Aufbegehren, Krieg, Staatlichkeit
Zwei Beispiele zur Lage des Politischen in Lateinamerika
(Beitrag zur Zeitschrift Polar Nr.1, Campus-Verlag
2006)
Dass die Konstellation in Lateinamerika, die gemeinhin als „Linksruck“
beschrieben wird, längst nicht so eindeutig ist, wie der Begriff
nahe legt, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben.
Während die Regierungen Brasiliens und Chiles für eine
Kontinuität des Neoliberalismus stehen, spricht ihr Pendant
in Venezuela vom „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“.
Und doch gibt es Gemeinsames – allerdings weniger im Sinne
eines Trends als vielmehr im Sinne von "politischen Fluchten",
wie man in Anlehnung an Deleuze / Guattari behaupten könnte:
Absetzbewegungen, die sich als Reaktionen auf gesellschaftliche
Krisen verstehen lassen.
„Kriegslaboratorium“ versus Bekenntniskultur
Nirgendwo auf dem amerikanischen Kontinent prallen die politischen
Situationen so heftig aufeinander wie an der kolumbianisch-venezolanischen
Grenze. Am Arauca-Fluss, der den venezolanischen Bundesstaat Apure
vom kolumbianischen Department Arauca scheidet, wird das besonders
deutlich. In dieser abgelegenen Savannenregion zeigt sich das Phänomen
<Grenze> in seiner ganzen Eigentümlichkeit. So weit das
Auge reicht, erstreckt sich auf beiden Seiten des Stroms die gleiche
eintönige Landschaft: eine überwiegend von Rinderherden
bevölkerte Ebene. Auch kulturell scheint die Grenze bedeutungslos.
Die Bevölkerung begeistert sich auf beiden Seiten des Flusses
gleichermaßen für die mit Harfe gespielte Llanera-Musik
und einen nachlässigen Cowboy-Stil im täglichen Umgang.
Andererseits erweist sich in dieser abgelegenen Gegend auch die
ganze Aktualität des Nationalstaats: Nicht nur Währungen
und Militäruniformen sind unterschiedlich, vor allem die politisch-ökonomischen
Systeme haben extrem unterschiedliche gesellschaftliche Situationen
hervorgebracht. Die USA scheinen auf der venezolanischen Seite in
Gestalt von importierten Straßenkreuzern und Fastfood-Drive-Ins
zwar sichtbarer, ungleich präsenter sind sie allerdings in
Kolumbien. Mehrere Hundert Millionen US-Dollar hat Washington in
das Departement Arauca gepumpt; zunächst im Rahmen der Drogen-,
dann der Terrorbekämpfung und schließlich – wie
es mittlerweile heißt – zum Schutz einer Pipeline, denn
der US-Multi Oxy verfügt in der Region über ein mehrere
Hundert Quadratkilometer großes Förderareal, das faktisch
den Status eines exterritorialen Gebiets besitzen. Arauca, das von
amnesty international als „Laboratorium des Krieges“
bezeichnet wird, ist einer der Schwerpunkte des kolumbianischen
Konflikts. Die Regierung in Bogotá versucht, Ausländer
(von Militärberatern einmal abgesehen) aus dem Gebiet fernzuhalten,
und die europäischen Botschaften halten die Region für
eine no go area. Dementsprechend niedergeschlagen ist die Stimmung
in der Bevölkerung. Nicht nur politische Meinungsäußerungen
sind faktisch unmöglich, sondern auch eine einigermaßen
normale Alltagskommunikation.
Ganz anders auf der Nordseite der Grenze: In Venezuela haben die
politischen Veränderungen der vergangenen Jahre eine wahre
Bekenntniskultur hervorgebracht. Nach dem Grenzübertritt dauert
es keine fünf Minuten, bis man in die erste Diskussion über
die „bolivarianische Revolution“ verstrickt ist. So
gesehen lässt sich die Provinzgrenze als Verdichtung der lateinamerikanischen
Verhältnisse interpretieren. Auf kleinstem Raum stoßen
zwei Pole der Konstellation zusammen.
Was jedoch geschieht hier mit Staat und Politik?
