Politische Literatur

Montag • 19:15

12.2.2001

Bücher über Kolumbien

Karl Ludolf Hübener


Herr Staatsanwalt, ich bin das Gedächtnis Kolumbiens und sein Gewissen, und nach mir bleibt nichts mehr. Sollte ich sterben, dann ist hier Feierabend, dann macht jeder, was er will. Herr Generalanwalt oder Prokurator oder was auch immer, sehen Sie sich an, wie ich unter Lebensgefahr durch die Straßen gehe: Bei den Vollmachten, mit denen Sie die neue Verfassung ausgestattet hat, beschützen Sie mich!

Aber welche dieser gottverfluchten Kirchen ist überhaupt offen? Sie bleiben zu, damit sie nicht ausgeraubt werden. In Medellín haben wir keine einzige Oase des Friedens mehr. Taufen werden überfallen, hört man, Hochzeiten, Totenwachen, Begräbnisse. Mitten im Trauergottesdienst oder bei der Ankunft auf dem Friedhof wird umgebracht, wer lebend gekommen ist, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Bei Flugzeugabstürzen werden die Leichen geplündert. Wenn du einen Autounfall hast, klauen dir barmherzige Hände, während sie dir ins Taxi helfen, das dich ins Krankenhaus bringen soll, das Portemonnaie. Medellín hat, wie es heißt, 35.000 Taxis, pro Privatauto eins - sie sind leer und warten auf Opfer. Man solle lieber mit dem Bus fahren, obwohl, das auch nicht unbedingt: Es empfiehlt sich genauso wenig, man wird genauso überfallen und ausgeraubt. In einem Krankenhaus, wird erzählt, haben sie mit einem, der wegen irgendeiner Schussverletzung eingeliefert wurde, kurzen Prozess gemacht. Einzig sicher sei hier nur der Tod.

In den erwähnten 35.000 Taxis (gekauft mit Dollars aus dem Drogenhandel, denn wie sonst kommt Kolumbien zu Dollars, es hat doch nichts zum Exportieren, es erzeugt nichts als Mörder, und die kauft keiner) dudelt unaufhörlich das Radio, und das bringt Fußball, vallenatos oder aber optimistische Nachrichten über die 35 Mordopfer von gestern, 15 weniger als der offizielle Tagesrekord - obwohl ein Soldat mit einem Halsdurchschuss mir versicherte, es sei schon vorgekommen, dass in Medellín an einem Tag über 170 Leute umgebracht wurden, an besagtem Wochenende insgesamt 300. Der liebe Gott wird es wissen, er hat von oben den Überblick. Wir hier unten können nichts weiter tun, als die Leichen einzusammeln. Sagt man zu einem Taxifahrer: "Könnten Sie bitte das Radio leiser stellen, es ist zu laut", dann dreht dieser Hurensohn (wie Cervantes sagen würde) es noch lauter. Willst du dir das nicht gefallen lassen und versuchst zu protestieren: Adieu, Sorgen dieser Welt! Morgen werden deine lose Zunge die Würmer fressen. Ja aber, werden Sie einwenden, wenn diese Taxifahrer beschäftigungslos sind, warum behandeln sie dann die Kunden so schlecht? Eben darum. Weil sie Arbeit machen, und "Arbeit entehrt den Mann", wie ein Weiser sagte. Und in den Bussen? Kann man Bus fahren ohne Musik? So, wie man ohne Sauerstoff atmen kann.

Ein Auszug aus dem Roman "Die Madonna der Mörder" von Fernando Vallejo, der im Verlag Paul Zsolnay in Wien erschienen ist. Der Exil-Kolumbianer beschreibt darin seine Heimat so, wie wir sie aus der Medienberichterstattung kennen. Als Vorhof der Hölle, in der junge Auftragsmörder für ein paar Dollar ihren tödlichen Geschäften nachgehen, in der Drogenbarone die Macht ausüben und in der eine korrumpierte Politikerkaste jegliches Vertrauen in Staatsgewalt ad absurdum führen. Aber ist damit die Wirklichkeit Kolumbiens hinreichend beschrieben? Was sind die Hintergründe und Ursachen für das blutige Chaos in dem mittelamerikanischen Staat? Karl Ludolf Hübener hat den Buchmarkt durchstreift und nach Werken Ausschau gehalten, die Antworten auf solche Fragen bieten können.

