Zur SoZ-Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung, Mai 2004, Seite 13

Raul Zelik: Made in Venezuela. Notizen zur »Bolivarianischen Revolution«, Berlin: Assoziation A, 2004, 144 S., 13 Euro

Venezuelas revolutionärer Prozess

Mit seinem neuesten Buch Made in Venezuela unterstreicht Raul Zelik, dass er hervorragende Reportagen schreiben kann. Zusammen mit der Künstlerin Sabine Bitter und dem Künstler Helmut Weber war er im letzten Jahr in Venezuela. Das Buch stellt die Aufzeichnungen der drei zu einem Bild des derzeitigen Venezuela zusammen. Das Bild von Chávez bleibt auch nach der Lektüre zwiespältig. Doch wird es ergänzt durch vielfältige Eindrücke. Raul Zelik belegt, dass die Entwicklung in Venezuela, besonders in Bezug auf die Basisorganisationen, mindestens genauso wichtig ist wie der Aufstand der Zapatisten im Süden Mexikos. Auf verschiedenen Ebenen taucht der Bericht in die Wirklichkeit und den Alltag der Menschen Venezuelas ein mit einer ganz klaren politischen Position, die Raul Zelik selbst als »postoperaistisch« bezeichnet. In der Tat handelt es sich bei dem Buch auch um eine »militante Untersuchung« im besten Sinne.

Das Buch gibt ebenfalls Stimmen der Opposition wieder. Doch die Wahrnehmungen sind zu unterschiedlich. Die Kommunikation mit den Aktiven der Basisorganistaionen stellt kein Problem dar, auch wenn die Ergebnisse oft verwirrend erscheinen. Ein Negri zitierender, autoritärer Chef einer Regierung, die sich auf die Basisisorganisationen der Slums einer 5-Millionen-Metropole stützt, deren Lebensstandard sich unter dieser Regierung nicht verbessert hat. Auf Versammlungen fordern Teilnehmende mit der neuen Verfassung in der Hand die »partizipative, protagonistische Demokratie« ein. Doch ist die Macht der Bürokratie höchstens angekratzt.

Die Reise durch die »bolivarianische Revoultion« beginnt mit einer der sonntäglichen Fernsehshows des Präsidenten und führt über Stadtteilkomitees, alternative Radios, Taxifahrer, Ingenieure, Philosophen und Frauenaktivistinnen zu den Erdölarbeitern. Immer wieder finden sich dabei Vergleiche mit Chile Anfang der 70er Jahre. Die Unterstützung der USA für den Putschversuch im April 2002 gegen Chávez ist kein Geheimnis. Unbeliebt hatte sich Chávez bei der US-Regierung gemacht, als er weder die Militäraktionen gegen Afghanistan begrüßte, noch sich dazu bereit erklärte, Washington im »Antidrogenkampf« in Kolumbien zu unterstützen. In der Auseinandersetzung zwischen der Regierung in Bogotá und der FARC- Guerilla versucht Chávez zu vermitteln und hob das uneingeschränkte Nutzungsrechts des venezolanischen Luftraums durch US- Militärflugzeuge auf. Auch die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Kuba hat das Weiße Haus nicht freundlich gestimmt.

Da Raul Zelik ein Kenner der Situation in Kolumbien ist, finden sich auch zahlreiche Vergleiche mit der Situation des Nachbarstaats. Dabei schneidet Venezuela positiv ab. Dabei geht es nicht um einen unkritischen Blick auf die Situation, sondern um die Beschreibung von emanzipatorischen Prozessen, von Aneignung des Alltags. Wir erhalten ein Bild, dass zum Beispiel dem von Gaby Weber widerspricht, die in ila Nr.254 (März 2002) schrieb: Chávez »lässt die zivile Gesellschaft nicht an der Macht teilhaben, sondern zentralisiert Entscheidungen in seiner Hand. Kein Dialog mit den Bürgern, sondern stundenlange Monologe, übertragen vom staatlichen Fernsehen, jeden Sonntag«. Vielleicht stimmt es, dass die »bolivarianische Revolution« erst mit der Zurückweisung des Putsches 2002 so richtig in Gang gekommen ist, wie Raul Zelik an einer Stelle bemerkt.

Im Mittelteil des Buches finden wir Fotos von Sabine Bitter und Helmut Weber, die sie im Rahmen des Projekts »Die Kultur der informellen Stadt« gemacht haben. Sie stehen trotz der kurzen Einführung etwas unvermittelt neben dem Text.

Doch das kann den Wert dieser »Notizen« nicht schwächen, die eine im emanzipativen Sinne parteiische Einschätzung Venezuelas bieten.

Tommy Schroedter

 

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Programmierung, Umsetzung G@HServices Berlin V.V.S.

Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien