Zu laut ist nicht zu laut

In seinem neuen Roman schreibt Raul Zelik über „Berliner Verhältnisse“
Ralph Gerstenberg in: Tip Berlin November 2005

Kusturica-Geklimper, Pfannengeklapper und WG-Genossen. Verdammt laut ist es geworden in der wohngemeinschaftlichen Welt des Kreuzbergers Mario. Und mit dreißig wird man nun mal etwas lärmempfindlich. Mario muss dieser simplen Tatsache ins Auge sehen und ein paar Geräuschquellen in seinem unmittelbaren Lebensumfeld abstellen. Da wären zum Beispiel die rumänischen Gastarbeiter, die die WG-Küche belagern. Die warten noch immer auf den Lohn für ihre Knochenjobs auf den Baustellen des Potsdamer Platzes. Um sie los zu werden gründet Mario mit seinen WG-Kumpels ein Inkassounternehmen. Seltsamerweise sind die selbsternannten Geldeintreiber durch ihr verwirrend unkonventionelles Auftreten äußerst erfolgreich. Die Bauarbeiter bekommen ihr Geld und Mario und seine Freunde neue Aufträge von einem geprellten Kleinunternehmer.

„Unterschichtenroman“ nennt der 1968 geborene Raul Zelik sein neues Buch „Berliner Verhältnisse“ und stellt sich damit in eine literarische Tradition, von der sich Literaturinstituts- und Befindlichkeitsliteraten mit ihren Mittelstandswehwehchen meilenweit entfernt haben - in die Traditon von Fauser und Brinkmann, von Autoren also, die sich ein Gefühl bewahrt haben für die Situation der Unterprivilegierten und Randexistenzen der Gesellschaft. Kaum beherzt wird heutzutage der Satz von Jörg Fauser: „Wenn Literatur nicht bei denen ist, die unten sind, kann sie gleich beim Partyservice anfangen.“

Raul Zelik ist genau dort – ganz unten. Er erzählt von Leuten, die „wie blöde schuften müssen, aber durch all das, was ihnen als schick und hipp verkauft worden ist - flexible Ökonomie, Outsourcing -, extrem schlecht oder gar nicht bezahlt werden und dann nicht mal wissen, bei wem sie ihren Lohn einklagen können.“

„Berliner Verhältnisse“ also, wie sie jedoch nicht nur in der deutschen Hauptstadt herrschen, sondern auch in London und Paris, in Madrid und Athen. Der Titel stammt vom Verlag, aber Zelik fand ihn ganz lustig, „weil er so schön nach CDU-Wahlkampf klingt.“

Natürlich sucht Mario vergeblich nach Ruhe. Er verliebt sich in die Serbin Melek. Seine Mutter kommt zu Besuch. Sein Bruder, ein aufgekratzter Immobilienmakler, hat einen Job für ihn. Schließlich gerät er sogar in den Verdacht, seinen vermeintlichen Nebenbuhler Serol an die Ausländerbehörde verraten zu haben, und wird von seinen Mitbewohnern auf die Straße gesetzt. Am Ende triumphieren jedoch Freundschaft und Solidarität und Mario findet es eigentlich ganz okay, dass es mal wieder etwas lauter wird.

Auch wenn es „kitschig und beknackt“ klingt, Raul Zeliks Sympathie gehört denen, die dem Zeitgeist widerstehen, „Leuten wie Mario, seiner WG und seinem Freundeskreis, die in dem Buch zwar auch ironisiert werden, die sich aber gegenseitig für ihre Probleme interessieren. Das macht sie liebenswert.“

Mit großer Freude an alltäglichen Absurditäten demontiert Zelik gängige Identitätsmuster und Klischees. Die Serbin Melek träumt davon, einen Edeka zu betreiben oder ein Kino, in dem Blockbuster gezeigt werden, Marios Bruder handelt zwar mit Immobilien, kauft aber bei Aldi ein und hat ein Faible für moderne Kunst, die Schwulen werden hetero, die Heteros stellen sich schwul und der einzige Ostler rennt wahlweise in Enten- oder Hasenkostümen herum, raucht Havannas und erweist sich als scharfsinniger Kapitalismusanalytiker. Zelik baut „Pappkameraden auf, um sie dann umzuschmeißen. Letztendlich ist es aber langweilig zu erklären, was mit Ironie und Satire gemeint ist. Denn darum geht es natürlich.“

„Berliner Verhältnisse“ ist ein grotesk-komisches Buch, das Zelik zunächst als Drehbuch, teilweise zusammen mit Detlef Buck, entwickelt hat. Als es mit dem Filmprojekt wegen branchenüblicher Schwierigkeiten nichts zu werden drohte, begann er das Buch als Roman zu bearbeiten. Parallel dazu schrieb er „Bastard“, einen Roman, der bereits im vergangenen Jahr erschienen ist. Obwohl die beiden Bücher sehr verschieden sind, sieht Zelik sie als Teil eines literarischen Projekts, das ihn seit fünf Jahren beschäftigt. Er will Migrationsgeschichten erzählen und dabei die Sprache und Erzählweise der Leute aufgreifen, von denen sie handeln.

Raul Zelik, der auch am Institut für Lateinamerikanistik der FU unterrichtet, sieht sich selbst als politischen Autor. Manchmal scheint es so, als seien ihm die überdrehten Dialoge und der Unterhaltungswert von „Berliner Verhältnisse“ nicht ganz geheuer. „Ich finde, man sollte nicht nur lesen, um unterhalten zu werden, man sollte auch lesen, um sich mit einer Sache auseinander zu setzen.“ Allerdings kann es nicht schaden, wenn man bei der Auseinandersetzung mit einer Sache so gut unterhalten wird wie durch Zeliks neuen Roman.

Ralph Gerstenberg

Raul Zelik „Berliner Verhältnisse“, Blumenbar, 320 Seiten, 18,-

 

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