"Wenn das Stichwort 'Kolumbien' fällt, ist die erste Assoziation bei deutschen Lesern immer die gleiche: Sie denken an Kokain, Mafia, Terrorismus und Gewalt. Aus diesem Grund steht der Hinweis, dass Kolumbien auch ganz andere Seiten besitzt, mittlerweile in fast allen Büchern zum Thema am Anfang."

Auch in dem Buch "Kolumbien - Große Geschäfte, staatlicher Terror und Aufstandsbewegung", verfasst von Raul Zelik und Dario Azzelini. Die beiden Kolumbien-Experten wollen ein realistischeres Bild entwerfen: Es gehe in Kolumbien

"... um einen extrem militarisierten sozialen Konflikt, um einen international ignorierten Krieg der Besitzenden gegen die Bevölkerungsmehrheit, um eine endlose Geschichte niedergeschlagener Revolten. Und um einen Bürgerkrieg, der sich zu internationalisieren scheint."

Auf den größten Teil der Geschichte Kolumbiens ...

"... fällt seit eh und je der Schatten des Unverständnisses, der Irrtümer und der Vorurteile..."

heißt es in dem Sammelband "Kolumbien - Land der Einsamkeit?" Autoren aus Kolumbien und dem deutschsprachigen Raum versuchen in dem Werk die Frage nach den Hintergründen von Gewalt und Terror in der kolumbianischen Gesellschaft zu beantworten, Antworten auf Fragen zu finden, die der kolumbianische Schriftsteller Arturo Alape so formuliert:

Arturo Alape : "Erstens: Warum existiert in Kolumbien die älteste Guerilla der Welt? Zweitens: Warum existiert in Kolumbien eine politische Klasse, die alles ausgrenzt? Und drittens ein Phänomen, das mit diesem Land zu tun hat: Warum ist Kolumbien heute das Land mit den größten menschlichen Migrationen, nach innen wie nach außen? Oder anders ausgedrückt: Warum gibt es in Kolumbien zwei Millionen Vertriebene?"

Solche Fragen lassen sich kaum beantworten, wenn die mittlerweile gängige Propaganda-Schablone auf Kolumbien angelegt wird: Zwei Dämonen, Guerilla und Paramilitärs, verwickelt in den Drogensumpf, terrorisieren das Land. Darüber schwebt gleichsam als eifrig bemühter Friedensengel des demokratischen Kolumbiens Präsident Andrés Pastrana. Ein Bild, das sich mehr und mehr in der Medienwelt festsetzt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass ein Großteil der 40 Millionen Kolumbianer unter der Armutsgrenze lebt. Eine Armut, die eine längere Geschichte als das Drogengeschäft hat. Seltener wird auch darüber gesprochen, dass es sich bei Kolumbien um ein reiches Land handelt, wie Raul Zelik schreibt:

"Es ist der weltweit größte Exporteur von Qualitätskaffee und Smaragden, der zweitwichtigste Blumen- und Bananenexporteur, nach Mexiko und Venezuela der drittgrößte lateinamerikanische Erdölproduzent, die Nr.4 im Kohlehandel und die Nr.6 unter den Goldproduzenten. Von den enormen Exporteinnahmen profitieren jedoch nur eine verschwindend kleine Minderheit sowie die im Land aktiven transnationalen Unternehmen."

Die Konzentration von Geschäft und Reichtum sei in Kolumbien besonders extrem.

"Zu den vier Groß-Konglomeraten Bavaria-Santo Domingo, Luis Carlos Sarmiento Angulo, Ardilla Lülle und Sindicato Antioqueño gehören mehr als 300 Unternehmen, die unter anderem in den Bereichen Getränkeproduktion, Luftfahrt, Banken- und Investitionswesen, Versicherungen, Kommunikation, Lebensmittel, Autoherstellung, Verpackungen, Metallverarbeitung, Erdölgewinnung, Bauwesen, Handel, Textilien, Zementwerke, Projektfinanzierung und Dienstleistungen tätig sind."

