Die Tageszeitung junge Welt JW

Junge Welt - 05.09.2007 / Feuilleton / Seite 13 - Zum Inhalt dieser Ausgabe

Festung Europa

Frei von Revolutionsromantik: Raul Zeliks Roman »Der bewaffnete Freund«

Von Martin Büsser

Raul Zelik ist ein politischer Schriftsteller und damit eine absolute Ausnahme in der deutschen Gegenwartsliteratur. Aber nicht nur das: Er kann auch richtig gut schreiben. »Es ist immer tröstlich, wenn das Leben überrascht«, lautet ein Satz in »Der bewaffnete Freund«, mit dem sich auch dieser Roman charakterisieren läßt. Das Buch steckt voller Überraschungen, nimmt jede Menge ungeahnte Wendungen und liest sich dadurch ganz nebenbei wie ein packender Thriller.

serveImageSympathisanten der ETA fordern Unabhängigkeit und Sozialismus für das Baskenland, Foto: AP

Dabei ist Protagonist Max anfangs eine eher leidenschaftslose Figur, ein typischer deutscher Großstadtintellektueller mit der Unfähigkeit zu emotionalen Regungen. Zu Beginn des Romans reist er zusammen mit seinem Freund Rabbee ins Baskenland, um dort an einer Uni-Studie über europäische Identität zu arbeiten. Die Vergangenheit holt ihn auf dieser Reise in mehrfacher Hinsicht ein. Zum einen sind da seine ehemalige Freundin und die gemeinsame Tochter, deren Wege sich mehrfach in Spanien kreuzen. Zum andern ein Freund aus lange vergangenen Tagen, von dem er zunächst nur aus der Zeitung erfährt: Zubieta, der von der spanischen Polizei als führender Kopf der ETA gesucht wird. Daß Max inzwischen einen Mann liebt und Schwierigkeiten hat, eine tiefere Beziehung zu seiner Tochter aufzubauen, wird in dem Roman nur beiläufig gestreift. »Der Eindruck, von nichts wirklich berührt zu sein«, bestimmt das Leben des linken Intellektuellen, der weder das Glück in der Beziehung finden noch an die Revolution mehr glauben kann. Die Uni-Studie geht Max ebenfalls nur halbherzig an, seinen deutschen Professor Haberkamm und dessen spanische Kollegen verachtet er für ihren ungebrochenen bildungsbürgerlichen Glauben an das humanistische Projekt Europa. »Genau das, denke ich, ist Europa, genau damit müßten sich Leute wie Haberkamm auseinandersetzen: Daß die Verhältnisse, die sie in der Welt kritisieren – Guantánamo, Ausnahmezustand, Rechtlosigkeit – konstituierender Bestandteil auch der europäischen Wirklichkeit sind«, denkt Max angesichts eines brutalen Polizeieinsatzes gegen die Sympathisanten der Terroristen.

Daß Zelik einen eher kühlen, distanzierten Charakter zum Protagonisten wählt, ist geschicktes Kalkül, denn es erspart dem Autoren die Arbeit, große emotionale Beziehungsdramen spinnen zu müssen. Es scheint jedoch nicht nur Bequemlichkeit gewesen zu sein, sondern auch eine bewußte Entscheidung gegen die Innerlichkeitsprosa unserer Tage, die suggeriert, daß alleine Beziehungen und Familie so etwas wie Lebenssinn stiften können. Die Wendung in Zeliks Roman verläuft anders: Es ist das Politische, das Max im Laufe des Romans mehr und mehr auftauen läßt und in eine regelrechte Achterbahn der Gefühle versetzt. In der zweiten Hälfte des Romans entscheidet sich Max nämlich trotz großer Angst und Zweifel an den Inhalten und Taten der ETA, seinen alten Freund Zubieta von Frankreich zurück in dessen ehemalige Heimat zu fahren. Ab diesem Moment wird »Der bewaffnete Freund« so spannend, daß es schwer fällt, das Buch aus den Händen zu legen.

