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Heft 3/03
Reality Art

Jochen Becker / Stephan Lanz (Hg.):
SPACE // TROUBLES

Jenseits des Guten Regierens

Berlin: b_books, 2003

Daniel Pies

Mit dem von Jochen Becker und Stephan Lanz herausgegebenen Band »SPACE // TROUBLES« liegt die erste Veröffentlichung der Reihe metroZones vor. metroZones begleitet über die nächsten zwei Jahre das an der Berliner Volksbühne stattfindende Projekt »ErsatzStadt«, das in unterschiedlichsten Präsentationsformen und -foren »Metropolen im globalen Maßstab, ihre städtischen Alltagspraktiken und räumlichen Aneignungsformen« untersucht. »SPACE // TROUBLES« dokumentiert das Ende letzten Jahres zum Projektauftakt abgehaltene Symposion »Jenseits des Guten Regierens: Schattenglobalisierung, Gewaltkonflikte und städtisches Leben«.

Der im Titel verzeichnete Begriff des »Guten Regierens« bezieht sich auf das Konzept der »Good Governance«, wie es maßgeblich durch die »Weltkonferenz zur Zukunft der Städte URBAN 21« (EXPO 2000) als weltweite kommunale Regierungsform propagiert wurde. Das Ziel der globalen Instituierung von »nachhaltigen städtischen Demokratien« wurde hier unter der Annahme verhandelt, dass divergierende soziale, politische und ökonomische Interessen scheinbar problemlos zu harmonisieren seien. Denn, so der Abschlussbericht »Die Stadt wiedererfinden – Urbane Zukunft 21«: »Alle Menschen in allen Städten der Welt werden gemeinsame Anliegen teilen: Sie wollen bezahlbare Häuser besitzen, anständig entlohnte Arbeit finden, Zugang zu sauberer Luft, Wasser, modernen Sanitäreinrichtungen und bezahlbarer Gesundheitsversorgung haben, ihre Kinder in gute Schulen schicken […] und das Gefühl haben, dass sie als wahrhafte treuhändische Verwalter in ihren Städten leben.« Im Dialog zwischen Politik, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft sollte die Umsetzung dieser Wunschliste des guten städtischen Lebens nach der zentralen neoliberalistischen Maßgabe erfolgen, dass regionale Märkte zu öffnen und staatliche Leistungen zu privatisieren wären, um die »internationale Wettbewerbsfähigkeit« der Städte als Motor des urbanen Wohlstands zu fördern.

Urbane Lebensräume jenseits der Ideologie des »Guten Regierens« zu denken, heißt hingegen für die in »SPACE // TROUBLES« versammelten Beiträge, abseits hegemonialer Zukunftsvisionen in detaillierten Fallstudien eine Bestandsaufnahme städtischer Raumordnungen, sozialer Konfliktlinien und lokaler Gewaltmärkte zu leisten, welche die unterschiedlichen (postkolonialen) Metropolen der Gegenwart prägen. In den Blick rücken somit die Schattenseiten der kapitalistischen Globalisierungsdynamik: die Kriegs- und Krisenökonomien des globalen Südens. So beschreibt etwa Raul Zelik in einem dichten Essay die gewalttätigen informellen Prozesse sozialer und militärischer Organisation, die sich im kolumbianischen Medellín an der Schnittstelle zwischen lokalem und globalem Drogenhandel herauskristallisieren. Julia Eckert analysiert den Aufstieg der »Shivsena« in Bombay, und zeigt, wie es dieser militanten Organisation der Hindu-Rechten gelang, die Erosion staatlicher Dienstleistungen und traditioneller zivilgesellschaftlicher Integrationsformen auf lokaler Ebene zu kompensieren und so große Teile der Hindu-Bevölkerung für ihre brutale Segregationspolitik gegen indische Muslime zu mobilisieren. Ähnliche Logiken identitätspolitischer Mobilmachung, welche die Absenz oder Schwächung des staatlichen Gewaltmonopols ausnutzen, beobachtet Johannes Harnischfeger in Lagos und Klaus Schlichte in den Gewaltordnungen Kampalas. Katja Diefenbach wiederum liest diese »Symptome einer neuen, nachstaatlichen Ordnung« im Kontext der westlichen Politik des »gerechten Krieges«, und Anne Jung thematisiert die prekäre Rolle der NGOs in der Kriegsökonomie Angolas.

Insgesamt liegt die Leistung von »SPACE // TROUBLES« darin, in lokalen Diagnosen die jeweilige Spezifizität urbaner Gewaltordnungen und deren globale Bedingungsstrukturen herauszuarbeiten. Die Stadt im Zeichen des »Guten Regierens« »wiederzuerfinden« wird so bereits auf deskriptiver Ebene als ideologisches Phantasma entlarvt, das nur unter der Verdrängung der komplexen Realität bestehender Konfliktkonstellationen und im blinden Vertrauen auf die harmonisierende Kraft einer diskursiven urbanen Vernunft aufrecht zu erhalten ist, um den Prozessen eines globalisierten Neoliberalismus vorauseilenden Gehorsam zu leisten. Die Frage jedoch nach alternativen Konzepten der Konfliktvermittlung, die im Wissen um die Verflechtung lokaler wie auch globaler Gewaltzusammenhänge operieren, bleibt auch in »SPACE // TROUBLES« unbeantwortet.

1 Die Stadt wiedererfinden – Urbane Zukunft 21 (Zusammenfassung), www.bmgev.de/themen/urban21/summary.htm. Der vollständige Bericht findet sich unter: www.urban21.de/staedtebau/download/weltbericht.pdf

 

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