Endlich Herbst!

Das Warten ist vorüber: Raul Zelik räumt mit seinem neuen Roman die "Berliner Verhältnisse" in der deutschen Gegenwartsliteratur auf

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14. August 2005)

In der Buchbranche ist es ja so: an das sogenannte Frühjahrsprogramm schließt sich bei fast allen Verlagen direkt das Herbstprogramm an. Ein Sommer, ein Winter kommen nicht vor. Und jetzt ist gerade so die Zeit, in der der Herbst beginnt. Ja, das ist schrecklich, vor allem wenn die Sommerlosigkeit in der Bücherwelt eine grausame Entsprechung in der Wirklichkeit gefunden hat, aber auch wieder ganz hoffnungsvoll, wenn man sich daran erinnert, mit welchen ereignislosen Nebel-, Rotwein-, Wartebüchern uns die deutsche Literatur des Frühjahrs in den Schlaf geschrieben hat. Verzagte Naturen glaubten schon, daß es überhaupt mit der jüngeren deutschen Literatur und den Hoffnungen darauf schon wieder vorbei sein könne, so zäh schien das Grauen im Wartesaal des deutschen Gegenwartsschreibens. Und an schlechten Tagen schien es schon fast eine Gewißheit.

An schlechten Tagen? "Wer kennt das nicht? Wenn man erst mal auf dem Zahnfleisch kriecht, reagiert man selbst auf die belanglosesten Bemerkungen wie ein pubertierender, von Selbstzweifeln geplagter 14jähriger. Der Mitbewohner merkt an, daß der Kaffee nicht besonders heiß sei, und man beginnt, Maschine, Filter und Steckdosenanschluß auseinanderzuschrauben. Eine Freundin fragt, wo man den Pullover herhabe, diesen Schnitt trage doch seit Jahren kein Mensch mehr, und man macht sich noch am selben Abend daran, den Schrank leer zu räumen. Man steht mit dem Mountainbike an der Ampel, ein schnöseliger Gran-Canaria-Fahrer schaut aus seinem Cabriolet an einem herunter, und schlagartig erfaßt einen das Gefühl in jeder Hinsicht ein Versager zu sein."

Eine Frage der Einstellung

Wer redet da? Wer schreibt den das? Es ist der 1968 in München geborene Schriftsteller Raul Zelik und sein neuer Roman "Berliner Verhältnisse", der in diesen Tagen erscheint und ein glänzender Auftakt des Bücherherbstes ist, der all den Wartequatsch der letzten Zeit auf einen Schlag vergessen läßt. So fängt es schon mal an: "Ob Midlife oder Quarterlife - jeder Idiot such heutzutage nach einem Anlaß, um sich auf die Couch zu legen, einen auf gedankenschwerer Hermann Hesse zu machen und ausgiebig von einem quälenden Gefühl der Leere zu berichten." Wir sind in Berlin, 2005. Die einen träumen von aufregenden Clubnächten, kaufen Zigaretten und kehren nie wieder nach Hause zurück, die anderen sind mit Kombi, Ehefrau und Nachwuchs in einer Reihenhaussiedlung am Stadtrand angekommen, und wieder andere bekommen Panikattacken, weil jenes Reihenhaus nach Börsencrash und Medienkrise in ewig unerreichbare Ferne gerückt scheint. Selbst scheinbar Seelenresistente sind betroffen. Wie Mario: "Eigentlich hätte der ganze Lebenskrisenirrsinn problemlos an Mario vorbeiziehen können. Jemand, der sich 15 Jahre erfolgreich mit Scheckbetrug und Vom-LKW-gefallen durchgeschlagen hatte, sollte als resistent gegenüber Leistungsbotschaften gelten. Denn Mario gehörte zu jener Sorte Menschen, die irgendwann beschlossen haben, überhaupt nicht mehr zu springen - weder über hohe noch über niedrige Hürden."

