Die Mythen des Kapitalismus

Konkrete Utopie ist der Schlüssel für eine andere Gesellschaft

Utopia ist das Land, das es nicht gibt. Und doch hat es der Politikwissenschaftler und Autor Raul Zelik mit seinem Politik-Professor Elmar Altvater vermessen. Gestern Abend sprach Zelik darüber in der franz. K-Reihe „Wir könn(t)en auch anders“.

Reutlingen. „Die Vermessung der Utopie“ heißt das gemeinsame Buch von Raul Zelik und Elmar Altvater, das im Herbst herauskam und seitdem weniger in den bürgerlichen Feuilletons besprochen wurde, als es den beiden Autoren recht sein kann. Ein ganz anderer Effekt aber ist bemerkenswert. In rund 15 gut besuchten Veranstaltungen stellte Zelik das „Gespräch über Mythen des Kapitalismus und die kommende Gesellschaft“ einem durchaus verschiedenen Milieus entstammenden Publikum vor. Allein in Berlin diskutierte er bei drei Gelegenheiten vor über 500 Leuten.

Die Utopie ist in der Krise zu einem Thema geworden, wiewohl auf den Titel „Vermessung der Utopie“ die Verlagmanager, nicht etwa Zelik oder Altvater bestanden haben. Freilich handelt es sich um nichts Geringeres als um Gegenentwürfe.

„Das Anliegen des Buches“, sagte Zelik gestern Nachmittag bei einem Gespräch mit dem TAGBLATT, sei es, „Gegenentwürfe zur kapitalistischen Gesellschaft überhaupt denkbar zu machen“ – jenseits von Wolkenkuckucksheim oder technokratischen Konzepten. Zelik spricht deshalb weniger gern über die großen idealistisch geprägten Utopien als über konkrete gesellschaftsverändernde Ansätze und Praktiken, „die zeigen, dass wir anders leben können“.

Sei es die durch Linux oder Wikipedia erschlossene Allmende des World-Wide-Web. Entgegen kapitalistischer Maximen bewiese dies doch: „Menschen brauchen keine Konkurrenz, um produktiv zu sein.“ Auch das Genossenschaftswesen in seiner ursprünglich gedachten Form führt Zelik als einen jener Ansätze an, die von ihrer Idee her transformatorische Kraft besitzen. Letztlich aber sei es immer Solidarität, die eine Gesellschaft verändert oder zusammenhält. Nicht einmal der sich auf das Konkurrenzprinzip stützende Kapitalismus würde ohne sie funktionieren, sagt der 42-Jährige. „Keine Gesellschaft, die nur auf Tausch beruht“, könnte dies, weshalb es vor allem darauf ankomme, dem Gedanken der Solidarität die nötige Geltung zu verschaffen. Denn: „Nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus muss nicht unbedingt etwas Besseres kommen.“

Das Bessere verspricht sich Zelik allerdings nicht von Konzepten, „die der Gesellschaft von oben aufoktroyiert werden“. Es müssen schon solche sein, die aus der „Selbstermächtigung der Menschen“ erwachsen und diese befördern – Emanzipationsprojekte also, die eine Verständigung unter den Menschen voraussetzen.

Zelik spricht deshalb von „konkreten Utopien“, die dort ansetzen, wo sich in der Gesellschaft reale Bewegungen entwickelt haben und transformatorische Projekte sichtbar sind. Auch wenn dem in deutscher und in spanischer Sprache publizierenden Autor als Beispiel zuerst die brasilianische Landlosenbewegung in den Sinn kommt und die Umverteilungs-Bestrebungen der bolivianischen Regierung, sieht Zelik, der demnächst eine Professur an der kolumbianischen National-Universität in Bogota annimmt, die Potenziale vor allem in den Industrieländern: Im Kampf um Arbeitszeitverkürzung etwa, oder in der Forderung nach einem Grundeinkommen, das entweder hoch dotiert oder von einem Mindesteinkommen flankiert ist. Wie auch immer sich die konkrete Utopie dann verwirklichen mag: Es soll sich um eine „solidarische und solare Gesellschaft“ handeln.

Auch wenn einzelnen Projekte noch nichts an der Gesellschaft verändern mögen, verweisen sie darauf, „dass Solidarprinzipien vernünftig sind“. Dies zeige auch das Buch. Es stellt die Frage, „wie man von Einzelerfahrungen ausgeht“– nicht aber aus der Sicht der Staatsmacht.

„Wir brauchen einen Perspektivenwechsel“, fordert Zelik, „und Bewegungen von unten, die den Kapitalismus in Frage stellen“. Und wie die Utopie vermessen? Indem man bestehende Ansätze würdigt, ohne sie zu idealisieren, und sich die Versuche, die es gegeben hat, kritsch anschaut. Den Staatssozialismus etwa. Doch fragen könne man sich auch, warum die Gewerkschaftsbewegung so viel Bürokratie hervorgebracht hat.

Vor allem aber sei es die Endlichkeit der Ressourcen, an denen der Kapitalismus scheitern werde. „Eine Herausforderung, die von der herrschenden Ökonomie verdrängt wird“. Überleben werde er nur, „wenn man virtuell produzieren und dieses auch vernichten kann“.

Damit sei die Machtfrage noch gar nicht berührt. „Selbst wenn man keine Revolution machen will, sondern nur die liberalen Forderungen ernst nimmt“, stelle sie sich sofort. Was für die emanzipatorischen Bewegungen nur heißen könne: „Man muss sich den gesellschaftlichen Kämpfen stellen.“

Info

Die „Vermessung der Utopie“ – Ein Gespräch über Mythen des Kapitalismus und die kommende Gesellschaft von Raul Zelik und Elmar Altvater ist beim Blumenbar-Verlag erschienen, kostet 14,90 Euro und steht im Internet als Download zur Verfügung.

10.04.2010 - 08:30 Uhr

 

 

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