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literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2005 » Schwerpunkt: Koreanische Literatur » Rezensionen und Hinweise

Zersetzend

Raul Zeliks Roman zu einer bastardisierten Gegenwart

von Kai Köhler

Ein ,Dazwischen', viele ,Dazwischen': Carla Lee, Staatsangehörigkeit Deutsch, Tochter eines koreanischen Vaters und einer portugiesischen Mutter, ihr Freund "Abiturtürke", begreift durch die ausländerfeindlichen Pogrome der 90er Jahre, wie wenig sie in Deutschland dazugehört. Ein Ausweg soll sie ausgerechnet ins Land ihres Vaters führen, das dieser als politischer Aktivist verlassen musste. Mit einem Touristenvisum ausgestattet reist sie nach Korea, um dort eine Karriere als Journalistin zu beginnen. Zunächst ist sie zwar eher damit beschäftigt, sich die lästige Verwandtschaft, bei der sie auf mütterlichen Rat untergebracht ist, leidlich vom Hals zu halten; und mehr noch mit Anfällen von Bulimie, mit peniblen Gewichtskontrollen, mit Fressanfällen und Erbrechen. Doch bald bekommt sie einen Hinweis auf einen Skandal: Vor Jahren ist in Seoul ein Kaufhaus eingestürzt, wobei Hunderte von Besuchern ums Leben kamen. Bewusst wurde beim Bau gepfuscht; und durch die Entschädigung, die nie bei den Opfern ankam, konnten die Schuldigen sogar ein zweites Mal kassieren.

Lee recherchiert und stößt auf Abwehr. Der zuständige Staatssekretär mauert; ein Abgeordneter, früher ein radikaler Freund ihres Vaters, unterstützt die neue, reformistische Regierung und will offenkundig von der Wahrheit nichts wissen. Dennoch hat Lee Erfolg, sie erhält wichtige Dokumente - die dann von der Zeitung, die ihre Story zu bringen verspricht, doch nicht ausgewertet werden. Derweil ist das Visum abgelaufen, und Lee, die so gar nicht im Sinne des Staates gearbeitet hat, wird abgeschoben - als, so die sarkastische Pointe, Deutsche.

Die Handlung ist nur Skelett des Buchs; der Skandal - der sich auf ein reales Unglück bezieht - ist schnell aufgedeckt, zu recherchieren braucht Lee kaum. Und bald ist auch klar, dass die Wände, gegen die sie läuft, ausreichend elastisch sind. Heldengeschichten sind so obsolet wie die von Heldinnen. Das zeigen Einsprengsel, in denen Zelik burlesk seine Haupthandlung mit Versatzstücken von Populärkultur konfrontiert. Kaum sind im Kampf um Gotham City Spiderman und Batman ausgeschaltet, so verstrickt sich auch die siegreiche Catwoman in ein Knäuel abstruser Begebnisse. Ihr Triumph und Niedergang vollzieht sich in den Wertungsmaßstäben jener Yellow Press, als deren Zuarbeiterin sich Carla Lee in ihren schwachen Momenten zeigt, in denen sie marktgängige Artikel über Mode in Seoul oder Ähnliches plant.

In diesem Sektor hat sie ihren einzigen journalistischen Erfolg, der zugleich umfassende Niederlage ist. Sie platziert einen Artikel über "Trostfrauen", das heißt über Zwangsprostituierte, die im Zweiten Weltkrieg von der japanischen Armee genötigt wurden, unzählige Vergewaltigungen über sich ergehen zu lassen. Carla Lee gewinnt das Vertrauen der alten Frauen, die nun Entschädigung fordern, und produziert einen Text, der mechanisch ein wirkungsloses Mitgefühl des europäischen Lesers mobilisiert, für den die Schicksale doch nur Sensation sein können. Jedenfalls ist es nach den Maßstäben der Gegenwart ein Gewinn, bringt Geld und wertet Carlas Namen auf. Wie sie frisst und kotzt, so schwankt sie zwischen Anpassung ans Triviale und moralisch motivierter, fundamentaler Opposition.

Der Schwankenden steht die Generation der Älteren entgegen, die der Abgeklärten, die scheinbar alles einzuordnen wissen. Carlas Vater hat auf jede Frage eine Antwort zu viel; sein Freund, der Abgeordnete, dem die Untergebenen devot zuarbeiten, deutet die Korruptionsvorwürfe aus der vergangenen Zeit rechter Herrschaft als oppositionelle Intrige gegen den gegenwärtigen linksliberalen Präsidenten, solidarisiert sich trotz seiner Abwiegelei mit Streikenden und wird von der Polizei blutig geprügelt; ein Pfarrer schließlich, in der Diktatur Zellennachbar des opportunistischen Präsidenten Kim, setzt sich für die Fremden in Korea ein, die weniger privilegiert als die Deutsche sind, und versteht Kim: "Der Präsident wird Gründe gehabt haben, diesen Weg zu gehen." Carla fragt sich: "Ist das nun Hegel, christliche Toleranz oder konfuzianischer Gleichmut" und positioniert sich bewusst subjektiv gegen die historischen Erklärungen des Abgeordneten: "Was ich an der Generation meines Vaters am meisten hasse, ist die Manie, alles distanziert aus dem Lauf der Geschichte zu erklären. Es gibt keine Schweinerei, die sie nicht irgendwie vorausgeahnt hätten."

