Raul Zelik und sein neues Buch „Bastard“

WDR 5
„Neugier genügt“
Service Medien am 2. März 04
Redaktion: Ana Schotte
Autor: Ulrich Noller
Prognosetag: 23. Januar 04

Infos für die Anmoderation

Einer der besten Politthriller der letzten Jahre – so kommentierte die Zeit kürzlich den Roman „La Negra“ von Raul Zelik. Ein großes Kompliment – das allerdings zwei Jahre zu spät kommt. So lange ist der Roman, den Raul Zelik seinerzeit auch in der „Redezeit“ vorstellte, nämlich schon auf dem Markt. Eine Verspätung, die bezeichnend ist für diesen Autor: Raul Zelik ist eines der größten deutschen Erzähltalente, wurde aber von den Kritikern bisher weitgehend ignoriert. Der Beitrag versucht zu ergründen, warum das so ist – und stellt Raul Zeliks neues Buch „Bastard“ vor.

Raul Zelik: Bastard. Assoziation A 2004. 250 Seiten. 15 Euro. ISBN 3-935936-25-7

Flughafenmusik

Raul Zelik zitiert aus Buch

Seoul, Kimp`o Airport. Hinter den Fensterfassaden verschwimmt die Landebahn im Dunst, durch die Halle klingt Elevatormusik, vor allem jedoch erkenne ich den Geruch wieder: eine Mischung aus Mottenkugeln, Abgasen und Dampf. Daheim, denke ich, was auch immer das heißen mag, lehne mich gegen das Glas, hinter dem der Verkehr lautlos vorbei gleitet, und genieße die letzten Momente der Stille. In ein paar Minuten werde ich auf der anderen Seite der Scheibe stehen, eine von Millionen, mitten im Moloch.

Autor

So beginnt „Bastard“, das neue Buch von Raul Zelik. Hauptfigur ist die Journalistin Lee. Die Mittzwanzigerin mit portugiesischer Mutter und koreanischem Vater ist in Deutschland aufgewachsen. Aber sie fühlt sich in der Bundesrepublik nicht richtig zu Hause. Lee weiß nicht, wer sie ist – noch, was sie will. Deshalb versucht sie ihr Glück in der Heimat ihres Vaters. Lee steckt in einer schwierigen Krise, sie ist labil und sie leidet unter Bulimie. Trotzdem, meint Raul Zelik, hat sie selbst eigentlich kein Identitätsproblem.


O-Ton Raul Zelik

(..) Ganz im Gegenteil. Es geht eigentlich eher darum, dass ihr Identitäten zugeschrieben werden. Es geht also eigentlich in dem Buch um Fremdheit: Wie entsteht Fremdheit? Wie entsteht Fremdheit zu sich und seinem Körper? Aber auch: Wie entsteht Fremdheit in so einem gesellschaftlichen Zusammenhang? Und wie wird man von außen gezwungen, sich zu bestimmten Identitäten zu bekennen. Also, das Paradoxe an der Situation ist: Sie ist zum ersten Mal wirklich fremd. (..) Und wird aber zum ersten Mal als Einheimische behandelt, weil sie eben nicht auffällt. (4)

Autor

Zunächst zumindest. „Bastard“ beschreibt nämlich nun einerseits, wie die Lee versucht, in Südkorea klarzukommen – und dabei doch immer wieder an ihre Grenze stößt, weil die Koreaner sie letztlich doch als Ausländerin betrachten, die sich nicht in interne Angelegenheiten einmischen soll. Andererseits erzählt das Buch in Rückblenden die Geschichte von Lees Familie in der Bundesrepublik, die in vielfacher Weise auch eine Bilanz der Fremdheit im eigenen Land ist. Und auf einer dritten Ebene ist da noch der Deutschtürke Cem, ein Freund von Lee, der aus Iserlohn stammt. Durch den Email-Kontakt mit ihm bleibt Lee in Verbindung mit Deutschland – und durch diese Korrespondenz schwingt noch einmal ein ganz anderer Aspekt der Fremdheit ständig mit. Raul Zelik:

O-Ton Raul Zelik

Warum das Thema Fremdheit so eine Rolle spielt: (..) In dem Buch geht es ja auch darum, dass Fremdsein nicht nur was zu tun hat mit einer kulturellen Zuschreibung – wer ist deutsch, wer ist nicht deutsch? – sondern ganz viel auch mit einer Wahrnehmung von sich selbst. Das ist ein Thema, wo ich mich auch wieder finde. (10)

Autor

Die Fremdheit, die Raul Zeliks Figuren verkörpern, ist eben nicht nur eine herkunftsbedingte, eine ethnische. Sondern sie beschreibt auch ein generelles Unwohlsein an der Welt in Zeiten von Globalisierung und wildwucherndem Kapitalismus. Deshalb sieht der 34jährige, der selbst durch und durch deutsch ist, auch kein Problem darin, sich in Figuren die Lee oder Cem hinein zu versetzen.