Wenig spektakuläre Neuigkeiten bieten beide Bücher zur Untergrundwirtschaft, dem Drogenhandel. Noch vor Jahren hätten - wie der Politikwissenschaftler Robert Lessmann im Sammelband anmerkt - Pablo Escobar aus Medellín und Capos aus Cali für Sensationsmache und Auflagen gesorgt und ...

"... als Wurzel aller kolumbianischen Übel die Schlagzeilen beherrscht: vertikal durchstrukturierte internationale Konzerne des Bösen, omnipotent und omnipräsent, ausgestattet mit unvorstellbaren Ressourcen zur Durchsetzung ihrer Interessen, mit skrupellosen 'Paten' an der Spitze, die Kolumbien längst 'in der Tasche' hatten - und womöglich nach der Weltherrschaft greifen würden. Heute scheinen sich die 'Konzerne des Bösen' in Luft aufgelöst zu haben."

Lessmann wie auch Zeliks Ko-Autor Dario Azzelini korrigieren mit nüchtern-sachlichen Argumenten das verzerrte Bild vom Drogenstaat Kolumbien. Für Azzelini ist es ein illegaler Markt, der wie ein Markt für legale Produkte funktioniert. Und der um das Angebot von Heroin erweitert wurde. Das Geschäft teilt sich auf in Coca- und Mohnbauern, kleinere Aufkäufer von Cocapaste, Groß- und Kleinhändler des Endprodukts, von Kokain und Heroin, und ...

"... einen oligopolistischen Sektor, der sich im wesentlichen in den Händen einer begrenzten Anzahl von kolumbianischen Exporteuren befindet."

Die Drogenfabrikanten hatten sich nach der Zerschlagung der großen sogenannten "Kartelle" in Medellín und Cali als flexibel erwiesen. An der Spitze des Cali-Kartells stand bereits früher ein "Rat der Unternehmer". Diese machen nun dezentralisiert weiter. Die Struktur des Kokainbusiness besteht heute aus ...

"... einem dichten Netz von 2.000 - 3.000 kleinen und 40 mittleren Organisationen."

Sie suchen weniger die offene Konfrontation mit dem Staat. Statt mit Bombenanschlägen wie zu Escobars Zeiten setzen sie heute eher auf Korruption, zumal sie mit einem Bein sowohl in der illegalen wie der legalen Ökonomie stehen: Tausende neuer Millionäre kauften Land, Immobilien und Dienstleistungsgeschäfte auf. Als Viehzüchter mischen sie im Fleischhandel mit. Schmutzige Gelder wurden über Heirat in tonangebende Familien des Landes gewaschen. Schließlich stimulierten Drogenmilliarden, genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, jahrelang die Wirtschaft des Andenlandes. Der Drogenhandel ist aber nicht - wie immer wieder behauptet - die Ursache der seit langem schwelenden Konflikte in der kolumbianischen Gesellschaft. Zweifellos hat das illegale Geschäft die Lage verschärft, aber bevor überhaupt ein einziges Gramm Kokain produziert wurde, hatten Gewaltwellen das Land längst überrollt. Verursacht durch eine äußerst ungerechte Einkommensverteilung, Staatsterror und einen Mangel an Partizipation der Bevölkerung, wie der exilierte Schriftsteller und Soziologe Alfredo Molano erklärt:

Alfredo Molano : "Ich glaube, in Kolumbien gibt es eine Demokratie, allerdings eine sehr eingeschränkte Demokratie. Für die Sektoren, die immer dominiert haben, gibt es sicherlich eine funktionierende Demokratie: für die Herren des Kapitals, für Bankenbesitzer, für Geschäftsleute. Aber es ist eben eine Demokratie, in der nicht alle Äußerungen berücksichtigt werden: beispielsweise die der Bauern, der Arbeiter, der Indianer, der Mittelklasse."

