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Kultur | Turbulenzen | 21.10.2005 | Erhard Schütz

Montepulciano im Eisfach

Raul Zeliks Roman "Berliner Verhältnisse" ist angenehm aromatisiert

Raul Zelik, 1968 in München geboren, hat ein paar Romane veröffentlicht und zusammen mit zwei weiteren Autoren ein Buch über die "bolivianische Revolution" herausgebracht. Er ist ein seriöser Kenner südamerikanischer Verhältnisse. Zugleich ist er Optimist. Die neuen politischen Bewegungen in Südamerika, so hat er unlängst (Freitag 33/2005) geschrieben, zeigten, "dass politisch scheinbar desinteressierte Menschen in Krisensituationen eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickeln können, gesellschaftliche Prozesse emanzipatorisch zu gestalten".

Wenngleich man für Deutschland zwangsläufig skeptischer sein müsse, könne das auch für hier gelten. Nun ist von ihm ein Roman erschienen, der das experimentell auf die Probe stellt. Ein Südamerika unter heimischen Bedingungen gewissermaßen. Also angesiedelt in Berlin, der Stadt, in der alles anders wird, nur nicht der seit hundert Jahren zitierte Spruch, dass Berlin ständig im Werden begriffen sei. Berliner Verhältnisse also.

Als auf sogenannte Berlin-Romane abonnierter Leser ist man erst einmal skeptisch, ob hier etwas anders ist als bei all den anderen Berlin-Romanen oder -Krimis mit ihren so vorhersagbaren Mixturen aus Szenen, Milieus und dem so kiezigen Metropolengetue. Um es vorwegzunehmen: Es ist. Im Ansatz scheint er zunächst den diversen Mitte- und Soundso-Platz-Romanen ähnlich. Doch unterscheidet ihn nicht nur die intensivere Mischung und höhere Dosis, sondern auch, dass er gekonnt ist. Der Roman ist witzig, gewitzt und hat Witz im alten Sinne: Geist. Spiritus in Trinkstärke, angenehm aromatisiert. Es ist fast auch einerlei, ob der Roman nun ein Berlin-Roman ist oder nicht. Gut, er hat seinen Ausgangs- und Rückkehrpunkt in Kreuzberg, Kante Mitte und Mitte, Kante Kreuzberg, aber er bewegt sich kreuz und quer durch die Stadt, zwischen Charlottenburger Lofts und Karlshorster Baustellen.

Der Autor preist die Segnungen des Kiezes: "Das war das Schöne am Viertel: Die Nachbarn kannten einen. Deswegen wohnte man so gerne hier: Imbissbudenbekanntschaften, Hilfsbereitschaft, immer ein freundlicher Spruch. Man traf Freunde auf der Straße, hielt ein Pläuschchen. Das war besser als jede Beziehung." Und wenn man einem Kerl verbieten will, seinen Hund vor die Tür kacken zu lassen, dann kriegt man eins an die Birne. Was das Metropolitane angeht, erweist sich der Roman ebenfalls als gefestigt. Mario hat eine gesunde Einstellung zur Stadt. "Wieso? Städtebau, das kennt doch jeder: Vorstadt, Innenstadt, Parkhaus, S-Bahn." Und überhaupt: "Wenn jemand bei der Berlin-wird-mindestens-so-urban-wie-Paris-oder-noch-viel-geiler-Nummer die Arschkarte gezogen hatte, dann die Rumänen."

Damit hätten wir auch den Schritt vom Berlin- zum Berlinbewohner-Roman vollzogen und sowohl den Helden als auch den Anlass der ganzen Geschichte kennen gelernt: Mario ist nicht gerade Super-Mario, aber doch der Held. Die Rumänen bestätigen ihm die schmerzvolle Einsicht, dass man jenseits der Dreißig lärmempfindlicher wird. Weil deren "Kustorica-Geklimpere" in der WG, in der sie der Solidarität wegen untergekommen sind, ihm auf die Nerven geht, beschließt er, sie loszuwerden, indem er ihre Löhne eintreibt, die ihnen als Illegale am Bau vorenthalten werden.

So wird die politisch oberkorrekte Truppe der WG unversehens, immer mehr und schließlich professionell zum Inkasso-Eintreibunternehmen. Man floriert und die WG wird luxuriöser. Die Inkasso-Sache bringt Mario, der sich bis dato von ein bisschen Scheck-Betrug, Mitnahme en passant und "Vomwagengefallen" redlich genährt hatte, quer durch die Stadt, zu Kokainarchitekten mit Warhol-Tapete wie zu gesichtsälteren Baumagnaten. Man gewinnt dadurch an Lebensart: "Montepulciano ... Komm, wir legen den gleich ins Eisfach. Dann schmeckt er nachher nicht so bitter".

Mario lernt Melek kennen, die statt ihrer Souvenir-Bude gerne einen "Edeka" und Kinder hätte. So wird Mario nicht nur immer stadtmobiler, sondern auch häuslicher. Nicht nur er verändert sich. Der schwule Piet will plötzlich eine insolvente Architektin heiraten, Marios Freak-Mutter kriegt Aufsichtsrat-Anwandlungen und Bruder Wolfgang mutiert vom erfolgreichen Immobilien-Macher zum rosaroten Inkasso-Bunny gejagten Bankrotteur. Mario soll schließlich Hasan scheinehelichen, um die Sünden seines Bruders zu büßen, der inzwischen sein Seelenheil in Rumänien bei Tomaten und Auberginen zu finden scheint, während die Rumänen zu seinem Leidwesen von elektrischer Heizung und Fernsehen träumen. Doch da sind wir schon (fast) am Ende. Dazwischen geht es höchst turbulent und hoch her. Zu turbulent, argt man eingangs, überfordert von der kunterbunten Personage.

Ein pittoreskes Personal, das kreativ mit seinen Krisen umgeht, wodurch man obendrein durch "floatende Lebensmodelle" gewirbelt wird. Alle strudeln durcheinander, in dieser Gesellschaft von Schuldnern und Inkasso-Jägern, allesamt getrieben vom Outsourcing. Das reicht vom Bau bis zum eigenen Lebensmittelpunkt. Wäre das ein Film, würde man das eine temporeiche, turbulente Komödie nennen. Tatsächlich aus einem Filmskript - zusammen mit Detlev Buck - hervorgegangen, wie der Klappentext verrät, ist es nun so etwas wie ein zur Literatur geoutsourcter Film geworden, ein Turbulenz-Roman.

Wie bei den allermeisten Film-Komödien erfährt man zwar auch hier nach der Hälfte jenen Umschlag von Überturbulenz in Zeitverzähung, aber das geht schnell wieder vorbei. Wenn man schließlich ganz durch ist, dann hat man eine Mixtur von Komödie der Irrungen, Herr Lehmann und Big Lebowsky hinter sich - und möchte mehr davon. Vor allem aber möchte man, dass die Berliner Verhältnisse so frischfröhlich wären wie diese es selbst noch in der Depri sind. Vielleicht tatsächlich ein heimisches Exempel "emanzipatorischer Gestaltung", allemal jedenfalls ein herrliches Nachsommervergnügen!

Raul Zelik: Berliner Verhältnisse. Roman. Blumenbar, München 2005, 318 S., 18 EUR

 

 

 

 

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