Raul Zelik
La Negra

Edition Nautilus 2000, 280 S., DM 29,80

Dass im Dunkeln ein Elefant dem Einen säulengleich und dem Andern schlangenähnlich erscheinen kann, verdeutlicht als Gleichnis indischer Tradition die perspektivische Bedingtheit der eigenen Sicht der Wahrheit. Indem er unter einem großen Spannungsbogen, der seinen Namen wirklich verdient, Rebellen, Gewerkschaftler, Funktionäre, Generäle, Waffenhändler, Missionare und Europäer ­ kurz: Repräsentanten unterschiedlicher Sichtweisen ­ in La Negra zusammenfasst, gelingt Raul Zelik durch die Verstrickung verschiedenster Einzelschicksale genau diese objektive Darstellung der kolumbianischen Realität.
Obwohl sich Raul Zelik erneut eines brisanten Themas angenommen hat, das leicht zu einer ideologisierenden oder moralisierenden Prosa hätte abgleiten können, bleibt er dem Weg treu, den er bereits mit seinem Erstling Friß und stirb trotzdem eingeschlagen hat: Eine vorwurfsfreie Schilderung der Lebenswelt der Verfolgten und Benachteiligten, die nicht nach Mitleid heischt. Allein deswegen wäre La Negra schon lesenswert.
Zum Lesegenuss wird dieser Roman durch die zahlreichen Akteure. Und so unterschiedlich sie und ihre Absichten sind, eines haben alle gemeinsam: Ihre unerfüllten Träume. Flacoloco, der Freiheitskämpfer, würde lieber Dario Fo inszenieren; einer seiner Gegenspieler, General Ayala, verklärt das geruhsame Leben seines Großvaters; und Edith, die Telefonistin im EU-Gebäude, leidet an Fernweh, das sie auch nach Kolumbien treibt.
So unerfüllt wie ihre Träume sind, so stark ist ihr Wunsch, in Kolumbien wieder Ordnung ­ jeder nach seinem Verständnis ­ herzustellen. Ziel der Rebellen ist die Besetzung einer Raffinerie, ein Plan, der durch unglückliche Zufälle vereitelt wird. Denn die Anführer der Rebellen fallen einer deutschen Markenmotorsäge zum Opfer. Nichtsdestotrotz wird dem Leser ein siegreicher Triumph nicht vorenthalten, da es dennoch gelingt, ausgerechnet durch einen Hinweis der im fernen Europa Telefonate abhörenden Telefonistin, einige Schlüsselfiguren des Unrechtsregimes zu stellen. Nach dem ernüchternden Scheitern der Raffinerie-Besetzung ist dies ein vorläufiges Grand Finale. Aber keine endgültige Befreiung. Denn deutlich wird, dass die verschiedenen Protagonisten nicht nur in den unerfüllten Träumen einen gemeinsamen Nenner haben. Sie teilen auch, dass sie nicht tun wollen, was sie tun, aber es dennoch tun, weil ihr jeweiliger Gegner die Rechtfertigung dafür zu liefern scheint. Die Dynamik des Teufelskreises bekommt frischen Schwung. Der winzige Hoffnungsschimmer findet sich in den mahnenden Worten des Vaters einer der Rebellinnen, die den einzigen Ausweg aus jedem Teufelskreis weisen: "Niemand hat das Recht mit dem Tode zu bestrafen. Jeder Weg, der das Ziel nicht in sich trägt, führt an den Ausgangspunkt zurück."
Andreas Christian Bernhard

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien