WDR - Funkhaus Europa Buchtipp vom 17. Oktober 2007

Der gefrorene Mann

Joseba Sarrionandia
(Übersetzung von Petra Elser & Raul Zelik)

Weit entfernt vom Baskenland, an der Atlantikküste Nicaraguas, hält es ein untergetauchter Baske in seinem Exil nicht mehr aus. Gregorio Ugarte, genannt Goio, der bis dahin in einer kleinen Hütte im Busch unbehelligt als Krankenpfleger unter den Einheimischen lebte, "friert ein". Unbeweglich verharrt er am Fenster, redet nicht, kann sich an nichts erinnern.

Seine Freundin Maribel beschließt, ihn zu seinem ehemaligen Schulfreund Andoni zu bringen, um ihn so von seiner Amnesie zu heilen. Andoni wiederum hat einen Plan: Nach kurzem Aufenthalt im Sanatorium soll Goio als Krankenpfleger auf einer wissenschaftlichen Antarktis-Expedition anheuern. Andoni kümmert sich währenddessen um sein verlorenes Gedächtnis.

Somit entspinnen sich drei verschiedene Erzählebenen im Roman. Da ist einmal die Jetztzeit der gemeinsamen Reise von Maribel und Goio durch Mittelamerika. Sie gleicht eher einer abenteuerlichen Flucht, denn die spanischen Verfolger sind ihnen auch dort auf den Fersen. Die Antarktis-Expedition - Goio schafft es schließlich mit gefälschten Papieren auf das Schiff - ist der zweite Erzählstrang.

Die naturwissenschaftliche Forschungsreise wird für den "gefrorenen Mann" zu einer Reise zu sich selbst; je mehr er in die Eiswüste der Antarktis eindringt, desto mehr taut er innerlich wieder auf. Bei einer dramatischen Rettung aus dem Treibeis gehen allerdings seine Papiere verloren, und so wird er abermals zum Heimatlosen.

Der dritte und wichtigste Erzählstrang des Romans aber sind Andonis Erinnerungen an die gemeinsame Jugendzeit, die kunstvoll in die beiden anderen Erzählstränge verwoben sind. Sie versetzen uns ins Baskenland der 1970er Jahre, in den Fischerort Kalaportu an der Atlantikküste. Im katholischen Internat schließen sie Freundschaft: Goio, der vaterlos und einsam aufwächst, und Andoni, der sich weit weg von der Familie mindestens ebenso einsam fühlt. Unter der strengen Zucht im Internat erleben sie die ganze Lust und Last des Erwachsenwerdens.

Draußen formiert sich derweil der baskische Widerstand, und die zunehmend gewalttätigeren Auseinandersetzungen zwischen der Guardia Civil und der baskischen Untergrundorganisation bleiben auch den Jungen nicht verborgen. Eines Tages wird Goio Zeuge der Erschießung von Untergrundkämpfern. Dazu kommt, dass ausgerechnet seine Französischlehrerin Ariane, in die er sich hemmungslos verknallt hat, eine Untergrundkämpferin aus dem französischen Baskenland ist. Ohne es zu wollen, wird Goio damit ein Teil der zerrissenen Geschichte seiner Heimat.

Das kleine Baskenland und die weite Welt: Immer wieder gibt es Hinweise auf das Zeitgeschehen, da ist vom Vietnamkrieg die Rede, oder vom berühmten Boxkampf zwischen Cassius Clay und Joe Frazier.

Eine eigenartige Stimmung prägt den Roman, immer wieder scheinen die Gedanken des Erzählers durch, philosophisch, männlich, melancholisch: "Wir waren der Leichenzug, der die Kindheit zu Grabe trug", sinniert er etwa beim Anblick eines alten Klassenfotos aus den 1970ern, und begibt sich erzählend in dieses "Sepia-Land der Vergangenheit", als die Jungen kurze Hosen trugen und bei den örtlichen Prostituierten ihre Unschuld verloren. Wie es diese Jungen jedoch ins Exil verschlug, während die meisten ihrer Schulkameraden Biedermänner aus sich machten, erfährt man dabei nicht.

Statt dessen schildert der Roman, wie die über die ganze Welt verstreuten Basken mit ihrem Schicksal hadern. "Der gefrorene Mann" ist die bewegende Erzählung vom baskischen Exil. »Du kannst sagen, was du willst«, bringt es der unglückliche Sohn eines Exil-Basken einmal auf den Punkt, »aber ich habe den Verdacht, dass niemand Baske ist, der diese Frustration, diese tiefe Verzweiflung nicht spürt«. Joseba Sarrionandia hat dieses Gefühl in großartige Literatur verwandelt.

Und er weiß, wovon er schreibt; der 1958 in Irrueta nahe Bilbao geborene ehemalige Untergrundaktivist Joseba Sarrionandia gilt als lebende Legende im Baskenland. 1977 hatte er mit dem Schriftsteller Bernardo Atxaga (der ihm in seinem jüngsten Roman "Der Sohn des Akkordeonspielers" ein Denkmal gesetzt hat, siehe Buchtipp Februar 2007) und dem Musiker Ruper Ordorika die avantgardistische Zeitschrift POTT gegründet, sich später der ETA angeschlossen und wurde 1980 verhaftet, gefoltert und zu 22 Jahren Haft verurteilt. Nach seiner spektakulären Flucht aus dem Gefängnis tauchte er unter und lebt seither irgendwo im Exil. Und zwar als Schriftsteller: 2001 erhielt er für die Originalfassung des Romans "Lagun Izoztua" den renommierten Preis der spanischen Literaturkritik.

Dass "Der gefrorene Mann" nun auch auf Deutsch erscheint, ist dem Engagement des Berliner Schriftstellers Raul Zelik zu verdanken, der den Roman zusammen mit Petra Elser übersetzt hat, als eine der ersten Übersetzungen aus dem Baskischen ins Deutsche überhaupt. Dem Münchner Blumenbar Verlag kann man zu diesem Buch nur gratulieren. Denn "Der gefrorene Mann" ist faszinierende, spannende und genussreiche Literatur und ein ganz "heißer" Lektüretipp!

Karin Yesilada

 

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