Charakteristisch für Kolumbien - so Zelik - sei auch -...

"... dass die kolumbianische Oberschicht seit langem konsequent auf Repression setzt, um die sozialen Widersprüche im Land zu 'befrieden'. In keinem anderen Land auf dem Kontinent wird in vergleichbarem Maße die eigene Bevölkerung terrorisiert. Nirgends gibt es so viele Massaker an der Zivilbevölkerung, nirgends sind die Spielräume für eine legale Opposition so klein wie hier. In Kolumbien ist es, darin sind sich Menschenrechtler und Linke aller Couleur einig, gefährlicher, eine Gewerkschaft aufzubauen als eine Guerillaorganisation."

Alfredo Molano : "Es handelt sich um ein Zweiparteiensystem. Seit der Gründung der Republik haben zwei Parteien das Land regiert. In keinem anderen Land Lateinamerikas ist ähnliches passiert. Die Konservative und die Liberale Partei regieren dieses Land seit 1850. Das heißt, dass jede Form von Opposition ausgeschlossen wurde und noch heute ausgeschlossen wird. Das geschieht auf verschiedene Weise. Eine Methode ist die Kooptation der Opposition. Sie kooptieren, kaufen und integrieren sie. So wie es schon die PRI in Mexiko vorgeführt hat. Die andere Form ist die physische Vernichtung der Opposition. Es gibt unendlich viele Beispiele dafür: Vom Jahre 1948 an, als der charismatische Führer eines populären Liberalismus ermordet wurde, bis heute sind alle führenden Figuren der Opposition ermordet worden. Widerspenstige Bewegungen, die sich nicht integrieren lassen, die die Kooptation nicht akzeptieren, werden physisch ausgelöscht. Das ist eine Konstante in Kolumbien."

In Kolumbien gibt es keine Tradition einer echten demokratischen Opposition, was in beiden Büchern sehr eindringlich untermauert wird. Unter den herrschenden Verhältnissen sei es selbstmörderisch, den legalen Weg zu begehen, sagen die Führer der Guerilla. Vor allem die FARC verweisen auf das Beispiel der Linksbewegung "Union Patriotica": Ende der 80-er Jahre wurden mehrere Tausende ihrer Anführer umgebracht. Von gedungenen Mördern.

Alfredo Molano : "Das heißt, es wird gezahlt, um einen anderen zu töten. Oder Gruppen werden bezahlt, um andere Gruppen zu töten. Die 'Union Patriotica' ist auf diese Weise liquidiert worden - durch bezahlte Killer, bezahlt von politischen Kaziken und von Militärs. Dieser Tradition entstammen die Paramilitärs. Sie haben sich zu einer Gruppe vereinigt, die auf private Finanzierung rechnen kann und auf Schutz durch die Militärs - und damit auch auf eine gewisse Straffreiheit durch den Staat. Denn der Staat ist nicht in der Lage, die Militärs dazu zu bringen, die Paramilitärs anzugreifen. Es ist ein kalkuliertes Miteinander - von den USA akzeptiert. Der beste Beweis dafür ist die US-Liste internationaler Terrororganisationen: Die kolumbianischen Paramilitärs sind dort nicht aufgeführt. Dafür aber die FARC, die ELN."

Raul Zelik schreibt:

"Die Paramilitärs - aus Zivilisten bestehende bewaffnete Gruppen, die auf der Seite der Armee gegen eine Aufstandsbewegung kämpfen - sind alles andere als eine kolumbianische Erfindung."

Die Erfinder sitzen im Norden. Konzepte wie die "Doktrin der Nationalen Sicherheit" und des "Kriegs mit schwacher Intensität" wurden in Washington entwickelt und ausgefeilt. Im Visier haben beide Konzepte den inneren Feind. Klassische Feinde sind Aufständische, die man verschwinden lassen, foltern und umbringen darf.

"Als 'innerer Feind' werden auch soziale Organisationen und die Zivilbevölkerung eingeordnet, da sie potentiell die Subversion unterstützen."