Aber letztlich scheint es mit dieser Lebenskrisensache doch nicht allein um eine Frage der Einstellung zu gehen, sondern auch um biologische Konstanten. Jedenfalls stellt der zweiundreißigjährige Kreuzberger Zufriedenheitskünstler Veränderungen an sich fest. Zum Beispiel: "Fakt bleibt: Ab dem 30. Lebensjahr wird man lärmempfindlicher. Deutsche jedenfalls. Man wird hellhörig, sehnt sich nach Augenblicken der Stille und erträgt das ständige Hintergrundgedudel nicht mehr." Pech für Mario, denn er wohnt in einer Kreuzberger Ereignis-WG, mit Mitbewohnern, die ein ereignisreiches Liebesleben vorzuweisen haben, unendliche Freundeskreise, Feierbedürfnis, Lebensfreude, politisches Bewußtsein und ein großes Herz. Zur Zeit wohnen da deswegen ein paar illegal eingewanderte Rumänen in der WG-Küche, denen ihr Arbeitgeber vom Bau den Lohn verweigert. Monatelang haben sie gearbeitet, wurden immer wieder vertröstet, und jetzt stehen sie da, rechtlos, geldlos, aber immerhin mit einer netten WG, in deren Küche sie also ihre Zelte und Gitarren aufstellen und nutzen können. "Kusturica-Geklimper" nennt Mario die osteuropäische Gitarrenzupferei, und alles könnte also eine Kreuzberger Idylle sein und bleiben, wenn Mario nicht diese Lärm- und Lebenskrise bekommen und beschlossen hätte: die müssen weg. Können sie aber natürlich nicht einfach, das sind ja anständige Leute in der WG, und die Rumänen, wie gesagt, haben kein Geld und keine Aufenthaltsgenehmigung. Also beschließt die WG, die Löhne bei den Unternehmern selbst einzutreiben. Es ist zwar in dem ganzen Outsourcing-Wahnsinn des Berliner Stadtaufbaus gar nicht so einfach, den wahren Schuldigen zu finden, aber es klappt schließlich glänzend, und die WG etabliert sich langfristig als gefürchtetes Inkasso-Unternehmen entrechteter Ausländer und Kleinunternehmer

Ein Film zum Lesen

Und wie Raul Zelik den Leser da in rasender Geschwindigkeit durch das Berlin von heute führt, wie er sich auf den Baustellen, in den türkischen Cafés, den Architekten-Lofts, der Immobilien-Spekulantenszene, irgendwie in ganz Berlin herumjagt, Geschichten findet, Pointen, Witze, Grausamkeiten, wie er all die Geschichten zu einer großen zusammenbindet, zu einem echten, lesenswerten Roman von hier und heute, das ist großartig und sehr lesenswert. Er spottet liebevoll über verzweifelt politisch korrekte Kreuzberger, die sich in einer immer komplizierter werdenden Welt mit ihrem braven Weltbild kaum noch zurechtfinden, wirbelt alle Lebenskrisen in die Luft und fängt sie als neue Geschichten wieder auf. Und wenn das nicht so schrecklich klingen würde, ist das auch ein Roman über Identitäten und Identitätszuschreibungen, die alle nicht zu taugen scheinen, fast alle Helden des Romans weigern sich, den Zuschreibungen der sogenannten Gesellschaft zu entsprechen und ein ordentliches Bild von sich abzugeben, Schwule werden Hetero, Musterheteros fügen sich in schwule Scheinehen, Kinderfeinde werden Familienväter, Marios Befreiungskämpfermutter dringt auf finanzielle Sicherheiten, der miese Spekulantenbruder findet sein Glück in den rumänischen Bergen, die Rumänen in Berlin und auch die Kreuzberger WG liegen in Wirklichkeit am falschen Ende der Adalbertstraße, in Mitte.

Zelik, der zuvor Reiseerzählungen und politische Reportagen aus Südamerika und Geschichten türkischen und kurdischen Lebens aus Berlin geschrieben hat, hat diesen Roman zunächst mit Detlev Buck als Drehbuch konzipiert. Aus irgendwelchen Gründen ist bislang kein Film daraus geworden. Es liest sich aber schon wie einer. So schnell und bunt und kämpferisch und lebensnah. Der Film zum Herbstauftakt. Was für ein Glück!

Volker Weidermann

 

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