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Der Terrorist und sein Freund

Aus den "Berliner Verhältnissen" zieht es Raul Zelik nun ins Baskenland

Berliner Zeitung, 4.8. 2007, Mathias Schnitzler

Am 4. Juni verkündete die baskische Organisation ETA wieder einmal das Ende eines Waffenstillstandes. Schon im Dezember hatten die Terroristen bei einem Bombenanschlag erneut getötet. Die Geschichte und politische Ziele der 1959 gegründete ETA bilden den Hintergrund in Raul Zeliks neuem Roman "Der bewaffnete Freund". Die ETA hat bis heute mindestens 820 Tote auf dem Gewissen - nicht gezählt zahllose Verletzte und Verkrüppelte sowie traumatisierte Angehörige.

Ebenfalls zu erwähnen ist eine gegen die Freiheitsbestrebungen der Basken gerichtete Kontinuität: von der Bombardierung Guernicas 1937 durch Franco (unterstützt von deutschen und italienischen Kampfflugzeugen), über die Militärdiktatur bis zum Übergang in die Demokratie. Eine Amnestie für alle Verantwortlichen des Franco-Regimes ermöglichte etlichen Tätern eine Karriere in Politik, Justiz oder Polizei. In den achtziger Jahren soll die spanische Regierung antiterroristische Todeskommandos unterstützt haben. Es gibt den Vorwurf, in spanischen Sicherheitsbehörden sei gefoltert worden.

Dennoch gilt: ETA ist bestialisch. Wer von Freiheit redet und mordet, den Tod unbeteiligter Zivilisten und Kinder in Kauf nimmt, ist nicht nur unglaubwürdig, sondern unmenschlich und gehört mit aller rechtsstaatlicher Härte verfolgt. Der Schriftsteller ("Berliner Verhältnisse", 2005) und politische Journalist Raul Zelik verurteilt die mörderische Vorgehensweise der ETA. Trotzdem äußerte er im Interview mit einem Vertreter der verbotenen Partei Batasuna, "dass die Organisation auch eine positive Rolle gespielt hat: Die baskische Gesellschaft ist bis heute auffallend kritisch politisiert, und zwar auch deshalb, weil ETA Konflikte immer wieder sichtbar und Positionierungen erzwungen hat."

So etwas nennt man wohl, sich zum Anwalt des Teufels machen. Auch Alex, der Protagonist in Zeliks Roman, der fast vierzigjährige Berliner Sozialwissenschaftler, den eine höllische Angst vor privater Verantwortung kennzeichnet - dargestellt in der Abwehr der Vaterrolle für seine Tochter -, äußert diesen Gedanken einmal. Für ein Forschungsprojekt zur europäischen Identität ist er nach Bilbao gekommen, der Hauptstadt des Baskenlandes. Denn "vom Rande aus, von der Ausnahme betrachtet", lasse sich der Normalzustand besonders gut erkennen.

Identität ist das zentrale Motiv. Es geht um die Identität der Basken, die für ihre Unabhängigkeit, ihre Sprache, einen eigenen Staat kämpfen - und um die Mittel und Perversionen dieses Kampfes. Auch Alex, der politisierte Bisexuelle, hat Probleme mit dem Selbst. Woran es wohl liege, denkt er für seine Generation, dass "unser Leben eine so hohe soziale Intensität" besitze und sich doch so einsam anfühle. Zurzeit liebt er einen Mann: "Ihn in der Öffentlichkeit zu küssen, ist mir immer noch unvorstellbar. Vielleicht, weil ich nicht zugeordnet, nicht identifiziert werden will."

Fahrt nimmt der informative, manchmal aber zum Plakativen neigende Roman erst in der zweiten Hälfte auf, als Alex einen alten Freund trifft: den seit zwanzig Jahren im Untergrund lebenden Zubieta. Der zweifelnde Deutsche, hin und her gerissen zwischen Freundschaft, Sympathie für die baskischen Ziele und der Verurteilung des Terrors, fährt den ETA-Terroristen in seinem Auto über die iberische Halbinsel, um ihm bei der Flucht nach Afrika zu helfen.

Versetzt mit Elementen des Roadmovies und Thrillers, geht "Der bewaffnete Freund" der Frage nach, ob und wie sich die Glücksansprüche des Individuums mit privater und gesellschaftlicher Verantwortung sowie den Werten der Menschlichkeit und Liebe vereinen lassen. Der literarische Autor Zelik ist dem politischen Journalisten hier überlegen.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0804/feuilleton/0035/index.html

Archiv » 2007 » 04. August » Feuilleton

 

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