O-Ton Raul Zelik

Die ganzen Bücher von mir beschäftigen sich sehr stark mit Geschichten, die in meiner unmittelbaren Umgebung geschehen. Und mit Personen, die ich kenne. Wobei ich da schon Literatur draus mache. Und das sind dann nicht die Geschichten von diesen Leuten, sondern meine Geschichten, weil natürlich in dieser Journalistin Lee ganz viel auch von mir drinsteckt. (..) Vielleicht deswegen, weil die Dinge, dir ich erzählt bekomme oder die ich beobachte, mir das auch leichter machen, über meine eigene Wahrnehmung zu reflektieren als wenn ich direkt über mich schreiben würde. (9)

Autor

Dass er von jungen Migranten erzählt, ist der eine Pol, für den die Erzählungen und Romane Raul Zeliks bekannt sind. Andererseits entführt Zelik immer wieder in ferne Welten, vor allem in verschiedene Länder Lateinamerikas. Korea ist im erzählerischen Universum dieses Schriftstellers allerdings eine neue Station.

O-Ton Raul Zelik

Im Gegensatz zu Lateinamerika kenne ich Korea sehr wenig. Ich war in Korea nur ein Mal und auch nicht so lange. Aber es war für mich ein ziemlich interessantes Erlebnis, eine ziemlich intensive Zeit, weil ich da sehr stark so Fremdheitsmomente erlebt habe. Intensiver als sonst und auch sehr stark nachvollziehen konnte, wie so was gesellschaftlich auch sozusagen konstruiert wird. (8)

Musik

Ein rhythmisches, elektronsiches Musikstück.

Raul Zelik zitiert aus „Bastard“

Belanglosigkeitskick. Du fährst bis Chongno 3, schlenderst zwischen Fast-Food-Läden und Spielhöllen umher und betrittst dann Tower Records: „Man muss auf dem Laufenden bleiben“, „Die neue Busta Rymes ist wirklich dope“ oder „Hast du gesehen? Jackie-Brown-Soundtrack für nur 10.000 Won.“ Setzt dich auf einen Hocker, klemmst dir diese klobigen Hörer auf, die alle für schick halten, und wippst ein wenig mit den Füßen, dem Oberkörper oder dem Kopf, stay real, stray true! Alle anderen machen es schließlich genauso.

In solchen Momenten habe ich das Gefühl, dass die Bemerkung, Flughäfen und Hamburger-Restaurants würden die Welt zusammenhalten, weil sie überall gleich funktionieren, längst nicht mehr stimmt, weil inzwischen auch Supermärkte, U-Bahnen, Autobahnraststätten, Kinos, Fußballstadien, Banken, Fernsehshows und Plattenläden weltweit nach den gleichen Mustern strukturiert sind. Der Planet wir allmählich so gut zusammen gehalten, dass es nichts mehr zum Zusammenhalten gibt.

„Geil!“, sagt Lina. Sie hört hooverphonic. Ich verziehe angewidert das Gesicht. Soundtrack für Teenie-Geschmachte. „Und du?“ Ich schiebe ihr Plattenhüllen hinüber. KRS One, Outcast, A Tribe Called Quest. Sie nickt anerkennend. Identity Listening. „Du bist, was du hörst.“ (23)

 

Autor

“Identity Listening” – in der Musik, in der Popkultur kann man sich für Momente zu Hause fühlen, und das global, in Korea wie in Deutschland. Kurz blitzt da einmal so etwas wie der Anschein einer Utopie auf. Aber Raul Zelik weiß es natürlich besser: Längst ist die Popkultur von der Rebellion zur rebellischen Geste verkommen, sagt der Autor, und damit hat diese Popkultur auch als gesellschaftliche Utopie ausgedient. Was bleibt, ist letztlich eben doch nur die Fremdheit, und die analysiert und beschreibt Raul Zelik von allen Seiten. Seine Geschichten bieten dabei eine so zutreffende, wie unzeitgemäße und unangenehme Analyse – und das ist vielleicht ein Grund, warum dieser hoch talentierte Autor von den Kritikern konsequent. missachtet wird. Aber Raul Zelik hat längst aufgehört, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er macht stattdessen die Not zur Tugend.

O-Ton Raul Zelik

Ich erkläre mir das überhaupt nicht. Ich weiß auch nicht, ob das so wichtig ist. Mittlerweile denke ich, dass es sehr interessant ist, wie ich momentan leben kann, weil ich so ein bisschen wie ein Rock´n Roller unterwegs bin. Viele Lesungen mache, viele Lesungen eben auch, wenn ich in Deutschland unterwegs bin, in so alternativen Kulturprojekten oder Jugendzentren – vielleicht ist es auch was sehr Interessantes, dass man außerhalb des Literaturbetriebs – gibt ja viele Musiker, die leben auch so, und das ist nicht das Schlechteste – ansonsten: Ich mach das nicht so sehr, um berühmt zu werden, sondern ich mache das, weil mir die Geschichten was bedeuten. (18)

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