In Raul Zeliks neuem Roman geht es um eine Vater-Sohn-Geschichte: Daniel kennt seinen Vater eher als Gerücht. Dann kommt er nach Berlin zum Studium und sucht nach ihm. Dabei erfährt er, dass der Unbekannte schwer erkrankt ist.

Es muss ein seltsames Gefühl sein, nach einer Transplantation mit einer fremden Lunge, einer fremden Leber oder gar einem fremden Herzen zu leben. Da ist etwas, das von außen kommt, das fremd ist, das aber das Leben erhält und mitunter ausmacht: ein Eindringling.

In Raul Zeliks gleichnamigen, viel sommerliches Berlin-Lokalkolorit verbreitenden Roman steht dieser Eindringling zunächst noch gewissermaßen ante portas. Denn Fil, der Vater des jungen, 1985 geborenen Helden Daniel, leidet unter einer schweren Lungenfibrose, wird ins künstliche Koma versetzt und wartet auf eine Transplantation.

Daniel hatte erst kurz zuvor Kontakt zum Vater gesucht, mit dem er seit seinem neunten Lebensjahr kaum noch etwas zu tun gehabt hatte. Ein Umzug von Göttingen nach Berlin, wegen der Aufnahme eines Lehramtsstudiums, bot die Chance für eine neue, andere Art von Kennenlernen. Dann aber wird er mit der Krankheit des Vaters konfrontiert, "und mehr noch als Angst oder Trauer spürte Daniel so etwas wie Empörung, dass er wieder nicht die Gelegenheit fand, um Fil mit der gemeinsamen, aber nicht geteilten Vergangenheit zu konfrontieren - mit der Frage, was das sollte, diese unvermittelt abgebrochene Ferienvaterschaft, die Leichtigkeit, mit der Fil ihm all die Jahre entwischt war".

Daniel entdeckt zunächst Jean-Luc Nancys im Merve Verlag erschienenes Buch "Der Eindringling" auf dem Krankenhausnachttisch seines Vaters, "auf der Rückseite ist etwas von Fremdheit zu lesen, von Krankheit, einem transplantierten Organ"; dann spricht er mit Beule, einem Freund von Fil, über die alten Berliner Zeiten, erfährt in Ansätzen, was seinen Vater damals bewegte; und schließlich zieht er auch in die Wohnung des Vaters, die dieser ihm in einem Brief anbietet, für den Fall des Todes genauso wie für den einer langen Rehabilitation nach einer möglicherweise geglückten Transplantation. Immer tiefer gräbt sich Daniel in Fils Vergangenheit: Er hört von politisch motivierten Supermarkteinbrüchen, von Überfällen auf Asylbeauftragte, vom Schmuggel verbotener Bücher in die DDR. Sein Vater war ein rechtschaffener Politaktivist, aber auch ein Frauenheld und eher bindungsschwach.

Natürlich überlagern sich für Daniel irgendwann die Suche nach dem Vater und die Suche nach sich selbst. Er fragt sich, wer hier jetzt eigentlich der Eindringling ist: Er, der das Leben des Vaters erforscht? Oder der Vater, den es in seinem Leben kaum gab, der aber doch so fest in ihm drin ist? "Kinder: das Fremde, das ins Eigene eindringt, um es fortzuführen. Sind Eltern im Gegenzug nicht zwangsläufig immer das Eigene im Fremden?"

Zuweilen übertreibt es Raul Zelik mit seinem Hauptmotiv; auch seine Generationsdiskussion hat hin und wieder sehr plakativen Charakter. Hier die Generation Facebook, Daniel, seine virtuellen Freunde und seine folgenlosen Freizeitbeschäftigungen; dort die Politaktivisten, eine wilde Berliner Zeit im Schatten der Mauer, mit der Neuen Deutschen Welle, besetzten Häusern und Hinterhofbars.

Und doch schafft Zelik es im Verlauf durch zwei Frauenfiguren, die Problematik mit den Eltern schön weiter aufzufächern. Da ist die Rumäniendeutsche Michaela, genannt Ela, die Daniel in Rumänien besucht. Sie ist eine frühere Freundin des Vaters - und das Kind einer von der Securitate eingefädelten Beziehung. Und da ist Demiana, Berlinerin mit afrikanischen Wurzeln, genannt Dem, die ihren Eltern davon gelaufen ist. Am Ende dieses hübschen, manchmal mit vielen kurzen, von Kommas abgetrennten atmosphärischen Einschüben arg verkrampft um einen literarischen Stil bemühten Berlin-Romans stellt Daniel sich immer öfter die Frage: Wie viel vom Vater steckt tatsächlich in mir. Eine universelle Frage. Die Eindringlinge, die tragen wir seit unserer Geburt in uns.

Besprochen von Gerrit Bartels

Raul Zelik: Der Eindringling
Edition Suhrkamp, Berlin 2012
292 Seiten, 14 Euro

 

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