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Raul Zelik: Berliner Verhältnisse

Idiotische Selbstberuhigungsstrategien

15.5.2006 | Nora Sdun

Raul Zelik, dessen kritischer Roman "Bastard" 2004 bei dem kleinen linken Verlag Assoziation A verlegt wurde, veröffentlicht nun beim neuen, todschicken Verlag Blumenbar eine Komödie. Er hat alle kritische linke Ernsthaftigkeit fahren gelassen und über genau diesen sauertöpfischen Widerstandsaktivismus eine Komödie geschrieben. Also doch wieder ein Buch mit gesellschaftspolitischem Inhalt: Inkassounternehmen, verprellte Arbeitnehmer und wehrhafte Freundinnen in Berlin. Zelik dreht alle Verhältnisse um, das ist die einfachste Methode, Komik zu erzeugen. Das klappt immer, hier auch. Frauen sind stark, Männer sind zickig. Die Illegalen sind cool, die Bauherren nervös. Schwule lieben plötzlich Frauen und Kinder nerven mit politischem Bewusstsein.

Unterstützung für die arabische Bevölkerung

Der Roman “Berliner Verhältnisse“ ist sehr albern. Düstere Nachrichten von Schwarzmarktzahlen, Baubranchenmorden, Mobbing und Abschiebungsrazzien werden verschränkt mit plappernden, gymnastiktreibenden Berliner Bürgern/innen. Mario heißt der zunehmend verwirrte Held. Er ist 32 Jahre alt. Seine wankelmütige Mutter bringt ihn zur Verzweiflung, wenn sie ihm rät, an die Zukunft zu denken. Sie trägt sich derweil blauen Lidschatten auf, obwohl sie die Woche davor noch abfällig bemerkte, nicht einmal Aufsichtsratskonkubinen nähmen blauen Lidschatten. Dabei sitzen sie in einem hocheleganten arabischen Restaurant, weil die Mutter findet, man müsste die arabische Bevölkerung unterstützen. Diese und ähnlich idiotische Selbstberuhigungsstrategien werden von Zelik mit den Mitteln der Komödie entlarvt.

Mario und seine zwei Mitbewohner beginnen nun also tapfer, an die Zukunft zu denken. Der Unsinn kann beginnen. Die WG beginnt Löhne einzutreiben, als Rächer der um ihren Lohn geprellten illegalen Bauarbeiter vom Potsdamer Platz. Allerdings nur, weil sie mehr Platz und Ruhe in der Küche haben wollen. Außerdem braucht Mario gerade Bargeld, denn er will seiner energischen Geliebten eine Edeka-Filiale schenken.

Übertreibung als Methode

Mario lernt das ernste Leben der Berufstätigen kennen und muss feststellen, dass es noch viel bekloppter ist, als er vermutete. Sein Bruder ist insolventer Immobilienhai und Mario kommt mit seiner Lohneintreibertruppe sehr bald in dessen Kreise. Kreise, in denen geprellte Arbeitnehmer einen weiteren Mann beauftragen, den chefigen, aber zahlungsunfähigen Bruder auf Schritt und Tritt in einem peinlichen Hasenkostüm zu verfolgen.

Übertreibung ist in diesem Buch Methode. Die radikalen Mittel Erpressung, Raub und Betäubung sind auch in den Händen von Zeliks Protagonisten/innen radikale Mittel. Ihre Inkraftsetzung ist aber begleitet von so lächerlichen Debatten, dass es ein Wunder bleibt, wie sie überhaupt zur Tat schreiten können. Dass die WG finanziellen Erfolg hat mit ihrem Inkassounternehmen und in der Baubranche tatsächlich Schrecken – oder so etwas Ähnliches – verbreiten kann, liegt sowieso nicht an ihren Theorien, sondern an der großen Dänischen Dogge, die sie immer zu ihren Einsätzen mitnehmen.

Raul Zelik: Berliner Verhältnisse
(Blumenbar Verlag 2005, 18 €)

Nora Sdun lebt in Hamburg.

Foto: "Raul Zelik" / © Blumenbar Verlag

 

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