Dazu gehören auch Menschenrechtsorganisationen, wie in einem gut dokumentierten Band in der Reihe "Misereor-Dialog" nachgewiesen wird. Titel: "Gegen das Vergessen. Zeugnisse von Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien". Eine wichtige ergänzende Lektüre, um die komplexe Lage in Kolumbien zu verstehen. Dass Terror und Massaker der Paramilitärs mit staatlicher Rückendeckung rechnen können, enthüllt ein in dem Misereor-Band dokumentiertes, 1987 veröffentlichtes Militärhandbuch. Demnach wird der Krieg gegen die Subversion geführt ...

"... unter Anwendung politischer und wirtschaftlicher, psychologischer und paramilitärischer Aktionen gegen die Aufständischen, um dem revolutionären Prozess vorzubeugen oder ihn zu eliminieren und zu garantieren, dass er sich nicht wieder einstellt."

Die heutigen Paramilitärs sind vom Geheimdienst der Armee und von Drogenhändlern aus Medellín organisiert und finanziert worden; Viehzüchter, Politiker und Wirtschaftskapitäne sprangen später mit Spenden ein. Die Aufstandsbekämpfung wird so entstaatlicht. Das ist durchaus gewollt, denn die Armee erscheint nun als unparteiische "dritte Kraft" - obwohl die Zusammenarbeit, vor allem über die Geheimdienste, mit den Paramilitärs weiterhin innig ist.

"Die Verlagerung des staatlichen Gewaltmonopols auf Gruppen, die im extralegalen Bereich operieren, ist eine geschickte Strategie, um Anklagen von Menschenrechtsverletzungen zu entrinnen, die nach dem internationalem Recht geahndet werden müssen."

Über 60 Prozent aller Gewalttaten gehen heute auf das Konto der Paramilitärs, wie Amnesty International anprangert. Der Anteil der Armee ist entsprechend zurückgegangen. Aber die Guerilleros sind keine unschuldigen Lämmer, wie Amnesty ebenfalls beklagt: Sie verübten standrechtliche Erschießungen und entführten Zivilpersonen, um sogenannte Revolutionssteuern zu erheben, und doch - so Zelik - ...

"... verbreiten sie anders als die Regierungstruppen keinen systematischen Terror. Folterungen, Massaker und Massenvertreibungen als Bestandteile einer Kriegsstrategie kann man der Guerilla im Gegensatz zu Armee und Paramilitärs nicht vorwerfen."

Jaime Zuluaga, Professor und Ökonom an der Universität in Bogotá, meint deshalb:

Jaime Zuluaga : "Ich würde sagen: Es handelt sich weder um Helden noch um Banditen. Sie sind keine Helden, auch wenn es sich um eine Guerilla handelt, die politisch-militärisch organisiert ist, die ein gesellschaftsveränderndes Programm auf der Basis eigener Ideen hat, das sie umsetzen wollen. Sie sind davon überzeugt, dass sie das auf dem bewaffneten Wege schaffen können. Sie sind weit entfernt von jenem romantischen und heroischen Image eines Ernesto 'Che' Guevara und der Guerilleros der 60-er und 70-er Jahre in Lateinamerika. Aber sie sind auch keine Banditen. Es handelt sich um eine Guerilla, die aus der Dynamik des Krieges, der Verlängerung des Konfliktes und einer konfliktiven Beziehung zur Gesellschaft Handlungsformen entwickelt hat, die man sich in den alten Guerillas der 60-er Jahre in Lateinamerika nicht hätte vorstellen können."

Es ist wohl das Verdienst des Autorengespanns Zelik und Azzelini, die Fehler der Aufständischen zu benennen, aber nicht gleichzeitig die Guerilla zu verteufeln.

"Wenn man versucht, sich der kolumbianischen Guerilla etwas sachlicher, d.h. historischer zu nähern, sticht zunächst ins Auge, dass FARC und ELN anders als die meisten aufständischen Gruppen der sechziger Jahre auf dem Kontinent nicht geschlagen werden konnten. Offensichtlich waren die Organisationen stärker als andere Guerillas in der sozialen Realität ihres Landes verankert, stehen sie doch in gewisser Weise in der Kontinuität einer 150-jährigen Geschichte bewaffneter Aufstände."

