Raul Zelik und sein neues Buch „Bastard“

WDR Funkhaus Europa „Piazza“
Buchtipp am 3 März 04
Redaktion: Monika Gotthold
Autor: Ulrich Noller Prognosetag: 12. Januar 04

Infos für die Anmoderation

Die Geschichten junger Migranten in Deutschland und die sozialen Bewegungen im fernen Südamerika – das sind die beiden Pole der Erzählkunst von Raul Zelik. Der aus München stammende und – wenn er nicht gerade unterwegs ist – in Berlin-Kreuzberg lebende Schriftsteller gilt als eines der interessantesten deutschen Erzähltalente. Auch Zeliks neuer Roman „Bastard“ erzählt von jungen Migrantinnen und Migranten in Deutschland – und auch diese Geschichte entführt in eine ferne Welt. Eine Welt, die man aus Zeliks Erzählkosmos bisher allerdings noch nicht kennt...

Raul Zelik: Bastard. Assoziation A 2004. 250 Seiten. 15 Euro. ISBN 3-935936-25-7

Elektronische Musik

Raul Zelik zitiert aus Buch

Seoul, Kimp`o Airport. Hinter den Fensterfassaden verschwimmt die Landebahn im Dunst, durch die Halle klingt Elevatormusik, vor allem jedoch erkenne ich den Geruch wieder: eine Mischung aus Mottenkugeln, Abgasen und Dampf. Daheim, denke ich, was auch immer das heißen mag, lehne mich gegen das Glas, hinter dem der Verkehr lautlos vorbei gleitet, und genieße die letzten Momente der Stille. In ein paar Minuten werde ich auf der anderen Seite der Scheibe stehen, eine von Millionen, mitten im Moloch.

Autor

So beginnt „Bastard“, das neue Buch von Raul Zelik. Hauptfigur ist die Journalistin Lee. Die Mittzwanzigerin mit portugiesischer Mutter und koreanischem Vater ist in Deutschland aufgewachsen. Aber sie fühlt sich in der Bundesrepublik nicht richtig zu Hause. Lee weiß nicht, wer sie ist – noch, was sie will. Deshalb versucht sie ihr Glück in der Heimat ihres Vaters. Lee steckt in einer schwierigen Krise, sie ist labil und sie leidet unter Bulimie. Trotzdem, meint Raul Zelik, hat sie selbst eigentlich kein Identitätsproblem.

O-Ton Raul Zelik

(..) Ganz im Gegenteil. Es geht eigentlich eher darum, dass ihr Identitäten zugeschrieben werden. Es geht also eigentlich in dem Buch um Fremdheit: Wie entsteht Fremdheit? Wie entsteht Fremdheit zu sich und seinem Körper? Aber auch: Wie entsteht Fremdheit in so einem gesellschaftlichen Zusammenhang? Und wie wird man von außen gezwungen, sich zu bestimmten Identitäten zu bekennen. Also, das Paradoxe an der Situation ist: Sie ist zum ersten Mal wirklich fremd. (..) Und wird aber zum ersten Mal als Einheimische behandelt, weil sie eben nicht auffällt. (4)

Autor

Zunächst zumindest. „Bastard“ beschreibt nämlich nun einerseits, wie die Lee versucht, in Südkorea klarzukommen – und dabei immer wieder an ihre Grenze stößt, weil die Koreaner sie letztlich doch als Ausländerin betrachten, die sich nicht in interne Angelegenheiten einmischen soll. Andererseits erzählt das Buch in Rückblenden die Geschichte von Lees Familie in der Bundesrepublik, die in vielfacher Weise auch eine Bilanz der Fremdheit im eigenen Land ist. Und auf einer dritten Ebene ist da noch der Deutschtürke Cem, ein Freund von Lee, der aus Iserlohn stammt. Durch den Email-Kontakt mit ihm bleibt Lee in Verbindung mit Deutschland – und durch diese Korrespondenz schwingt noch einmal ein ganz anderer Aspekt der Identitätssuche ständig mit. Raul Zelik:

O-Ton Raul Zelik

Warum das Thema Fremdheit so eine Rolle spielt: (..) In dem Buch geht es ja auch darum, dass Fremdsein nicht nur was zu tun hat mit einer kulturellen Zuschreibung – wer ist deutsch, wer ist nicht deutsch? – sondern ganz viel auch mit einer Wahrnehmung von sich selbst. Das ist ein Thema, wo ich mich auch wieder finde. (10)

Autor

Die Fremdheit, die Raul Zeliks Figuren verkörpern, ist eben nicht nur eine herkunftsbedingte, eine ethnische. Sondern sie beschreibt auch ein generelles Unwohlsein an der Welt in Zeiten von Globalisierung und wild wucherndem Kapitalismus. Deshalb sieht der 34jährige, der selbst durch und durch deutsch ist, auch kein Problem darin, sich in Figuren die Lee oder Cem hinein zu versetzen.

O-Ton Raul Zelik

Die ganzen Bücher von mir beschäftigen sich sehr stark mit Geschichten, die in meiner unmittelbaren Umgebung geschehen. Und mit Personen, die ich kenne. Wobei ich da schon Literatur draus mache. Und das sind dann nicht die Geschichten von diesen Leuten, sondern meine Geschichten, weil natürlich in dieser Journalistin Lee ganz viel auch von mir drinsteckt. (..) Vielleicht deswegen, weil die Dinge, dir ich erzählt bekomme oder die ich beobachte, mir das auch leichter machen, über meine eigene Wahrnehmung zu reflektieren als wenn ich direkt über mich schreiben würde. (9)

Musik

Noch mal die elektronische Musik vom Anfang

Autor

Nur manchmal schimmert so etwas wie Hoffnung, ein Anschein von Utopie auf. Dann nämlich, wenn Lee und ihre Freunde ausgehen, CDs kaufen oder Musikhören. Raul Zelik nennt das “Identity Listening” – in der Musik, in der Popkultur kann man sich für Momente zu Hause fühlen, und das global, in Korea wie in Deutschland. Aber Raul Zelik weiß es natürlich besser: Längst ist die Popkultur von der Rebellion zur rebellischen Geste verkommen, sagt der Autor, und damit hat diese Popkultur auch als gesellschaftliche Utopie ausgedient. Wenn am Schluss doch noch Hoffnung, ein leiser Optimismus entsteht, dann hat das nur einen Grund: Dass Lee und Cem, also die, die sich und ihrer Umgebung fremd sind, gemeinsam und miteinander zumindest für Momente so etwas Vertrautheit erringen können.

Text: Ulrich Noller

 

Ulrich Noller
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