Die Etablierung souveräner Staatsgewalt
Das kolumbianische Arauca, das von der Regierung Uribe als „Schwerpunkt
terroristischer Aktivitäten“ bezeichnet wird, gehört
seit Jahrzehnten zu den politisiertesten Regionen des Landes. Erst
in den 1960er Jahren von Weißen besiedelt, zeichnet sich das
Department (wie auch andere kleinbäuerliche Kolonisierungsgebiete
Kolumbiens) durch einen hohen Organisationsgrad der Bevölkerung
und starke Guerillapräsenz aus. Nirgends im Land findet man
ein so entwickeltes Genossenschaftswesen. Die Kleinbauernbewegung,
die die lokale Politik lange Jahre maßgeblich beeinflusste
und damit auch Zugriff auf staatliche Gelder besaß, baute
eine eigenständige Krankenversicherung, ein kollektives Fortbildungssystem
so genannter „Agrarschulen“, ein flächendeckendes
Netz aus Genossenschaftsläden und mehr als ein Dutzend Organisationen
auf – Jugendgruppen, Gewerkschaften, Menschenrechtsbüros.
In dieser Hinsicht steht Arauca für eine Situation, die gemeinhin
mit den 1970er Jahren identifiziert wird: starke soziale Bewegungen,
revolutionäre Guerillagruppen, definierte sozialistische Konzepte.
Die kolumbianische Regierung ging im Jahr 2002 gegen diese Konstellation
mit einer großen Offensive vor. Der Ausnahmezustand wurde
verhängt, mehrere Tausend Menschen verhaftet. Die Zerschlagung
sozialer Alternativen durch den Staat – also das genaue Gegenteil
des neuerdings so inflationär konstatierten Staatszerfalls
– vollzieht sich dabei in einer neuen, von den Militärdiktaturen
der 1970er Jahre grundlegend verschiedenen Weise.
Wie in den Diktaturen Chiles oder Argentiniens beweist sich Staatlichkeit
auch in Kolumbien in der Zurschaustellung souveräner Gewalt.
Von einer Ökonomie des Strafens, wie sie Foucault beschrieben
hat, keine Spur: In öffentlichen Akten werden Kleinbauern und
Gewerkschafter grausam massakriert, oft mit der Motorsäge oder
anderen Folterinstrumenten, die aus schlechten Horrorfilmen zu stammen
scheinen, vor den Augen von Nachbarn hingemetzelt. Geradezu theatralisch
wird damit eine extreme Macht-Ohnmacht-Situation etabliert, die
der Bevölkerung vermittelt, keine Chance zu haben. Mit dieser
Politik des Folterns wird das Gewaltmonopol bekräftigt, das
der Staat aufgrund des Widerstands beträchtlicher Bevölkerungsteile
in Frage gestellt sieht. Es handelt sich also um eine extreme Form
jener <Dezision>, jener rechtsetzenden Gewalt, die Walter
Benjamin und Carl Schmitt zu Anfang des 20. Jahrhunderts in ähnlichen
und doch entgegengesetzten Argumentationen als verborgenen Kern
von Souveränität und Staatlichkeit ausmachten.
Die kolumbianische Regierung <flieht> jedoch nicht nur vor
der Aufstandsdrohung, sie muss sich auch von den Erfahrungen der
südamerikanischen Diktaturen absetzen. Das Pinochet-Regime
zog hohe politische Kosten nach sich. Erst der 11. September 2001
hat die Erinnerung an den 11. September 1973 und den von Washington
gestützten Staatsterror in Chile verblassen lassen. Die Rückkehr
der Rechtsordnung mit den Mitteln Carl Schmitts (auctoritas non
veritas facit legem) findet im kolumbianischen Fall deshalb sozusagen
outgesourct statt. Die Eliten im Land haben dafür gesorgt,
dass der Staat, so weit möglich, nicht selbst den Staatszustand
wieder herstellen muss. Paradoxerweise handelt die Regierung also
in der Maßlosigkeit des Strafens durchaus „haushaltend“,
man könnte von einer Art <Kriegs-Gouvernementalität>
sprechen. Die Regierung reduziert den direkten Eingriff und sorgt
stattdessen für eine Konstellation, in der sich die Dinge entfalten
können. An dieser Stelle kommt der Warlord ins Spiel, der doch
gemeinhin in den Politikwissenschaften immer als Bedrohung der Staatlichkeit
bezeichnet wird. Die seit Carl Schmitt so nachhaltig beklagte „Asymmetrie“,
die der Partisan angeblich in den Krieg bringt, wird re-symmetriert.