Und konkreter oppositioneller Vorschläge, Während die Guerilla im Sammelband kurz gehalten wird, hat sich Zelik ausführlich mit Entwicklung und Politik der Guerillas beschäftigt. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung, die ihnen keine politische Zielsetzung mehr zubilligt, sondern nur noch Macht- und Geldgier, haben die Guerillas konkrete Vorschläge für ein demokratischeres Kolumbien vorgelegt. Das gilt beispielsweise für die 1966 gegründeten FARC, die "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens". Der Zehnpunkte-Plan, den die FARC 1993 als ...

"... Plattform für eine Regierung des Wiederaufbaus und der nationalen Aussöhnung..."

... verabschiedeten und der heute als Gesprächsgrundlage mit der Regierung dient, wird von Kritikern als sozialdemokratisch eingestuft. So werden unter anderem eine politische Lösung des Konflikts, die Durchsetzung der Gewaltenteilung zwischen Politik und Justiz, Pressefreiheit und demokratische Mitbestimmungsmöglichkeiten gefordert. Auch ländliche Entwicklungs- und Förderprogramme und die Verwendung von 50 Prozent des Staatshaushalts für soziale Aufgaben. Außerdem die Abschaffung der "Doktrin der Nationalen Sicherheit" und eine nicht-militärische Lösung des Drogenproblems. Dagegen setzte die andere große 1964 gegründete Guerilla, die ELN, das Nationale Befreiungsheer, zunächst auf Umsturz und Revolution. Die ELN sei - so Zelik - ...

"... ideologisch und praktisch ein Kind der kubanischen Revolution. Aus deren Sicht erschienen die Kommunistischen Parteien als reformistisch und sogar konterrevolutionär."

Erst als der spanische Pfarrer Manuel Pérez Guerilla-Kommandant wurde, veränderte sich die avantgardistisch ausgerichtete, dogmatisch verknöcherte Organisation. Befehlshierarchien wurden abgebaut, abweichende Meinungen toleriert. Zelik:

"Die ELN beteiligte sich aktiv an der Entwicklung der sozialen Bewegungen und förderte in Dörfern, Stadtteilen und Betrieben den Aufbau räteähnlicher Strukturen. Der wesentliche Unterschied zu früher bestand darin, dass dies nicht nur aus logistischem Interesse oder eigenem Hegemoniestreben geschah, sondern tatsächlich auch als Keimzelle von Selbstregierung begriffen wurde."

Die antiautoritäre Haltung geht nicht zuletzt auf den Einfluss von katholischen Befreiungstheologen zurück. Linkskatholiken spielten stets eine Rolle im ELN. Die FARC sind hingegen stärker von Parteikommunismus und demokratischem Zentralismus beeinflusst. Einer der Gründe, weshalb die beiden Guerillas weiterhin getrennt marschieren. Ein weiterer Grund: unterschiedliche Positionen zum Drogenhandel, weshalb es zwischen den beiden Rebellenorganisationen schon zu ernsten Konflikten kam, wie Zelik berichtet.

"Während die FARC, in deren Gebieten der Kokaanbau eine zentrale Rolle spielt, den Drogenanbau akzeptiert und Steuern von den Händlern kassiert, lehnt die ELN den Kokaanbau grundsätzlich ab."

So komplex das Lager der Guerilla, so komplex auch die kriegerische Situation im ganzen Land, wie Jaime Zuluaga erklärt:

Jaime Zuluaga : "Wir haben es mit einem Krieg zu tun, in den die Guerillas verwickelt sind, außerdem das offizielle kolumbianische Heer und die paramilitärischen Organisationen, die mit der Unterstützung einiger mächtiger Wirtschafts- und Gesellschaftsgruppen unseres Landes rechnen können. Im Kreuzfeuer dieser Konfrontation steht die Zivilbevölkerung. Diese beklagt die meisten Opfer."

