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Vergiftete NachbarschaftKommentar TAZ 1.3.2008 Paradoxer kann es kaum zugehen: Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe hat seinem venezolanischen Amtskollegen Hugo Chávez schon vor Monaten jedes Verhandlungsmandat in der kolumbianischen Geiselaffäre entzogen. Trotzdem hat Chávez' Vermittlung dafür gesorgt, dass die FARC-Guerilla vergangenen Mittwoch erneut vier entführte Politiker ohne jede Gegenleistung frei ließ. Dankbarkeit darf Chávez dafür allerdings nicht erwarten. Die Beziehungen zwischen den südamerikanischen Nachbarländern und ihren ungleichen Regierungen sind so schlecht wie nie zuvor. Dabei war das Verhältnis zwischen dem Linken Hugo Chávez
und dem US-nahen Rechten Álvaro Uribe lange Zeit auffallend
freundlich. Trotz unüberbrückbarer politischer Differenzen
pflegten die Präsidenten einen geradezu kumpelhaften Umgang.
2004 vereinbarte man sogar den Bau einer Gaspipeline, um die Kooperation
auch ökonomisch zu zementieren. Doch mit Dass die Beziehungen schwierig sind, liegt eigentlich auf der Hand. 1999 startete Chávez unmittelbar nach seinem Amtsantritt eine Kampagne gegen die Entsendung einer multinationalen Eingreiftruppe nach Kolumbien, wie sie Washington und Bogotá damals propagierten. Der Bürgerkrieg im Nachbarland, so Chávez, sei militärisch nicht zu lösen. Der Plan Colombia werde den Krieg nur verschärfen. Diese Position brachte dem Präsidenten den Ruf ein, Guerilla-Unterstützer zu sein. Im Nachbarland konterte man: Die Anführer des gescheiterten Anti-Chávez-Putsches erhielten politisches Asyl. 2004 wurden hundert kolumbianische Paramilitärs in der Nähe von Caracas verhaftet. Die Männer hatten den Auftrag, in venezolanischen Armeeuniformen verkleidet einen bewaffneten Aufstand gegen Chávez anzuzetteln. Und schließlich sagte ein hochrangiger kolumbianischer Polizeifunktionär aus, dass derartige Operationen Rückendeckung von ganz oben besaßen. Die Polizeibehörde DAS, Mitglieder der Regierung Uribe und Paramilitärs hätten gemeinsam mit der venezolanischen Rechten konspiriert, um Chávez gewaltsam zu stürzen. Vor diesem Hintergrund mutete es von Anfang an merkwürdig an, dass Chávez im vergangenen Sommer von Uribe plötzlich als Vermittler berufen wurde, um einen Gefangenenaustausch mit der FARC-Guerilla auszuhandeln. Der weitere Verlauf der Vermittlungen war dann allerdings weniger überraschend. Chávez handelte in kürzester Zeit eine Vorvereinbarung mit der Guerilla aus. Präsident Uribe, der eigentlich eine militärische Lösung des Geiselkonflikts anstrebt, setzte alle Gespräche aus, woraufhin Chávez den Botschafter aus Bogotá abzog und erklärte, Uribe sei ein Kriegstreiber und Lakai des US-Imperialismus. Obwohl diese Vorfälle bereits drei Monate zurückliegen, ist das Klima besonders in Kolumbien vergifteter denn je. Auf den Anti-FARC-Demonstrationen Anfang Februar, bei denen mehrere Millionen Menschen die Freilassung der entführten Politiker und Offiziere forderten, waren die militaristischen - nicht nur gegen die Guerilla, sondern auch gegen die vermeintlichen Hintermänner in Caracas gerichteten - Parolen klar in der Überzahl. Selbst Angehörigen der Geiseln schlug die nationalistische Welle entgegen. So wurde Gustavo Moncayo, Vater eines entführten Polizeihauptmanns, von einer Demonstration vertrieben, weil er sich für eine Vermittlung von Chávez ausgesprochen hatte. Die Situation ist auch deswegen so angespannt, weil die innenpolitischen
Konflikte der Nachbarländer eng miteinander verquickt sind.
Zwar gibt es für die These, Chávez unterstütze
die kolumbianische Guerilla, keine seriösen Belege. Doch es
ist nicht zu übersehen, dass die Regierung in Caracas den FARC
in vielen inhaltlichen Fragen näher steht als dem Bush-Freund
Uribe. Und umgekehrt sind kolumbianische Paramilitärs seit
langem bewaffnet in Venezuela aktiv. Fast 200 venezolanische Kleinbauern
wurden seit 2000 im Auftrag von einheimischen Großgrundbesitzen
durch - häufig kolumbianische - Todesschwadronen erschossen.
Chávez hat nun behauptet, dass die offiziell demobilisierten
AUC-Paramilitärs die Vor diesem Hintergrund werden Erinnerungen an einen anderen lateinamerikanischen
Krieg wach. Im Nicaragua der 1980er Jahre wurde die antisandinistische
Contra unter anderem mit Drogengeldern finanziert. Die Reagan-Regierung
verhinderte damals Ermittlungen gegen die Ob sich der Konflikt an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze
ähnlich entwickeln wird, wie einst im Contra-Land zwischen
Honduras und Nicaragua, ist schwer zu beurteilen. Negativ könnte
sich auswirken, dass Chávez und Uribe innenpolitisch unter
Druck stehen. In Venezuela gibt es Streit über den Kurs der
"bolivarianischen Revolution". Wegen In Anbetracht solcher Vorwürfe ist der außenpolitische
Konflikt ein willkommenes Mittel, um den Druck auf die eigene Person
zu verringern. RAUL ZELIK |
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