Mit paramilitärischen Strukturen, also der militärischen
Organisierung von Zivilisten, ist seit den 1950er Jahren immer wieder
dafür gesorgt worden, dass die Zivilbevölkerung aus der
Verbindung mit dem Partisanen herausgelöst wird. Der „Fisch,
der sich im Wasser bewegt“, wird trocken gelegt, indem man
die Zivilbevölkerung auf Seiten der Militärs in den Krieg
einbindet. Dies ist der Ursprung der Dorfschützersysteme, wie
sie in den Guerillakriegen auf den Philippinen, in der Türkei,
in Guatemala, Peru oder El Salvador zu beobachten waren. In Kolumbien
hat sich der Paramilitarismus allerdings noch weiter entwickelt:
Er tritt als rechte Partisanenarmee auf, die autonom zu agieren
scheint und formal außerhalb der Legalität steht. Zwar
geht diese Truppe faktisch stets in enger Koordination mit den Streitkräften
vor, doch politisch ist die Symmetrie durch ihre Existenz wiederhergestellt.
Wie ein Spiegelbild kopiert der Paramilitarismus die Kommunikations-
und Organisationsformen der Guerilla und sorgt damit für ein
Panorama, in dem der Staat als Opfer des Extremismus von rechts
und links erscheint. Damit werden nicht nur die politischen Kosten
der Aufstandsbekämpfung, vor denen der Militärhistoriker
Martin van Crefeld in seinen Büchern über die Neuen Kriege
immer wieder so nachdringlich gewarnt hat, auf einen privaten Kriegsakteur
abgewälzt, sondern der Staat kann die fürchterliche Gewalt
zur Durchsetzung seiner Macht sogar politisch für sich in Wert
setzen. Die Massaker werden als Anzeichen des Staatszerfalls interpretiert
und rechtfertigen die militärische Aufrüstung des Staates
mit allen Mitteln.
Die Flucht in die politische Nicht-Repräsentation
Ganz anders die Absetzbewegung, die sich in Venezuela beobachten
lässt. Das Land galt in den 1970er Jahren als lateinamerikanischer
Ausnahmefall. Mit Hilfe der Öleinnahmen wurden Sozialprogramme,
staatliche Investitionen und Lebensmittelsubventionen finanziert.
Erst in den 80er Jahren wurde deutlich, dass die Modernisierungspolitik
in erster Linie ein Instrument der Eliten gewesen war, öffentliche
Einkommen zu privatisieren. Ein gigantisches Klientelsystem hatte
dafür gesorgt, dass permanent Gelder aus öffentlichen
Programmen abgezweigt wurden. Als 1989 die sozialdemokratische Regierung
Venezuelas ein vom IWF verordnetes Sparpaket umzusetzen begann,
revoltierte die Bevölkerung der Armenviertel in Caracas. Es
kam zu tagelangen Plünderungen und einer blutigen Niederschlagung
des Aufstands, bei der mehrere Tausend Menschen getötet wurden.
Die heute als „bolivarianische Revolution“ bezeichnete
diffuse Aufstandsbewegung entstand im Anschluss an diese Unruhen.
Die Bevölkerung fühlte sich von <der Politik> nicht
mehr repräsentiert, und so kollabierten die Staatsparteien:
die Christ- und Sozialdemokraten. Doch auch der mediale Diskurs
der nicht-korrumpierten Zivilgesellschaft, wie er in den 1990ern
in den Mittelschichten an Bedeutung gewann, und die Projekte der
Linken artikulierten die Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht.
Stattdessen kam es zu einer Vielzahl singulärer Revolten gegen
die herrschende Ordnung. Nationalistische Militärs wagten Putschversuche,
in den Armenvierteln breiteten sich asamblearische Praktiken aus,
allein in Caracas entstanden mehr als 20 Piratensender. Die vielfältigen
gesellschaftlichen Risse, die schließlich dem überraschenden
Wahlerfolg des linken Offiziers Hugo Chávez 1998 den Weg
ebneten, wurden nicht politisch angeleitet. Keine Partei, kein Programm
vereinigte die diffusen oppositionellen Praktiken. Dennoch orientierte
sich das in der fehlenden Repräsentation entstandene Feld um
ein Gravitationszentrum herum. Interessanterweise ist gerade die
messianische Rolle der Figur Chávez Ausdruck jener mangelnden
Vertretung. Weil parteipolitische Vermittlungsinstanzen bis heute
von der Bevölkerung nicht ernst genommen werden, besitzt der
Präsident als Symbol und Projektionsfläche, aber auch
als Stichwortgeber und politischer Führer eine zentrale Funktion.
