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Politik, Schreiben, Identität

Raul Zelik im Interview

1.5.2004 | Kito Nedo und Vera Tollmann

Gleich zwei Bücher von Raul Zelik sind gerade erschienen: der Roman "Bastard. Die Geschichte der Journalistin Lee" und ein Reportageband, "Made in Venezuela. Notizen über die bolivarianische Revolution". Viel zu lesen. Mit Zelik-Büchern und erstklassigen Aufnahmegeräten gerüstet, traf fluter.de den 36-jährigen Berliner Autor und Journalisten auf mehrere Kaffees und ein Gespräch.

Deine Bücher spielen überwiegend in Südamerika - geht es in deiner Arbeit also auch um das Reisen an sich?

Zelik: "Made in Venezuela" ist das Ergebnis eines längeren Stipendienaufenthalts in Caracas. Dabei ging es mir nicht so sehr darum zu reisen, sondern die Orte zu beschreiben, an denen ich dort meinen Alltag verbrachte. Ich habe meine Gedanken und die Geschichten, die ich dort hörte, aufgeschrieben. Aber einen unmittelbaren Bezug zum Reisen wie bei dem britischen Reiseschriftsteller Bruce Chatwin, der sich Notizbücher kaufte und alles unterwegs Erlebte aufschrieb, gibt es bei mir nicht.

Von Südamerika nach Korea

"La Negra", dein Debütroman aus dem Jahre 2000, handelt von Kolumbien. Jetzt schreibst du über Venezuela – warum Südamerika?

Zelik: Ich wurde in den 80ern politisiert, als Lateinamerika in der Schülerbewegung ein sehr wichtiger Moment und der Putsch in Chile 1973 noch frisch in Erinnerung war. 1984 entstand in unserer Stadt München die Initiative, nach Nicaragua zu gehen und dort ein Projekt umzusetzen. 1985 war ich dann für ein Jahr in Lateinamerika.

Das andere Buch, das von dir dieses Frühjahr erscheint, “Bastard“, spielt dann in Südkorea ...

Zelik: Ich war nicht lange in Korea, aber es war eine intensive Erfahrung. Dort existiert der größte mir bekannte Unterschied dazu, wie ich mich sonst bewege und Dinge sehe - das fängt schon mit den Schriftzeichen an. Die ganzen kulturellen Codes sind wahnsinnig unterschiedlich. Daher hat mich Korea als Projektionsfläche interessiert. Für mich ist "Bastard" eine Auseinandersetzung mit dem Thema Fremdheit - gegenüber dem Job, gegenüber sich selbst, seinem Körper. Carla Lee, die Protagonistin, sieht aus wie eine Koreanerin. Sie wurde aber in Deutschland geboren. Alles, was sie erlebt, ist wahnsinnig eigenartig - aber in Korea wird sie zum ersten Mal als Einheimische behandelt. Der Roman spielt auch in Deutschland - es geht zu wie in einem Spiegelkabinett, wo man auf die Protagonistin Carla Lee unterschiedliche Blicke werfen kann.

Reale Vorlagen

Die Themen in “Bastard“ sind Migration und Identitäten, Schönheitswahn in der Popkultur, Carlas Essstörungen und schließlich ihre Arbeitssituation als Freelancer. Jedes der Themen wird von dir in einem anderen Stil beschrieben - warum?

Zelik: Diese Aufzählung klingt konstruierter, als es die Geschichte tatsächlich ist. Was ich erzähle, hat immer mit realen Vorlagen zu tun! Die verschiedenen Erzählformen gehen von der Bulimie als entfremdetster Form aus. Diese Passagen schreibt die Ich-Erzählerin daher in der dritten Person - in diesen Momenten ist ihre Distanz zu sich selbst am größten.

Wurde es dir schon zum Vorwurf gemacht, dass du deine Texte aus dir “fremden“ Positionen schreibst?

Zelik: Ja, besonders bei "Bastard". Da habe ich den radikalen Versuch unternommen, einen übertragenen Standpunkt einzunehmen: Ich-Erzählerin, Frau, nicht-deutsche Eltern. Das Interessante am Schreiben ist doch, sich in Personen hineinzudenken und diese neu zu konstruieren. Ist es nicht legitim, Identitäten zu dekonstruieren, indem man selbst fremde oder vermeintlich fremde Identitäten annimmt?

Carla Lee ist als Catwoman – nicht Batman – in Gotham City unterwegs. Wie wichtig sind für dich popkulturelle Referenzen?

Zelik: In meinem Freundeskreis wird Popkultur sehr stark wahrgenommen. Im Roman entwickelte ich daraus eine Möglichkeit, dass die Ich-Erzählerin distanziert und spielerisch zugleich über sich sprechen kann. Damit hat sie die Möglichkeit, auf das Gefühl des Widerspruchs anders zu reagieren als durch eine Bulimie-Attacke. Mit dem Umschreiben von Popkultur auf die eigene Person kann man sich neue Identitäten aneignen und aus Situationen rauskommen. Ein Identitätswechsel kann auch etwas Befreiendes haben.

Foto: "Raul Zelik" / © Oscar Paciencia, Bologna

Raul Zelik: Bastard. Die Geschichte der Journalistin Lee (Verlag Assoziation A 2004, 15 €)

Raul Zelik, Sabine Bitter, Helmut Weber: Made in Venezuela - Fotos und Notizen zur bolivarianischen
Revolution (Verlag Assoziation A 2004, 12 €)


www.links-netz.de
"Zur politischen Situation in Venezuela": Interview von Raul Zelik mit Roland Denis, einem ehemaligen Regierungsmitglied der Regierung Chávez vom Frühjahr letzten Jahres

www.brucechatwin.com
Mehr über den Reiseschriftsteller Bruce Chatwin

 

 

 

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