lehmann entstanden, auf Basis einer Kurzgeschichte aus 2001, die Detlev Buck und ich zum Drehbuch umgearbeitet haben. Und aus dem Drehbuch habe ich jetzt den Roman gemacht. Aber mit Herrn Lehmann hat das nix zu tun.

Auf den ersten Blick ist Mario arbeits- und antriebslos.
Nein, überhaupt nicht. Als Figur ist der sehr offen. Der soll kein Schluffi und kein Trottel sein. Er weiß über viele Sachen sehr gut Bescheid, nur will er das Rad des Funktionieren-Müssens und des Leistung-Gebens nicht mitdrehen. Es geht darum, sich Dingen zu verweigern. Das ist eine hohe Überzeugungs- und Energieleistung, die man aufbringt, um da nicht mitzuspielen. Er ist auch überhaupt nicht desinteressiert, ganz im Gegenteil, weil er ja den Antrieb entwickelt, sich für die Löhne von illegalen Nachbarn ohne Papiere einzusetzen.

Ist Mario ein typischer Kreuzberger?
In dem Buch geht es genau darum, wie blöde solche Identitätszuschreibungen sind. Es werden zwar Klischees bemüht, aber dann auch wieder aufgehoben. Insofern gibt es keinen typischen Kreuzberger. Kreuzberg ist ein Klischee, eine Erzählung.

Marios Mutter ist eine typische Ex-Aussteigerin, die sich auf Gomera neu orientiert. Und Marios Mitbewohner ist ein Musterschwuler.
Okay, es gibt einen Haufen Klischees. Das Buch ist ja auch eine Komödie. Aber das sind Pappkameraden, die aufgebaut werden, um sie danach wieder umzuschmeißen. Der Musterschwule wird heterosexueller Familienvater und dann doch wieder schwul, und die rumänischen Bauarbeiter sind Kunstgeschichtler, die gern John Cage hören.

Wie viel hat Mario mit dir selbst zu tun?
Alle Personen, über die man schreibt, haben viel mit einem selbst zu tun. Mit Mario verbindet mich jetzt nichts im Besonderen. Obwohl die Bruder-Konstellation mit mir zu tun hat, weil mein Bruder auch in Immobilien gemacht hat und Pleite gegangen ist.

Und daher auch das Insider-Wissen über die Bauwirtschaft?
Outsourcing ist ja heute völlig normal, nicht nur auf dem Bau. Also prekär beschäftigt zu sein und für Leute zu arbeiten, die dann gar nicht diejenigen sind, die einen bezahlen, sondern als Stationen dazwischen geschaltet sind. Dass man seinen Lohn nicht bezahlt kriegt, weil der eigentliche Arbeitgeber pleite oder weg ist. Für viele ist das alltäglich. Ich hätte gern gehabt, dass das Buch "Die Tomaten-Outsourcing-Geschichte" heißt, aber das fand der Verlag verständlicherweise nicht so toll.

Der Untertitel lautet "Unterschichtenroman". Sprichst du für die Unterschicht?
Ich vertrete keine Message. Aus dem Buch spricht die Überzeugung, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie sind, scheiße sind. Da reicht ein Blick in den Lebensalltag von uns allen. Die deutsche und europäische Migrationspolitik zielt darauf ab, einen wesentlichen Satz von Arbeitskräften auf dem Markt in illegalen Arbeitsverhältnissen zu halten. Weil illegale Arbeitsverhältnisse völlig entrechtet sind und die Leute deshalb besonders billig arbeiten - für drei Euro und weniger. Und das ist erwünscht. An der Grenze zwischen Marokko und Spanien sind in den letzten acht Jahren so viele Leute gestorben wie in 40 Jahren an der innerdeutschen Grenze, der früheren BRD/DDR-Grenze. Dieses ganze Grenzregime ist nicht dafür da, zu verhindern, dass Leute reinkommen, denn man braucht diese Leute ökonomisch ja. Es wird dafür gesorgt, dass eine bestimmte Zahl reinkommt, dass man regulieren kann, wie viele das sind. Und dass die, die reinkommen, für einen Zeitraum als entrechtete Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Das ist eine besonders perfide Art, Profitbedingungen zu verbessern und die Bedingungen für die Menschen zu verschlechtern. Der ganze Einwanderungsdiskurs ist im Grunde genommen eine große Heuchelei.

Willst du als politischer Schriftsteller diese Zustände aufdecken?
Nein, man schreibt darüber, was einen beschäftigt. Da schlägt sich die Haltung nieder, die man zu Dingen hat. Man schreibt über seine Wut. Dieser Roman kommt zwar pulpig daher, die Haltung kommt aber trotzdem zum Ausdruck. Aber "aufdecken" will ich nichts.

Autor
Raul Zelik wurde 1968 in München geboren, nach vielen Lateinamerika-Aufenthalten lebt er heute als freier Autor in Berlin. Er publizierte bisher die Romane "Friss Und Stirb Trotzdem", "La Negra" und "Bastard", den Erzählband "Grenzgängerbeatz" und das Sachbuch "Made In Venezuela. Notizen Über Die Bolivarianische Revolution". "Berliner Verhältnisse" ist seine erste Veröffentlichung bei Blumenbar. Das Venezuela-Buch erscheint demnächst auf Spanisch. Zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien zieren seine vielseitige Vita. Er wohnt mit seiner Freundin und seinem neun Monate alten Sohn Malek in Berlin Kreuzberg, wo sonst?

Lesung
Am 3. November um 21 Uhr findet die Release-Party von "Berliner Verhältnisse" im Festsaal Kreuzberg in Berlin statt. Der Eintritt ist frei.

Raul Zelik
Berliner Verhältnisse
Blumenbar, 318 S., EUR 18

Autor: Dörte Miosga

Intro - MAGAZIN MUSIK - Raul Zelik - Deutsche Verhältnisse.pdf

 

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