Auf eigenartige Weise verknüpfen sich damit radikaldemokratische
und caudillistische Elemente.
In gewisser Hinsicht ist die venezolanische Gesellschaft also sowohl
vor einem Establishment, einer sozialen Situation und der ökonomischen
Krise als auch vor der Politik <geflohen>. Sie hat sich den
traditionellen Trägern linker Transformation – den Avantgardeparteien
ebenso wie der reformistischen Parlamentslinken – verweigert.
So entpuppt sich der venezolanische Prozess, der in den Medien oft
mit dem Wahlsieg eines populistischen Ex-Putschisten gleich gesetzt
wird, bei genauerer Betrachtung als Verkettung vielfältiger,
diffuser und sehr unterschiedlicher Widerstands- und Emanzipationspraktiken
in der ganzen Gesellschaft. Er ähnelt dem Deleuzeschen Rhizom,
einem untergründigen, nicht in klaren Strängen verlaufenen
Wachstumsprozess.
Auch sieben Jahre nach Chávez’ Amtsantritt und der
unvermeidbaren Institutionalisierung ist das immer wieder spürbar.
Gerade im Unterschied zu Kolumbien fällt auf, wie vergleichsweise
rar eine organisierte Linke in Venezuela ist: Die wenigen kontinuierlich
arbeitenden Strukturen kreisen oft um den Staat. Und dennoch trifft
man als Reisender ununterbrochen auf politische Praxen: eine Gruppe,
die selbstorganisiert das Abitur nachmacht, einige Nachbarn, die
ein Stück Land besetzt haben, um eine Kooperative zu gründen,
die Bewohner eines Straßenzugs, die ein Komitee zur Wasserversorgung
ihrer Nachbarschaft bilden.
In der Beziehung dieser lokalen Initiativen zum Staat manifestieren
sich erneut eigentümliche Fluchtbewegungen. Der Staat mit seinen
nach wie vor klientelistischen Strukturen ist für die „Revolution
von unten“, wie es emphatisch heißt, zwar das größte
Hindernis, aber gleichzeitig auch ihre Voraussetzung. John Holloway,
der davon spricht, die Welt zu verändern, ohne die Macht zu
übernehmen, scheint in Venezuela gründlich widerlegt.
Erst die Übernahme des Staatsapparates und die Verfügung
über die Öleinnahmen hat dort nämlich die Ausbreitung
der Basisnetzwerke ermöglicht und Perspektiven jenseits der
politischen und sozialen Marginalität eröffnet. Andererseits
unterbricht die Orientierung am Staat die (von eben diesem) ausgelösten
Prozesse immer wieder.
Politische Konfliktlinien Macht- und Reichtumsverteilung
Die Beispiele Kolumbiens und Venezuelas, die nicht nur deswegen
gemeinsam diskutiert werden sollten, weil es sich um Nachbarstaaten
handelt, sondern weil sie die Spannbreite der lateinamerikanischen
Konstellation aufzeigen, machen deutlich, dass die Entwicklungen
auf dem Subkontinent heute in erster Linie different sind.
Für die Zukunft sollte man auf weitere Überraschungen
gefasst sein. Dass Venezuela zu einem Gravitationszentrum der kontinentalen
Linken werden könnte, hätte noch vor fünf Jahren
niemand für möglich gehalten. Ein Sachverhalt, der auch
im globalen Kontext von größter Bedeutung ist, scheint
jedoch schon jetzt klar zu sein: In Lateinamerika finden sich nicht
nur extreme Formen von Herrschaft und Krieg, sondern vor allem politische
Konfliktlinien, die entlang des Sozialen verlaufen. Während
heute sonst in der Welt das Religiöse und Ethnische die gesellschaftlichen
Konflikte zu strukturieren scheint, steht auf dem Subkontinent die
Frage der Macht- und Reichtumsverurteilung im Zentrum. Schon allein
das macht Hoffnung.
Raul Zelik