Das ist nicht das Urteil des Autors; Carla ist genügend als hilflos und als haltlos vom Erfolg verlockt gezeichnet. Zur Anklägerin, die sie werden will, wird sie mit wenig eigenem Zutun, und die Dokumente, die sie zur Oppositionellen machen, werden ihr fast aufgedrängt. Das kulturell Hybride, von manchen wohlgenährten Wissenschaftlern als karnevaleske Möglichkeit von Widerstand gefeiert, ist ohne jede Illusion als wirkungslos abgefertigt: Die koreanische Linke akzeptiert Carla Lee nicht, und der Staat entledigt sich ihrer auf denkbar einfache Art. Die Entscheidung, aus ihrer Perspektive zu erzählen, legt dennoch nahe, es sei unmöglich, noch die abgeklärte Perspektive der Älteren einzunehmen.

Zelik zeigt gegen die Alten, die sich verbiegen, um noch einen Rest von Opposition behaupten zu können, keinerlei Herablassung. Doch der Subjektivismus der Jüngeren, in all seiner Brüchigkeit, interessiert ihn mehr. Über Carla Lee erfährt der Leser am meisten; und am interessantesten ist die Konstellation gerade da, wo sie wenig versteht - bei ihrem manchmal abfälligen Blick auf jenes Taktieren der Älteren, bei dem Anpassung und Subversion nur schwer zu scheiden sind. Hier gibt es eine Unschärfe, die produktiver ist als der Blick auf Korea sonst.

Zelik kennt offensichtlich das Land; Seouler Details verraten Ortskenntnisse in einer Stadt, in der Gebäude aus den 70ern als Altbauten zählen und die in ihrer steten Wandlung fast schon als entortet gelten kann. Koreanischer Alltag ist im Detail präzise eingefangen, freilich aus der lieblosen Sicht Carlas, die sich nur ausnahmsweise in Seoul glücklich fühlt. Meist aber demontiert sie sarkastisch den Unsinn, den es tatsächlich gibt, von alkoholisiert kotzenden Mädchen bis zum sentimentalen Nationalismus.

Im ,Dazwischen' Carla Lees geht indessen der Unterschied zwischen dem verloren, was falsch ist, und dem, was unerklärlich zwecklos ist. Noch die idiotischste Idee von Familie, aus dem auch schon nicht idyllischen Dorf in die Metropole gerettet, dient der Orientierung und damit einem konkreten Interesse. Wovon Carla sich absetzt, mag seine Funktion in einer Gesellschaft haben, die sich in wenigen Jahrzehnten urbanisiert und industrialisiert hat für das Individuum und gegen konkurrierende Individuen.

Die herablassende Abfertigung des Details wird dem Konflikt nicht gerecht; der Rezensent, gar nicht so viel älter als Zelik, hält es da mit der Vätergeneration, sieht aber auch, dass das Bild von Seoul als einer abweisenden Stadt der nationalistischen Moderne im Roman seine Funktion als Gegensatz zur deutschen Provinz Iserlohn hat, in der sich die wohlmeinende Idee von Multikulturalität in einer allein von Kleinkriminalität durchbrochenen Langeweile zersetzt. Heimat ist weder hier noch dort, und der "bastard" im Titel des Romans ist zwar Sonderfall, radikalisiert aber die allgemeine Erfahrung. Freilich ergänzt der deutsche Leser die einheimischen Probleme aus seinem Alltagsbewusstsein, während ihm Korea als leicht degoutantes Absurdistan erscheinen mag.

Das ist Konsequenz der gefährlichen Entscheidung, einen gesellschaftskritischen Roman vor allem in einer Gesellschaft anzusiedeln, die der Autor wohl doch nur kurz bereist hat. Mit dieser Einschränkung bleibt das Buch zu loben, als Erzählung über ein sich selbst fremdes, von Bulimie geplagtes Ich, die nicht beim Ich verharrt, sondern die Krankheit wie den Versuch, mit ihr zu leben, als gesellschaftlich benennt; als spannungsvoll aufgebautes Reisebuch, und als Buch eines Autors, der seine sprachlichen Mittel beherrscht und sie zielgerichtet einsetzt. Zeliks Literatur ist zersetzend im besten Sinn: Sie zersetzt die Vorstellung, das Bestehende sei gut, ebenso wie die beliebte Idee von reinen Helden. Wer heute vielleicht etwas rettet, steht nicht verkitschten Idolen wie Mutter Teresa oder dem Dalai Lama nahe, sondern dem scheinbar opportunistischen Abgeordneten oder der brechsüchtigen und von Lifestyle-Magazinen in Versuchung geführten Hauptperson.

Titelbild

Raul Zelik: bastard. die geschichte der journalistin lee.
Assoziation A, Berlin 2004.
237 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-10: 3935936257

 

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