Doch trotz aller Spannung, bei der die Leser automatisch mit den Flüchtenden mitfiebern, sind Zeliks Schilderungen frei von jeglicher Revolution-sromantik und eindeutigen Einteilungen in »good« und »bad guys«. Vielmehr werden alle Aspekte der Geschichte mitgeliefert. Auf der einen Seite erfahren wir von Folterungen in spanischen Gefängnissen und einer politischen Kontinuität, die von Franco bis zu der heutigen Geheimpolizei reicht, auf der anderen Seite werden aber auch Zweifel gegenüber den Inhalten, Zielen und Methoden der ETA formuliert, die Max Freund Rabbee als identitär und nationalistisch kritisiert: »eine Kleines-gallisches-Dorf-Geschichte«. Zelik gelingt es, Zweifel in alle Richtungen hin zu streuen, nur in einer Hinsicht nicht: Die Politik Europas ist kriminell. Schon zu Beginn des Romans schwirren Helikopter über den Küsten und suchen nach illegalen Einwanderern. »Der südlichste Punkt des europäischen Festlands ist ein Lager«, denkt Max. Zu seinem universitären Arbeitsprojekt »europäische Identität« kommt ihm nur eins in den Sinn: »daß sich die funktional gestalteten Innenstädte nicht mehr unterscheiden lassen«. Schon im ersten Drittel des Buches liefert der Protagonist eine Art Resümee, das den Roman inhaltlich zusammenhält: »Wenn der Kapitalismus eines Tages zusammenbrechen und sich die neue Ordnung durch die Erzählung der Greueltaten des untergegangenen Systems zu legitimieren versuchen sollte, werden diese Geschichten auf ganz ähnliche Weise zum Thema von Fernsehdokumentationen und Real-Crime-Reportagen werden, wie es heute die Berichte von der Verfolgung durch die DDR-Staatssicherheit sind. Man wird von den Tragödien der ertrunkenen Einwanderer und in die Prostitution verkauften Frauen erzählen, und alle werden sich fragen, wie eine ganze Gesellschaft so gleichgültig sein konnte.«

Dies wiederum legitimiert nicht die ETA mit ihrem seltsamen Festhalten an einer Volks- und Sprachgemeinschaft, obwohl Max den Eindruck hat, daß alles miteinander zusammenhängt – eine kleine Gruppe von Menschen will nicht dazugehören, nicht mitarbeiten an der Festung Europas. Das wiederum macht sie sympathisch. »Vielleicht wird man noch erleichtert darüber sein«, erklärt Zubieta seinem Freund, »daß es einen Winkel in Europa gibt, in dem das Wissen der siebziger Jahre nicht völlig verschwunden ist.« Doch muß sich dieses Wissen ausgerechnet über eine marginale Sprache, eine Volksgemeinschaft und nationale Identität definieren? Max hat da so seine Zweifel. Diese übertragen sich auf die Leser und sorgen dafür, daß »Der bewaffnete Freund« keine allzu einfachen Lösungen für komplexe politische Sachverhalte anbietet.

Man kann es als Schwachpunkt oder als Stärke des Romans auslegen, daß der eigentliche Grund für die Freundschaft zwischen Max und Zubieta die gemeinsame Liebe für die Poesie ist. Zubieta hatte den baskischen Schriftsteller Joseba Sarrionandia einst aus dem Gefängnis befreit. Auf dessen in baskischer Sprache verfaßte Bücher können sich beide trotz aller politischer und kultureller Differenzen einigen. Zelik streut immer wieder Zitate aus Sarrionandias Werken ein, denn diesen Autoren gibt es wirklich. Im Herbst erscheint dessen Roman »Der gefrorene Mann« in der Übersetzung von Raul Zelik und Petra Elser im »Blumenbar Verlag«. »Der bewaffnete Freund« ist damit nicht zuletzt Werbung in eigener Sache, legitime Werbung. Die Poesie wird in »Der bewaffnete Freund« somit zum Ausgangspunkt für politisches Bewußtsein, zum letzten Strohhalm inmitten einer inhumanen Welt, aber auch zur einzig legitimen Rechtfertigung der marginalen Sprache, die nicht in ein rein identitäres Konzept mündet.

Über das Baskische ist im Roman mehrfach zu lesen, daß es sich um eine seltsame Sprache handele. Volker Weidermann hat seinerseits Raul Zelik in der FAZ bescheinigt, in einer eigentümlichen Sprache zu schreiben, »die viele Jahre verboten war«. Gemeint ist eine politisch radikale, aber nicht ideologische Sprache. Möge sie viele Nachahmer finden.

Raul Zelik: Der bewaffnete Freund. Blumenbar Verlag, München 2007, 288 Seiten, 18 Euro

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien