Feuilleton

Kassieren in Spandau

Neueste Schurkenliteratur in den Zeiten von Breitendebilität: Raul Zeliks Erzählungsband »Grenzgängerbeatz«. Von André Dahlmeyer

Als vor einigen Jahren allerorts lamentohafte Bettelmönchs- und Verelendungsgesänge aus den Folterkammern deutschsprachiger Verlagshäuser »knarzend ins Draußen ächzten« (man beteuerte, die Lizenzen für anglo- amerikanische Literatur seien astronomisch angestiegen und fürderhin unerschwinglich - selbst sei man sowieso schon halb verhungert), da kamen die Heinis des großen Geldes auf einen pfiffigen Einfall. Warum nicht mal junge deutschsprachige Autoren publizieren ... lebende!

Das Ganze wurde zur Erfolgsstory, nicht zuletzt, weil diese Autoren ja schon immer da waren, jedoch vor allem deshalb unter den Tisch gekehrt wurden, weil sie längst nicht mehr in den gemeinen, verschlimmbessernden Kanon elegischer Nachkriegsliteratur einstimmten, sondern stur von eigenen Ängsten, Sehnsüchten und Erfahrungen berichteten. Die Literatur der alten Männer hatte ausgedient, Zeit wurde es. Der Frittenbudenfeldforscher Jörg Fauser merkte schon Anfang 1979 an: »Jeder Penner hat mehr Stil als die Herren Grass etc. zusammen.«

Manche aus dieser Schwemme »neuer« Autoren schreiben schneller als ihre Schatten. Gut, Stehpissen ist weder übertrieben zielsicher noch Qualitätsgarantie - bloß weil's fixer geht. Non-Sitzpullerer würden in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges klitzekleines Mal ihr verdammtes Klosett schrubben. Derlei Kandidaten sind für die OSD- Fraktion (Ordnung, Sauberkeit, Disziplin) vollständig verloren. Mit keimfreien, weißgekachelten Sitzungssälen (Aborten) assoziieren sie schlicht und ergreifend Leichenhallen. Weiß: keine Farbe, Zustand. Im Stehen den harneigenen Wasserfall in aller Regel nach dem Gießkannenprinzip rings um ein nicht mehr identifizierbares, finsteres Loch zu verteilen, eröffnet zudem womöglich die nicht so ohne weiteres auszuschlagende Gelegenheit - begleitet von wüstromantischem lndianergeheul - das eine und andere Tierchen an der Wand oder sonstwo abzuballern. Hö! Vielleicht sind Stehpinkler einfach die vergnügungssüchtigeren unter den Aufschreibern. Schlauer sind sie ohnehin.

Aber kann, in puncto »neuer« Literatur, tatsächlich die Kunstfertigkeit des Harnabgangs Aufschluß darüber geben, welcher Aufschreiber etwas Kriegsentscheidendes auf der Gabel hat? Natürlich! Denn auch wenn diese Autoren mit keinerlei Danziger Trilogien drohen - nicht alle bejammern gleich vor Freude ihre höchst unausgegorenen Schnellschüsse. Einige wenige scheinen beim Schreiben sogar den Finger permanent am Abzug zu haben. Vielleicht haben sie sich verhakt.

Ein Zelik aber, auf dem sinnlichen Rücken rund zweihundert Seiten starker Waffen, bürgt für Qualität! So was gefällt. Ballermänner mit noch was dazu! Die im Tempo eines Venus-Williams-Aufschlags gewachsene Schurkengemeinde von Waffennarren ist nicht mehr zu überblicken. Jamal Tuschick hatte also recht, als er Raul Zelik einst attestierte, »das Zeug zu einem Shootingstar der jungen deutschen Literatur« zu haben.

Vor vier Jahren debütierte Zelik mit »Friß und stirb trotzdem« (Nautilus), einem an den »Kaindl-Fall« angelehnten Roman, der sich in unaufgeregter Sprache an dem Themenkomplex Flucht/Untertauchen/Illegalität reibt. Bereits dieser Erstling gelangte zur Bühnenaufführung. 1999/2000 erschienen zwei Bücher nahezu zeitgleich: Gemeinsam mit Dario N. Azzelini das vielbeachtete Sachbuch »Kolumbien - große Geschäfte, staatlicher Terror und Aufstandsbewegung« (Neuer ISP Verlag) sowie der Polit-Thriller »La Negra« (Nautilus). Ebenfalls in Kolumbien angesiedelt, wird hier nun angegriffen - alle gegen alle! Ein Verwirrspiel aus Abwägungen und Zweifeln, die Hauptrolle besetzen Zufall und/oder Glück. Strategisch gekonnt ausgeklügelt, läßt Zelik die Protagonisten, flankiert von den Mitteln der Filmschnitt- Technik, in einem furiosen Finale aufeinanderzuschlittern.

Jetzt erschien bei Assoziation A ein angenehm verschrobener Band mit elf neuen Erzählungen, die der Spaßgesellschaft deutlich klarmachen sollten, wo die Harke hängt. Zu hoch jedenfalls, bewegt sich Zeliks Schreibe - entspannt und cool, ohne gleich abgeklärt wirken zu wollen - doch augenscheinlich auf Javier-Sotomayor-Niveau (dem früheren). »Genzgängerbeatz«, so der Titel, ist eine rundherum formidabel gelungene Sammlung, die Lust auf noch viel mehr macht. Des weiteren stellt das Buch eine ungeheure Provokation dar: Nach gar nicht so vielen Seiten bereits möchte man am liebsten auf der Stelle seine sechseinhalb Sachen in den verwaisten Rucksack stopfen und in die weite Welt verduften! Na toll! Und wer belobhudelt dann das hier?

Raul Zelik beschreibt das Reisen als Sucht, auch als Kompensation, aber vor allem als ein geradezu physisches Verlangen danach, sich kopfüber ins Ungewisse zu stürzen, wo sich innere Unruhe und Nervosität wie zwangsläufig in Euphorie umwandeln werden. Reisen als Treibstoff, als Lebensgefühl - als einzige Priorität, die, streng genommen, keinerlei Kompromisse duldet. Stringente Bewegung, um dem Burn-out, dem immer weltumspannenderen Sicherheitswahn zu entrinnen. Aus der Ferne - und nur die läßt bekanntlich so etwas wie Selbstüberprüfung zu - blickt Zelik wie durch ein Brennglas. Das Leben ist aussichtslos. Schön.

Nur vier Geschichten sind örtlich in Deutschland verankert. Etwa »Lob der Ausländerkriminalität«. (Was für ein Titel! Danke, Zelik.) Skizziert wird sozusagen der Aufstieg eines Kontaktbereichsbeamten zu einem unkonventionellen Botenjungen im, äh, Dienste der Sache. Diese Geschichte wurde, extra für das Buch, vom restlos begeisterten Bekleidungskonzern C&A gesponsert.

»Straight edge« hingegen warnt alle »Assilimationsossis« (ja, auch dich) dringend vor unbedachtem Tortenspachteln im undurchsichtigen Kreuzberg, wo es, jedenfalls bei Zelik, von völlig überzeichneten Comic-Trash-Figuren wimmelt. In einer anderen Story werden sympathische Tortilla-Flat- Hasardeure mit krimineller Energie ins pittoreske Spandau geschickt - zum Abkassieren.

Für Gül, »die Glatzenjägerin«, Gründerin der »Ghetto Sistas««, klingt ein Wort wie Jugendnothilfe »nach Auf- Plastikbällen-Rumsitzen«. Hilft aber nichts, hat sie doch ein »Problem« mit Hassan, dem Metzger. Es verwundert nicht, daß in diesem Text auch ein Sozialarbeiter auftaucht, mit »Mundgeruch, der an verfaulende Goldhamster hinter dem Schrank erinnerte«.

Die anderen Erzählungen sind in Lateinamerika (»Erik, der Zoowärter« - schwerstens literaturpreisverdächtig!), am »Sequiat-al-Hamra« im winterlichen Marokko oder im Baskenland angesiedelt. Und in »Unter der Raffinerie« gibt es sogar ein Wiedersehen mit Barrancabermeja, der kleinen Erdölstadt am Mittleren Magdalena, in der Tropenhitze Kolumbiens, die schon den Schauplatz für »La Negra« bot. Sollte es lateinamerikanische Varianten von »Asterix« respektive »Monty Python« geben, wird auch hier deutlich, daß der Spaßguerillero Zelik diese regelrecht verschlungen haben muß.

Warum ist das Buch nicht dicker als 216 Seiten?

*** Raul Zelik: Grenzgängerbeatz. Erzählungen. Assoziation A/ Schwarze Risse Rote Straße. Berlin/Hamburg/Göttingen 2001, 216 Seiten, DM 25



 

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