DorisAchelwilm
"Figur der gefestigten Unruhe"

aus: Spex (April 2004)

Raul Zelik fasst gelebtes Unbehagen in Worte. Die Journalistin Carla Lee kämpft in seinem Roman »bastard« zwischen Hunger und Scham um klare Sicht aufs wenig Schöne.
Worum geht’s. Worum geht es dieser 27-jährigen Dauerstudentin der Soziologie mit so genannter Patchwork-Identität, nebligen Renitenzgelüsten und zäher Bulimie im Gepäck? Raul Zelik weiß es. Wollte es vielleicht wissen, um vertreten zu können, dass es darauf keine Antwort, aber eine randvolle Geschichte gibt. »bastard. die geschichte der journalistin lee« heißt sie nun. Und trägt damit einen Titel, der lapidarer scheint, als er (gemeint) ist.
Carla Lee nämlich, in Dortmund aufgewachsene Tochter einer portugiesischen Mutti und eines koreanischen Imbissbudenbetreibers, glaubt nicht daran: Nicht an Sinn und Substanz ihrer Geschichte, nicht an ihr ernst zu nehmendes Dasein als Journalistin. Die Gründe sind Carla selbst suspekt, wiegen aber schwer. Während die Anderen ihres Alters und ihrer »Möglichkeiten« den erfolgreich genannten Weg gehen, eiert sie im Feld des kulturellen Kapitals herum – in Friedrichshain, der Wahlheimat, für die sich »die junge Bevölkerung mit Hamburger-Schule-V-Ausschnitt oder Deleuze-Rollkragen und Pizzicato-5-Hornbrille und Spex-Abonnement« ebenfalls entschieden hat. Sie ist Teil davon. Oder auch nicht. Und schreibt nebenbei für links-nostalgische Klitschen, bei denen man etwas Distinktion und Trinkgeld verdient, während der nicht-deutsche Name in der Autorenzeile eine Spur Glaubwürdigkeit auf die Gazette zurückwirft. Wenn der Druck des »get a life« ein Ventil braucht, wird gegessen und gekotzt. Der Rest ist Selbstanspruch und -kontrolle, also Hunger und Scham. Ungesund. Um sich von diesem Krebs abzugrenzen, bricht Carla schließlich nach Korea auf, Seoul. Es gibt Verwandte dort, eine Freundin und die Vergangenheit des Vaters, der als Gewerkschaftsführer einst für Bewegung sorgte und nach wie vor Genossen und Gegner vor Ort hat. Ihre Ambition konnte Carla nicht hinter sich lassen, und so streut sie im neuen Umfeld die Ansage, als freie Journalistin arbeiten zu wollen. Wenig später steckt sie in den Recherchen zur Ki-Yop-Katastrophe fest, einem fast schon verjährten Hochhauseinsturz, dessen brisante Ursache »von oben« vertuscht worden ist. Als ihre Reportage schließlich in gezähmt-redigierter Version gedruckt wird, liegen Erfahrungen hinter Carla, die einschneidend, aber nicht wirklich unbekannt waren: Repression, Fremde, Grenzen und Wände, Energieverlust, Kapitalismus und immer wieder der eigene Kopf. Sie fährt zurück, Deutschland, bleibt alles anders.
Ein Verlauf, der sich bei Zelik weniger ernüchternd liest als hier. »bastard« handelt von unguten Illusionen, schon. Von einer Frau, die mitunter »Figur« oder »Icon« genannt wird – offenbar, weil sie sich selbst und anderen nicht genug ist und deswegen lieber den Schein oder die Sehnsucht nach mehr wahrt. Was die Gedanken, Erzählperspektiven und Schnitte in »bastard« letztlich zusammenhält, ist die gefestigte Unruhe, mit der Carla Lee auf sich und die ebenfalls zerrissenen Verhältnisse blickt – ob sie als Ausdruck ihrer Sicht z.B. gar nicht so fiktive Catwoman-Szenen schreibt oder genervte Stadtteilstudien runterrappt. Ihre klare Sicht aufs wenig Schöne: Problem und Gabe gleichzeitig. Gut, dass da noch die wohlwollende Perspektive von Cem ist, dem »Abitutürken«, der Carla – loving the alien – so oder so begleiten wird. Und ein Autor, der ausformuliert, was seine Haupt»figur« nicht glauben kann: Dies ist die Geschichte der Journalistin Lee. Worum es geht? Ganz einfach: um ein »Weiter«, gelebtes Unbehagen, die paar Freunde, die man hat, und das kerngesunde Einklagen der Gegenkräfte, die man manchmal nicht hat.

(aus Spex, Nr. 275, 04/2004)

www.spex.de

 

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