Obwohl Kolumbien über kein demokratisches Pressewesen verfügt, versuchen mutige Journalisten, die Machenschaften der Mafia oder der Paramilitärs aufzudecken. Häufig ist das mit Todesdrohungen und Lebensgefahr verbunden. Die Rekordzahl ermordeter Journalisten spricht traurige Bände.

Arturo Alape : "In diesem Land mit seiner vermeintlichen Demokratie ist das Denken eingekerkert und seiner Freiheit beraubt. Das gilt für Universität, Sozialwissenschaften, Anthropologie, Geschichte, Literatur - wie mein Fall als Schriftsteller demonstriert. Wir, die wir anders denken und unsere eigene Meinung zu Krieg und Frieden haben, müssen das Land verlassen oder hier ausharren - in Erwartung, dass jemand kommt, um uns zu töten."

Arturo Alape musste 24 Stunden nach dieser Klage sein Land verlassen, wie zuvor so viele andere auch. Über zwei Millionen Flüchtlinge, vor allem von Paramilitärs, Viehzüchtern und Latifundisten vertriebene Kleinbauern, irren mittlerweile durch Kolumbien. Sie hoffen auf Frieden, der weiter denn je entfernt erscheint. Frieden soll auch der "Plan Colombia", der "Kolumbien-Plan", bringen. Im Zentrum stehen Bekämpfung des Drogenanbaus im Süden Kolumbiens und wirtschaftliche und soziale Alternativen für Coca- und Mohn-Bauern. Den Kern des Plans bildet allerdings ein Hilfspaket der USA in Höhe von 1,3 Milliarden US Dollar. 80 Prozent fließen davon als Militärhilfe, Gelder für die Aufrüstung der Armee. Das Geld dürfte den internen Konflikt weiter anheizen, denn im Zielgebiet von Hubschraubern und Sprühaktionen operieren starke Verbände der Guerilla. Kritiker sind deshalb davon überzeugt, dass es weniger um einen Antidrogenplan geht als vielmehr um ein klassisches "counterinsurgency-Programm, verbunden mit geostrategischen Interessen der USA. Aber selbst wenn die Guerilla geschlagen und die Coca-Felder vernichtet wären, wäre Kolumbien weit vom Frieden entfernt, bestände die Gefahr neuer Aufstände, denn der kolumbianische Konflikt - und das wird nach der Lektüre der vorgestellten Bücher überdeutlich ...

"... kann nur gelöst werden, wenn es grundlegende soziale Transformationen gibt. Nur wenn die Ursachen von Armut und Marginalisierung beseitigt werden, die zum Entstehen der Guerillas führten, macht 'Frieden' einen Sinn. Das heißt, nötig wären nicht nur die Demokratisierung des Landes, ein Ende des schmutzigen Kriegs und die Abschaffung der Nationalen Sicherheitsdoktrin, sondern auch soziale Transformationen: eine grundlegende Landreform, eine Vervielfachung der Sozialausgaben und eine Umverteilung der Reichtümer."

Der Band "Kolumbien - Große Geschäfte, staatlicher Terror und Aufstandsbewegung" wird von Raul Zelik und Dario N. Azzellini herausgegeben und ist erschienen im Neuer ISP-Verlag, Köln. 247 Seiten, DM 29,80 Rafael Sevilla, Christian von Haldenwang und Eduardo Pizarro sind die Herausgeber von "Kolumbien - Land der Einsamkeit?" Horlemann Verlag, Bad Honnef, 315 Seiten, DM 38,-- Werner Altmann, Thomas Fischer und Klaus Zimmermann haben den Band "Kolumbien heute - Politik, Wirtschaft, Kultur heute" herausgegeben. Vervuert Verlag, Frankfurt am Main, 625 Seiten, DM 68,-- Die Dokumentation "Gegen das Vergessen - Zeugnisse von Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien" schließlich wird von Luis Guillermo Perez herausgegeben, umfasst 316 Seiten und kann gegen eine Gebühr von DM 5,-- bezogen werden bei Misereor unter der Telefonnummer Tel. 0241/442 103.

 

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Kopfbild Freddy Sanchez Caballero / Kolumbien