Süddeutsche Zeitung, 13.10.2005

Die Welt muss chaotisiert werden

Zu alt für die WG: Raul Zeliks Roman „Berliner Verhältnisse“

Raul Zelik hat es gern, wenn es fetzt und sich alle die Aldi-Tüten um die Ohren hauen. Am Ende seiner Kapitel kommen alle Figuren zusammen und schreien durcheinander. So zum Beispiel in der WG in der Adalbertstraße, die das Zentrum von Zeliks Roman „Berliner Verhältnisse“ bildet. Kinder, deren Mütter im Nebenzimmer bei angelehnter Tür mit Schwulen schlafen, schmeißen dann Fernbedienungen aus dem Fenster, ein Ostdeutscher Plexiglasarbeiter, dem ein WG-Bewohner nur mal sein Zimmer zeigen wollte, beobachtet alles mit großer Ruhe, und als sich der Held über diese Verhältnisse beklagt, wird ihm vom WG-Intellektuellen misogynes Machogehabe vorgeworfen. Das ist ganz schön viel. Aber dass man Chaos immer noch weiter chaotisieren kann, dass immer noch mehr geht, das will „Berliner Verhältnisse“ beweisen.

Raul Zeliks Held heißt Mario. Leider ist er etwas blass. Er entspricht dem literarisch gängigen Typ des sympathischen Losers, ist ein Parkwiesenabhänger und klaut Salami im italienischen Feinkostladen („Geil! Kalabrien“). Der plotgebende Ruck, der eines Tages durch die verschlafene WG geht, stellt sich so dar: Zusammen mit seinen Mitbewohnern Piet, einem egozentrischen Schwulen, dem schwäbischen Intellekto Wassilij und dem stotternden Didi gründet Mario ein Inkasso-Unternehmen und treibt bei säumigen Bauleitern die Löhne für unbezahlte rumänische Bauarbeiter ein. Mindestens so abenteuerlich wie bei den „Fünf Freunden“ geht es zu, stets natürlich im Dienste der Gerechtigkeit. Die Inkasso-WG hat Erfolg. Doch der Erfolg bekommt der WG nicht; denn wachsender Wohlstand führt zwangsläufig zur Anstachelung von Gier und zur Aufgabe von politisch korrekten Idealen. Geld ist schlecht. Was kommen muss, kommt gleich ganz krass: Die Inkasso-Freunde kaufen sich teure, unansehnliche Plexiglas-Stühle und knallen einander die Türen vor der Nase zu. Das kann Mario gerade noch aushalten. Aber dann zieht Zelik ihn auch noch in interkulturelle Komplikationen mit der Ladenbesitzerin Melek hinein – da wird es dann zu viel für Mario. Er ist jetzt zweiunddreißig, und mit zweiunddreißig, weiß Mario, ist man nicht mehr jung. Die Toleranzschwelle wird einfach niedriger, zum Beispiel während Gesprächen zwischen der Mutter und der eigenen Freundin über einen selbst.

Weil es aber keine Art von Heiterkeit über 300 Seiten mit sich allein aushält, gibt es auch das Böse in diesem Buch. Dass Marios Bruder dieses Böse verkörpert, eröffnet feine Möglichkeiten für komische Konflikte zwischen Loyalität zur Familie versus Loyalität zu den eigenen Idealen. Wolfgang, so heißt der Bruder, saniert Wohnungen mit Hilfe schwarzarbeitender Ausländer und badet in Geld, bis sein vernachlässigter Sohn Tomimoto („Er programmiert!“) den Rechner der Citybank knackt und Wolfgang für den Schaden aufkommen muss. (Überhaupt ist dies ein Roman gegen Kinder.) Und weil in den „Berliner Verhältnissen“ jeder mit jedem irgendetwas zu tun hat, geraten die zwischenmenschlichen Beziehungen durch solche Erschütterung wild durcheinander.

Wer nun denkt, „Berliner Verhältnisse“ schippere in den Bahnen von Klischees und altbewährten Komödienplots, hat Recht. Nur, man schmunzelt beim Lesen ungefähr so oft, wie man in Gedanken meckert. Es geht dem Buch eben nicht darum, etwas Neues zu erzählen, sondern bekannte Skurrilitäten und Klischees – vor allem Berliner Skurrilitäten und Klischees – ins Groteske aufzublähen. Die Leute sind grob, schmierig, frech, stillos, faul, verfilzt und neulich zugezogen, nur eben noch ein bisschen mehr von all dem als in anderen Büchern.

Vom Hasen verfolgt

Politisch ist Zelik, trotz seiner gelegentlichen Einordnung in die Schublade des politischen Schriftstellers, eigentlich nicht. Dass „Berliner Verhältnisse“ sich einen „Unterschichtenroman“ nennt, kann es ja nicht schon gewesen sein. Raul Zelik hat halt einen Roman geschrieben, der in der Unterschicht spielt. Daran ist soweit nichts politisch. Kennzeichnender für den Roman ist, dass er Slapstick ist und sich die Witze drängen wie in einer WG. Je mehr Witze auf einer Buchseite, desto besser. Witze, Witze. Am besten jedes Wort ein Witz. „Privatfernsehgrinsen“, „Tennisspielerlächeln“, das sind so Wörter.

Schließlich schlägt man das Buch zu und hätte nur eines noch gern erklärt gehabt. In „Berliner Verhältnisse“ kommt eine Gestalt vor, die von Gläubigern dafür bezahlt wird, dass sie den Schuldner Wolfgang im Hasenkostüm verfolgt, wo immer er hingeht. Geschäftsessen, Supermarkt und die privaten Orte – fast überall ist der angeheuerte Arbeitslose dabei. Diese Art der Verfolgung ist neu und beeindruckend, im Tiergewand bewahrt sie doch ein menschliches Gesicht. Wahrscheinlich hat Raul Zelik sich das gar nicht ausgedacht, sondern es gibt die Hasentechnik tatsächlich. Das würde nämlich erklären, warum in letzter Zeit so viele menschengroße Hasen über den Potsdamer Platz laufen oder stumm in der S-Bahn sitzen. Groß und fusselig sitzen sie da. Sind die Hasen doch keine Kunstaktion? Aber wenn das so wäre! Welche Misere würde hier peinlich sichtbar! Wir können es noch nicht mit Sicherheit sagen, aber vielleicht hat Raul Zelik doch einen politischen Roman geschrieben.

KAI WIEGANDT

RAUL ZELIK: Berliner Verhältnisse. Unterschichtenroman. Blumenbar Verlag, München 2005. 318 Seiten, 18 Euro

 

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