"Die Verhandlungen sollten scheitern"
Politikwissenschaftler Raul Zelik über die Spannungen in Lateinamerika
und die Farc-Geisel Ingrid Betancourt.
Tagesspiegel
- Interview vom 6.3. 2008 / Achim Fehrenbach
Es war ein herber Schlag gegen die kolumbianische Guerilla-Truppe
Farc: Vergangene Woche töteten kolumbianische Militärs
den Rebellen-Vize Raul Reyes. Die Aktion fand jenseits der Grenze
in Ecuador statt, schwere Spannungen zwischen den beiden Ländern
waren die Folge. Auch Venezuelas Präsident Hugo Chavez schaltete
sich ein. Er nannte Kolumbiens Präsident Uribe einen "Kriminellen",
"Lügner" und "Mafioso" und schickte Truppen
an die Grenze. Droht nun in Lateinamerika ein Krieg? Politikwissenschaftler
und Schriftsteller Raul Zelik spricht mit tagesspiegel.de über
die Spannungen in der Region und die Rolle der Farc-Geisel Ingrid
Betancourt.
In letzter Zeit bestand Hoffnung, dass die lebensgefährlich
erkrankte Franco-Kolumbianerin Betancourt freikommt. Wie stehen
die Chancen nach der Tötung von Raul Reyes?
Zelik: Es war das Ziel der Tötung, die Verhandlungen scheitern
zu lassen. Raul Reyes wurde angegriffen, weil er der politische
Kontaktmann der Farc ist. Die kolumbianische Regierung möchte
um jeden Preis verhindern, dass es ein politisch vermitteltes Abkommen
gibt, das die Farc aufwerten würde. Genau dieses Ziel verfolgen
jedoch die Farc: Sie möchten politisch anerkannt werden und
zeigen, dass sie keine Terroristen sind. Es gab auch Vorverhandlungen,
die Freilassung der Geiseln schien bevorzustehen. Raul Reyes hätte
in den kommenden Tagen eine französische Vermittlungsdelegation
treffen sollen.
Trotzdem glaube ich, dass die Chancen auf eine Freilassung noch
gut stehen. Einfach deswegen, weil die Farc einen großen politischen
Druck spüren und auch teilweise schon das bekommen haben, was
sie immer wollten: eine politische Anerkennung. Raul Reyes war in
den letzten Monaten ein sehr gefragter Mann in der internationalen
Politik. Und deswegen konnte er auch geortet werden: Weil er bei
seinen diplomatischen Kontakten zu vielen lateinamerikanischen Ländern
Spuren hinterließ.
Welche Rolle spielten dabei die USA?
Dieser Punkt ist in den deutschen Medien völlig ignoriert
worden: Die Empörung Ecuadors hat nichts damit zu tun, dass
ein Farc-Kommandant im Gefecht gestorben ist - wer dem Staat den
Krieg erklärt, muss auch damit rechnen, dass der Staat ihn
im Gefecht tötet. Die Empörung rührt daher, dass
die Souveränität des Landes verletzt worden ist in einer
Militäraktion, die offensichtlich von den USA geleitet wurde.
Das kolumbianische Militär ist nicht in der Lage, eine solch
präzise, satellitengestütze Militäroperation alleine
durchzuführen. Reyes wurde anhand von Satellitentelefonaten
geortet. Kolumbien hat offen zugegeben, dass der US-amerikanische
Geheimdienst die Daten zur Verfügung gestellt hat. Man muss
auch davon ausgehen, dass US-Rangers direkt am Boden, an der Leitung
dieser Operation, beteiligt waren. Dies ist natürlich für
ein Land wie Ecuador, das versucht, sich aus der wirtschaftlichen
Umklammerung der USA zu lösen, eine große Provokation.
Venezuelas Präsident Hugo Chavez rasselt gehörig
mit dem Säbel …
Die Rolle von Chavez in diesem Konflikt wird verkannt. Tatsächlich
ist die Regierung Chavez die erste Regierung Venezuelas gewesen,
die hochrangige kolumbianische Guerilla-Vertreter nach Kolumbien
ausgeliefert hat. Die Nähe zur kolumbianischen Guerilla, die
Chavez immer unterstellt wird, ist nicht so eindeutig. Als Vermittler
in der Geiselfrage war er sehr erfolgreich - das haben alle anerkannt.
Nachdem ihn die Regierung Uribe mit der Vermittlung beauftragt hatte,
handelte Chavez innerhalb von zwei Monaten eine Vorvereinbarung
mit der Guerilla aus. Die Uribe-Regierung hat aber in dem Moment,
in dem die Verhandlungen öffentlich werden sollten, Chavez
das Mandat wieder entzogen.
Daran sieht man auch, welch seltsames Spiel Uribe treibt. Erst
danach hat Chavez gegenüber Kolumbien diesen unangemessen scharfen
Ton eingeschlagen. Durch die Beschimpfungen hat sich Chavez als
Vermittler nun natürlich diskreditiert. Mit seinen Drohgebärden
gegenüber Kolumbien wollte Chavez auf die Souveränitätsverletzung
der USA und Kolumbiens gegenüber Ecuador aufmerksam machen.
Wenn Ecuador alleine protestiert hätte, wäre wahrscheinlich
gar nichts passiert, denn Ecuador ist ein kleines Land.
Chavez wird oft unterstellt, dass er nur von innenpolitischen
Problemen ablenken will.
Natürlich dient Außenpolitik auch immer dazu, sich innenpolitisch
zu profilieren. Chavez' Empörung ist aber echt. Es geht hier
nicht nur darum, sich dem innenpolitischen Druck zu entziehen. Chavez
hat erkannt, dass, wenn Kolumbien so weitermacht wie in den letzten
Jahren, Geheimkriege gegen alle möglichen Linksregierungen
in Lateinamerika bevorstehen. In Lateinamerika gibt es ja eine Reihe
von Beispielen, dass Linksregierungen durch Geheimoperationen gestürzt
wurden, beispielsweise in Chile und Guatemala in den 50er und 70er
Jahren. Das waren alles mafiose Projekte, mit Drogengeld finanzierte
Kämpfe gegen Linksregierungen.
Chavez hat also Recht, wenn er sagt: Eine derartige Souveränitätsverletzung
werden wir uns nicht gefallen lassen, wir schreiten jetzt ein. Man
darf auch nicht vergessen: In Venezuela sind 200 Regierungsanhänger
in den letzten Jahren getötet worden - mutmaßlich von
kolumbianischen Todesschwadronen. Der Krieg findet bereits statt.
Wie wird der Konflikt zwischen Venezuela und Ecuador auf
der einen und Kolumbien auf der anderen Seite ausgehen?
Im Moment tagt die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in
Washington. Es ist davon auszugehen, dass eine Mehrheit der OAS-Staaten
das Vorgehen Kolumbiens verurteilen wird. Die Anschuldigungen Kolumbiens
gegen Venezuelas werden sicher untersucht werden. Aber man kann
schon jetzt sagen, dass zumindest ein Teil dieser Anschuldigungen
völlig frei erfunden ist. Ich denke, die angespannte Situation
wird auf einem mittelhohen Niveau anhalten. Es ist zu befürchten,
dass im Geheimen weiter gegeneinander gestichelt wird. Offene Kriegshandlungen
stehen eher nicht bevor.
Raul Zelik ist Schriftsteller, Politikwissenschaftler und Lateinamerika-Experte.
Seit 1985 regelmäßig in Kolumbien und Venezuela. Veröffentlichte
zuletzt den Roman "Der bewaffnete Freund" (Blumenbar-Verlag).