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Auszug:

Wolfgang Farkas "Kartoffel unterwegs" aus Süddeutsche Zeitung (19.6.2001)

Zelik, zu deutsch: Stahl, ist 33, trotz erster silbriger Haare wirkt er jugendlich. In Berlin lebt er seit dreizehn Jahren, wo er Politik studiert hat und nebenbei die sozialen Verhältnisse vor Ort. Schon als Junge, sagt er, wurde er von einer unbestimmten Sehnsucht getrieben, einer Sehnsucht nach Vagabundentum und ewiger Suche, danach, nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst zu verändern. Und immer war da schon das Bild des Dichters in der Revolte – eines Künstlers also, der an die Gefährlichkeit seiner Ideen glaubt.
Das ist ungewöhnlich in der so genannten Popliteratur. Hier geben bislang Autoren den Ton an, deren Schriften oft genau so belanglos wirken wie die Etiketten ihrer Pullover, und die sich in ihren Texten dabei zuschauen, wie sie in der Wanne plätschern ... Zelik wählt einen anderen Weg. Statt mit seinem Spiegelbild zu kokettieren, öffnet er lieber Türen. Wo ist Heimat? Raus hier - Literatur als Fluchtweg, um die eigene Identität in Frage zu stellen und Grenzen zu erweitern. ...
Vor kurzem kam das dritte Buch von Raul Zelik heraus, eine Sammlung von Erzählungen mit dem Titel “Grenzgängerbeatz”. Die Stories handeln von verzweifelten Schmugglern, türkischen Mädchenbanden, herzzerreißend schmalbrüstigen Schuldeneintreibern und einsamen Weltreisenden, die für einen Moment vergessen haben, warum sie überhaupt unterwegs sind.
Die Stimme, die sich hinter den Erzählungen verbirgt, schlägt sich auf die Seite der Verlierer - ganz gleich ob es sich um einen angehenden Zoowärter in Surinam oder einen ahnungslosen Polizisten in Berlin handelt. Und die Grenzen, um die es hier geht, sind schwer zu fassen. Es sind die meist unsichtbaren Grenzen zwischen Legalität und Illegalität, zwischen günstigen und verpassten Gelegenheiten, zwischen Alltags- und Traumbildern.
Raul Zelik erzählt schnell und direkt. Sein Ton ist rau, flapsig, übermütig; der Stil weniger literarisch als cineastisch. Dabei unterlaufen ihm sprachliche Ungenauigkeiten, die manchem seiner Kollegen nicht passieren würden. Doch immerhin gelingt es ihm, das Spektrum der Gegenwartsliteratur um einen neuen Sound zu erweitern. Und wo die einen, sprachlich perfekt, um das Nichts kreisen, fängt er Geschichten über soziale Konflikte ein, die sonst kaum jemand erzählen würde. Mit etwas Glück könnte Zelik so etwas wie der Manu Chao der deutschen Popliteratur werden.
Doch vermutlich müsste er sich dazu ein anderes Image zulegen. Während sich die Popliteraten bevorzugt als Stars inszenieren lassen, zeigt der Umschlag von Zeliks neuem Buch eine Weltkarte, auf der der Atlantik von einer Kartoffel überdeckt wird. “In einigen Ländern”, sagt Zelik, “bezeichnet man die Deutschen abschätzig als Kartoffel. Das bin also ich auf Reisen.”

 

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