Die Bestandsaufnahme, der Raul Zelik fast die Hälfte der 140 Seiten widmet, macht zunächst wenig Hoffnung: Er untersucht die großen linken Gegenentwürfe zum Kapitalismus aus Vergangenheit und Gegenwart. Der Staatssozialismus sowjetischer Prägung? Gescheitert. Kuba? Gescheitert. Der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ in Ecuador, Bolivien oder Venezuela? Gute Ansätze hier und da, befindet Zelik, aber oft autoritär und ohne alternatives Wirtschafts- und Entwicklungsmodell. Also auch gescheitert. Doch Raul Zelik will keine Depressionen verbreiten, im Gegenteil.

O-Ton 1 (0:37)
„Es ist eigentlich ein sehr euphorisch und enthusiastisch gemeintes Buch. Ich würde nur vorschlagen, dass man so etwas entwickeln muss wie eine Begeisterung, einen Enthusiasmus für das Uneindeutige. Ich glaube, gesellschaftliche Gegenentwürfe kann man nicht auf dem Schachbrett entwerfen, die können keine Baupläne sein, die man der Gesellschaft aufherrscht. Die zukünftige Gesellschaft muss aufgebaut werden unter der aktiven Teilnahme der Betroffenen, also von uns allen.“

Den großen, linken Gegenentwurf zum Kapitalismus kann es also gar nicht geben. Dafür aber eine unüberschaubare Vielzahl von gesellschaftlichen Bewegungen und Kämpfen. Mal gegen die Privatisierung eines Wasserwerks, mal gegen Diktatoren wie in Nordafrika, mal gegen ein Bahnhofsprojekt wie in Stuttgart. Aber auch unkommerzielle Gemeinschaftsprojekte wie Wikipedia oder einfache, gelebte Solidarität im Alltag zählt Zelik zu den real existierenden Gegenprojekten. Dass die oft sehr vereinzelt wirken, hält Zelik nicht davon ab, vom „Projekt Communismus“ zu sprechen. Communismus mit C – angelehnt an die Pariser Commune von 1871. Die habe sich durch direkte Demokratie und Kooperation ausgezeichnet – zwei Elemente, die auch heute wieder ein Gefühl von Gemeinschaft stiften könnten.

Wie aber bringt man all die unterschiedlichen Projekte und Proteste zusammen? Auch hier hat Zelik kein Patentrezept, nennt als Beispiel aber die Protestbewegung, die sich seit Mai 2011 in Spanien entwickelt hat.

O-Ton 2 (0:35)
„Das Interessante an der Bewegung Democracia Realia in Spanien ist ja, dass es nicht unter Führung von Gewerkschaften oder Linksparteien zu diesen Protesten kam, sondern eher eine diffuse Bewegung aus dem Internet war. Am Anfang hatte man auch den Eindruck, es ist ein bisschen unpolitisch. Aber dann kamen wirklich viele Leute auf dem Platz zusammen und dann wurde es auch sehr schnell sehr konstruktiv und sehr produktiv.“

Zelik geht es nicht darum, etwas neu zu erfinden, sondern darum, Bestehendes besser zu vernetzen, damit etwas Neues entstehen kann. Was dieses Neue genau ist, muss vage bleiben. Sicher ist nur, dass Veränderung ohne Konflikt nicht möglich ist. Das zeige sich auch an der aktuellen Debatte über eine grüne Politik. Atomausstieg und Elektroautos machen noch keinen Green New Deal, sagt Zelik:

O-Ton 3 (0:18)
„Der Green New Deal als Vorschlag erscheint mir völlig verkürzt. Er verkennt in seinem historischen Bezug auf den New Deal von Roosevelt, dass der damals nicht von der Regierung von oben durchgesetzt wurde, sondern von unten erkämpft wurde. Dafür braucht man Akteure, soziale Kämpfe – darüber redet in der Green New Deal Debatte eigentlich niemand.“

Raul Zeliks Buch „Nach dem Kapitalismus?“ ist ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des Gemeinschaftlichen – verstanden als radikale Demokratisierung und Emanzipation. Die Weigerung, das Ziel dieses Prozesses im voraus festzulegen, ist dabei Chance und Schwäche zugleich. Chance, weil das Projekt offen bleibt für neue Denkweisen und Lösungen. Und Schwäche, weil die einende Kraft der gemeinsamen Sache fehlt. Zeliks Ansatz lebt davon, dass möglichst viele Menschen in zahlreichen kleinen Teilprojekten aktiv werden, von denen keines, für sich genommen, die Welt verändern kann. Solches Engagement ist mühsam und nicht selten frustrierend, und doch führt daran kein Weg vorbei.

Andreas Becker, WDR 5 Politikum 19.7.2011

 

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